Donnerstag, 27. Dezember 2012

Systemfehler im Gesundheitswesen oder: Staats-„Weise“ planen die „Revolution“ ...

von Dr. Peter J. Preusse
Wie krank die Kassenmedizin ist, braucht mir keiner zu beweisen: In meinem kleinen Erfahrungsgebiet als selbständiger Zahnarzt habe ich mehr als genug Absurdes erlebt, etwa die Eskapaden der sogenannten Wirtschaftlichkeitsprüfung („Streichquartett“), die mir zwanzig Jahre lang jedes Quartal ein paar tausend DM für unstrittig erbrachte, aber angeblich „unnötige“ Betäubungen abgezwackt hat, bis irgendwann auch der Durchschnitt – denn der ist hier der Maßstab der kranken Kassen – gemerkt hat, dass Zahnarztangst sehr nachteilig für die langfristige Zahngesundheit ist. Oder aktuell die unsinnige Aufwertung einer seltenen prothetischen Technik als Alibi für die massive Abwertung zahnerhaltender Alltagsbehandlungen. Dass es sich bei derartigen Absurditäten und Unzulänglichkeiten nicht um einzelne und also korrigierbare Webfehler handelt, sondern dass sie Ausdruck eines in sich falschen Systems sind: Gratuliere, der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Gesundheits-Oberweiser Prof. Gerlach, hat’s gemerkt, und folgerichtig will er auch nichts weniger als eine „kleine Revolution“ (1): Der Fehler sei nämlich, dass Krankheit bezahlt wird, nicht Gesundheit. Das soll jetzt anders werden, nämlich für die „Gesunderhaltung und die, wenn möglich, Gesundung“ der Kranken soll bezahlt werden, und statt dass „einzig aus betriebswirtschaftlichen Gründen viel gemacht wird, was nicht nötig ist“, schliessen sich Ärzte in „intelligenten Versorgungskonzepten“ zusammen, die durch „ein regional angepasstes Budget“ finanziert werden. In den so „integrierten Netzwerken“ können Ärzte dann in „sektorenübergreifender Kooperation“ „gemeinsam Verantwortung für die Gesunderhaltung“ übernehmen, statt, in „Konkurrenzdenken“ verhaftet, aus „betriebswirtschaftlichen Egoismen“ „isoliert für die eigene Tasche“ zu arbeiten. 

Und wer hat’s erfunden, das „intelligente System“ mit „gemeinsamer Verantwortung“? „AOK - Die Gesundheitskasse“ vielleicht? Nein, nicht doch, der Gesundheitsweise war’s, der mit den vielen Ämtern: Direktor des grössten deutschen Instituts für Allgemeinmedizin, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und jetzt auch noch frischgebackener Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Und, und, und. 

Und was, bitte, ist das, ein „intelligentes System“? Ein starres System jedenfalls nicht, sondern eines, das aus seinen Fehlern lernt. Wie ja auch das bisherige Gesundheitssystem, das nach gefühlten 32 Reformen in den 34 Jahren meiner Praxistätigkeit nur immer krummer und absurder geworden ist. Aber natürlich, das kann mit Gerlachs intelligentem System nicht passieren, denn das beruht ja auf „umfangreichen wissenschaftlichen Analysen“ und ist konstruiert durch die amtlich berufene Hochintelligenz des Rates. Dass das gut Gemeinte durch gute Politik dann schliesslich auch gut geraten wird, daran wird ja wohl keiner zweifeln, oder? Keiner zumindest, der zum Beispiel das deutsche Gold in Wall-Street-Kellern gut aufgehoben weiss (2) (immerhin sollen in den nächsten drei Jahren je 50 Tonnen von geschätzt 2000 Tonnen „zu Prüfzwecken“ heimgeholt werden); keiner auch, der durch das „intelligente“ Konstrukt der Gewaltenteilung sich beruhigt über den Staat als Richter in eigener Sache, etwa über die offen verfassungswidrige zahnärztliche Gebühren“ordnung“, die zwar zahnschonende Therapien mehr als halbiert, dafür aber die Beihilfekasse so schön entlastet; und sicher auch keiner, für den eigens eine Bestimmung in das Sozialgesetzbuch aufgenommen wurde, die ihm neben seinen vielen Ämtern noch eine Feigenblatt-Selbständigkeit als praktischer Kassenarzt erlaubt.

