Donnerstag, 7. Februar 2013

Die Verleugnung der Realität

von Nicolaus Helminger
Jeder effektive Widerstand braucht zunächst eine Sprache, welche Raum lässt für eigenständiges Denken, welche für die Entscheidung zum effektiven Widerstand jeder Art notwendig ist. Diese Sprache, wie auch die menschlichen Gedanken, benötigt Konstanten, also Worte, deren Bedeutung sich nicht ständig ändert. Erst durch eine Sprache können sich Emotionen, Beobachtungen oder Schlussfolgerungen effektiv artikulieren, welche dann wiederum zu effektivem Widerstand führen können. Hat der Mensch keine Sprache, kann er sich, wenn überhaupt, nur schlecht organisieren und nur langsam von seinen Mitmenschen lernen. Widerstand ohne Sprache ist überwiegend Gefühlssache, welche ihren Widerstand plump mit primitiver Gewalt zum Ausdruck bringen kann und dabei schwer zuordnen kann, was die Ursache des Problems ist. Wird eine Gruppe von Menschen ohne Sprache z.B. in einem Raum Elektroschocks durch den Boden ausgesetzt und es fängt zur gleichen Zeit ein Licht zu leuchten an kann es sein, dass sich der Widerstand gegen das Licht wendet, anstatt auf den Gummiboden zu wechseln.

Der Staat ist sich der Korrelation von Sprache, Widerstand und Logik durchaus bewusst. Allerdings steckt er hier in einem Dilemma. Auf der einen Seite braucht er Menschen welche logische Entscheidungen tätigen, denn nur durch diese Entscheidungen kann ein Mehrwert zustande kommen sowie die Macht des Staates behauptet und konsolidiert werden. Auf der anderen Seite ist die intakte Sprache aber auch gefährlich für den Staat, da so die Aufmerksamkeit der Masse auf sein Treiben gelenkt werden kann, woraus sich ein effektiver Widerstand etablieren kann. Dem Staat ist vor allem sein eigenes Überleben, genauer gesagt ein Aufschieben der Probleme wichtig, deswegen wird er die Tendenzen der Sprachzerstörung fördern, auch wenn am Schluss dadurch die Gesellschaft des Staates zusammenbricht. Diese Sprachzerstörung können wir heute schon betrachten. So ist Terror ein liberaler Begriff, welcher die willkürliche Gewalt des Staates gegenüber dem Bürger beschreibt. Der heutige Terrorist kann allerdings jemand sein, der gegen diesen „Staatsterror“ ist. Jemand der gegen Terror kämpft wird als Terrorist beschimpft, hier kann man sehr gut sehen wie die Kollektivierung die Sprache und die Logik zerstört hat. Man könnte unzählige Beispiele auflisten, doch der Mechanismus bleibt der gleiche.

Orwell und Huxley haben beide genial die Natur des totalitären Systems skizziert. In meinen Augen sind beide Werke libertäre Grundliteratur, lange vor Mises oder anderen grandiosen Denkern, weil wesentlich plastischer beschrieben wird und deswegen der Mehrheit der Bürger verständlich ist.
Während bei Orwell das Problem von Staat und Logik durch „Doppeldenk“ (die Nutzung von Logik mit konditionierten Gedankenschranken, welche nicht überschritten werden dürfen, z.B. Kritik am Staat) und totale Überwachung unter Einwirken auf die Ängste der Menschen gelöst wurde, bediente sich Huxley einer kommunistischen Terminierung (nicht Vernichtung, sondern komplette Kontrolle aller Lebensumstände) des Menschen durch Eugenik und Umfeldkontrolle.
Huxleys Version („Schöne neue Welt“) ist natürlich überhaupt nicht realisierbar, da die Terminierung schlichtweg unmöglich ist, da sie wider der menschlichen Natur ist (vergleiche Mises) sowie an der Chaostheorie scheitert. Dennoch umreizt Huxley etwas beeindruckendes: Die Minimierung des Widerstandes, indem man die Sklaven dazu bringt ihre Herrscher zu lieben. Bei Huxley durch „Soma“ (ein legales Rauschmittel), Indoktrinierung (Staatliches Bildungswesen) und durch verschiedene Systeme der Aussortierung von Andersdenkenden. Die Andersdenkenden werden dann für die Gesellschaft nutzbringend eingesetzt und es gibt starke Zensur. Wie bei Orwell ist die Elite bereits in der zweiten Generation. O'Brien ist bei „1984“ einer der Elite und diskutiert mit Winston Smith, während dieser wieder für die Gesellschaft kollektiviert (gefoltert) wird, was Realität ist. O'Brien sagt Smith, dass dieser die metaphysischen Zusammenhänge nicht verstehen könne und 2+2 ist was die Partei sagt. Der Weltaufsichtsrat in „schöne neue Welt“ erklärt, dass er die Zensur bedauert, die Stabilität der Gesellschaft jedoch wichtiger ist als Freiheit. Beide Eliten sehen sich als notwendig und der Gesellschaft wohlwollend, damit vermindert der Staat Verrat.

