Samstag, 24. August 2013

Über linken Libertarismus

von Tommy Casagrande
Ich möchte versuchen zu erklären, was für mich linker Libertarismus ist.
Wenn manche Libertäre die Besteuerung der Reichen als Unrecht brandmarken, wird das, obwohl die Kritik an der Besteuerung grundsätzlich libertär ist, als rechts empfunden, weil es sich dann als Verteidigung der Reichen ausdrückt.
Als Libertärer muss man aber wissen, dass der Reichtum der Reichen sich zusammensetzt aus der Armut der Armen. Das System, in dem wir leben, gewährt ja den Reichen stärkere Privilegien als den Armen und hat überhaupt erst durch die schulbildnerische Selektionsaufgabe die Chancen für die einen auf Kosten der anderen umverteilt. Man solle im Nachhinein eigentlich nicht klagen, wenn im Umkehrschluss Teile der ökonomischen Gewinne auf Seiten der Privilegierten rückverteilt werden, wobei dies immer noch zum Vorteil der Reichen und gewiss nicht zur tatsächlichen Verbesserung der Lebensverhältnisse der Armen führt.

Das, was linker Libertarismus genannt wird, ist der Versuch, die Mechanismen so zu erkennen, wie sie tatsächlich sind auf Grundlage der soziologischen Realität. Und dieser Versuch schafft es meiner Meinung nach diejenigen, die heute als links bezeichnet werden, als ideengeschichtlich Rechte einzuordnen und sie links zu überholen, also den Libertarismus ideengeschichtlich dort hin zu bringen, wo der klassische Liberalismus in seiner Entstehungsgeschichte begonnen hat.
Und Tendenz der Aufdeckungen die damit stattfinden ist, dass die Wohlhabenden von dem gegenwärtigen System mehr profitieren als die Mittellosen, denn andernfalls wären die einen nicht so wohlhabend und die anderen nicht in dem Maße mittellos. Das heißt, es gibt Überschneidungen mit der linken Kritik an dem, was Linke für Kapitalismus halten, nur mit dem Unterschied, dass der Libertäre weiss, dass dies die Auswirkungen des Staats-Kapitalismus sind. Ebenso kann diese Spielart des Libertarismus zeigen, dass der Kapitalismus aus Sicht der Herrschenden und Privilegierten ein wunderbares, sogar weitaus effizienteres Modell zur Herrschaftsstabilisierung darstellt als es mit dem Sozialismus gelänge, obgleich am Ende derselbe Punkt erreicht wird. Auch wenn man mit Staatskapitalismus anfängt, endet man am Ende dort, wo es nicht mehr unterscheidbar wird vom Staatssozialismus.

Jedoch ist im Staats-Kapitalismus das faschistische Element meines Erachtens stärker ausgeprägt als in einem von Anfang an Staatssozialismus.

Dass wir in einer Gesellschaft gewährter Privilegien leben, wenngleich diese Privilegien oftmals durch die Gesetze und Regulierungen Vorteile für einzelne Individuen ergeben, während andere durch selbiges Nachteile erfahren, zeigt sich an der Aufstiegslosigkeit der Armen und der Niedergangslosigkeit der Reichen. Die Scheere aus arm und reich ist größer als sie das in einer freien Gesellschaft wäre. Das hat auch mit der staatlich induzierten Inflation zu tun. Die Perspektiven können nicht von allen Individuen gleichsam gesehen und genutzt werden. Die Reichen finden Zustände vor, in denen sie kaum Konkurrenz ausgesetzt sind. Die Entwicklungen gehen dahin, dass sich nur noch die Reichen am Markt auch unternehmerisch halten können, während die Kleinen verschwinden. Gerade noch die Mittleren bleiben übrig. Eine solche Entwicklung ist die von vielen Linken befürchtende Tendenz zum Monopol-Kapitalismus, der aber eben nur durch staatliche Eingriffe möglich wird.

Der Libertäre, der die Reichen schützen will indem er sagt, dass Besteuerung Diebstahl ist, hat noch nicht erkannt, dass ein Teil des Reichtums aus einem System heraus entstanden ist, das andere davon abgehalten hat, die gleiche Möglichkeit zu haben. Deswegen weiter oben mein Satz: Der Reichtum der Reichen ist die Armut der Armen. Was oben sich zu viel anhäuft ist das, was unten nicht entstehen kann, weil es aufgrund systemischer Strukturen, in denen wir leben, sich nicht vermag herauszubilden. Den armen Menschen fehlt schlicht gesagt die Freiheit als Chance, den Reichen ihren Reichtum streitig machen zu können, indem sie gesellschaftlich aufsteigen, und den Reichen fehlt die Freiheit als Risiko fallen zu können und ihren Platz für andere zu räumen.
Leider ist der Mensch zuweilen auch ein stolzes Tier und so bildet sich auch der Reiche ein, dass sein Reichtum nichts anderes sei als verdient und sieht nicht, dass es etwas hinter dem Sichtbaren gibt, dass das, was wir sehen, in dem Ausmaß und der Verteilung ermöglicht oder verhindert.
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Hier liefert Robert Nef eine Gegenrede zu diesem Beitrag

1 Kommentar:

  1. "Was oben sich zu viel anhäuft ist das, was unten nicht entstehen kann, weil es aufgrund systemischer Strukturen, in denen wir leben, sich nicht vermag herauszubilden. Den armen Menschen fehlt schlicht gesagt die Freiheit als Chance, den Reichen ihren Reichtum streitig machen zu können, indem sie gesellschaftlich aufsteigen, und den Reichen fehlt die Freiheit als Risiko fallen zu können und ihren Platz für andere zu räumen."

    Präzise formuliert:

    "Das Geld (Zinsgeld mit parasitärer Wertaufbewahrungsfunktion) schafft das Proletariat, nicht weil die Zinslasten das Volk um Hab und Gut bringen, sondern weil es das Volk gewaltsam daran hindert, sich Hab und Gut zu schaffen." (Silvio Gesell)

    Marktgerechtigkeit


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