Montag, 17. Dezember 2012

Die Existenzsicherung in einer freien Gesellschaft – Teil 1

Vater des deutschen Sozialstaatübels: Otto von Bismarck
von Ralf Karnowsky
„Ich halte den europäischen Sozialstaat für die größte kulturelle Errungenschaft, welche wir Europäer im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgebaut haben.“ Diese Worte sprach der Altkanzler Helmut Schmidt anlässlich des 100. Geburtstages des Kaiser-Wilhelm-Institutes im Januar 2011 – und der bei weitem überwiegende Teil der Deutschen teilt diese Auffassung aus voller Überzeugung, da sie der Meinung sind, dass ein staatliches Existenzsicherungssystem (a) notwendig und (b) alternativlos ist.

So ist die Saat aufgegangen, deren Samen einst Otto von Bismarck als Begründer der Sozialgesetzgebung im Deutschen Kaiserreich mit seiner Absicht ausbrachte: „Mein Gedanke war, die arbeitenden Massen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte.“

Durch diese ‘Bestechung’ erreicht der Sozialstaat in seiner heutigen Form u.a. bei den ‘arbeitenden Massen’ den Anschein einer moralischen Legitimation, da in den vergangenen 140 Jahren sich die Menschen so an einen vor- und versorgenden Staat gewöhnt haben, dass sie eine Existenzsicherung ohne diesen für schlichtweg unmöglich halten. Doch ist dem wirklich so? Das soll im Folgenden näher untersucht werden.

Zuerst ist dabei festzustellen, welcher Personenkreis einer Existenzsicherung bedarf.

Zum ersten sind dieses Menschen, die aufgrund körperlicher und/oder geistiger Einschränkungen nicht dauerhaft in der Lage sind, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen (nachfolgend ‘Invaliden’ genannt).
Zum zweiten handelt es sich hierbei um Personen, die durch den Ausbruch einer Krankheit zeitweise arbeitsunfähig werden (nachfolgend ‘Kranke’ genannt).
Zum dritten gehören zu dieser Gruppe alle, die temporär oder langfristig ohne Arbeitsverhältnis sind (nachfolgend ‘Arbeitslose’ genannt).
Als nächstes ist das Ziel der Existenzsicherung zu bestimmen. Diesbezüglich legen wir – zugegebenermaßen willkürlich – einen Betrag in Höhe von 1.500,00 € pro Monat als Arbeitseinkommen-Ersatz für diesen Personenkreis fest. Unberücksichtigt bleiben zunächst die aufzubringenden Kosten für die Behandlung von Krankheiten sowie die zusätzlichen eventuellen Aufwendungen für die Pflege (adäquat: Kranken- und Pflegeversicherungs-Beiträge) und die Rücklagen, die im Alter für den Erhalt einer Rente dienen sollen.

Betrachten wir nun die in Frage kommenden Gruppen im Einzelnen:

Invaliden
Innerhalb dieser Gruppe sind zu unterscheiden:

(a) die Kinder, die behindert geboren werden

In einer freiheitlichen Gesellschaft sollte es für jede schwangere Frau zur Normalität werden, sich freiwillig entsprechenden Untersuchungen zu unterziehen – denn die Information über eine eventuelle Behinderung ihres Kindes ist für sie von existentieller Bedeutung. Dabei obliegt es ihr (evtl. zusammen mit dem Kindsvater), sich für oder gegen das Austragen eines behinderten Kindes zu entscheiden; allerdings mit der Konsequenz, nach dessen Geburt für dieses Kind die volle Verantwortung tragen zu müssen – was im Extremfall über die gesamte Lebensspanne des Kindes dauern kann. Ein Anspruch auf einen Übertrag dieses Risikos auf eine anonyme „Gesellschaft“, die die Lebenshaltungskosten für dieses Kind übernimmt, ist in einer freiheitlichen Gesellschaft ausgeschlossen – diese wären allenfalls durch Spenden abzudecken, falls die Kindeseltern finanziell nicht in der Lage sein sollten, diese von sich aus aufzubringen.

Eine Privatversicherung für diese Risikoabdeckung existiert derzeit nicht – und es ist auch nicht anzunehmen, dass in einer freiheitlichen Gesellschaft eine solche ein Vertragsangebot offerieren würde, ohne den Versicherungsnehmer zur Risikominimierung zu verpflichten, d.h. eine Untersuchung während der Schwangerschaft zu fordern.