Im Netz findet sich unter dem Stichwort „intelligentes System“ allerhand über künstliche Intelligenz, etwa die International Conference on Intelligent Robots and Systems. Nichts dagegen über den Markt als intelligentes System. So geht das also: Ein intelligenter Kopf, eben er und seinesgleichen, denken sich das alles aus, Politiker und Verbände verhandeln die „Finanzierung“ und Ärzte und Patienten spuren roboterhaft und geniessen die Freiheit der Stallhaltung in fein- und feinstverzweigten Richt- und Leitlinien und in fest verhandelten Standardverträgen und gerechten Gehältern. Und da die Ärzte für’s Gesunderhalten bezahlt werden, gibt es, oh Wunder, plötzlich viel weniger Kranke! Wer bestimmt denn hier wohl, wer krank und wer gesund ist? Letztlich natürlich der, der zahlt, also das „regional angepasste Budget“. Und sicher nicht der Arzt, denn der will ja egoistischerweise nur Geld verdienen, oder, wenn er das nicht mehr kann, ein bisschen weniger arbeiten – „Abschmierdienst“ hiess das in der DDR – , oder gar der Patient, denn der will egoistischerweise ernst genommen werden mit seinen Beschwerden.

Das einzige wirklich intelligente und unausgesetzt kreative System, das sich selbst in allen Aspekten und auf jeder Ebene reguliert, ist und bleibt der Markt: Durch freie Preisbildung an unregulierten Märkten werden diejenigen Anbieter selektiert, die jeweils am besten und zum günstigsten Preis auf die Bedürfnisse ihrer Kunden nach Diagnose, Beratung und Behandlung eingehen, über das grösste Wissen verfügen und die sinnvollsten Neuerungen in ihre Therapien einbauen. Wer mit eigenem Geld bezahlen und zwischen Freizeitgestaltung und Arztbesuch wählen muss, wird sich sehr wohl informieren und umhören und nicht zum ersten besten Scharlatan gehen, auch ganz ohne staatliche Besserwisser. Oder haben sich nicht auch alle möglichen technischen Innovationen einschliesslich von Sicherheitstechnik am Markt durchgesetzt, die das Fachverständnis der Konsumenten weit übersteigen? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, und genau das tut der Markt und täte es auch im Gesundheitswesen, wenn man ihn denn liesse. Zum Beispiel mit Ärztezentren, die intern und extern kooperieren, um mehr anbieten zu können, als ein Einzelner überblicken kann. Aber die würden sich freiwillig bilden, spontan und abhängig von freiwillig zahlendem Publikum. Ebenso Versicherungen, die ohne Kontrahierungszwang und ohne Diskriminierungsverbot echte Risiken abfedern können, nicht aber die Folgekosten selbstverschuldeter Lifestyle-Krankheiten umverteilen. Und gestiegene Lebenserwartung, medizinisch-technischer Fortschritt und das korrespondierend wachsende medizinische Angebot wären keine „Herausforderung für das System“, sondern allseits begrüsster Ausdruck von Erfolg und Wachstum.

Keine Planwirtschaft und keine „gemeinsame Verantwortung“ hat je etwas Produktives zustande gebracht, nur destruktive Militär- und Verwaltungsapparate und kapitalverzehrende Misswirtschaft. Allein der durch Freiwilligkeit optimierte Austausch von Wissen, Können und Gütern am Markt ermöglicht selbst solch banal erscheinende Dinge wie einen Bleistift, den herzustellen kein einzelner Mensch auf dieser Erde alles notwendige Wissen besitzt. Einiges mehr aber wäre nötig für das Roboter-Intelligenz-System der hohen Herren vom Sachverständigenrat, sicher alle sehr verantwortungsvolle und höchstqualifizierte Wissenschaftler, aber blind gegen die ständige myriadenhafte Informationsfülle, die einen funktionierenden Gesundheitsmarkt ausmacht. 

Aber weil keiner hören will, was doch offensichtlich wahr ist, dass nämlich selbstverständlich früher sterben muss, wer arm ist, und weil die sozialistische Fiktion von der Überwindung des Mangels per Deklamation eines Rechts auf Gesundheit wenigstens hier als Legitimationskern eines modernen Wohlfahrtsstaates unverzichtbar erscheint, muss die grosse Revolution warten, und der Herr Professor Gerlach hat keine Lust, sein Wissen wie jeder normale Mensch am freien Markt anzubieten und wird sein „intelligentes System“ schon irgendwann bekommen, und wenn die „kleine Revolution“ in Berlin nicht funktionieren kann, warum dann nicht gleich im viel besser bezahlten Brüssel?
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(1) Alle Zitate aus der dreiteiligen Serie der Oberhessischen Presse vom 21.10.2012 und Folgetagen: ,,Kranke Menschen bringen Geld. Gesunde nicht.''
(2) Persönliche Meinung

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