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Dienstag, 22. Januar 2013

Essay wider den Kollektivismus

Beispiel Ultras: individuell oder kollektivistisch?
von Moritz Ballauff
Angekommen an einem Punkt, an dem sich das Motiv der Individualität und Authentizität durch alle Jugendkulturen zieht, lohnt es sich an den entsprechenden Stellen genauer hin zu gucken.

Zunächst einmal gilt es festzustellen, dass Individualismus Kollektivismus in jeder Hinsicht überlegen ist. Determinante Entdeckungen und Entwicklungen in allen Bereichen menschlichen Lebens gehen von den Ideen einzelner Individuen aus. Das ist allein schon deshalb logisch, weil so etwas wie kollektive Intelligenz im Sinne von Schwarmintelligenz nicht existiert. Das bedeutet nicht, dass die Mehrzahl der Menschen dumm und lebensunfähig ist, sondern dass Kollektive dazu neigen die niedersten Gemeinsamkeiten zu ihren Identifikationsmerkmalen zu erheben und aus dieser Definition heraus wird klar, dass es sich dabei nicht um innovatives, revolutionäres Gedankengut handeln kann, weil jedes Individuum im Kollektiv gezwungen ist, seine überlegenen Ideen unterzuordnen. Ein Zusammenschluss aus Individuen, die den Austausch in der Gruppe und keine Identifikation suchen, ist in diesem Sinne selbstverständlich nicht als Kollektiv zu betrachten. Die Unterscheidungskriterien sollen hier als die “Gleichschritt-Probe” bezeichnet werden: Ordnen sich die Individuen der Philosophie des Kollektivs  unter (authentisch oder künstlich spielt dabei keine Rolle) oder nutzen sie die Gruppe zum Austausch? 

Eine Gruppe von Menschen, die sich im deutschsprachigen Raum als besonders individuell versteht sind die Ultras im Umfeld des Fußballs. Dieser Absatz soll bitte nicht als konventionelles, systemtreues Gepöbel gegen urbane Subkulturen verstanden werden, wie es dieser Tage in Mode ist, sondern lediglich als Beispiel dienen, um gewisse Betrachtungen vorzunehmen. Am Rande sei erwähnt, dass die Debatte über Pyrotechnik in Stadien, auf beiden Seiten, zur Zeit einen lächerlich großen Anteil öffentlicher Aufmerksamkeit fokussiert, der der Thematik in keinster Weise angemessen ist. Ultra-Fangruppen liegen im Trend. Sie unterliegen in ihrer Art einem hohen Maß an ungeschriebenen, wie auch geschriebenen Regeln. Interessant ist unter anderem, dass viele Menschen es offensichtlich als Freizeitvergnügen verstehen, sich militant, am Rande einer kommerziellen Sportveranstaltung, zu organisieren. Die Mitglieder brüsten sich mit ihrer Zugehörigkeit zur Szene und tragen diese in Klamotten und Attitüde offen nach außen. An dieser Stelle geschieht etwas paradoxes: Um ein gewisses Maß an Individualität und Besonderheit zu generieren, tritt man einer Organisation bei, die in strengen Richtlinien die Verhaltensweise und Meinung ihrer Mitglieder reguliert. Das bedeutet, dass man die persönliche Individualität durch die Zugehörigkeit verschiedener Kollektive nach außen trägt. Letztendlich hat das natürlich nichts mit Individualität im klassischen Sinne zu tun, sondern ist viel mehr der Versuch mit verschiedenen Modulen, die man in sein Leben eingliedert, origineller zu wirken. Vergleicht man die Ultra-Szenen in den verschiedenen Städten, gibt es mit Sicherheit Unterschiede in ihrem Kodex und in ihrer Zusammensetzung, aber die Polare, zwischen denen sich die Ausprägungen der einzelnen Merkmale bewegen, unterscheiden sich nicht. Lernt man das erste mal jemanden aus diesem Umfeld kennen, ist man durch die ausdifferenzierten Ansichten leicht dazu geneigt Bewunderung zu zeigen. Lernt man jedoch noch mehr Anhänger kennen, stellt man fest, dass die vermeintlichen Meinungen und Argumentationsmuster die der Szene, des Kollektivs, und in keiner Weise die eines Individuums sind. Die Ansichten werden durch das Zusammenspiel einiger weniger Meinungsführer gesteuert und von der breiten Masse der Szene adaptiert. Diese Auffassung soll in keiner Weise Fußballfans diffamieren.

Es ist festzuhalten, dass Individualität und der damit einhergehende Pioniergeist, so wie die charakterliche Stärke, nicht in der Identifikation mit Kollektiven zu finden sind, sondern nur in der differenzierten Ausgestaltung der eigenen Meinung und ständiger Reflexion. Individuell zu sein, heißt nicht stur den Weg zu wählen, der am wenigsten beschritten ist oder der besonders verwegen wirkt. Es geht viel mehr darum, äußere Einflüsse zu identifizieren und ihrer Herkunft nach zu bewerten. Wie anfangs angesprochen ist das Problem des Kollektivismus nicht die Dummheit der Masse, sondern die mangelnde Selbstreflexion, wenn alle in der Bezugsgruppe agierenden Mitglieder dem gleichen Leitbild folgen. Die Gefahr des angenehmen Gefühls Menschen um sich zu haben, denen man eine ähnliche Art unterstellt wie sich selbst, liegt in der Bequemlichkeit, nicht von dieser Ansicht abzuweichen, auch wenn sich offenkundig das Gegenteil bewahrheitet.
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Moritz Ballauff, Jahrgang 1991, studiert BWL und Politik in Lüneburg und betreibt den Blog "erschieß mich doch einer''.

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