Montag, 28. Oktober 2013

Die Quelle allen Reichtums

von Tommy Casagrande
Die Quelle allen Reichtums ist die Produktion. Sie geht dem Tausch voraus. Bevor ein Mensch etwas tauschen kann, muss er es produzieren. Produzieren ist ein Vorgang des Tuns, des Machens. Um etwas zu tun oder zu machen braucht ein Mensch die Freiheit, tun und machen zu dürfen, was er möchte (als selbstverständlich setze ich voraus, dass hierin niemand Gewalt hineininterpretiert). 
Heutzutage gibt es so viele Vorschriften, Gesetze, Lizenzierungen, Berechtigungszertifikate, Abgaben, Besteuerungen, Verbote, Paragraphen, Regulierungen - es gibt so viel strukturelle Gewalt, dass die Menschheit in Gewinner und Verlierer auseinander dividiert wird. Das ist nicht der Fehler der Menschen die sich innerhalb der strukturellen Gewalt nicht behaupten konnten. Es ist ein Systemfehler. Denn ich kann die Zugangshürden, um zu den Gewinnern eines Systems zu gehören, anheben oder absenken.
Das ist stets eine Machtfrage, die mit Recht nichts zu tun hat. Zumindest nicht mit dem Naturrecht/Vernunftrecht, das sich auf das Selbsteigentum bezieht. Entweder gehört sich jeder Mensch selbst oder niemand. Falls sich aber niemand selbst gehört, lassen sich die Zustände der Welt nicht erklären. Denn damit es unter Menschen zu Zuständen kommt, muss irgendjemand handeln oder das Handeln kontrollieren. All das setzt bei irgendwem ein Selbsteigentum voraus. Darum ist die wahrscheinlichste Variante, dass sich die Menschen ungleich selbst gehören auf unserer real existierenden Welt. Und diese Ungleichheit wird von denen erzwungen, die sich selbst mehr gehören möchten und somit anderen durch die Machtfrage mittels struktureller Gewalt auferlegen, sich ihrerseits weniger gehören zu dürfen, was im Prinzip darauf hinausläuft, sich unabhängig dieser Machtentscheidungen gar nicht selbst gehören zu dürfen. Frei nach dem Motto: Was noch nicht verboten ist, das darfst du noch tun, oder anders gesagt: Du bist nur so frei, wie die Herrschenden das wollen. Mit grundsätzlichen Rechtsgedanken hat das nichts zu tun. Es ist schlicht pragmatisch und je nach Interessenlage veränderbar. 

