Mittwoch, 7. August 2013

Vertrag und Vergewaltigung: Ein Gedankenspiel um sexuelle Gewalt, Eigentum und Zivilisation

von Niklas Fröhlich
Die Ethik ist ein weites Feld auf dem man sich leicht in den wirren Gängen philosophischer Großkomplexe verirren kann. So kann man, will man sich der argumentativen Praxis näheren, kaum ein gesamtes logisches Gebäude errichten, sondern greift oftmals besser direkt fragend in die Straße der bereits bestehenden Normen hinein. Dies ist nun nicht gerade die jüngste Erkenntnis der Ethik, sondern vielmehr ihre erste, dennoch hat sie in den letzten zwei Jahrtausenden ihre praktische Attraktivität im Diskurs nicht eingebüßt und dient noch immer zu Provokation und Erkenntnisgewinn gleichermaßen.  

Ganz in diesem Sinne ließ die "Libertäre Aktion" auf Facebook jüngst den Philosoraptor halb spöttelnd fragen: "Wenn Vertragsfreiheit "kapitalistische Ausbeutung" ist, ist einvernehmlicher Sex dann Vergewaltigung?". 

Was man als schlichte Polemik auffassen kann, ist jedoch eine keinesfalls flapsige, sondern eine ganz entscheidende Frage und zeigt nicht nur das libertäre Verständnis der Bedeutung von Eigentum trefflich auf. Vielmehr zeigt sich hier auch, wie sehr das libertäre Rechtsideal den Kern dessen konsequent zum Trieb führen möchte, was man gemeinhin Frieden und Recht, mitunter "Zivilisation" nennt. 

Genau hier kann die Betrachtung einsetzen: Zivilisation. Tatsächlich wird heute nahezu jeder die sexuelle Selbstbestimmung als deutliches Beispiel einer zivilisierten Gesellschaft sehen. Oder umgekehrt formuliert: Vergewaltigung gilt allgemein als Unrecht, nicht zu rechtfertigen, höchster Eingriff in die menschliche Würde und kurzum als antizivilisatorische Barbarei. 
Wir Libertären bestätigen dies nicht nur, sondern sind – so viel kann ich mir wohl anmaßen selbst für Individualisten zu sprechen - bereit für dieses Individualrecht überzeugt einzutreten. Ohne jede Frage sollte dieses Recht auf körperlichen Selbstbesitz ein gleiches Freiheitsrecht aller sein. 

Im Dialog 
Anders sieht mancher es jedoch beim von Libertären so hart verfochtenen Privateigentum und seiner Verwendung unter "gleicher Vertragsfreiheit". Hier fühlen wir nun dem bissigen Philosoraptorzitat auf den Zahn: 
Die Freiheit des Vertrages sei, wird von Eigentumsgegnern eingewandt, weder gleich noch irgendwie frei. Was, wird gefragt, sei denn „gleich“ daran, wenn ein Großindustrieller dem Bettler einen Vertrag anbietet? Die Verhandlungspositionen seien vielmehr völlig ungleich, die Freiheit des Bettlers blanker Hohn. Was ist es denn für eine Freiheit, auf den Vertrag - auch zu ungünstigen Konditionen - einzugehen, oder zu verhungern? Nein ! , geht die Rede, die Freiheit des Vertrages sei nur die Freiheit der Reichen, der "Kapitalisten", welche die Arbeiter durch ihr Mehrvermögen ausbeuten könnten. 

Und nun sind wir mitten in der Pointe der Fragestellung: Gibt es denn hier tatsächlich einen entscheidenden Unterschied zwischen der gleichen, freien Selbstbestimmung über seinen Körper gegenüber sexuellem Kontakt sowie dem "freien und gleichen" Recht auf Privateigentum? 

