Montag, 5. November 2012

Medizinismus als Form des Faschismus

Tommy Casagrande 
Wir leben in einer Zeit, da wird in Diskussionen um Gesundheitsthemen ein jeder zum Mediziner. Ist rauchen schädlich? Und wenn ja, wie schädlich? Sollen Eltern im Beisein ihrer Kinder rauchen dürfen? Ist Impfen schädlich? Und wenn ja, wie schädlich? Sollen sich Menschen impfen lassen dürfen, oder sollte man vielleicht jedem eine Impfung aufzwingen? 
Auch unter Libertären, wobei sich die berechtigte Frage stellt, ob es sich dabei um solche handelt, ist die Antwort nicht immer frei von Zwang und Gewalt. Es gibt hier und da immer wieder mal Menschen, die von sich selber behaupten, sie stünden für Freiheit, aber sobald es um diverse Themen der Gesundheit geht, will man davon nichts mehr wissen. Das bedeutet nichts anderes, als dass das etatistische Denken nicht ganz abgelegt wurde und man sich unreflektiert der Sprache der Gewalt und des Staates bedient. 
Im Prinzip ist das alles kein Problem, wenn es keinen Zwang gibt. Sobald es irgendwo einen gesetzlichen Zwang gibt, gibt es stressige und müßige Diskussionen, in denen man sich ab einem gewissen Punkt im Kreis dreht, weil der Diskussionspartner in seiner Argumentation hüpft. Das heißt, widerlegt man eine Aussage, kehrt er zu einer Aussage zurück, die er vor 2 Minuten bereits getätigt hat. Das ist ein Dilemma bei Diskussionen, in denen nicht beide die Logik als Findung von Wahrheit akzeptieren. 
In einer Privatrechtsgesellschaft á la Hoppe könnte auf seinem Eigentum ein jeder tun und lassen was er möchte. Niemand dürfte ihn mit Gewalt daran hindern, eine Zigarette im Beisein seines Kindes zu rauchen, genauso wenig wie man ihn zwingen dürfte, sich impfen zu lassen. 
Viele Menschen, auch einige Libertäre, machen den Fehler, sofort weiter zu denken und sich ausschließlich negative Szenarien auszumalen, was alles passieren kann, wenn man hier keine Gewalt gegen jene anwendet, die in Ruhe gelassen werden wollen. Rauchen sei ein Gift, wird argumentiert, und dieses verletze das Kind und schädige sein Selbsteigentum. Maßlos übertrieben ist diese Annahme deswegen, weil Rauchen seit Jahrhunderten auf verschiedene Weisen praktiziert wird. Die Menschheit, so lange sie bereits raucht, ist weder massenweise durch direktes, noch durch indirektes Rauchen gestorben. Wäre Rauchen so teuflisch, wie das in den letzten Jahren dargestellt wurde, dann wären die Todesraten enorm hoch. Doch dies ist nicht belegbar. Es gibt Menschen, die ihr Leben lang keine gesundheitliche Beeinträchtigung erleiden, weil sie rauchen. Und wie alles im Leben gilt: Was ich mache, mache ich auf eigenes Risiko. Das gilt ebenso für das Fahren von Autos. 
Was man jedoch merkt ist, dass man den Pfad der Freiheit verlässt, wenn man über Wirkungen und Konsequenzen diskutiert. Wenn sich eine schädliche Wirkung nachweisen lässt, dann gilt dies als richterliches Urteil für ein allgemeines Verbot. Dabei wird aber nicht zwischen Können und Müssen unterschieden. Es gibt Substanzen, die schädlich sein können. Rauchen mag dazu gehören. Aber es gibt vieles auf dieser Welt, das unter diese Rubrik fällt. Wenn man zu viel Zucker zu sich nimmt, kann das auch schädlich sein. Wenn man zu wenig isst, kann das ebenso schädlich sein. Wenn ich mit dem Auto fahre, kann das eventuell ein Menschenleben kosten, wenn ich nicht aufpasse. Der Bereich für Dinge, die schädlich sein können, ist unendlich groß und spiegelt das Leben mit seinen Risiken wieder. 
