Montag, 1. Oktober 2012

Voluntarismus, Monopol oder Alternative?

von Tommy Casagrande
Oft erlebe ich es, dass Diskussionen um die richtige Gesellschaftskonstruktion derart konzipiert sind, dass der Eindruck entsteht, dass ein alter König von einem neuen König ersetzt werden soll.

Derzeit ist die Idee des Staates jenes Monopol, zu dem es auf dieser Welt keine Alternative gibt. Diese Idee basiert auf der Herrschaft von Menschen über Menschen. Ein sehr zweifelhaftes Prinzip, das selbst die Minimalstaatler nicht beerdigen möchten. Nichtsdestotrotz ringen die Minimalstaatler um Einflussnahme auf das dominierende Staatskonzept, um es innerhalb des Systems zu transformieren. Bildlich gesprochen entspricht dies einem krebskranken Menschen, den man versucht, mit Hilfe einer Bestrahlungstherapie insoweit wieder herzustellen, dass er als geheilt gilt, wenngleich vereinzelte Zellen beschädigt zurückbleiben, aus denen sich neues Unheil entwickeln kann.
Dieses Staatskonzept nenne ich die “negative Krebs-Theorie”. Denn in dieser negativen Krebs-Theorie gehe ich davon aus, dass die zurückbleibenden beschädigten Zellen erneut dazu führen werden, dass die Krankheit erwacht und den menschlichen Organismus befällt. Eine “positive Krebs-Theorie” kann ich deswegen nicht bieten, weil empirisch keine Erfahrungswerte dafür sprechen, dass sich das Rad nicht doch wieder langsam zurückdreht. Ebenso gibt es aus Sicht der anarchokapitalistischen Exponenten theoretische Anhaltspunkte darob, dass die Anreize, die innerhalb eines Gewaltmonopols dazu verleiten Macht auszubauen und zu missbrauchen, so lange andauern werden, wie es ein Monopol auf Gewalt gibt, dem diese Macht per definitionem inne wohnt.

Man stelle sich das heutige Konstrukt des Staates als einen Tempel vor, in dessen Innern ein Thron steht. Auf diesem Thron wird nur eine Idee herrschen, die darüber bestimmt, wie sich die Menschen innerhalb des Tempels zu verhalten haben. Die heute auf diesem Thron sitzende Idee ist die Idee des Konzeptes vom Staat in all seinen Ausmaßen. Um diesen Thron kämpfen innerhalb des Tempels verschiedene Splittergruppen. Seien es die Rechten, die Linken, die Grünen oder die Minimalstaatler. Es gibt aber noch eine andere kleine Gruppe, die ebenfalls um diesen Thron kämpft, die Voluntaristen.

Die Voluntaristen sind die einzige Gruppe, welche die gesamte Idee des Tempels in Frage stellt, während die anderen Gruppen sich lediglich um die Ziele oder das Ausmaß der Gewaltherrschaft streiten. Ist ein solcher von Gewaltherrschaftsfantasien gefüllter Tempel jener Ort, an dem sich Voluntaristen Duelle liefern sollten, um auch einmal den Thron besteigen zu dürfen ? Ich meine nein.

Mein Vorschlag zielt darauf ab, dass jeder sich seinen eigenen Tempel bauen soll, damit jede Idee auf ihrem eigenen Thron sitzen kann. Dies könnte eine utopische Vorstellung dafür sein, gesellschaftspolitische Konflikte zu entschärfen. Gib jeder Idee, wie sich Gesellschaft organisieren kann, einen Raum, einen Spielplatz, um sich verwirklichen zu können; und die Vertreter der jeweiligen Ideen schlagen einander nicht die Köpfe ein.

Dies führt zu einer Welt, die nach meinen Vorstellungen sehr vielfältig gestaltet ist. Darin kann es Staaten geben, die sich innerhalb ihres Territoriums so verhalten, wie es heutige Staaten bereits tun. Parallel dazu existieren Staaten, die den Ansprüchen der Minimalstaatler zugrunde liegen, die dann die Möglichkeit haben zu beweisen, dass auch Staaten, die explizit nach Minimalstaatskriterien konzipiert sind, sich nicht in einen ausufernden Leviathan verwandeln. Vielleicht würde dies aber auch deswegen nicht passieren, weil jene, die sich mehr als nur einen Minimalstaat wünschen, die Möglichkeit hätten, das Territorium zu wechseln, um ein ganz anderes politisches Umfeld vorzufinden. Und neben den Territorien der Ideen von Vollstaat und Minimalstaat existiert daneben ein Territorium, welches nach voluntaristischen Prinzipien und Grundsätzen aufgebaut ist. Wer frei sein will, der zieht in dieses Territorium und hat auch jederzeit die Möglichkeit zu gehen, was auch den Bewohnern der anderen Territorien möglich wäre. In dieser Welt würden die verschiedenen Ideen von Gesellschaft nebeneinander existieren. Und das Mittel um diese Ideen realer scheinen zu lassen sehe ich in der Methodik der Sezession. Ebenfalls lässt sich das Gebilde eines Territoriums nicht bloß im Ausmaß heutiger Nationen denken, sondern kann auch in Form heutiger Städte und Gemeinden verwirklicht werden. Schließlich bestand einst das heutige Griechenland auch aus nichts anderem als Stadtstaaten.

