Dienstag, 22. Oktober 2013

Libertarismus und der Vorwurf der Atomisierung/Individualisierung

von Tommy Casagrande
Gerne wird dem Libertarismus vorgeworfen, es handele sich um eine Ideologie der Atomisierung, der Vereinzelung der Menschen. Libertarismus, verstanden als Anarchismus/Voluntarismus, vermag dies zu widerlegen.

Zum einen ist der Libertarismus keine gewöhnliche Ideologie, wenn man schon davon sprechen will, dass es sich hierbei um eine Ideologie handelt. Ideologien betrachten selten bis nie das Individuum, wie es wirklich ist, nämlich individuell, sondern übergehen es entweder, indem ein ihm übergeordnetes Ganzes erdacht wird, dem sich das Individuum unterordnen soll, oder indem dem Individuum Bedürfnisse untergeschoben werden, zu deren Befriedigung abermals ein übergeordnetes Ganzes zum Ziel auserkoren wird. Diese übergeordneten Institutionen werden in den Ideologien nicht als freiwillig zu errichtende Institutionen angesehen, aus denen jeder wieder austreten kann. Somit wird ein solcher Aspekt der Freiwilligkeit auch nie betont. Die erzwungene Vergesellschaftung, die erzwungene Kollektivierung ist das angestrebte Ziel. Gesellschaft und Menschheit wird somit zum Experimentierfeld für Denkrichtungen, die keinen Raum für das zulassen, die außerhalb dieses gedachten Raumes möglich wären. Warum diese Denkrichtungen in ihrer Gesamtheit dann auch nur allzu gern scheitern, liegt in dem Absolutismus begründet, mit dem eine Idee für alle verpflichtend gemacht wird. 
Der große Unterschied zum Libertarismus besteht nun gerade darin, dass er in Abgrenzung zu derlei Ideologien eine Art Anti-Ideologie darstellt, da das Individuum in den Mittelpunkt gerückt wird. Ausgegangen wird vom einzelnen Menschen. Über diesen können wir nichts sicheres und konkretes wissen, außer wir lernen ihn kennen und lassen uns von ihm über sich und seine Wünsche erzählen. Oder wir bieten Produkte und Dienstleistungen in der Welt an, wodurch der Anbieter etwas von sich zeigt und Kunden entscheiden ihrerseits was sie wollen, wodurch sie etwas von sich preisgeben. Die Objektivität des Momentes liegt im Preis, der eine Brücke der Individuen bildet. Umso freiwilliger dieser Tausch, desto eher ist der Markt eine Abbildung für Menschen und ihre Bedürfnisse, wie sie wirklich sind, und nicht wie sie sein sollten. 
Der Libertarismus atomisiert die Menschen nicht, er kollektiviert sie aber auch nicht. Das Prinzip der Freiwilligkeit gilt als oberstes Credo, da jede Verunglimpfung des Freiwilligkeitsprinzips in seinem Selbstwiderspruch münden muss. Wer anderen nämlich ihre Freiheit abspricht, nimmt selbige für sich in Anspruch, um das zu tun. Oder wer anderer menschen Willen leugnet, setzt seinen eigenen absolut. Es gibt vielerlei Selbstwidersprüche, sobald Gewalt im Spiel ist. Libertarismus setzt auf die Gewaltlosigkeit. Die Conclusio, welche aus der Gewaltlosigkeit entspringt, ist die Freiwilligkeit. 
Freiwilligkeit lässt die Möglichkeiten offen und bietet somit den Menschen jenen Raum, um zu zeigen, wie sie sind und was sie möchten. Das gilt auch hinsichtlich der Frage der Gemeinschaft. Menschen können sich atomisieren, dürfen sich atomisieren, werden aber nicht dazu gezwungen, sich atomisieren zu müssen. Menschen können Gemeinschaft und Gesellschaft kollektiv gestalten, dürfen Gemeinschaft und Gesellschaft auch kollektiv gestalten, jedoch darf niemand zur Gemeinschaft und zur Gesellschaft gezwungen werden.
Der Vorwurf der Atomisierung wäre nur dann gerechtfertigt, wenn Libertarismus einem Verbot freiwilliger Kollektive gleichkäme, doch wer dies glaubt, der irrt. Libertarismus setzt zu aller erst auf Freiwilligkeit und wenn Menschen freiwillig sich zu einem Kollektiv fügen wollen, ist dies genauso erlaubt, wie sich zu atomisieren. Erzwungene Kollektivierung, wie auch erzwungene Atomisierung, setzen Gewalt voraus und diese wird vom Libertarismus abgelehnt.
Zu alledem gilt es festzuhalten, dass die als modern bezeichnete Gesellschaft, der man heutzutage die Individualisierung vorwirft, in einem Rahmen des erzwungenen Kollektivismus sich gestaltet. Die Regeln nehmen zu und für verantwortungsvolles, kreatives Leben bleibt kaum noch Fläche. Die erzwungene Vergesellschaftung treibt derart Blüten, dass es zum Reflex wird, asoziales Verhalten an den Tag zu legen. Man erzwingt das eine und wundert sich über pervertierte Formen des anderen. Die strukturellen Zwänge nehmen zu und der menschliche Reflex versucht auszubrechen. Gesund ist am Ende keiner mehr wirklich, oder nur derjenige, dem ein staatlich zertifizierter Therapeut bescheinigt, dass er dem System durchaus noch dienen könne und sei es mit Zuhilfenahme einiger Medikamente. So profitiert nebenbei noch die pharmazeutische Industrie dank der Beschleunigung der Gesellschaft, die auf staatliche Eingriffe rückzuführen ist, weil der Druck, der Stress, die Unsicherheiten zunehmen.
Die Auswüchse menschlichen Verhaltens sind eine Reaktion auf die Rahmenbedingungen und Strukturen, die Menschen vorfinden. Vereinsamung ist eine von vielen Folgen.
Es wäre falsch, die zerstörerische Form der Individualisierung, die heutzutage grassiert, nicht als Reaktion auf die erzwungene Vergesellschaftung, nämlich der erzwungenen Kollektivierung der Menschen und den immer stärker schwindenden Freiräumen zu abstrahieren. 
Insofern bleibt mir nur im Sinne Stefan Blankertz zu sagen, dass die behauptete Individualisierung heutzutage keine bzw. keine vollendete ist. 

1 Kommentar:

  1. Ein Kollektiv im Sinne der theoretisch-abstrakten(!) Konstruktion EINER für alle Teile verbindlichen Ordnung (neben vielen partiellen), ist die Voraussetzung für die Existenz einer abstrakten nach Individuen unterscheidenden Ordnung. So als einer der ersten (oder der erste vielleicht) explizit Thomas Hobbes.

    Kollektive sind eine Frage der Definition, und können verschiedener Art und ethischer Grundlage sein.
    Sind sie freiwillig, bedürfen sie der Individualisierung des zugrunde liegenden Menschenbildes. Sind sie "gewachsen", dann sind sie kommunitärer Art und non-individuistisch (individuistisch im Sinne einer praktisch wirksamen-grundlegenden sozialen Kategorie 'Individuum').

    Libertarismus als Anarchismus dürfte logischerweise kommunitärer Grundlage sein.
    Der klassische Liberalismus, und auch der Sozialliberalismus wie ich ihn verstehe, war abstraktkollektiv-individualistischer Art.

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