Mit einer solchen Klausel – zzgl. einiger anderer (die bspw. die Lebensführung der Frau während der Schwangerschaft betreffen / Grund: Reduzierung des ‘moral hazard’) – wäre jedoch ein solches Vertragsangebot nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich. Eine derartige Versicherung würde also finanzielle Risiken aus einer Behinderung eines Kindes decken, die (a) bei der Untersuchung während der Schwangerschaft nicht diagnostizierbar waren und (b) bei dem Geburtsvorgang verursacht wurden, ohne dass dem medizinischen Personal (Arzt bzw. Hebamme) ein Fehler nachgewiesen konnte (in diesen Fällen wäre deren Berufshaftpflicht-Versicherung zuständig).

(b) die Kinder, die nach ihrer Geburt invalid werden

Es kommen logischerweise nur zwei Ursachen für die Behinderung eines Kindes, das gesund geboren wurde, in Frage.

Dies ist erstens ein Unfall:

Schon heute ist es möglich, ein Kind ab Geburt gegen das finanzielle Risiko einer Invalidität aufgrund eines Unfalls zu versichern, da die staatliche Absicherung sich nur auf den Bereich des Besuches öffentlicher Einrichtungen (Kindertagesstätten, Schule) sowie auf die Wege dorthin und zurück nach Hause erstreckt. Will man sein Kind darüber hinaus auch in den Freizeitaktivitäten abgesichert wissen, muss man den Schutz durch eine private Versicherung ergänzen – diese gilt dann meist 24h am Tag. Je nach Höhe und Umfang der der eingeschlossenen Risiken wäre es also schon heutzutage möglich, auf den staatlichen Schutz verzichten und diesen durch eine private Absicherung zu ersetzen.

Zu den Kosten: der monatlich zu zahlende UV-Beitrag für ein neugeborenes Kind hinsichtlich des oben näher beschriebenen Versicherungsumfangs (lebenslang zu zahlende Rente in Höhe von 1.500 Euro/Monat) – inklusive eine Dynamik von 2% pro Jahr (Inflationsausgleich) und 10.000 € Invaliditäts-Grundsumme mit Progression (für einmalige Ausgaben) – beträgt bei einer günstigen deutschen Versicherung 8,50 Euro.

… und zweitens eine Krankheit:

Die vorgehend beschriebene Unfallversicherung deckt nicht nur dieses Risiko, sondern versichert bspw. auch die finanziellen Folgen von Krankheiten, die durch Insektenstiche übertragen bzw. ausgelöst worden sind, sowie einige andere Risiken, die hier nicht weiter beschrieben werden können, da dies ‘den Rahmen sprengen’ würde. Legt man auf die Absicherung des Krankheitsrisikos für sein Kind einen besonderen Wert, so ist es bereits heute möglich, eine weitergehende Deckung zu vereinbaren (Fachausdruck: Cross-Over-Produkt): eine Versicherung mit 1.500 Euro lebenslanger Rente pro Monat bei einem schweren Unfall mit mind. 50% Invalidität zzgl. einer einmaligen Kapitalleistung in Höhe von 50.000 €; sowie einer schweren Schädigung wichtiger Organe, dem Verlust von Grundfähigkeiten und einer Pflegebedürftigkeit ab Stufe 1 infolge von klar definierten Krankheiten kostet etwa 25,00 Euro pro Monat.

(c) Jugendliche bzw. Erwachsene

Der Abschluss einer Erwerbsunfähigkeit-Versicherung, bei der nicht auf den Grund für die Erwerbsunfähigkeit abgestellt wird (es sind also alle Ursachen eingeschlossen), ist heute bereits ab dem 15. Lebensjahr möglich. Versichert man dieses Risiko in diesem Eintrittsalter, ist für den Erhalt einer Erwerbsunfähigkeitsrente in Höhe von 1.500 € (einschließlich einer Erhöhung der Rente von 2% pro Jahr) bis zu einem Alter von 65 Jahren ein monatlicher Beitrag von ca. 42,00 € zu zahlen.

Verdienstausfall bei Krankheit

Bei der Betrachtung einer Lohn-Ersatzleistung in Form eines Krankentage-Geldes (KTG) bleiben Kinder unberücksichtigt, da diese i.d.R. kein Einkommen erzielen – hier gibt es also kein Risiko, das es wert wäre, abgesichert zu werden.

