Samstag, 29. Dezember 2012

Über die Worthülse des Kapitalismus

von Tommy Casagrande
Wenn ich oder andere Libertäre von Kapitalismus sprechen, so meinen sie nicht unser gegenwärtiges System. Für das gegenwärtige System gibt es mittlerweile so viele Worte, dass man sich nach Belieben eines herausfischen kann. Staats-Kapitalismus, Sozialismus, Semi-Sozialismus, Interventionismus, Korporatismus, Paternalismus, Demokratur, Etatismus oder auch Bananenrepublik.
Nichtsdestotrotz gibt es viele Menschen, die einen ganz anderen Begriff für das benutzen, was wir heute haben, der sich aber nicht mit dem Begriff deckt, wie er von den wenigen analysiert wird, die ihn auch verstanden haben. Kapitalismus meint nichts anderes als den freien Markt, Angebot und Nachfrage, individuelle Freiheit. Darum braucht Kapitalismus den Staat auch nicht, um zu existieren. Jene Ordnung nennt man dann Anarcho-Kapitalismus. Es gibt aber auch andere Begriffe, die das gleiche meinen. So etwa Voluntarismus, Nullstaat, Libertarismus, freie Gesellschaft.
In einer solchen Ordnung, dürfen Menschen auf freiwilliger Basis auch ihre kommunale Idee von Sozialismus leben. Doch auch in diesem freiwilligen Sozialismus hören die kapitalistischen Gesetze nicht auf zu wirken. Menschen können auf drei Arten ihre Bedürfnisse befriedigen:

1. Als Übermensch, der sowohl Kleidung, Lebensmittel, ein eigenes Heim, die eigene Sicherheit und Gesundheit und alles, was man zum Leben braucht, produzieren kann, braucht man keine anderen Menschen und keinen Tausch. Allerdings gibt es keine Übermenschen. Es gibt lediglich Menschen, die aufgrund, dass sie keine Übermenschen sind, ihre Bedürfnisse so sehr herabsenken, sodass sie, wenn sie den Wunsch haben, als Einsiedler zu leben, durchaus die Möglichkeit haben, alleine zurecht zu kommen. Jedoch nicht unter dem Aspekt den eigenen Wohlstand zur Prosperation zu bringen.

2. Durch Raub lässt sich das eigene Hab und Gut bereichern. Doch dieses Hab und Gut muss erst produziert werden. Produktion erfolgt aufgrund des Wunsches zur Verbesserung der Lebensumstände und geht nur durch Arbeitsteilung einher, da, wie bei Punkt 1 gesehen, es keine Übermenschen gibt, die alles alleine produzieren können. Der Produktion ist der Tausch inhärent, da die Produktion darauf beruht, Arbeit zu geben, während man etwas für die gegebene Arbeitsleistung bekommt. Tausch beruht auf Freiwilligkeit. Wenn die Produktion keinen inhärent freiwilligen Tausch beinhalten würde, hieße das, dass man den Menschen ihre Entscheidung, ihren Willen, ihren Körper geraubt hätte, um ihn in Fabriken zu beordern, wo sie nur aufgrund angedrohter Gewaltausübung tun, was sie tun. Doch diese Form der Gewalt würde ihr schnelles Ende finden, weil die Sklaven im jeweiligen Betrieb die Mehrheit stellten. Raub setzt also voraus, dass es einen Zustand der Produktion gibt, und die Produktion setzt voraus, dass es einen Zustand beidseitiger Einigung gibt. Da das Produzierte nicht zum reinen Selbstzweck produziert wird, ist auch der nachrangige Tausch zwischen dem Produzierten und den Käufern ein freiwilliger. Andernfalls würde man den Käufern durch die Androhung von Gewalt das Produzierte aufzwingen. Auch dieser Zustand würde sein Ende finden durch eine Revolte.

3. Durch Tausch, einem permanenten Zustand aus freiwillig eingegangenen Verträgen und Kooperationen, entsteht Produktion, Verkauf, entstehen Werte, Tugenden, materielle und immaterielle Güter, finanzieller und geistiger Wohlstand. Auch der freiwillige Sozialismus besteht aus Menschen. Menschen handeln und Menschen haben Bedürfnisse. Auch diejenigen, die den Begriff des Kapitalismus ablehnen, können nur auf diese drei Arten Handlungen ausführen, die ihnen zur Befriedigung eigener oder fremder Bedürfnisse gereicht. Auch Vertreter des freiwilligen Sozialismus kommen nicht umhin zu entscheiden, ob Raub (des menschlichen Willens, des menschlichen Körpers, der menschlichen Entscheidung) ihre Bedürfnisse besser befriedigen kann, als die Freiwilligkeit.

Die ökonomischen Gesetze existieren auch in einem gesellschaftlichem Modell weiter, wo der Kapitalismus als Begriff aus den Synapsen des menschlichen Bewusstseins gestrichen worden ist. Insofern beschreibt der Begriff Kapitalismus lediglich die Mechanismen, die sich abspielen, wenn Menschen frei sind. Da der Begriff Kapitalismus jedoch die Filter vieler Menschen nicht durchdringt, sind viele Menschen nicht bereit zuzuhören, wofür dieser Begriff steht. Dadurch ist die Möglichkeit genommen, jene Mechanismen näher zu erläutern, die auch in jeder anderen Worthülse weiter existieren. Nämlich die Mechanismen, wie Wohlstand entsteht und wie sich Armut entwickelt. Diese Mechanismen sind universell und haben bis heute einen Überbegriff, der viele davor hindert, sich näher damit auseinander zu setzen oder sich dem zu öffnen.

Kommentare:

Tobias Poley hat gesagt…

Sehr gelungener Beitrag, wie auch die vielen anderen!

Stefan Wehmeier hat gesagt…

"Sollte es irgendwelche Götter geben, deren Hauptanliegen der Mensch ist, so können es keine sehr bedeutenden Götter sein."

Arthur C. Clarke

Ein unbewusster, noch nicht aus dem geistigen Tod der Religion auferstandener Mensch, der "Kapitalismus" sagt, meint "kapitalistische Marktwirtschaft", und die Befreiung der Marktwirtschaft (Paradies) vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus (Erbsünde) durch die Verwirklichung der Natürlichen Wirtschaftsordnung ("Königreich des Vaters") übersteigt sein Vorstellungsvermögen:

Die Rückkehr ins Paradies