Nun gibt es auch Dinge, die schädlich sein müssen. Wenn einem heiß ist wie ein mit Uran angereicherter Brennstab und man sich im Kühlbecken des Atomkraftwerkes abkühlen will, dann ist dies zwingend schädlich und die Ursache-Wirkung kausal auszumachen. Im Falle von Zigarettenrauch konnte ein solcher Ursache-Wirkungs-Prozess, der auf alle Menschen in gleicher Weise zutrifft, nie ausgemacht werden und es wird auch nicht möglich sein, weil Zigarettenrauch nicht in den zwingenden Bereich hineinfällt, wo man von einem Gift sprechen kann. Gift definiert sich über Schädlichkeit. Wenn über die Schädlichkeit keine zwingende, sondern nur eine wahrscheinliche Annahme gemacht werden kann, kann man sich kein zwingendes Urteil erlauben. Wieder einmal sei auf die Dauer verwiesen in der die Menschheit dies in all ihren Varianten praktiziert. 
Was einem bei solchen Diskussionen auffällt ist, dass es gar nicht um die Auflösung des Konfliktes durch den Freiheitsgedanken geht, beispielsweise in dem man sagt: Jeder soll es für sich handhaben, wie er möchte, über seinen Eigentum soll jeder selber entscheiden dürfen. Nein, hier glauben Libertäre, sie können dem Kind ein Bedürfnis zusprechen, dass sie dann anstelle des Kindes mit Zwang gegen die Eltern durchsetzen. Doch, es tut mir leid, das ist nicht die konsequente Anwendung des Gedankens vom Selbsteigentum, sondern führt zur Verletzung des selben. Wenn man Freiheit utilitaristisch nach ihrer Nützlichkeit und Konsequenz definiert, hat man das Problem dort, wo man diesen Nutzen nicht erkennt, ihn abzusprechen und dort, wo einem die Konsequenzen nicht gefallen, staatlichen Zwang zu befürworten. Nur wird an dieser Stelle übersehen, dass das Leben an sich Krankheiten und Tod beinhaltet. Kein Mensch kann sich, auch wenn er noch so gut vorbeugt, sicher wähnen, dem nicht ausgesetzt zu sein. Alles im Leben kann negative Konsequenzen haben. Das Rauchen kann negative Konsequenzen haben; der Mensch, mit dem man zusammen lebt, kann negative Konsequenzen für einen haben. 
Argumentiert auf Grundlage der Konsequenzen ist es offensichtlich, dass eine freie Gesellschaft undenkbar das Ergebnis sein würde. Wahrscheinlicher ist am Ende eine despotische Gesellschaft, in der von oben nach unten bestimmt wird, welche Verhaltensweisen verboten sind, weil die Konsequenzen nicht erwünscht sind. Konsequentialistisches Denken ist mit dem Selbsteigentums-Prinzip nicht vereinbar, wenn dieser Konsequentialismus von einem Staat befohlen wird. Umgelegt auf eine privatrechtliche Gesellschaft obliegt es natürlich jedem Menschen selbst, frei für sich zu entscheiden, was er tut oder unterlässt und mit welchem Menschen er etwas zu tun haben will oder nicht. Für das Impfen gilt in einer Privatrechtsgesellschaft das selbe wie für das Rauchen. Man könnte sich impfen oder nicht impfen, aber kein Gesetzgeber würde jemanden zwingen können und da auch kein anderer jemanden zwingen kann, wäre es eine freiwillige Entscheidung. 
Es gibt Libertäre, die argumentieren so: ,,Rauchen neben Kindern? Nein. Ich bin für Freiheit, aber das muss Eltern verboten werden - sonst böse Konsequenzen. Nicht impfen? Nein. Ich bin für Freiheit, aber das muss Menschen aufgezwungen werden - sonst böse Konsequenzen.'' Jeder denkbare Zwang, jeder denkbar totalitäre Staat lässt sich auf Medizinismus gründen. Alles, was schädliche Wirkungen haben kann, muss verboten sein. Verbrecher werden nicht mehr bestraft, sondern therapiert und gelten als krank, so lange bis man sie als geheilt betrachtet. Wir leben in einer Welt, in der sich schleichend die wissenschaftlichen Erkenntnisse, deren Entdeckung mit Steuergeldern finanziert wird, uns zum Verhängnis werden, weil sich durch sie jeder staatliche Eingriff und Zwang rechtfertigen lässt und auch auf blühende oberflächliche Mehrheiten trifft, die der Illusion vom Schutz vor den Konsequenzen des Lebens anhängen. 
