Mittwoch, 14. November 2012

Wie frei bin ich eigentlich?

Gastbeitrag von Bastian Wilkat
Der folgende Beitrag ist sehr persönlich und hat meine Ansichten zum Thema Freiheit zum Inhalt. Er soll beispielhaft darstellen, was Einfluss auf meine jetzige Überzeugung genommen hat. Dabei ist das Wort jetzig hervorzuheben. Dieser Beitrag ist ein Momentausschnitt meiner tiefen Überzeugungen und Gefühle in Bezug auf meine eigene Freiheit. Geprägt durch Erziehung, Bildung, soziales Umfeld und sicher auch durch das Internet, hat sich mein Verhalten über die Jahre geändert – mein Grundstreben nach Freiheit pocht jedoch beständig in mir.

Ich sehe Freiheit nie als etwas Absolutes – es ist immer kontext- und verhältnisabhängig. Begrifflich kann ich es gut mit Perfektion vergleichen. Auch wenn es sicher Menschen gibt, die sich die Charaktereigenschaft des Perfektionisten zuschreiben: es gibt keinen objektiv perfekten Menschen – obgleich es natürlich Verliebte gibt die sagen, dass sie den perfekten Partner hätten. Auch wenn ich da etwas Selbstbetrug unterstelle, so wäre es falsch, wenn ich mir erlaube diese Meinung in Frage zu stellen. Die entsprechende Person setzt für ihr Verständnis von Perfektion nämlich einen anderen Maßstab an als ich es tun würde. Objektive Perfektion kann es meiner Meinung nach nur in komplizierten, nicht in komplexen Systemen geben (zur Unterscheidung siehe hier). Perfektion kann jedoch auch in komplexen Systemen als anzustrebender Zustand angesehen werden. Produzierende Unternehmen, welche nach den Leanprinzipien arbeiten, streben z.B. den perfekten Fluss des Wertstroms an. Dazu gibt es u.a. regelmäßige Kaizentstehungen. Damit sollen kontinuierlich kleine Verbesserungen durchgeführt werden. Im Vergleich zu einem Innovationsprojekt ist diese Routine nie zu Ende – es geht immer noch besser und es gibt nicht den perfekten Zustand.
Zurück zum Freiheitsbegriff. Freiheit ist in erster Linie also ein subjektiver Begriff. Man darf ihn nicht als starren Zustand verstehen. Alleine durch Eigenbewertungen, Maßstäbe und Auslegung kann von Freiheit im absoluten Sinne nicht gesprochen werden. Dies sei zur Einleitung gesagt, da ich immer wieder mit Menschen rede, die ihren eigenen Maßstab zur Grundlage einer Diskussion machen und auf „ihrem Spielfeld“ argumentieren. Ich wundere mich dann natürlich nicht, wenn das Gespräch zu nichts führt oder es gleich zu einem Konflikt kommt. Dennoch hat doch keiner der beiden Gesprächspartner etwas gewonnen, außer vielleicht der Bestätigung des eigenen Bildes. Ich werde auch im Folgenden den Begriff Freiheit nicht glasklar definieren.

Was ist Freiheit für mich denn nun?
Ich bin in meinem Leben nicht frei. Ich bin sogar der Überzeugung, dass ich bis zu meinem Todestag sagen werde: Ich bin in meinem Leben nicht frei. Es gibt aber dennoch Umstände in denen ich überzeugt sagen kann, dass ich frei in dieser oder jener Handlung bin. Und diesen Anteil will ich seit ich denken kann erhöhen. Anders gesagt: ich möchte den „nicht freien“ Anteil meines Lebens verringern. Aber was ist der nicht freie Anteil?

