Mittwoch, 28. November 2012

Ein libertäres Manifest für eine neue Freiheit, ohne Zugeständnisse: Stefan Blankertz im Gespräch

Im Gespräch mit Freitum: Stefan Blankertz.
Tomasz M. Froelich im Gespräch mit Stefan Blankertz
Der promovierte Soziologe und habilitierte Pädagoge Stefan Blankertz gilt im deutschsprachigen Raum als libertäre Koryphäe. Sein ,,libertäres Manifest'' ist eines der wichtigsten freiheitlichen Werke der jüngeren Vergangenheit. Blankertz vertritt in konsequenter Weise anarchokapitalistische Positionen. Derzeit beglückt er die libertäre Community mit einer editierten Neufassung seines ,,libertären Manifests'' und einer neuen Herausgabe der deutschsprachigen Fassung von Murray Rothbards Klassiker ,,For a new Liberty''. Grund genug, ihn ein wenig zu befragen. Tomasz M. Froelich sprach mit ihm.


Ft: Herr Blankertz, Ihr ,,libertäres Manifest'' aus dem Jahre 2001 gilt als eines der wichtigsten deutschsprachigen libertären Werke der jüngeren Vergangenheit. Nun wird es erneut aufgelegt. Wie kam es dazu?

Blankertz: Durch einen Hinweis der Infokrieger bin ich darauf aufmerksam geworden, dass das ,,libertäre Manifest'' nicht mehr lieferbar sei. Ich hatte gerade angefangen, meine "edition g." zu starten, mit der ich unabhängig von den Launen der Verlage meine literarischen und politisch-philosophischen Texte veröffentliche. Als ich mich spontan und ungeplant entschlossen hatte, Rothbards ,,Für eine neue Freiheit'' neu herauszubringen, lag es nahe, das ,,Manifest'' gleich mitzuliefern, denn ich setzte da an, wo Rothbard aufhört: Wenn der Staat, wie Rothbard sagt, unmoralisch und funktionell unnötig ist, fragt sich, warum er weltweit so stark ist.

Ft: Weshalb ist denn der Staat weltweit so stark?

Blankertz: Vor allem zwei Dinge: 1. Die Okkupation sozial nützlicher und erwünschter Funktionen (äußere und innere Sicherheit, Justiz, Währung, Bildung, Sozialversicherung usw.). Man kann heute nicht mal ein Stück Brot essen, ohne dass der Staat seine Finger mit drin hatte und mitisst - Regulationen, Steuern, Subventionen. 2. Verschleierung der Kosten bzw. der Kosten-/Nutzenrechnung. Die meisten ärgern sich über Steuern und Abgaben, aber glauben dennoch, wenn man sie mit der Perspektive der Entstaatlichung konfrontiert, dass sie mehr bekommen als sie zahlen.

Ft: Wie kann man gegen den Staat vorgehen, um eines Tages womöglich in einer anarchokapitalistischen Welt á la Rothbard leben zu können?

Blankertz: Der erste Schritt ist die radikale Delegitimierung des Staates. Solange fast alle daran glauben, dass es ihnen ohne Staat schlechter ginge, wird sich durch welche Maßnahmen auch immer nichts erreichen lassen. Was dann folgt, hängt von Rahmenbedingungen ab: Einen liberalen, zivilisierten, demokratischen Staat kann man vielleicht zurückdrängen. Zeigt der Staat seine rechts- oder linksfaschistische Fratze, wird es ohne Revolution nicht gehen.

Ft: Was halten Sie davon, sich diesem Ziel auf parteipolitischem Wege, wie ihn etwa die Partei der Vernunft (PdV) beschreitet, zu nähern? Sehen Sie hierin nicht vielmehr den Widerspruch zwischen Freiheit und Politik?

Blankertz: Ich bin beeindruckt von der Arbeit der PdV, aber trotzdem habe ich Einwände gegen den Weg der Parteiarbeit. Sie bindet viele Kräfte für Wahlen, die wir eigentlich ablehnen. Sie legitimiert das demokratische Verfahren. Und sie ist, sobald sie in die Reichweite der Macht kommt, zumindest schwer gefährdet, am politischen Prozess teilzunehmen.