Leben führt zu Krankheit und Tod. Das kann keiner leugnen. Wenn wir als Menschheit einen Zustand anstreben, in dem wir versuchen, alle negativen Konsequenzen, die aus der Wechselwirkung von menschlichen Handlungen sich ergeben und zu Krankheit oder Tod führen können, zu verhindern, dann müsste man menschliches Handeln verbieten. 
Da dies schlechterdings gelingen kann, bräuchte es ein fundamentaleres Verbot. Das Fortpflanzungsverbot, um Leben nicht an Krankheiten und Tod auszuliefern. Alles ungeborene Leben ist demnach ein beschütztes Leben vor den Folgeerscheinungen, die das Leben mit sich bringt. Anhand dieses Gedankenspiels wäre es für Abtreibungsbefürworter ein charmantes Argument zu sagen, man schütze durch die Abtreibung in letzter Sekunde das Leben vor dem Bewusstsein über die negativen Konsequenzen, die es beinhaltet. Leben als etwas Wunderbares? Nicht zu leben als etwas Schreckliches? Es gibt wohl ebenso genug lebende Menschen, die das anders sehen würden. 
Das Problem an der Gesundheitsbranche ist, dass sie ein staatlich-medizinischer Komplex geworden ist, der durch politische Empfehlungen an Gesetzen mitwirkt, die ,,zum Wohle" der Menschen, gegen den Willen der selben, richtiges/gesundes Leben und falsches/ungesundes Leben definieren. Hinzu kommt die Tatsache, dass viele medizinische Forschungen nicht von Menschen bezahlt werden, die sich dafür interessieren, sondern vom Staat ihr Geld erhalten. Zudem wirkt das staatliche Gesundheitssystem in dem Maße faschistisch, als dass aufgrund staatlicher Krankenkassen die Kosten sozialisiert werden. Dies führt zur öffentlichen Verurteilung aller Lebensgewohnheiten, die nach Behauptung von Medizinern oder Gesundheitsvertretern die Kosten für alle anderen steigen lassen. Daraus wiederum ergibt sich eine Intoleranz, die zum staatlich gewollten Ausschluss systembelastender Lebensgewohnheiten führt. Der Mensch wird im wahrsten Sinne des Wortes ,,auf Linie'' gebracht. Sowohl optisch, als auch gesundheitlich, wie auch im Denken. 
Und die Moral von der Geschicht': Ewig leben tut man trotzdem nicht. 
In einer privatrechtlich organisierten Gesellschaft gäbe es keine staatlichen Krankenkassen und Versicherungen. Dies bedeutet, dass in einer solchen Gesellschaft denkbar wäre, dass Verhaltensweisen, die möglicherweise ein erhöhtes Gesundheitsrisiko beinhalten, von demjenigen, der dieses Risiko eingeht, mit einem erhöhten Aufschlag bezahlt werden müssen. Gleiches kann zudem für den Fall gelten, in dem man Kinder hat. Wäre das Rauchen etwas, dass eine Schädlichkeit beinhaltet, so könnte der Vater auch für sein Kind eine erhöhte Versicherungsleistung bezahlen, die als Vorsorge vor etwaigen Konsequenzen einbezahlt wird. Dies wiederum kann dazu führen, das Rauchen zu reduzieren. Ebenso kann die Versicherung vertraglich festlegen, dass es zu bestimmten Zeitpunkten eine Gesundheitsprüfung gibt. 
Natürlich gibt es auch andere Versicherungen und man ist nicht gezwungen eine bestimmte Versicherung anzunehmen, doch für eine wird man sich letztlich entscheiden und da Krankheiten natürlich Kosten verursachen, wird es an der Versicherung liegen, diese Kosten auch präventiv zu reduzieren. Aber man hat die Möglichkeit, aufgrund des Versicherungswettbewerbs, auch zu einem anderen Anbieter zu gehen.