Als ich vor 4 Jahren mein Studium in Oldenburg begann, hatte ich einen gut bezahlten Nebenjob in meiner alten Heimat. Diese liegt knapp 70 km von Oldenburg entfernt und ist per Zug in 45 Minuten zu erreichen. Ich wohnte unter der Woche in Oldenburg und pendelte am Wochenende zum Arbeiten nach Leer. Das konnte ich mir nur leisten, weil in den Studiengebühren von ca. 750 Euro ein Semesterticket enthalten war, mit welchem ich die Regionalzüge der DB nutzen durfte. Zu dem Zeitpunkt war es in diesem Fall für mich natürlich perfekt: eine Zugflatrate. In meinem Studiengang waren jedoch auch viele Kommilitonen, welche ebenfalls in Oldenburg wohnten und dort auch an den Wochenenden blieben, sowie einige, welche außerhalb wohnten, aber ein eigenes Auto für das Pendeln nutzten. Und die Personen in den letzteren beiden Fällen mussten ebenso wie ich den selben Beitrag zahlen. Auch wenn ich damals davon profitiert habe, ich empfand es als sehr unfair, dass pauschal alle eingeschriebenen Studenten gezwungen wurden (und während ich diese Zeilen schreibe ist es immer noch so), den Beitrag für das Semesterticket zu zahlen. Wie bei so vielen Aktionen des Staates unter dem Banner des "Allgemeinwohls", wurde mir bei dem Gedanken an die Beziehung zwischen Staat bzw. Stadt und Bürger das erste Mal anders. Das erste Mal habe ich wirklich wahrgenommen wie ich eingeschränkt werde.
Als ich während des Studium das deutsche Steuerrecht kennenlernen durfte, war ich nur noch geschockt. Über die Anzahl der Steuern und die überbordende Bürokratie mit unbegreiflicher Ineffizienz will ich hier gar nicht erst anfangen. Vielmehr regt mich bis heute die Willkür der Steuern auf. Ein relativ harmloses Beispiel: Ich zahle der Stadt Oldenburg pro Jahr 108 Euro Hundesteuer. Als ich Kind war, hatte meine Familie ebenfalls einen Hund. Und ich wusste schon seinerzeit, dass meine Eltern für den Hund Steuern entrichten mussten. Damals war ich jedoch so naiv und dachte, dass das Geld ausschließlich dafür verwendet wird, dass Hundelaufplätze und Kotbeutel zur Verfügung gestellt werden. Heute weiß ich, dass das Geld pauschal in einen Pott fließt und dann nach Gusto für irgendetwas verteilt wird, aber sicher nicht für etwas, das mit dem Namen der Steuer zu tun hat. Heute wäre ich übrigens nicht mal mehr froh, wenn das Geld direkt und ohne Umschweife zweckdienlich eingesetzt werden würde. Selbst dann würde mir die Stadt das Geld ohne meinen Willen klauen und entscheiden wofür es eingesetzt werden soll. Dann gibt es viele Ausschüsse und stundenlange Diskussionen. Mit Glück dürfen ein bis zwei Bürgervertreter dabei sein. Und dann wird irgendwann gesagt: "So, wir bauen nun einen Hundehindernisparcours!" Dass mein Hund Hindernisse hasst und lieber schwimmen geht ist dann egal: "Die meisten Hundebesitzer freuen sich darüber" höre ich schon wieder in meinem Kopf. Aber irgendwie höre ich auch: "Deswegen werden wir auch hoffentlich wiedergewählt!"
Das waren zwei ganz kleine und vermeintlich unbedeutende Beispiele. Da ich nächstes Jahr aus meiner Teilzeittätigkeit neben dem Studium aussteige und Vollzeitarbeitender werde, der derzeit ledig und bisher kinderlos ist, werde ich mich noch ganz viel über den Staat freuen.
Jeder Leser erahnt es bereits: ich fühle mich meiner Freiheit fast ausschließlich durch den Staat beraubt. Ich habe nicht einmal die Freiheit kurzfristig ein Arbeitsverhältnis zu kündigen, in welchem ich mich nicht mehr wohl fühle. Der Staat greift in meine freie Entscheidung ein, dass ich aus einem privatrechtlichen Vertrag aussteigen will. Der Staat bestraft denjenigen, der durch Fleiß versucht sein eigenes Studium zu finanzieren, indem ab einem Verdienst von 400 Euro alle üblichen Beiträge abgeführt werden müssen. Und BAföG-Empfänger bekommen die Hälfte des geliehenen Geldes vom Staat geschenkt und dürfen sich alle Zeit beim Zurückzahlen lassen. Wäre es für den Staat nicht besser, wenn möglichst wenige Menschen BAföG beziehen und sich das Studium mit eigenem verdienten Geld finanzieren? Warum zieht er dann solche Hürden auf? Warum mischt er sich da überhaupt ein?
Soviel zu einigen praxisnahen Erlebnissen der Sorte "Vater Staat und ich".
Ich bin in meinem Leben nicht frei - aber ich werde nicht müde mich für Freiheit einzusetzen.
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Bastian Wilkat, Jahrgang 1987 studiert den Master Management Consulting in Oldenburg und ist nebenbei in einer Unternehmensberatung tätig. Darüber hinaus engagiert er sich bei Intrinsify.Me für selbstbestimmtes Arbeiten.

Kommentare:

  1. Du hast ja sooo recht ! mir geht es oft genauso wie du es hier beschreibst (zumal ich auch noch in der Steuer Branche arbeite)

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  2. Danke für deinen Kommentar! Freut mich, dass dir mein Beitrag gefallen hat!

    Bastian

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