Donnerstag, 24. Oktober 2013

Südafrika - Kap der Hoffnungslosigkeit

von Moritz Ballauf
Ich bin jetzt seit gut drei Monaten in Stellenbosch in der Nähe von Kapstadt und muss sagen, dass ich mich inzwischen hier sehr wohl fühle. Ich hatte aufgrund der verschiedenen Facetten des Landes einige Bedenken ein halbes Jahr meines Studiums hier zu verbringen, aber schließlich siegte meine Neugier und ich kam her. Meine Eltern haben mich darauf hingewiesen, dass der Ex-Präsident Nelson Mandela zur Zeit meiner Ankunft gegen eine schwere Krankheit kämpfte und dass das mit Sicherheit ein dominierendes Thema in der Öffentlichkeit wäre. Scherzhaft erwiderte ich darauf, dass ich hier der unterdrückten weißen Minderheit angehöre und mir Mandela egal sei. Tatsächlich habe ich, wie zuhause auch, hier bisher kaum Nachrichten verfolgt, weil ich mich danach stets dümmer als vorher fühle. Meine Eltern haben das typische Bild von Südafrika, was man als wiederholter Tourist eben entwickelt. Ein Auge für die Schönheit der Natur, Liebe für das Klima in den Übergangsjahreszeiten und ein ein wenig erhöhtes Sicherheitsbewusstsein.
Dadurch, dass ich ein wenig länger hier bin, habe ich ein paar Einblicke gewonnen, die darüber hinausgehen und ausgehend davon ein paar Überlegungen angestellt.

Ich kam also als naiver Europäer hier an und habe mich, eingeschüchtert durch die Unmengen an Zäunen und Sicherheitsleuten, zunächst kaum nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus getraut. Inzwischen hat sich das ein bisschen geändert, nicht zuletzt, weil ich bei längeren Wegen, die ich im Dunkeln alleine zurücklegen muss, immer ein Elektroimpulsgerät mit mir führe, dass mit seinen 2,8mio Volt durchaus bedrohlich knattert. Wie dringend ich das Gerät brauche, weiß ich zugegebenermaßen nicht wirklich. Ich habe bisher persönlich noch keinerlei unmittelbare Erfahrung mit der lokalen Kriminalität gemacht (mal abgesehen von meinem geklauten Fahrradrücklicht). Ich habe jedoch schon mit vielen Leuten gesprochen, die schon beängstigende Situationen erlebt haben, bis hin zu schwer bewaffneten Raubüberfällen, wohlgemerkt alles im Umfeld der kleinen Studentenstadt Stellenbosch, nicht in Johannesburg oder Kapstadt.

Die zweite Dimension des allgegenwärtigen Misstrauens und des Sicherheitsfimmels ist die Rassenfrage. Diese scheint in erster Linie für weiße Afrikaner, spezieller für die holländisch stämmigen Buren, eine entscheidende Rolle zu spielen. Es sollte jedem bekannt sein, dass Südafrika bis Anfang der 90er Jahre eine weiße Minderheitsregierung hatte, deren politisches Konzept auf Rassensegregation beruhte, und zwar nicht nur zwischen Weißen und Schwarzen, sondern zwischen Weißen, Schwarzen und Farbigen. Dieses politische Konzept, das von Intellektuellen an den Hochschulen des Landes, speziell auch in Stellenbosch, ausgearbeitet wurde, sah die territoriale Trennung verschieden rassiger Menschen in allen Bereichen des öffentlichen und des privaten Lebens vor. In Südafrika wurde dieses System schon fast bis zur Lächerlichkeit ausgebaut, wenn man sich anguckt, dass Fabriken gesetzlichen Bestimmungen unterlagen, nach denen schwarze, weiße und farbige Arbeiter durch unterschiedliche Eingänge das Gebäude betreten mussten, um sich ja nicht über den Weg zu laufen. Lächerlich, weil die weiße Minderheit trotz allem auf die Arbeitskraft der übrigen Bevölkerung angewiesen war, um ihren Lebensstandard aufrecht zu erhalten.

Es scheint Konsens zu sein, dass etwas derartiges aus aufgeklärter, humanistischer, europäischer Sicht ein Ding der Unmöglichkeit ist. Folglich bin auch ich mit dieser Einstellung her gekommen. Doch schon am ersten Abend lernte ich in einer Kneipe drei junge Buren kennen, die grundsätzlich die Auffassung hatten, dass sie wie die deutsche Nachkriegsgeneration keine Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit trügen, aber trotzdem ständig mit den Folgen konfrontiert würden.

Viele Buren sind heute noch Farmer (Buren: Bauern) und beschäftigen viele schwarze und farbige Angestellte auf ihrem Land. Mancherorts ist das Verhältnis zwischen den Farmern und den Angestellten so vergiftet, dass es im Zuge von Streiks zu Lynchmorden an den Farmerfamilien kommt. Das ist ein Thema, was auch die weißen rechts-populistischen Strömungen des Landes missbrauchen, um auf eine vermeintliche Unterdrückung der weißen Minderheit hinzuweisen. Die Facebookgruppe „Red October“ liefert einen anschaulichen Eindruck, wie tief Abneigung und Angst teilweise sitzen[1]. Der extrem anglophile Bodybuilder, dem das Boxgym gehört, in dem ich trainiere, erzählte mir, dass er die vergangene Apartheid als gute Lösung empfinde, weil sie die unterschiedlichen Kulturen voreinander beschützt habe, sprich auch die Nicht-Weißen vor den Weißen. Als ich einen farbigen, amerikanischen Freund von mir mit ins Gym gebracht habe, konnte der Besitzer gar nicht aufhören, ihm von seiner Zeit in Kalifornien zu schwärmen. In dem Moment habe ich begriffen, dass es wohl vielleicht doch gar nicht um die Hautfarbe geht, sondern um etwas anderes.