Außerdem ist es nachweislich belegbar, dass bei der heutigen Regelung (die ersten 6 Wochen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall durch den Arbeitgeber, danach Krankengeld von der Krankenkasse bis max. zu 78 Wochen) Montage, Freitage und sogenannten Brückentage den höchsten Krankenstand aufweisen, was wiederum auf den ‘Moral-Hazard’-Effekt zurückzuführen ist. Wir schließen deshalb bei unserer Berechnung 7 Karenztage ein, was bedeutet, dass die finanziellen Einbußen der ersten Woche einer Krankheit aus Eigenmitteln ausgeglichen werden müssen; dafür erfolgt im Gegensatz zu dem ‘staatlichen’ KTG keine ‘Aussteuerung’; d.h. man erhält das KTG ohne zeitliche Begrenzung – halt solange, wie die Krankheit andauert. Mit zunehmenden Alter und der damit einhergehenden steigenden Fähigkeit, Vermögen zu bilden, können zwecks Senkung der Beitragshöhe weitere Karenztage vereinbart werden.

Was kostet nun dieser Schutz? Nun, ein 18jähriger zahlt monatlich für den Erhalt von 50 € KTG (50,00 € x 30 Tage = 1.500 € pro Monat) bei einem leistungsstarken Versicherer zwischen 47,00 € (weiblich) und 70,00 € (männlich); ein 45jähriger für dieselbe Leistung zwischen 100,00 € (männlich) und 110,00 € (weiblich) – er bzw. sie kann den Beitrag aber auf bspw. 52,00 € (männlich) bzw. 58,00 € reduzieren, wenn wie vorgehend näher beschrieben, eine längere Karenzzeit gewählt wird (hier 28 statt 8 Tage).

Wir bilden also zwecks später zu erfolgender Aufrechnung ein Mittelwert und halten fest, dass ein Krankentagegeld in Höhe von 1.500,00 Euro pro Monat mit ca. 60,00 € monatlichen Beitrag zu Buche schlägt.

Zwischenfazit:

Um die vorgehend beschriebenen Leistungen und Preise mit denen der staatlichen Sozialversicherung vergleichen zu können, analysieren wir den Sachverhalt anhand eines Beispiel einer Muster-Familie, die aus einem jungen Ehepaar (Er: 30 Jahre alt, Sie: 25 Jahre alt) und zwei Kindern (5Jahre und 3 Jahre alt) besteht. Beide sind in Vollzeit (40 Std. pro Woche) als Arbeitnehmer berufstätig – er verdient derzeit brutto 2.500 € und sie 1.800 € pro Monat.

Der Ehemann zahlt somit für diesen Zeitraum 1.061,26 € (511,88 € Eigen- / 549,38 € Arbeitgeberanteil) und die Ehefrau 764,10 € (368,55 € Eigen- / 395,55 € Arbeitgeberanteil) in die Sozialversicherung ein – ergo ergibt sich ein Gesamtbeitrag für die Eheleute von 1.825,36 €.

Hinzugerechnet wird ein fiktiver Anteil, der sich aus den staatlichen Zuschüssen aus Steuermitteln, die die Eheleute ja anteilig aufbringen müssen, zur Sozialversicherung ergibt. Die Höhe dieser Zuschüsse beläuft sich z.Z. Auf 81 Mrd. € für die Renten- und 14 Mrd. € für die Krankenversicherung pro Jahr. Teilt man nun die Summe von 95 Mrd. € durch alle Steuerzahler (der Einfachheit halber stellen wir an dieser Stelle nicht auf die einzelnen Steuerarten ab, sondern verstehen unter dem Begriff ‘Steuerzahler’ alle Mitglieder einer Gemeinschaft, die über irgendeine Art von Einkommen verfügen – also im Prinzip alle Erwachsenen), deren Zahl in Deutschland ca. 70 Mio. beträgt, so ergibt dies einen Pro-Kopf-Anteil in Höhe von 1.357 €, berechnet auf den Monat also ca. 113 €. Die realen Kosten für die staatliche Zwangsabsicherung dieser Familie belaufen sich demnach auf monatlich 2.051,36 € (1.825,36 € + 2 x 113,00 €); bezogen auf das reale Bruttogehalt in Höhe von 5.244,93 € (2500 € + 1800 € + die jeweiligen Arbeitgeberanteile) sind dies stattliche 40% vom Gesamteinkommen!

Diese Summe bildet den Ausgangspunkt unserer Berechnung – wir ziehen von dieser in der Folge die Aufwendungen ab, die für eine private Absicherung der beschriebenen Risiken anfallen würden.