Greifen wir doch obige Argumente einmal auf: Ist das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung denn wirklich "frei und gleich"? Keinesfalls! Wie gleich sind denn das Model und der Freak in ihrer sexuellen Selbstbestimmung, wenn die eine frei wählen, ja sich quasi monopolistisch umgarnen lassen kann und der andere nicht einmal einen Rest abbekommt? Von der "Freiheit" des hässlichen, sozial ungeschickten, schüchternen Menschen in sexueller Hinsicht zu sprechen ist so doch blanker Hohn! "Sexuell selbstbestimmte Freiheit" - das ist doch nichts anderes als die Freiheit der Schönen, der redegewandten Charmeure, Schlampen und Don Quichotes! 
- Könnte man anführen. 

Wie steht es mit den weiteren Argumenten: Privateigentum begünstige die schon Besitzenden immer weiter. Die Reichen werden am Markt reicher und die Armen ärmer - auch hier zeige sich, dass die Gleichheit des Vertrages illusorisch sei. Ebenso jedoch im Sexuellen: Zwischenmenschliche Beziehungen, insbesondere sexuelle, sind ein ebenso heiß umkämpfter Markt und schnell kann der Erfahrene den Unerfahrenen in vieler Weise ausstechen. Einmal zurückgefallen kann es ungemein schwierig sein, aus der Rolle der Erfolglosigkeit herauszukommen - tausende schlechte Teenagerfilme berichten zur Genüge davon und keinesfalls geht die Realität letztlich immerzu so glücklich aus wie im Hollywoodkitsch. Kurzum: Auch hier ist die Gleichheit, die Freiheit des Rechts auf "Selbstbesitz", auf "sexuelle Selbstbestimmung" völliger Unsinn, reine Propaganda der Begehrten zur Ausbeutung der sexuell Unterprivilegierten. In gewisser Weise lässt sich diese Ungleichheit sogar – Unrecht! – sowohl durch Vererbung von Aussehen als auch durch Erziehung zu selbst erlebtem gesunden Sexualverständnis weitervererben. Die Ungleichheit verschärft sich, die Schere klafft! 
- Könnte man anführen. 

Nun mag eingewandt werden, dass Selbstbesitz, das Anrecht an der eigenen Person und ihrer Sexualität, gewissermaßen „natürlich“ sei. Das „Recht auf Eigentum" sei indessen nur eine soziale Norm, und als solche von der Gesellschaft frei nach eigenem Interesse setzbar. Dieses Argument, dass Eigentum nur frei und willkürlich zum Schaden anderer gesetzt sei, ist so alt wie die moderne politische Philosophie. Aber es geht nicht weit genug, wo es recht hat: Ja, ist denn nicht ausnahmslos jede gültige Rechtsnorm gewissermaßen willkürlich und frei gesetzt? Keine Vorstellung von Recht ist in der Weise "natürlich", dass sie ohne Menschen, die sie leben, irgendeine Relevanz hätte. Und wenn auch fraglos die Kontrolle eines Individuums über seinen Körper natürlich ist, so ist die äußere, die zwischenmenschliche Interaktion betreffende Rechtsnorm doch frei von der „Gesellschaft“ gesetzt. Genauso wie also das materielle Eigentum als soziale Norm abschaffbar sei, lässt sich so gleichermaßen auch die sexuelle Selbstbestimmung, das Recht auf Selbsteigentum abschaffen. Und exakt auf jene Art, wie sich in der vom Eigentum befreiten Welt die Armen endlich an den fruchtbaren Gütern erfreuen dürften, die man ihnen so lange vorenthielt, ist es doch konsequent, dass auch die sexuell Benachteiligten sich endlich die geilen Leiber packen dürfen, die man ihnen so lange in der scheinbaren "Freiheit" der bürgerlichen Sexualethik missgönnte! 
- So könnte man es darstellen. 