Was kann der Libertäre heute beobachten: Wird es 1984 oder ein schöne neue Welt-Szenario, auf das wir uns bewegen?
Gefühlt beobachtet man an eine Mischung. Wir sehen z.B. bei den regenerativen Energien derzeit Doppeldenk: auf der einen Seite realisiert man, dass der Strom teurer wird und auf der anderen Seite spricht man davon, dass der Strom durch saubere Energie billiger werden soll. Der größte deutsche Produzent für Solarzellen bekommt verbilligt Strom, weil der Strompreis aufgrund des EEGs so hoch ist und dieser sonst nicht gegen die Konkurrenz aus dem Ausland ankommt. Oder schauen wir uns einen Großteil des deutschen Kabaretts an: Da wird lauthals über die Bankenrettung geschimpft und in einem Satz der Kapitalismus genannt. What the Fuck? Im Kapitalismus gibt es keine „Bankenrettung“, das ist Sozialismus! Im Kapitalismus muss jeder die Suppe auslöffeln, die er verkocht hat und kann nicht einfach sagen er nimmt sich die leckeren Maultaschen, und der Rest darf sich mit der versalzten Suppe begnügen. Auch das Neusprech aus „1984“ gibt es mittlerweile schon: Aus ,,wir machen Schulden und höhere Steuern'' wird „wirtschaftsfördernde Maßnahmen um die ökonomischen und ökologischen Rahmenbedingungen zu fördern“. Klasse!
Nicht zu vergessen gibt es staatliches Bildungswesen und Kleinkinderbetreuung wie bei Huxley, wenn auch noch nicht dermaßen rigoros. Dafür gibt es legale und illegale Drogen. Als legale Drogen gibt es in Deutschland Alkohol, Nikotin und Fußball, Brot und Spiele rieten schon die alten Cäsaren. Schritt für Schritt werden weitere Freiheiten genommen und davor wird über die Staatsmedien (ob öffentlich oder privat…) ordentlich Stimmung gemacht, Wiederholung macht schließlich die Meinung der Masse und damit die Entscheidung der Demokratie. Wie bei einem Frosch im Kochtopf wird die Temperatur langsam erhöht bis dieser Tod ist. eine Zivilisation hat ein ähnliches Reaktionsvermögen, wenn es um die Verhinderung von totalitären Systemen geht…