Zuerst unterstellen wir den Eheleuten, dass sie sich seit ihrer Jugendzeit gegen eine drohende Erwerbsunfähigkeit versichert hätten (wobei deren Eltern in den Anfangsjahren die entsprechenden Beiträge aufbringen würden): Sie hätten zu diesem Zweck monatlich jeweils 42,00 € zu zahlen; der Zwischenstand beträgt also 1.967,36 € (2.051,36 € – 2 x 42 €). Weiter nehmen wir an, dass sie seit ihrem Eintritt in das Arbeitsleben den Verdienstausfall bei Krankheit abgesichert hätten, hierfür wären jeweils 60 € fällig; der neue Zwischenstand beträgt demnach 1.847,36 € (1.967,36 € – 2 x 60 €). Nun betrachten wir die Kinder, die seit ihrer Geburt gegen die irreversiblen Folgen von Unfällen und Krankheiten abgesichert waren: deren Schutz belastet das Budget mit jeweils 25,00 €; dies ergibt also summa summarum einen Zwischenstand von 1.797,36 € (1.847,36 € – 2 x 25,00 €).

Schlussendlich spendieren wir den Eltern als Ausgleich zur gesetzlichen Unfallversicherung (die hierfür zu entrichtenden Beiträge sind bei der staatlichen Absicherung durch den Arbeitgeber zu leisten) eine private UV mit adäquaten Leistungen, für die der Mann 20 € (Gefahrenklasse B) und die Frau 15 € (Gefahrenklasse A) zu zahlen hätte, was das vorläufige Endergebnis in Höhe von 1.762,36 € ergibt.

Diese Summe steht uns also für die Behandlungen von Krankheiten, das Ansparen von Vermögen im Alter (Rente) und die Absicherung der Pflegefall-Risikos zur Verfügung. (der Faktor ‘Arbeitslosigkeit’ ist an dieser Stelle bewusst ausgespart, da er in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht über Geldleistungen, sondern anderweitig abgesichert wird; näheres dazu im Teil II).

Die Kosten der Behandlung von Krankheiten
Im Gegensatz zu den Startpunkten bzgl. der vorgehend beschriebenen Risikoabsicherungen betrachten wir in diesem und im nächsten Fall die Beitragshöhe bei jetzigem Versicherungsbeginn und versichern die Familienmitglieder analog zu den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung (bei teilweise besseren Leistungen als diese) mit einer Selbstbeteiligung von 360 € pro Jahr.

Für diesen Schutz muss der Ehemann heutzutage monatlich ca. 180,00 € und die Ehefrau ca. 225,00 € pro Monat einplanen; für die beiden Kinder wären jeweils rund 70,00 € zu zahlen – sodass wir hinsichtlich dieses Risikos auf eine Gesamtbeitragshöhe von 545,00 € kommen, was einen neuen Zwischenstand von 1.217,36 € ergibt.

Die Absicherung des Pflegefall-Risikos
Um eine Pflege-Rente, deren Leistungen den momentan von der staatlichen zugesagten Versorgung entspricht (1.500 € pro Monat / 100% bei Pflegestufe III, 60% bei Pflegestufe II und 40% bei Plegestufe I), zu erhalten, müsste der Ehemann einen Monatsbeitrag in Höhe von 14,50 € und die Ehefrau von 15,50 € bezahlen – somit erreichen wir den neuen Zwischenstand von 1.187,36 €.

Der Risiko-“Puffer“
Bevor wir zur Vermögensbildung kommen, ziehen wir eine Sicherheitsbarriere gegen steigende Beiträge und zu leistende Selbstbeteiligungen bzw. abzugeltende Karenztage ein. Zur Vermeidung von dadurch akut auftretenden finanziellen Belastungen führen wir pro Monat einen Betrag in Höhe von 150,00 € ab, der verzinslich in einen Sparvertrag fließt. Auf das dort angesammelte Guthaben kann jederzeit Rückgriff genommen werden. Wir unterstellen, dass mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und mit dem Beginn der Rente das hier angesammelte Guthaben vollständig von den Eheleuten verbraucht worden ist. Der neue Zwischenstand beträgt somit 1.037,36 €.

