Donnerstag, 28. März 2013

Eine Skizze der historischen Staatsausweitung

Kriege - ein Phänomen zunehmender Staatsausdehnung.
von Jonathan Danubio
Jeder Staat strebt nach Machterhalt und Machtausdehnung, was bis zur Französischen Revolution auf enormen Widerstand der Bevölkerung stieß. Mit der Französischen Revolution ging ein Wandel des Gesellschaftsbildes einher: davor wurde die Gesellschaft als Aggregat von Individuen betrachtet, danach als reale Personfikation der Nation, deren Ziele übergeordnet waren.

Die Geschichte des Westens ist seit Etablierung der Staaten (11. und 12. Jh.) eine Geschichte der Staatsausdehnung (quantifizierbar durch Armeestärke, Steuerquoten, Beamtenzahl, Anzahl der Verordnungen etc.). Beispiel französische Geschichte:

Philipp II. (1180 – 1223): kein stehendes Heer, sondern eine kleine, selbstfinanzierte Wache; keine Beamten; der Untertan hatte kaum mit dem Herrscher zu tun = keine Steuern (der König musste um Unterstützung bitten), keine Wehrpflicht, keine Gesetze des Königs.

Eine ständige Steuer (taille) wurde im Zuge des Hundertjährigen Krieges (1337 – 1453) etabliert, da sich die Gelegenheiten, bei denen der König um außerordentliche Unterstützungen bitten musste, häuften. Zweck der Steuer: Finanzierung eines stehenden Reiterheeres.

Ludwig XIV. (1643 – 1715): unterhält ein 200.000 Mann starkes stehendes Heer; Untertanen zahlen Steuern und sind in organisierten Provinzen dem Intendanten unterstellt; der König gibt Gesetze, die von einem umfangreichen Staatsapparat durchgesetzt werden.

Französische Revolution: Einführung der allgemeinen Wehrpflicht; Verdoppelung der Steuern unter Napoleon und Verdreifachung zur Restaurationszeit; Monarch wurde gestürzt, aber wuchernder Staatsapparat beibehalten:

Die "normale" geschichtliche" Tendenz besteht darin, dass je zivilisierter ein Land ist desto geringer die Armeestärke (bspw. Römisches Reich; dies erklärt u. a. auch, warum Rom sich gegen die Barbareneinfälle nicht wehren konnte). Die Staaten der Neuzeit weisen eine entgegengesetzte Tendenz auf. Der Grund: viele Staaten konkurrieren eifersüchtig um die Macht, wobei eine Partei nur auf Kosten der anderen profitieren kann.

Sobald Land A seine territoriale Macht ausdehnt, werden die konkurrierenden Länder zur Nachahmung gezwungen, wenn sie ihre Macht erhalten wollen. Beispiel europäische Geschichte: Land A führt dauerhafte Steuern ein, die anderen ziehen nach; ein Land unterhält ein stehendes Heer, die anderen ziehen nach; ein Land führt die allgemeine Wehrpflicht ein, die anderen ziehen nach.

So waren die absoluten Monarchien Frankreichs und Englands Reaktionen auf die spanische Machtausdehnung des 16. und 17. Jahrhunderts bzw. sie wurden mit der Gefahr von außen legitimiert. Die politische Konkurrenz zerstört innere Freiheiten.

Die allgemeine Wehrpflicht wurde 1793 in Frankreich eingeführt. Nun konnten Generäle ihre Soldaten massenhaft ins feindliche Feuer rennen lassen und so die Kriege gewinnen, da das nationale Reservoir unerschöpflich schien (1794 befanden sich 1.169.000 Mann auf der französischen Militärliste). Die anderen Länder übernahmen die Wehrpflicht, um Frankreich besiegen zu können.

Nach der Niederlage wurde Frankreich zur Abschaffung der Wehrpflicht gezwungen;, aber Preußen behielt das System auch in der Friedenszeit bei, wobei es u. a. die Einigungskriege gewinnen konnte. Die anderen Mächte fürchteten um das europäische Gleichgewicht. Folge: 1888 betrug die Stärke der europäischen Heere in Friedenszeiten 3 Millionen Mann (dies war der Höhepunkt der Kriegsstärke in den Napoleonischen Kriegen) und die öffentlichen Ausgaben stiegen von 170 Mio. (1816) auf 868 Mio. Livres (1898).