Kommentare:

  1. In einer privatrechtlich organisierten Gesellschaft gäbe es keine staatlichen Krankenkassen und Versicherungen.

    Was ist denn das für ein Blödsinn? Selbstverständlich gibt es in einer privatrechtlich organisierten Gesellschaft Versicherungen. Versicherungen sind schließlich keine staatlichen Einrichtungen, sondern absolut freiwillige Angebote von Unternehmern. Versicheurngen gibt es quasi seit Anbeginn der Menschheit. Und mit Staat hat dies absolut gar nichts zu tun.

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  2. @Anonym: Es geht hier um STAATLICHE Versicherungen!

    Wie alle sinnvollen gesellschaftlichen Errungenschaften, die sich der Staat angeeignet und daraus Manifestationen seiner Herrschaft geformt hat, sind ursprünglich aus der Gesellschaft selbst hervorgegangen.

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  3. So ist es! In der Privatrechtsgesellschaft, wie sie Hoppe und Co. vorschwebt, nehmen Versicherungen eine zentrale Rolle ein. Nur handelt es sich bei diesen um private Versicherungen, die in einem richtigen Wettbewerb zueinander stehen.

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  4. (Zitat)"Gift definiert sich über Schädlichkeit." Das ist zwar weit verbreitet, ist aber gelinde gesagt grundfalsch. Gift definiert sich auschliesslich durch die Dosis (Konzentration des Stoffes pro Wirkungseinheit). Das trifft auch auf die potentiellen Schadstoffe Teer, Nicotin und PAK im Zigarettenrauch zu. Wenn die Konzentration eines dieser Stoffe in der Luft des Kindes zu hoch wird, schade ich der Gesundheit des Kindes, ehe es dem Raucher oder dem erwachsenen Nichtraucher schadet. Gibt man dem Kind nicht die Möglichkeit, rauchfreie Luft zu atmen, z.B. bei einer Fahrt im verqualmten Auto, würde ich das als gewaltsame Einschränkung der Freiheit eines Schutzbefohlenen auffassen. Als Libertärer darf aber meine Freiheit nicht bei anderen Zwang (noch dazu gewaltsamen) auslösen. Freiheit bedeutet deshalb auch Selbsteinschränkung, wo es zum Interessenkonflikt kommen kann. Ein bisschen Etatismus wird es wohl immer geben müssen, z.B. in der Kindererziehung. Fürsorgende Eltern geben Schutz und schränken damit natürlich auch die Freiheit ihrer Kinder ein.

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  5. Den Zusammenhang mit staatlichen "Versicheurngen" hatte ich übersehn. Ich ziehe deshalb meine Kritik am Artikel in vollem Umfang zurück.

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  6. Wer in seinen eigenen vier Wänden ein dediziertes Raucherzimmer hat, hat selbstverständlich jegliches Recht, sich dort allein oder gemeinsam mit anderen Süchtigen zu vergiften. Wer andererseits aber mich dazu nötigt, seinen Zigarettenqualm einzuatmen, begeht einen rechtswidrigen Angriff.

    Es kommt also einerseits darauf an, wem der Raum gehört (selbstverständlich entscheidet der Wirt, ob er eine Raucherkneipe oder eine Nichtrauchergaststätte betreibt!) andererseits aber auch darauf, daß Besucher, die nicht vergiftet werden wollen, Raucherräume bereits vor dem Betreten als solcher erkennen und dementsprechend meiden können.

    Im Freien ist es mit Rauchbelästigungen genauso wie mit Lärmbelästigungen: ab welcher Dosis sind die Emissionen der Gartenparty des Nachbarns geeignet, einen ungewollten Angriff auf mein Wohlbefinden darzustellen? Staatlich festgesetzte Grenzwerte können da nur ein grobe Orientierungshilfe sein, weil die Regierung in Berlin garnicht wissen kann, was bei uns hier im Viertel so üblich ist. Die Genossenschaft, die die ganzen Häuser hier in der Straße gebaut hat, wäre vielleicht eine besser geeignete Schlichtungsstelle.

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