Vermögensbildung / Rente
Die sogenannte ‘Eck-Rente’ (Durchschnittsrente bei ununterbrochener Beitragszahlungsdauer von 45 Jahren) beträgt ab dem 01.07.2011 in Deutschland 1.236,00 € – dies soll unsere Zielvorgabe sein. Um 35 Jahre lang – vom Alter 65 bis 100 – eine Rente ausgezahlt zu bekommen, die zudem jedes Bezugsjahr um 2% steigt (Inflationsausgleich), ist bei einer unterstellten Verzinsung des Kapitalstocks von 3% eine Guthaben-Höhe von 436.000 € Voraussetzung.

Die Frage, die sich stellt, lautet: Welchen Betrag muss unser Beispiel-Ehepaar pro Monat über die Zeitdauer von 45 Jahren einzahlen, um bei einer durchschnittlichen Verzinsung des Guthabens von 3% am Ende dieser Laufzeit über 872.000 € zu verfügen? Die Antwort heißt: 771,00 € – also 266,36 € weniger als ‘Masse’ zur Verfügung steht.

Mit diesen Aufwendungen würden also beide eine Renten in Höhe von 1.236,00 € erzielen – was in etwa 100% des Nettolohnes entspräche, den die Ehefrau momentan verdient (1.233,57 €) und 76% des Nettolohnes wäre, den der Ehemann heute auf sein Konto überwiesen bekommt.

Dies sind natürlich Traumwerte, die die staatliche Rentenversicherung nicht erreicht – hier liegt es im Ungewissen, welche Rentenhöhen in Zukunft gezahlt werden können. Glaubt man den Voraussagen, dass ab dem Jahr 2030 ein Rentenniveau (netto vor Steuern) in Höhe von 43% vom letzten Nettolohn gehalten werden kann, würde dies für unser Ehepaar bei gleichbleibenden Löhnen bedeuten, dass sie jeweils mit der etwaigen Hälfte dieser Nettolöhne als Rente rechnen könnten (von diesen müssten dann nach Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge gezahlt werden).

Somit sind realistischerweise (oder besser gesagt: optimistischerweise) lediglich staatliche Rentenhöhen nach heutiger Kaufkraft von insgesamt 811,44 € (1.622,87 € x 50%) und 616,78 € (1.233,57 € x 50%) zu erwarten, was einer Gesamtsumme von 1.428,22 € entspricht. Übertragen auf vorgehend beschriebene private Anspar-Modell bedeutet dies, das zu einer Auszahlung einer Summe von 1.428,22 € nach den oben beschriebenen Kriterien lediglich ein Kapitalstock von 504.000 € vorhanden sein muss. Um diesen über 45 Jahre aufzubauen, wäre bei einer 3% Verzinsung nur eine monatliche Einzahlung von 445,73 € notwendig.

Schlussbemerkungen
Somit ist festzuhalten, dass das staatliche Sozialversicherungssystem selbst Mitbürger übervorteilt, die nicht zu den Spitzenverdienern gehören – im dargestellten Beispiel beläuft sich der Verlust für die Familie auf sage und schreibe 591,63 € pro Monat (Zwischenstand vor Vermögensbildung: 1.037,36 € abzüglich 445,73 € Rate als Gegenwert für die Rente) – und mit steigendem Einkommen wird der Verlust sogar größer! Und nun ist es ja nicht so, dass diese Überzahlung in einer höheren Leistung begründet werden kann – es ist eher das Gegenteil der Fall: bei sämtlichen beschriebenen privaten Absicherungen entspricht der Versicherungsumfang mindestens der der staatlichen Versorgung, in einigen Fällen liegt er sogar deutlich höher.

Sehr aufschlussreich ist auch die Prüfung nach ‘unten’: Lohnt sich die staatliche Zwangsversicherung wenigstens für Geringverdiener? Wenn ja, könnte man – wenn man die ethische Komponente außer Acht lässt und dieses System lediglich aus dem Blickwinkel der Zweckmäßigkeit betrachtet – mit einigem Recht von einem sozialen Ausgleich sprechen.

Rechnen wir also nach und begrenzen dabei die Leistungen der fiktiven privaten Absicherung auf das Level, das die staatliche Versicherung vorgibt:

Ein Arbeitnehmer erhält für eine Vollzeittätigkeit 800,00 € Brutto (= 634,19 € Netto) im Monat. Seine Beiträge zur Sozialversicherung betragen 165,80 €; der Arbeitgeber zahlt zusätzlich 175,80 €. Zusammen mit dem anteiligen Bundeszuschuss zur Renten- und Krankenversicherung (siehe oben) in Höhe von 113,00 € erreichen seine Beiträge eine Gesamtsumme von 454,60 €.