Ft: Zurück zum ,,Manifest'': Worin unterscheidet sich die aktuelle Ausgabe von der Erstausgabe? Was haben Sie verändert? Ist Ihre Sicht der Dinge identisch mit der vor elf Jahren?

Blankertz: Als das "Manifest" entstand, hatten sich einige Buchprojekte von mir zerschlagen und ich habe viel von den Trümmern dort aufgenommen, was sich eher als Ballast erwiesen hat und den Text unhandlich und unübersichtlich macht (die Auseinandersetzung mit Soziobiologie, mit der Intelligenzforschung, mit dem antikapitalistischen Anarchismus). Der Text ist jetzt auf die Programmatik verdichtet, einen Rahmen für die Erforschung und Analyse der Stärke des Staates zu schaffen. Außerdem war es nötig, sich mit der ,,Anlehnung'' einiger Libertärer an konservative Zielgruppen auseinanderzusetzen.
Ich war überrascht, wie aktuell meine Beschreibung der Strategien des Staates, sich unangreifbar zu machen, auf Heute anzuwenden ist. Als Theoretiker hat mich das gefreut, als Mensch erschrocken, denn der Staatlichkeitswahn hat leider nicht abgenommen. Erschreckend ist für mich auch, dass so viele Libertäre dann, wenn es um ihre eigenen liebgewonnenen Vorstellungen geht, inzwischen gern wieder ihren Pakt mit der Staatsgewalt schließen. Dagegen ist Rothbard zu lesen die beste Medizin. Er war, was das betrifft, unbestechlich.

Ft: Stört Sie die ,,Anlehnung'' einiger Libertärer an konservative Zielgruppen? Und wenn ja: Was stört Sie dran konkret?

Blankertz:
Zunächst: Mit libertärem Denken kann jeder angesprochen und davon überzeugt werden, dass ,,leben und leben lassen'' die beste Grundlage für ein friedliches Miteinander ist. Dann: Ich habe Sympathie für eine konservative Haltung, die sich dagegen wehrt, durch staatlichen Innovationsterror herumgeschubst und zum Gegenstand von sozialtechnischen Experimenten zu werden. Aber: Die Veränderung von libertären Positionen, um politisch Konservativen zu gefallen, ist für mich unannehmbar.

Ft: Sie sagten es bereits: Rothbard zu lesen ist die beste Medizin gegen den Staatsfetischismus. Dank Ihnen ist nun auch Rothbards Klassiker ,,For a new Liberty'' endlich wieder in deutscher Sprache erhältlich. Mit welchen Wohltaten werden Sie die Libertären in Zukunft beglücken können? Stehen weitere Projekte an? 

Blankertz: Für die Abteilung ,,Theorie'' plane ich in der ,,edition g.'' als nächstes eine Zusammenfassung meiner schulkritischen Schriften (,,Pädagogik mit beschränkter Haftung''), einen Band über Thomas von Aquin sowie einen mit meiner Demokratiekritik (,,Die Katastrophe der Befreiung''). Ob ich noch weitere Texte von anderen libertären Autoren, z.B. weitere Klassiker, ins Programm nehme, hängt auch von der ökonomischen Seite ab: Verkaufen sich die Rothbard-Bände so, dass ich zumindest meine Investition wiederbekomme. Meine Mittel sind leider eng begrenzt.

Ft: Wir wünschen Ihnen dabei viel Erfolg. Es wäre ja nicht nur in Ihrem, sondern auch in unserem Sinne. Und vor allem im Sinne der Freiheit.
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Hier geht's zur Autorenseite von Stefan Blankertz. Informationen findet man zudem in der Freiheitsfabrik.
Hier kann man die Bücher von Stefan Blankertz bestellen.
,,Für eine neue Freiheit'' von Murray Rothbard wurde nun von Stefan Blankertz auch auf deutsch herausgegeben. Sowohl Band 1, als auch Band 2 kann man ab sofort bestellen.
Auch die Neufassung des ,,libertären Manifests'' ist hier erhältlich.
Wir empfehlen den Kauf der Bücher von Stefan Blankertz ausdrücklich!