Entscheidend sind für den Staat zwei Kennzahlen, Umlaufgeschwindigkeit feindlicher Informationen und die Zahl der potentiellen Staatsfeinde. Mit dem Internet konnten die Individualisten wieder eine Schlacht für sich entscheiden, denn dadurch erhöhte sich die allgemeine Umlaufgeschwindigkeit aller Informationen. Wenn der Staat feindliche Informationen mit hoher Umlaufgeschwindigkeit und steigender Anzahl an „potentiellen Staatsfeinden“ ausmacht, was bei der Anzahl an Informationen der Verbreitung der Idee einen Vorsprung gibt, kann er reagieren. Er kann anfangen mittels Propaganda (Wiederholung) die Sachen in ein schlechtes Licht zu rücken, Ursache und Wirkung verdrehen (über die Massenmedien wie Zeit, die er kontrolliert) oder schlichtweg Unsinn erzählen und die Menschen glauben es.
Außerdem kontrolliert der Staat die Jugend über die Schulen und Kindergarten. Hier hat er durch sein Zwangssystem einen Großteil des kreativen, logischen und selbstständigen Potentials zerstört. Die Masse der Menschen kann nur abhängig werden und befürwortet einen starken Staat. Außerdem hat der Staat sehr viele Möglichkeiten seine Gegner zu schwächen, welche ich ausführlich im nächsten Beitrag beleuchte. Es reicht vorerst aus, dass die Masse der Menschen die Meinung des Staates als Gottes Wort nimmt, der Staat also deren Meinung schmiedet.
Kommen wir nun zum in „Der Kardinalsfehler der Individualisten“ beschriebenen sozialen und ökonomischen Zusammenbruch, weil die Produktiven die Arbeit aufgegeben haben und das Sozialsystem belasten, auf das sich das kollektive Handeln als das demaskiert, was es ist - substanzlose Illusionen, die durch Gewalt zusammengehalten werden! Nun hat Martin Schweiger vollkommen richtig beschrieben, dass man durch dieses Verhalten man sich im Anschluss nicht bei der Bevölkerung entlasten kann. Hier macht Martin Schweiger ebenfalls den Kardinalsfehler, weil er die Masse, also lediglich Quantität, zu überzeugen versucht. Dies ist allerdings nicht möglich, da das logische Denken bereits zerstört wurde und der Staat diese Menschen total, also sogar die Richtung ihrer Gedanken und Aggressionen, kontrolliert. Nicht zu vergessen, dass Herr Schweiger die Richtung der Aggression nicht mehr richtig zuordnen kann. Er verweist auf Banker anstatt auf Polizei, Bürokraten, staatliche Indoktrinationsmaschinen (Lehrkräfte, Massenmedien). Vor allem die Polizei, als Mörder und Diebe, ist anzuprangern, da ohne sie die Maschinerie des Todes (Staates) nicht laufen kann…

Roland Baader hat Jahre lange gegen die Verleugnung der Realität, also die Sprachzerstörung, gekämpft. Der Libertäre tut auch gut daran, wann immer er kann, die Realität gerade zu rücken, denn auch wenn der Staat die Masse, also Mehrheit, kontrollieren kann, so können die Individualisten die signifikant wichtigen Schlüsselpersonen überzeugen. Generell gilt, auch der Minimalstaat wird sich immer weiter ausweiten, bis er wieder das tyrannische Monster wird, was er heute ist. Machiavelli hat einmal gesagt, dass es leicht ist ein Gebiet zu erobern, allerdings schwer diese Gebiete zu halten.
Man kann zwischen zwei Strategien wählen: viel erobern und einen Teil behalten, oder wenig erobern und viel behalten. Die Individualisten dieser Welt sollten nicht gierig die Masse erobern, sie sollten die Produktiven aus dieser Gesellschaft nehmen und eine Gesellschaft in der Gesellschaft errichten. Da sowohl kreatives als auch selbstständiges Denken durch den Staat zerstört wurde, ist die Masse nicht mehr imstande logisch zu denken, sie kann nur empirisch denken. Auch Ludwig von Mises hat dieses Problem erkannt. Er sagte, dass die meisten Menschen in gesellschaftlichen ökonomischen Zusammenhängen empirisch, also in Kennzahlen der Vergangenheit, denken und sich daraus viele Missstände erklären lassen. Das bedeutet übertragen, die Gesellschaft der Etatisten muss restlos zusammenbrechen, während die anarchokapitalistische Gesellschaft sichtbar, also empirisch, in Glanz und Gloria erstrahlt. Warum Mises nach dem Buch ,,die Bürokratie'' nicht gefordert hat, den Staat abzuschaffen, ist mir bis heute schleierhaft. Allerdings wusste schon Mises, dass es nicht auf quantitative Faktoren (Stückzahl oder gesellschaftlich die Masse) ankommt, sondern auf die signifikanten Faktoren.

Wahre Anarchisten verstehen die omnipräsente Zerstörung der Logik durch den Staat und werden keine Zeit an die Masse verschwenden, da diese wie ein Segel im Wind nach jeder opportun erscheinenden Möglichkeit greifen wird. Oder wie der Objektivist sagen würde: es muss deine eigene Entscheidung sein. Der Zusammenbruch kommt, die Frage ist nur wann und ob die Individualisten wie 1933 wieder schlafen werden oder sich gegen die Masse zu wehren wissen. Es ist eure eigene Entscheidung: Staatsterror oder Freiheit.

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