Nun rechnen wir wieder ‘rückwärts’: 454,60 € – 200,00 € Krankenversicherung (Mittel m/w) – 30,00 € KTG (Höhe: 750,00 €/Monat) – 21,00 € Erwerbsunfähigkeitsversicherung (Höhe: 750,00 €/Monat) – 15,00 € Pflegeversicherung (Höhe: 1.500,00 €/Monat) – 10,00 € Unfallversicherung – 50,00 € Risiko-Puffer = 128,60 €. Diese Summe als monatlichen Betrag mit 3%iger Verzinsung über 45 Jahre angelegt, ergibt einen Kapitalstock in Höhe von 145.410 €, der wiederum für die Auszahlung einer Monatsrente von 412,20 € (jährlich steigend um 2%) über 35 Jahre dienen könnte – dies ist mit einiger Sicherheit in etwa so viel wie ihm die staatliche Rentenversicherung zukünftig überweisen wird und nach heutigem Maßstab bis zur Höhe der „Grundsicherung im Alter“ aus Steuermitteln aufgestockt werden müsste.

Das Entlarvende daran ist, dass wir uns bei dieser Verdiensthöhe bereits auf Hartz4-Niveau bewegen: Ein ALGII-Empfänger hat seit dem 01.01.2012 einen gesetzlich verbrieften Anspruch auf den Erhalt von 374,00 € (Regelsatz). Zusätzlich werden vom Staat (bzw. Kommune) die Kosten für eine angemessene Wohnung sowie deren Heizung übernommen (diese setzen wir einmal pauschal mit 250,00 € an, da regional unterschiedlich hohe Kosten anfallen und diese somit nur geschätzt werden können). Rechnen wir nun noch Leistungen hinzu, die der Staat ausschließlich diesem Personenkreis gewährt – hier sei nur einmal als Beispiel die GEZ-Befreiung in Höhe von 18,00 € genannt – ergibt sich ein Transferleistung von 642,00 € pro Monat. Die Summe entspricht in etwa der Nettolohn-Höhe des 800€-Brutto-Verdieners, der seine Sozialversicherungsbeiträge selbst (zzgl. des AG-Anteiles) entrichten muss, während für den ALGII-Empfänger zusätzlich zu der erhaltenen Transfersumme Beiträge in Höhe von 115,00 € für die Krankenversicherung und 15,00 € für die Pflegeversicherung aus dem „Steuersäckel“ in die Sozialkassen gezahlt wird.

Es kann also mit Fug und Recht davon ausgegangen werden, dass das Sozialversicherungssystem nur einer kleinen Minderheit der Versicherten – und zwar den Geringstverdienern mit Familie – nützt und durchaus durch eine privatrechtliche Absicherung verlustfrei ersetzt werden könnte (solange man dieser Gruppe bspw. Beitragszuschüsse zahlen würde). Die einzige Ausnahme bildet die Versicherung der finanziellen Folgen der Geburt eines behinderten Kindes während der Schwangerschaft – hier kann leider kein Vergleich erfolgen, da es in diesem Bereich noch keine Angebote von Privatversicherungen gibt. Da dieses Risiko jedoch überschaubar und zudem zeitlich begrenzt ist, dürfte sich eine zu zahlende Prämie im überschaubaren Rahmen bewegen.

Kommen wir schlussendlich zur prophylaktischen Behandlung von ‘beliebten’ Einwänden:

Immer wieder gern wird von etatistischer Seite versucht, privaten Versicherungsunternehmen zu unterstellen, sie würde sogenannte „schlechte Risiken“ nicht decken – solange kein gesetzlich vorgeschriebener „Annahmezwang“ existieren würde – und in der Tat, ein solcher wäre mit voluntaristischen Prinzipien nicht vereinbar. Nach dieser Logik wäre also eine soziale Absicherung aller Mitglieder einer freiheitlichen Ordnung auf privatrechtlicher Ebene nicht möglich und aus diesem Grund benötige man den Staat.