Ich habe mit diesem Text versucht, aus voluntaristischer Sicht eine Perspektive zu ermöglichen, um sich selbst die Frage zu stellen, wie man sich das Konzept einer voluntaristischen Gesellschaft vorstellt. Soll Voluntarismus ein Monopolgedanke sein, der alle Minimalstaatsanhänger sowie alle Vollstaatsanhänger, die nicht vom Voluntarismus überzeugt sind, miteinbezieht, oder soll der Voluntarismus als Gesellschaftskonzept separat zu einem Vollstaat und einem Minimalstaat existieren und somit nur jene Menschen beinhalten, die auch von dieser Idee überzeugt sind? Meine persönliche Meinung ist, dass der Voluntarismus eine Alternative sein soll, weil er damit auch Anziehungskraft bewahrt.

Nichtsdestotrotz befürworte ich eine nicht relativistische Sichtweise des Voluntarismus und bestreite hiermit nicht, dass ich seine Werte als objektiv besser als die Werte anderer Gesellschaftskonzeptionen sehe. Dennoch gehört es zu diesen Werten niemandem zum Mitmachen zu zwingen. Dennoch darf man versuchen jeden zum Mitmachen zu gewinnen. In diesem Sinne sind Diskussionen unter den Befürwortern verschiedener Gesellschaftsmodelle stets bereichernd für das theoretische Fundament. Sie bieten den Menschen eine Orientierung.

In Anbetracht der Tatsache, dass wir heute alle im Tempel des Staatskonzeptes leben, der immer mehr danach strebt, die vollumfängliche Verfügungsgewalt über das Individuum in seine bürokratischen Hände zu bekommen, ist es nicht nur ein Ausdruck Orientierung schaffen zu wollen, indem man die Idee des Staates diskreditiert, sondern auch Ausdruck von Abwehr, nicht damit einverstanden zu sein, von diesem Staatskonzept vereinnahmt zu werden.

Kommentare:

  1. Jegliche Schwanzvergleichskriege wären doch nun aber programmiert, oder? Angenommen ein Modell ist davon überzeugt, das für alle am besten funktionierende zu sein und will dies mit aller Konsequenz auch allen anderen zur Verfügung stellen. Nun investiert es natürlich vornehmlich in Gerätschaften, mit denen das Überzeugen erleichtert werden kann. Sollte nun jedes andere Modell ebenso vorgehen? Sonst wäre es ja leichte Beute...

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  2. Du meinst, dass jeder versuchen würde, sein System anderen mit Gewalt aufzuzwingen? Warum sollte das so sein? In der kleinsten Einheit des Individuums ist es doch heute schon so. Du lebst so wie Du möchtest und nimmst auch keine Keule, um andere zu zwingen, so zu leben, wie Du willst. Wenn Du Dinge besonders gut machst, Dein Lebenskonzept also aufgeht, könntest Du andere Menschen inspirieren, es so zu machen, wie Du.

    Mir erschließt sich nicht, warum immer Krieg befürchtet wird.

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  3. Nun investiert es natürlich vornehmlich in Gerätschaften, mit denen das Überzeugen erleichtert werden kann.
    Mit "Gerätschaften, die das Überzeugen erleichtern" meinen Sie Waffen? So verschieden sind die Menschen. Ich würde damit eher Druckerpressen, Radiosender, Fernsehstudios, breitbandige Internetanschlüsse, Webserver denken, zum Zwecke der kostengünstigen Weiterverbreitung von Argumenten. Ich meine, die DDR-Bürger wurden von der Überlegenheit der Marktwirtschaft ja auch nicht durch den Einmarsch der Bundeswehr überzeugt, sondern durch den Empfang von West-Fernsehen... die Methoden von 1938 (Anschluß Österreichs) sind im Informationszeitalter schlicht anachronistisch.

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  4. Was meinen Sie, wie lange sich die "Maximalstaaatler" das Abwandern der Leistungsträger aus ihrer Enklave gefallen ließen?

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  5. Och, zunächst würden ja die Leute, die Sie "Leistungsträger" nennen, als "Ausbeuter" diffamiert und ihr Weggang sogar bejubelt. Und wenn dann keiner mehr da ist, der weiß, wie man einen Industriebetrieb aufbaut, dann sind die Möglichkeiten, eine Armee auszurüsten, und anderenorts auf Raubzüge zu gehen, doch arg begrenzt. Man stelle sich vor, eine Gruppe Mudjahedin aus Köln-Kalk würde versuchen, das Bayerwerk in Leverkusen zu erobern - um die aufzuhalten bräuchte es weder Landespolizei noch Bundeswehr, das schafft der Werksschutz mit Unterstützung von Kötter Security - vorrausgesetzt, letztere dürften AK47 führen, d.h.die Enklave Leverkusen hätte das bundesdeutsche Kriegswaffenkontrollgesetzt außer Kraft gesetzt. Nur so als Beispiel.

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