Wenn sich ein Mensch gehört und etwas tun darf, kann er viel aus sich machen. Er hat es selbst in der Hand, ob er reich wird oder ob er dieses Ziel verfehlt. Menschen, die sich nicht gehören, können auch nicht handeln. Ihnen wird gesagt, welche Handlung sie setzen dürfen. Ob sie reich werden, hängt davon ab, wieviele andere an den Schleusen zum nächsten Level abgefangen wurden. Denn umso mehr Menschen aussortiert werden, desto weniger Konkurrenten bleiben auf der Road to Prosperity zurück. Und eigentlich beschreibt es diese Begrifflichkeit recht gut. Wenn nur bestimmte Menschen zu einem Autorennen auf einer Straße zugelassen sind, weil andere vorher durch willkürlich und machtpolitisch gesetzte Rahmenbedingungen vom Betreten der Straße abgehalten wurden, wird auch nur einer von den Teilnehmern das Rennen gewinnen. In einer Anarchie wäre es anders. Dort würden entweder alle Menschen auf dieser Straße antreten können, frei nach ihren Talenten und Bedürfnissen, und die Welt wäre vielgestaltiger, bunter und nicht ausnahmslos am Materialismus und Wirtschaftswachstum orientiert, oder es gäbe viele Straßen, sodass alle Menschen die Möglichkeit hätten, auf irgendeine Weise teilzunehmen. Heute gibt es nur eine Straße und die Teilnahme auf ihr ist stark reguliert. Nimmt es denn Wunder, dass die Kluft zwischen Arm und Reich dadurch vorangetrieben wird?
Millionen Menschen sind ohne Arbeit, obwohl sie gesund sind. In einer Anarchie wäre derjenige arbeitslos, der freiwillig ohne Arbeit eine zeitlang leben möchte oder weil er sich kurzfristig umorientiert. Eine strukturelle unfreiwillige Arbeitslosigkeit gäbe es aber nicht. Denn Arbeit ist immer eine Frage des Preises. Wenn ich mit wenig Geld als Nebenverdienst zufrieden bin, würden sich genug Menschen finden lassen, denen ich schon für 10€ einmal in der Woche die Wohnung zusammen räumen kann. Wenn ich allerdings 100€ für einmal aufräumen verlange, wird es schwierig. Da muss ich dann aus allem was glänzt Gold gemacht haben. 
Menschen, die heute arbeitslos sind, sind es nicht nur, weil man den Unternehmern es unattraktiv macht, sie einzustellen. Denn die Einstellung bestehender Unternehmen ist nur ein Aspekt, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Der andere Aspekt ist, dass die Arbeitslosen selbst zu Unternehmern werden, irgendeine Dienstleistung anbieten. In der Anarchie würde sie niemand daran hindern. Niemand würde den Geldwert derart zerstören, sodass ein Kapitalaufbau verunmöglicht würde. All diese Menschen, die heute zur Produktionslosigkeit verurteilt worden sind, würden in der Anarchie einen Mehrgewinn gesamtgesellschaftlichen Wohlstandes verursachen, durch all das, was sie produzieren würden oder an deren Produktionen sie beteiligt wären. Diese Millionen Menschen fehlen heute. 
Gleichwohl darf es keinen Zwang des Wachstums geben. Den kennt auch die Anarchie nicht. Wenn Menschen nicht nach der Devise: immer höher, immer schneller und immer weiter leben wollen, dann böte die Anarchie diese Möglichkeit. Das heutige System bietet sie nicht, denn der Zwang zur Produktivität resultiert aus dem Wunsch, ein gutes Leben führen zu wollen, unter gleichzeitigem Druck des regulierten Arbeitsmarktes und der durch die Regulierungen zunehmenden Beschleunigungen, mit ihren dabei auftretenden psychischen Abnutzungserkrankungen, um die systemische Maschinerie zu bedienen. 
Produktion ist ein gleichsam politisches Instrument wie die Konsumtion. Arbeit ist ein ebenso politisches Instrument wie die Arbeitslosigkeit. In der Anarchie wären diese Begriffe unpolitisch und Freiheit ginge mit Eigenverantwortung Hand in Hand. In unserem gegenwärtigen System indes haben all diese Begriffe politische Sprengkraft und ihre Wirkungen hängen von Machtfragen ab. Arbeiter gehen auf Arbeitslose los, Arbeitslose gehen auf Arbeiter los, die einen wollen die Produktion fördern, die anderen den Konsum. Als Anarchist muss man das wissen, denn man neigt dazu, diese Begriffe unpolitisch zu verwenden, wohingegen die Mitmenschen mit all diesen Begriffen politische Agenden identifizieren.

Betrachten wir das Leben für einen Augenblick mit der Leichtigkeit einer Feder und der simplen Schönheit eines Striches, dann muss logischerweise die Produktion von irgendetwas immer zuerst da sein, bevor ich das selbe tauschen kann. Ein Wunsch, eine Idee, ein Bedürfnis ist nicht tauschbar, bevor es materialisiert wird. Materialisierbarkeit reduziert sich nicht auf Fabriken. Auch menschliche Worte und Gesten können für den, der sie nachfragt, einen Wert haben. Sie werden durch ein Gespräch produziert, durch das Gegenüber, das es bereitstellt. Worte scheinen immateriell zu sein, doch meine ich mit Materialisierbarkeit ihre existenzielle Erscheinungsform, die vom anderen wahrgenommen wird. 
Es würden nicht viele Menschen sprechen, wenn es reguliert wäre, unter welchen Bedingungen man etwas sagen darf. Und alle, die nicht sprechen würden, wären ein Verlust für die Ohren, die in der Welt noch nicht gehört haben, was diese schweigenden Lippen ihnen zuflüstern könnten. 
Auch um dem Wunderwerk Mensch gerecht zu werden und dieser Spezies zu huldigen, dass in seiner Vielzahl stets als Individuum mit Einzigartigkeiten versehen auftritt, geböte es sich, Menschen frei sein zu lassen. Menschen würden viele gute Wunder vollbringen, wenn man die Produktion all dieser Wunder als Quelle allen Reichtums verstünde.

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