Aus diesem ‘Dilemma’ können mehrere Auswege führen:
(a) Es ist durchaus denkbar, dass Versicherungsunternehmen auf freiwilliger Basis eine Annahme-Garantie abgeben. Diese könnte dadurch finanziert werden, dass man den potentiellen Versicherungsnehmern neben den ‘Normaltarifen’ sogenannte ‘PL-Tarife’ (PL=Pool-Lösung) anbietet, die einen prozentualen Aufschlag (z.B. 5%) enthalten. Diese ‘Extraprämie’ wird von den Versicherungsunternehmen in ein zentrales Kapital-Sammelbecken abgeführt, aus dem sich wiederum Gesellschaften nach bestimmten Kriterien Beträge als Ausgleich zur Annahme ‘schlechter Risiken’ entnehmen dürfen. Warum sollte aber ein potentieller Versicherungsnehmer einen ‘PL-Tarif’ wählen, wenn er den gleichen Schutz doch preiswerter haben kann? Nun, weil er einen Wert (hier: freiwillige Einsicht in die Notwendigkeit des Versicherungs-Zugangs für alle, die er für wünschens- und erstrebenswert hält) einem anderen Wert (Beitragsersparnis) vorzieht.

(b) Es kann auch sein, dass nach dem Vorbild der heutigen „Bad Banks“ diese ‘schlechten Risiken’ in eine Extra-Versicherungsgesellschaft ausgegliedert werden. Diese wirbt dann zur Finanzierung der Leistungen für ihre Versicherten Spenden ein.

Ein ebenso beliebter Vorwurf, der zur Verteidigung der ‘umlagefinanzierten’ Rente gegen die ‘kapitalgedeckte’ Rente in die Debatte geworfen wird, ist die angeblich höhere Sicherheit der ersteren. Dazu sei folgendes bemerkt:

(a) Das ‘Argument’, dass aufgrund der demografischen Entwicklung die deutsche Volkswirtschaft nicht in der Lage ist, Kapitalmassen einer größer werdenden Rentnergeneration aufzunehmen, da es immer weniger im Arbeitsprozess Stehende gibt, zieht nicht. Diejenigen, die so argumentieren, sehen nicht ‘über den Tellerrand’ hinaus: es gibt weltweit aufstrebende Volkswirtschaften, in denen junge Menschen den Löwenanteil an der Bevölkerung stellen und die dringend Kapital benötigen. Als Beispiel sei hier Vietnam genannt: in diesem Land ist die Hälfte der Bevölkerung jünger als 15 Jahre.

(b) Das Ausmaß der immer wieder auftretenden Finanzkrisen, in deren Folge Kapitalvermögen im großen Stil vernichtet werden, hat im Wesentlichen eine Hauptursache: das ungedeckte Papiergeldsystem mit der ihm inhärenten, quasi unbegrenzten Möglichkeit der ‘Geldschöpfung aus dem Nichts’. Eine voluntaristische Ordnung kennt ein solches Geldsystem nicht – hier existiert ein entnationalisiertes, sachwertgesichertes, freies Marktgeld.

(c) Bei der Kapitalanlage sollte die Diversifikation an oberster Stelle stehen; so ist die hier avisierte Verzinsung in Höhe von 3% p.a. realistisch zu bewerten – zumal Ludwig von Mises nachgewiesen hat, dass die Zentralbanken eines staatsmonopolistischen Währungssystem die Neigung besitzen, den ‘natürlichen Zins’ herabzudrücken (nachzulesen in: „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“). Somit ist bei einem Marktgeldsystem mit tendenziell höheren Zinsen zu rechnen.

Fazit:
Es kann also als bewiesen angesehen werden, dass eine soziale Absicherung der Mitglieder einer freiheitlichen Ordnung nicht nur möglich, sondern im Vergleich zu der eines Wohlfahrtsstaates sogar überlegen ist. Diese ist eine Chimäre, die eine alternativlose Absicherung vorgaukelt und so die Macht von Politikern festigt. Ihre Wirkung beschränkt sich allein darin, einen ‘Wasserkopf’ von Unproduktiven auf Kosten der Produktiven zu versorgen. Wir können nicht wissen, welche diesbezüglichen zusätzlichen Einrichtungen eine voluntaristische Gesellschaft hervorbringen wird – was wir aber nun wissen, ist die Tatsache, dass schon mit den Produkten der heutigen Versicherungswirtschaft dasselbe Ziel bei einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis der Mittel erreicht werden kann und wir mit dieser Erkenntnis jedem Etatisten Paroli bieten können.
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Ralf Karnowsky, Jahrgang 1961; geboren und aufgewachsen in der ehemaligen DDR; Atheist, Ehemann und Vater; Autodidakt in den Bereichen Ökonomie, Soziologie und Philosophie; lebt und arbeitet in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) als selbständiger Versicherungsmakler

Kommentare:

  1. >Sozialstaatübel

    BTW: "Indem der WILLE, gesund und arbeitsfähig zu bleiben, geschwächt oder gänzlich zerstört wird, erzeugt Sozialversicherung Krankheit und Arbeitsunfähigkeit;

    sie produziert die Angewohnheit, sich zu beschweren [!] - welches selbst eine Neurose ist -, und Neurosen anderer Art. ...