Kommentare:

  1. Habe lange darauf gewartet Rothbards populärstes Buch wieder in deutscher Sprache zu finden! Tausend Dank an Herrn Blankertz!

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  2. Ich darf mich mit meinem herzlichen Dank anschließen!

    Stefan Blankertz wünsche ich eine weite Verbreitung auch seiner künftigen Schriften.

    PS: Bei Schreiben meines Buches "Was Sie schon immer über Wirtschaft (nicht?) wissen sollten"
    war mir das Libertäre Mainfest sehr wertvoll.

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  3. Die Lösung der Sozialen Frage

    Staatliche Planwirtschaft und Sozialgesetzgebung … versuchen dem Kapitalismus ein freundliches Lächeln aufzuschminken, ohne indes an der monopolbedingten Ausbeutung etwas zu ändern. So entwickelt sich allmählich eine Art „Sozialkapitalismus“, ein Mittelding zwischen Privat- und Staatskapitalismus, eine Übergangserscheinung von der einen zur anderen Ausbeutungsform. Im „Sozialkapitalismus“ haben die Vertreter des Privatkapitalismus und des Pseudo-Sozialismus ihren Frieden geschlossen. Der Zins wird sozusagen staatlich garantiert und im Übrigen einer wirtschaftlichen Depression, die das ganze Kartenhaus zweifelhafter Kompromisse zusammenstürzen lassen würde, durch das Mittel der dosierten Inflation vorgebeugt.

    Die im Zuge dieser Fehlentwicklung fortschreitende Monopolisierung wandelt den „Sozialkapitalismus“ allmählich zum Staatskapitalismus. An die Stelle der lediglich von einigen Monopolen verfälschten Marktwirtschaft tritt immer mehr die auf eine vollständige Monopolisierung hinzielende staatliche Befehlswirtschaft.

    Privat- und Staatskapitalismus bilden also, entgegen einer weit verbreiteten Ansicht, keine Gegensätze, sondern sind trotz aller äußerlichen Unterschiede völlig gleichartig, da beide ihrem Wesen nach auf Monopolen beruhen, das heißt auf einer Einschränkung, wenn nicht gar auf dem Ausschluss der Konkurrenz. Das Ausbeutungsprinzip ist bei beiden das gleiche. Privatkapitalismus ist eine halbmonopolistische Wirtschaftsform, Staatskapitalismus eine ganzmonopolistische. An die Stelle des individuellen Kapitalisten im Privatmonopolismus tritt im Staatsmonopolismus das „solidarische Korps der Führer der herrschenden Partei“, die ein allgemeines Wirtschaftsmonopol des Staates aufgerichtet haben und mit seiner Hilfe die unterjochte Masse grenzenlos ausbeuten. Der Staat ist zugleich Machtapparat und Ausbeutungsinstrument in den Händen der Führer der herrschenden Einheitspartei.

    Im Hinblick auf das Ausbeutungsprinzip besteht also zwischen Privat- und Staatskapitalismus kein Wesens-, sondern nur ein gradueller Unterschied. Hingegen besteht in der Form des wirtschaftlichen Regulierungsprinzips ein sehr wesentlicher Unterschied: Im Privatkapitalismus ist es der - durch Monopole allerdings bis zu einem gewissen Grad verfälschte - Markt, im Staatskapitalismus ist es der „Befehl von oben“. Beide Wirtschaftsformen sind Anfang und Ende ein und derselben Fehlentwicklung, deren letztes Ergebnis der Totalitarismus, die schrankenlose Staatsdespotie bildet.

    Den tatsächlichen Gegenpol sowohl zum Privat- als auch zum Staatskapitalismus bildet einzig und allein die - bisher noch niemals und nirgends verwirklichte - freie Marktwirtschaft. Unter einer freien Marktwirtschaft ist eine von Monopolen freie Wirtschaft zu verstehen. Eine solche entmonopolisierte Wirtschaft ist zugleich der Idealtypus einer echten Sozialen Marktwirtschaft.

    Die Lösung der Sozialen Frage

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