Donnerstag, 15. November 2012

Der Zins und seine Funktion im freien Markt

von Felix Hau
Geld unterliegt, wie alle anderen knappen* Güter auch, dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Wer ein Unternehmen auf- oder ausbauen will, benötigt jetzt Geld, mit dem er diverse Anschaffungen tätigt, Personal bezahlt oder sonstige Maßnahmen finanziert, die dazu führen sollen, dass die Unternehmung in Zukunft Gewinn erwirtschaftet. Seine Nachfrage nach Geld ist also hoch.

Wo bekommt jemand, der erhöhte Nachfrage nach Geld hat, dieses Geld her? Von anderen Menschen, deren Nachfrage nach Geld aktuell niedrig ist und die deshalb dazu neigen, dasjenige Geld, das sie nicht für den regelmäßig nötigen Konsum brauchen, zu sparen. Diese Sparer fungieren auf dem Markt als Anbieter von Geld – eben jenem Geld, das sie derzeit selbst nicht benötigen und also erübrigen können.

Die meisten Anbieter von Geld sind bereit ihr Geld unter zwei Bedingungen zu verleihen:
1. möchten sie sich ihren aktuellen Konsumverzicht vergüten lassen (auch, um in der Zukunft mehr Geld für dann in ihren Augen vielleicht sinnvolleren Konsum zu Verfügung zu haben),
2. wollen sie vorab für das Risiko entschädigt werden, das durch das Verleihen ihres Geldes an andere grundsätzlich gegeben ist – und zwar umso höher, je größer das Risiko ist.
Das Resultat dieser beiden Verleihbedingungen ist der Marktpreis des Geldes, der Zins.

Welche Höhe hat dieser Zins, wie bestimmt sich der "Preis des Geldes"? Ganz genau so, wie alle anderen Marktpreise auch: durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Ist das Angebot an Geld hoch und die Nachfrage nach Geld niedrig, wird der Zins in Richtung Null tendieren. Ist umgekehrt das Angebot an Geld niedrig und die Nachfrage hoch, steigt entsprechend auch der zu zahlende bzw. zu erzielende Zins, unter Umständen ganz immens.

Das Wichtige an der Höhe des Zinssatzes ist aber seine Signalwirkung, die weit über die unmittelbaren Belange des Einzelnen – ob des Anbieters oder des Nachfragers – hinausgeht und wesentliche Folgen für die gesamte Wirtschaft hat.
Denn: Niedrige Zinsen (=hohes Angebot an Spargeld) signalisieren dem Markt und vor allem den Unternehmern darin folgendes: "Wir, die Konsumenten, sind satt; wir wollen zurzeit weniger konsumieren, weil wir von demjenigen, was es gibt, genügend haben. Also, liebe Unternehmer: Macht was Neues, Besseres, Anderes!" – Da trifft es sich blendend, dass Geld für Investitionen eben aufgrund des hohen Angebotes an Spargeld gerade billig zu haben ist: genau der richtige Zeitpunkt für Investitionen, Innovationen, Neugründungen.
Ist der Zins hingegen hoch (=niedriges Angebot an Spargeld), ist das Signal das gegenteilige: "Liebe Unternehmer, haltet die Füße still, wir sind noch lange nicht damit fertig, die Dinge zu konsumieren, die ihr dem Markt aktuell zu Verfügung stellt; die finden wir total geil und wir wollen mehr vom selben." – Da dieser Konsumentenwille sich gleichzeitig im hohen Zins ausdrückt, werden Unternehmer zögern, gerade jetzt zu investieren. Und sie tun gut daran.

Nota bene: Diese Zusammenhänge gelten für einen freien Geldmarkt, in dem es keine staatlichen Eingriffe in den Marktzins (und auch keine in die Geldmenge)  gibt. Gleichzeitig zeigt das Dargestellte, warum diese staatlichen Eingriffe in die Preisbildung gerade beim Zins im Grunde die fatalsten und schädlichsten Eingriffe in Preisbildungen sind, die der Staat vornimmt: der komplette wirtschaftliche Organismus wird dadurch gestört, weil die Signale nicht mehr funktionieren. Boom-and-bust-Zyklen sind die Folge ebenso wie sie in technologischem Stillstand, Unter- oder völliger Überversorgung (kurz: systematische Fehlallokation von Ressourcen), vermehrten Unternehmespleiten usw. bestehen können.
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*Knappheit im ökonomischen Sinn meint nicht (nur) die Endlichkeit eines Gutes, sondern in erster Linie den Umstand, dass ein und dasselbe Gut von mehreren Menschen zur selben Zeit nachgefragt wird.
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Felix Jan Hau, * 24.6.1970, Neigungsstudien der Psychologie, Philosophie, Pädagogik, Ethnologie und Vergleichenden Religionswissenschaften. Ehemaliger Kurierfahrer, Kunstvereins-Kassierer, Waschmittelpacker und ewiger Lebenskünstler. Seit 1998 freier Mitarbeiter des Info3 Verlages in Frankfurt/Main. Diverse weitere selbstständige Tätigkeiten. Lebt mit seinem Lebensgefährten in Rinteln an der Weser.