Zusätzlich habe ich viele Studenten getroffen, die sich von den Quoten, die es seit Jahren für fast jeden Bereich gibt, als Weiße benachteiligt fühlen. In dem Zusammenhang hat mein Freund Malik, ein Deutscher mit ghanaischen Wurzeln, gesagt, dass sie doch bitte mal in die Townships (die Slums) fahren möchten und nachgucken, wer da wohnt. Diese Aussage bringt das Spannungsverhältnis auf den Punkt. Es ist nicht der kulturelle oder rassistische Hintergrund, der die Gesellschaft spaltet, sondern der sozioökonomische.

Im World Development Index 2013 ist Südafrika das Land mit der größten Ungleichheit in der Einkommensverteilung mit einem Gini-Koeffizienten von 63,1 (Zum Vergleich: Deutschland hat den 11. kleinsten Gini-Koeffizienten mit 27)[2]. Bittere Armut auf der einen Seite der Stadt und Wohlstand, der auch nach europäischen Standards luxuriös ist, auf der anderen Seite. So kommt es, dass Einbrüche und Diebstähle zur Tagesordnung gehören und auf der anderen Seite hohe Mauern mit elektrischen Zäunen oder NATO-Draht versehen werden. Des weiteren sind überall Sicherheitsleute präsent, denn auf die Polizei möchte hier keiner angewiesen sein. Diese braucht oft sehr lange um überhaupt zu erscheinen und ist dann in den seltensten Fällen hilfreich.

Bestechung und Korruption sind an der Tagesordnung. Symptomatisch dafür ist Präsident Jacob Zuma, der in dem ANC ist (African National Congress, die Partei, der auch Nelson Mandela angehört und die eine Vergangenheit als terroristisches Netzwerk während der Apartheid hatte, im Zuge derer sie verboten wurde und in den Untergrund ging). Ihm wird nachgesagt, dass er in einem Vergewaltigungsprozess gesagt habe, dass er nach dem Sexualkontakt mit einer HIV-Infizierten Person geduscht habe, um eine Infektion zu vermeiden. Obwohl er das 2008 in einem Interview mit der WELT dementierte[3], hängt ihm das bis heute nach, scheint aber die Begeisterung seiner Anhänger nicht zu mindern.

Wenn ich ehrlich bin, dann verstehe ich, dass manche Menschen nicht von jemandem wie Jacob Zuma regiert werden möchten. Als ein weiterer wichtiger Akteur tritt Julius Malema auf, der bei der ANC in Ungnade gefallen ist. Er und seine marxistisch angehauchte EFF (Economic Freedom Fighters, was für eine Ironie) fordern unter anderem die großflächige Enteignung weißer Farmer. Eine politische Agenda, die an die gewaltsamen Enteignungen in der ehemaligen britischen Kolonie Rhodesien (heute Simbabwe) erinnert.

Aber so läuft das in einer Demokratie: Das Recht der Mehrheit ist immer das Recht des Mobs. Und das scheint mir der entscheidende Punkt zu sein. Weiße Südafrikaner wie der Besitzer meines Boxgyms oder die Studenten aus der Kneipe (allesamt Söhne von Farmern und in Agrarstudiengängen) haben nichts gegen Menschen anderer Abstammung oder Hautfarbe. Sie haben Angst davor von Menschen regiert zu werden, die keine Ahnung von Politik, Ökonomie oder sonstigen Kerngebieten sozialer Fragen haben. Demokratie bedeutet Mobjustiz und Mobjustiz kann in einem südafrikanischen Township schon mal mit einem brennenden Autoreifen um den Hals enden.

Ich möchte an dieser Stelle abschließend herausstellen, dass ich die Verbrechen der Apartheid keinesfalls billige oder gar gutheiße. Es hat sich mir lediglich bestätigt, dass Demokratien nicht das Individuum schützen, sondern lediglich die kurzfristige Selbsterhaltung fokussieren können.

Südafrika wird die kommenden Jahrzehnte einen schwierigen Weg beschreiten müssen, der über die Zukunft des Landes entscheidet. Und die einzige richtige Entscheidung kann sein: So viel Freiheit wie möglich wagen. Momentan scheint die ebenfalls linke ANC jedoch eher in Richtung Korporatismus, Korruption und Kontrolle zu steuern. Die drei „K“s haben bisher weltweit noch kein soziales Problem gelöst.


[1]    https://www.facebook.com/redoctober2013 [15.10.2013]
[2]    http://www.infoplease.com/world/statistics/inequality-income-expenditure.html [15.10.2013]
[3]    http://www.welt.de/politik/article1664649/Duschen-hilft-gegen-Aids-habe-ich-nie-gesagt.html [15.10.2013]

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