Es mag der Gegenwurf folgen, dass man doch immer nach dem Nutzen fragen müsse, wenn nicht rein utilitaristisch, so sollte man zumindest eine gute Begründung einer Handlung und Norm erwarten. So habe man ganz gewiss genug gute Gründe, selbst über sich, seinen Körper und dessen sexuelle Einlassungen zu entscheiden: Die individuellen Gefühle, die Würde, kurzum: Das durch unwilligen Sex zugefügte Leid. Sehr wohl können also genügend Gründe den Selbstbesitz rechtfertigen. Welche Gründe aber habe der „Eigentümer“, nichts abgeben zu wollen, als bloßen Egoismus? Er wolle besitzen, genießen, während andere Bedarf haben. Doch auch dies ist geschenkt. Denn ohne all die große Pathetik von „Würde“ und ohne das bürgerlich-kapitalistische Recht auf „Selbsteigentum“, welche Gründe gibt es denn, seinen Leib nicht sexuell hergeben zu wollen? Gar keine! Die heiße Blondine, die sich dem Grabscher widersetzt, der junge Mann, der beim Sport von der sexuell gelangweilten Hausfrau begafft wird – welche Gründe haben sie denn, sich einem Zugriff zu entziehen, als blanken Egoismus!? Sie wollen ihre jungen, schönen Leiber ganz für sich alleine, wo sie doch einfach nur, sei es nur eine halbe Stunde, ihre Sexualität (fair-)teilen müssten. Sie sind keine Opfer, vielmehr sind sie die wahren Vergewaltiger, die der sexuell unzufriedenen Klasse entbehrenden Mangel aufdrängen und höhnisch vor Augen führen! Mit welchem Recht verwehren sie anderen die sexuelle Konsumfreiheit, diese widerlichen, asozialen, ausbeuterischen Egoisten? 
- Könnte man fragen… 

Fazit: Das Licht der Zivilisation flackert 
An dieser Stelle sei das Gedankenspiel beendet, ist gewiss genug gefragt und angeführt worden, das niemand ernsthaft behaupten wollen würde. Wenn so aber niemand ernsthaft – und aus sehr guten Gründen – die Vergewaltigung rechtfertigen mag, wieso werden dann dieselben Argumente gegen das Eigentum angeführt? Wie trefflich diese Argumente auf beide Bereiche Anwendung finden können, ist zur Genüge aufgezeigt worden. Die Frage des Philosoraptor hat sich als ein tatsächlicher Knackpunkt erwiesen, an dem mehr als deutlich wird, was die Libertären im Eigentum sehen: Letztendlich ist der körperliche Selbstbesitz wie auch das materielle Privateigentum nichts anderes als Schutz vor Aggression, mitunter Schutz vor Vergewaltigung. Beides steht und fällt unter denselben Bedingungen. 

Dies, nun möchte ich nach all dem Räsonieren ausdrücklich für mich selbst sprechen, ist auch nichts anderes als das Ziel, das ich stets mit den Idealen des Libertarismus, des Nichtaggressionsprinzip und eben auch Privateigentums verbunden habe:
Im weiten Verlauf der Menschheitsgeschichte wurde ebenso langsam wie hart das Recht auf Selbstbesitz am Leib und eben auch so einer höchst individuellen Sache wie dem sexuellen Kontakt philosophisch ausgearbeitet und auch faktisch rechtlich weitgehend errungen. Große Schritte aus der Barbarei von Gewalt und Zwang sind schon getan worden, wenn auch das Ziel noch nicht erreicht ist. 
Und auf diesem Weg aus der Barbarei sind es nun genau, genau jene Argumente die völlig zu Recht gegen die Vergewaltigung ins Feld geführt werden, die auch das Eigentum stützen und rechtfertigen. Es ist dies, was der gemeine Libertäre zumeist in einer Form von „Naturrecht“, also dem Menschen entsprechendes Recht, sieht. Und für dieses Recht kennt er keine Grenzen: Wenn von der Wahrung der Eigenheit, Persönlichkeit, Selbstbestimmung und eben auch „Würde“ die Rede ist, so hört diese nicht bei der Verfügung über meinen Körper auf, sondern muss ganz unbedingt auch die materielle Umgebung, ohne die der Mensch nicht zu denken ist, mit einfassen. Dass die „Gleichheit“ dieser Freiheit nur nominal ist, sondern faktisch immerzu eine gewisse Ungleichheit herrscht, ist hierbei eben kein Hindernis dieses zivilisatorischen Prinzips, sondern macht ja gerade seine Notwendigkeit aus. Selbstbestimmung, Vielfalt, Ungleichheit sind allesamt verschiedene Blickwinkel derselben Perspektive.
Und genauso wie die sexuelle Selbstbestimmung, Vielfalt, Eigenheit und damit eben Ungleichheit ein Gebot der Zivilisation ist, ist dies auch das Eigentum die Unantastbarkeit des Eigenen. Nach der Illegitimierung der sexuellen Vergewaltigung des Individuums ist der nächste Schritt zur Zivilisation nun die Delegitimierung aller weiteren Formen von Vergewaltigung: Des autoritären Missbrauchs, der Sklaverei der Enteignung, Entrechtung und gewaltsamen Verpflichtung, in einem Wort: des sogenannten „Staates“. 