Der Höhepunkt dieser Entwicklung waren der Erste und Zweite Weltkrieg. Bilanz Erster Weltkrieg: 8 Millionen Tote und 6 Millionen Verletzte. Bilanz Zweiter Weltkrieg: ca. 50 bis 60 Millionen Tote. Die ersten Kriege des Zweiten Weltkriegs gewann Hitler mit Leichtigkeit, da die anderen Länder keine Totalmobilisierung der Gesellschaft hatten (= Identifikation von Nation und Heer). Doch Deutschland stockt, als es auf ein Land trifft, dass auch total mobilisiert: Russland (Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs). England und Amerika werden im Zuge des Krieges zur Nachahmung totaler Praktiken gezwungen, damit sie Deutschland entgegentreten können. Somit führten die Weltkriege zu einer massiven Ausdehnung der Staatsmacht. Die (territorialen) Ergebnisse wären wohl auch kaum anders gewesen, hätte man mittelalterliche Berufsheere verwendet.

Abschließend ein Vergleich mittelalterliche und moderner Kriegsführung:

Mittelalter: König führte Krieg mit Kontingenten der freien Grundherren, über die er 40 Tage verfügen durfte; König musste seine Kriege selbst finanzieren; Bürger der Städte konnten den Krieg ignorieren (wenn er nicht gerade in ihrer Stadt stattfand).

20. Jahrhundert: gesamte männliche Bevölkerung kann auf unbeschränkte Zeit einberufen werden; dem Staat steht das ganze Nationaleinkommen zur Verfügung; die Zivilbevölkerung leidet enorm unter dem Krieg.

Nicht alles war früher besser, aber einiges schon.

Kommentare:

  1. "Die "normale" geschichtliche" Tendenz besteht darin, dass je zivilisierter ein Land ist desto geringer die Armeestärke (bspw. Römisches Reich; dies erklärt u. a. auch, warum Rom sich gegen die Barbareneinfälle nicht wehren konnte)."

    Das greift mir etwas zu kurz. Eine Armee muss auch versorgt werden. Das ist heute aufgrund der höheren Produktivität einfacher möglich. Des Weiteren sind Staaten über 2000 Jahre schwer zu vergleichen, da wir unser heutiges Verständnis auf das römische Reich anwenden. Das funktioniert nur sehr bedingt.

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  2. Moin,

    die Daten und manche Gedankengänge habe ich aus dem Buch "Über die Staatsgewalt" von Bertrand de Jouvenel. Sicherlich kann man heutige staatliche Strukturen nicht mit denen des Römischen Reiches vergleichen (bspw. gab es in der Römischen Republik ja keinen Staatsapparat). Ziel de Jouvenels ist es aber auch das Wesen der Staatsgewalt herauszuarbeiten, d. h. Charakteristika die immer anzutreffen sind, wo es Staatsgewalt gibt (sei es nun im Römischen Reich oder heute).

    Zur römischen Armee: es gab natürlich auch andere Faktoren, die zu einem Abbau der Truppenstärke geführt haben und andere Faktoren, die das Römische Reich schwach gegenüber den Barbaren machte (s. Reichskrise des 3. Jahrhunderts). Aber anders als in der Neuzeit gab es in der Antike kein konkurrierendes Wettrüsten (bspw. mit dem Partherreich im Osten).

    Zur Finanzierung : Von Beginn der Kaiserzeit bis etwa zum Tode Mark Aurels prosperierte Rom enorm. Dennoch nahm die Zahl der Soldaten ab, obwohl die Produktivität gestiegen war und man die Soldaten folglich leichter hätte bezahlen können. Die heutige Finanzierung riesiger Armeen ist nicht nur auf eine Produktivitätssteigerung zurückzuführen, sondern insbesondere darauf, dass die Kriegstreiber ihre Heere nicht mehr selbst finanzieren müssen (andernfalls rentierten sich riesige Armeen kaum).

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  3. "So waren die absoluten Monarchien Frankreichs und Englands[...]" Meines Wissens war England nie eine Absolute Monarchie. Der Versuch wurde von Seiten Karl I unternommen, jedoch endete dieses Unternehmen mit der Enthauptung von Karl I (Engl. Revolution). Englands Wohlstand und Einfluss entwickelte sich gerade deshalb, weil er seinen Bürgern im Vergleich zum rest Europas verhältnismäßig viele Freiheiten einräumte.

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  4. Moin,

    ist richtig, in England gab es keine absolute Monarchie wie in Frankreich oder Spanien, da der englische König durch das Parlament beschränkt war.

    Allerdings beriefen die Monarchen das Parlament selten und viele (insbesondere Karl I.) setzten sich über das Parlament hinweg (bspw. Steuererhebungen ohne deren Zustimmung).

    Da das Parlament gegen eine Sondersteuer protestierte, löste Karl I. es 1629 schließlich auf, sodass er bis 1640 de facto absolutistisch herrschte. 1640 musste er es wieder einberufen, da er Geld für einen Krieg brauchte (s. Kurzes und Langes Parlament).

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