Kommentare:

  1. Sehr guter Beitrag; wichtig wäre vielleicht noch der Hinweis, dass der Marktzins des Geldes de facto eben auch negativ sein kann, da sich der Geldverleiher eben auch den Marktrisiken indirekt unterwirft, die der Geldnehmer bei der Verwirklichung seines Unternehmens hat. Dies kann eben auch bedeuten: Scheitern des Unternehmens (sozusagen unternehmerische Fehlallokation!) und damit teilweise bis komplette Nichtrückzahlbarkeit des Darlehens, ganz zu schweigen von irgendeiner Verzinsung. Diese Ergänzung ist insofern Bedeutung, da von Marktkritikern immer wieder das Märchen von der Zins- und Zinseszinsspirale als Ursache für die Geldmengenvermehrung bedient wird!Roland Baader hat treffend nachgewiesen, dass unter den Bedingungen eines freien Marktes die Geldmenge über 'zig Jahre stabil war trotz erheblicher Zunahme es Umfanges an Waren und Dienstleistungen.

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  2. "Denn: Niedrige Zinsen (=hohes Angebot an Spargeld) signalisieren dem Markt und vor allem den Unternehmern darin folgendes: "Wir, die Konsumenten, sind satt; wir wollen zurzeit weniger konsumieren, weil wir von demjenigen, was es gibt, genügend haben. Also, liebe Unternehmer: Macht was Neues, Besseres, Anderes!" – Da trifft es sich blendend, dass Geld für Investitionen eben aufgrund des hohen Angebotes an Spargeld gerade billig zu haben ist: genau der richtige Zeitpunkt für Investitionen, Innovationen, Neugründungen."

    Warum signalisiert es nicht "Wir konsumenten haben Angst vor der Zukunft und legen uns etwas zurück. Wir würden mehr kaufen wenn wir einen Sicherheit hätten unseren Job zu behalten." Unternehmen investieren, wenn sie die Erwartung haben mehr verkaufen zu können. Ist die Sparquote hoch, sieht es eher nicht danach aus. Nach der vorgestellten Logik hätte die Investitionsquote in den letzten Jahren in Deutschland hoch sein müssen. Das lässt sich empirisch nicht nachweisen. In den USA war sie höher bei deutlich niedrigerer Sparquote.

    @anonym
    "Marktkritikern immer wieder das Märchen von der Zins- und Zinseszinsspirale als Ursache für die Geldmengenvermehrung bedient wird!"

    Marktkritik und Zinskritik sind zwei paar Schuhe. Wenn man einen durchliberalisierten Markt als instabil und regelbedürftig kritisiert ist das eine Sache. Das Zinsen die Mutter aller Probleme darstellt eine Andere. Diese Leute kann man einfach dadurch entkräften, dass es alle durch Zinsen erklärten Probleme im wesentlichen schon vorher gab. Das ist insofern nachvollziehbar, da es zu allen Zeiten Machtkonzentrationen innerhalb kleiner Eliten gab. Heute sind das Superreiche, früher waren es Könige. Gemein ist diesen Gruppen, dass sie auf Kosten aller anderen Leben und sie mit Brot (Sozialsysteme), Spielen und Religion (Wirtschaftswissenschaften) bei Laune halten.

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  3. ,,Nach der vorgestellten Logik hätte die Investitionsquote in den letzten Jahren in Deutschland hoch sein müssen. Das lässt sich empirisch nicht nachweisen. In den USA war sie höher bei deutlich niedrigerer Sparquote.''

    Hier ist ja die Rede davon, wie das auf dem freien Markt aussehen würde. Von dem sind aber sowohl die BRD, als auch die USA sehr weit entfernt.

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