Betrachtet man die im obigen Diskurs angeführten vermeintlichen Probleme der „ungleichen Freiheit“, so fällt nicht selten auf, dass diese in Wahrheit von jenem Tyrannen ausgehen, der gänzlich ungleich zu jedem ist, den er unfrei macht. Wer nämlich subventioniert, privilegiert und monopolisiert einzelne Gruppen, bis sie in jedem Vertrag eine Machtstellung haben? Wer behindert die freie Entfaltung des Menschen durch mehr oder weniger gut gemeinte Ketten der „Regulierung“, „öffentlichen Bildung“, „Sicherheit“ und „Verpflichtung“? Wer verhindert so freie Ausbildung und Einbringung zum gegenseitigen Nutzen, in dem die wirklich gleiche Freiheit liegt, die nur gemessen an einem realitätsfernen Nirvana fiktiv ist? Es ist nur jene gleichen Freiheit, die jedem Einzelnen nach seiner Weise gestattet, das seine Beste, gerade in der Verschiedenheit, zu verwirklichen – sei es nun im Beispiel des Ökonomischen oder eben Sexuellen. Beides ist nichts anderes als ein Ausdruck von Persönlichkeit. Und nichts weniger als diese Persönlichkeit gilt es zu schützen gegen die Regierung, die niemals ihre Hände bei sich lassen kann.
Der heilige Augustinus sieht im Staat strukturell kaum mehr als eine Räuberbande. Spottend fügt nun Philosoraptor hinzu: Eine räuberische Bande von Vergewaltigern. Sich dieser zu widersetzen ist nichts anderes als ein Akt lebendiger Zivilisation.

Kommentare:

  1. Ich glaube Sie meinen Schlampen und Don giovannis, oder?
    Ansonsten sehr gelungener Artikel !

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  2. Niklas Fröhlich8. August 2013 um 23:36

    Nein, ich meine tatsächlich "Don Quijotes" - diese Redewendung scheint aber, wie ich gerade nach einigem Googlen zu Tage brachte, kaum gebräuchlich.
    War sie es je? Mir kam sie in einigen umgangssprachlichen Texten aus den 20ern zuletzt mehrfach unter, dort in der Bedeutung "Bringer" oder eben auch "Stecher". Inhaltlich mag sie schon dort nicht ganz gelungen sein und wäre so zu Recht verschwunden bzw. nie stark verbreitet gewesen.
    Ob der Griff - historisch wie meinerseits - nun allzu glücklich war, sei tatsächlich dahingestellt. So oder so sei diese Wendung hiermit wiederbelebt. ;)

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  3. Ich dachte auch eher an Don Juan...


    ... aber zum Thema: wenn man ein Konzept hat, das den Raub legitimiert - beispielsweise durch ingroup-outgroup-Diskriminierung - kann dieses auch bedenkenlos auf Menschenraub und Vergewaltigung anwenden. Mohamed hat es vorgemacht, und noch heute gibt es islamische "Rechtsgelehrte", die Jihadisten dazu ermuntern, "ungläubige Frauen zu erbeuten". Plündern und vergewaltigen gehören seit Menschengedenken zum Krieg, und wer den Krieg ablehnt, muß auch den Raub ablehnen.

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