    Als eine soziale Institution macht sie ein Volk körperlich und geistig krank oder führt zumindest dazu, dass sich Krankheiten vermehren, in die Länge ziehen und intensivieren.

    ... Die Sozialversicherung hat somit die Neurosen der Versicherten in eine gefährliche öffentliche Seuche verwandelt...

    Wir können nicht den WILLEN zur Gesundheit schwächen oder zerstören, ohne Krankheiten zu erzeugen" (Ludwig von Mises, Socialism; zitiert aus: Hoppe, Demokratie, S. 370).

    --
    Das Wählen ist meine Losung,
    der Nerv meiner Lebensanschauung (Kierkegaard)

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  2. Danke für diesen erhellenden und ausführlichen Beitrag!

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  3. Der Begriff „Soziale Marktwirtschaft" stammt von dem Freiwirtschaftler Otto Lautenbach, der im Januar 1953 die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM) gründete. In enger Zusammenarbeit mit dem damaligen Wirtschaftsminister und späteren Bundeskanzler Ludwig Erhard sollte erstmalig eine „freie Marktwirtschaft ohne Kapitalismus" (echte Soziale Marktwirtschaft) verwirklicht werden. Im Juli 1954 verstarb Otto Lautenbach, die ASM zerfiel im Streit (eine Organisation gleichen Namens existiert heute noch, sie verfügt aber über keinerlei makroökonomische Kompetenz mehr). Für die makroökonomische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland wurde ein von der so genannten „katholischen Soziallehre" beeinflusstes Konzept von Alfred Müller-Armack übernommen, eine „sozial gesteuerte Marktwirtschaft" (kapitalistische Marktwirtschaft mit angehängtem „Sozialstaat"), für die sich später der Begriff „soziale Marktwirtschaft" einbürgerte.

    Zwischen der Perversion, in der wir (noch) existieren, und der echten Sozialen Marktwirtschaft kann es keinen größeren Unterschied mehr geben:

    Soziale Marktwirtschaft

    Wo wir heute vielleicht schon sein könnten, wäre die Natürliche Wirtschaftsordnung (echte Soziale Marktwirtschaft) bereits 1916 verwirklicht worden, kann bestenfalls erahnen, wer die „Großen Vier" (Heinlein, Asimov, Lem, Clarke) vollständig gelesen hat. Wo die Menschheit aber heute wäre, hätte es die „heilige katholische Kirche" nicht gegeben, sprengt jedes Vorstellungsvermögen:

    Himmel auf Erden

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  4. Gut, dass man nur in paar Zeilen in den Text reinlesen muss, um zu erkennen, welch menschenfeindliche Ideologie hinter dem angeblich so freiheitlichen Gemeinwesen steckt!
    In einer freiheitlichen Gesellschaft sollte es für jede schwangere Frau zur Normalität werden, sich freiwillig entsprechenden Untersuchungen zu unterziehen – denn die Information über eine eventuelle Behinderung ihres Kindes ist für sie von existentieller Bedeutung. Dabei obliegt es ihr (evtl. zusammen mit dem Kindsvater), sich für oder gegen das Austragen eines behinderten Kindes zu entscheiden; allerdings mit der Konsequenz, nach dessen Geburt für dieses Kind die volle Verantwortung tragen zu müssen – was im Extremfall über die gesamte Lebensspanne des Kindes dauern kann. Ein Anspruch auf einen Übertrag dieses Risikos auf eine anonyme „Gesellschaft“, die die Lebenshaltungskosten für dieses Kind übernimmt, ist in einer freiheitlichen Gesellschaft ausgeschlossen.
    In anderen Worten: "In einer freiheitlichen Gesellschaft muss jede schwangere Frau sich einer Untersuchung unterziehen, da sie andernfalls mit den Kosten für ein behindertes Kind im Stich gelassen wird!" - Ich nenne das nicht eine "freiheitliche", sondern eine faschistische Gesellschaft!

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  5. ... und ich nenne eine Gesellschaft, deren Mitglieder die Konsequenzen ihres Handelns nicht selbst zu tragen brauchen, da sie diese der 'Allgemeinheit' aufbürden können, Kollektivismus-

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