Freitag, 12. Oktober 2012

Freiheit und Wohlstand durch Systemwettbewerb

Die Ära des Deutschen Bundes markiert das bisher womöglich
freiheitlichste Momentum der deutschen Geschichte.
von Steffen Krug
In der Geschichte des Abendlandes sind die großen Zivilisationen aus dem Wettstreit zwischen sprachlich und kulturell homogenen Hoheitsgebieten hervorgegangen, die im ständigen Wettbewerb um Einwohner und Kapital standen. Die Machthaber konnten nur sehr begrenzt Steuern erheben und Regulierungen festsetzen, da der freie Personen- und Warenverkehr eine  ständige Abstimmung mit den Füßen ermöglichte. Geschichtliche Beispiele für aus Systemwettbewerb hervorgegangene Hochkulturen sind die griechischen Stadtstaaten der Antike, die sieben Hügel Roms, die italienischen Stadtstaaten der Renaissance oder auch die 13 nordamerikanischen Kolonien.
Auf deutschem Boden entstand eine ähnlich vorteilhafte institutionelle Ausgangssituation nach den Wirren der Napoleonischen Kriege. In den Jahren 1807 bis 1815 wurde von den preußischen Reformern Stein und Hardenberg die jahrhundertealte Leibeigenschaft und Zunftordnung abgeschafft und an deren Stelle die Gewerbefreiheit eingeführt. Der 1815 gegründete Deutsche Bund bestand aus 35 autonomen Staaten und vier freien Städten, die eigene Steuer- und Rechtsordnungen hatten. Anfänglich lähmten noch 38 Zoll- und Mautlinien den freien Waren- und Personenverkehr. Doch in den Jahren nach 1815 sprachen sich Fabrikanten, Kaufleute und Publizisten, wie der Ökonom Friedrich List, für einen freien Handel aus und trugen so maßgeblich zur Gründung des Deutschen Zollvereins im Jahr 1834 bei. Der Deutsche Zollverein wurde zur bedeutendsten interstaatlichen Freihandelszone seiner Zeit. Da es auf Ebene des Deutschen Bundes keine Regierung gab, hinderte der Systemwettbewerb die Mitgliedstaaten daran, hohe Steuern zu erheben oder Unternehmen zu stark zu regulieren.

Systemwettbewerb und Zeitpräferenz
Dieser vorteilhafte institutionelle Rahmen in Form von Gewerbe- und Vertragsfreiheit, stabilen Eigentumsrechten, freiem Handel und Systemwettbewerb hatte darüber hinaus einen bemerkenswerten Einfluss auf die moralischen Anschauungen und kulturellen Werte der deutschen Bevölkerung. Innerhalb von nur zwei Generationen wurden aus Untertanen selbstbewusste Bürger, die ihren Status nicht bloß ererbten, sondern durch Leistung, Fleiß und Bildung selber erarbeiten konnten. Es drängten Ärzte, Anwälte und Unternehmer in Wirtschaft und Gesellschaft empor, und die in der vorangegangenen Epoche des Absolutismus starre Verteilung von arm und reich wurde aufgebrochen. Die Familie, über Jahrhunderte vor allem eine Zweckgemeinschaft, wandelte sich in einen Hort der Geborgenheit. Liebe und Lob ersetzten bei der Erziehung zunehmend den Stock und Eltern nahmen sich mehr und mehr Zeit für gemeinsame Spiel- und Lesestunden mit ihren Kindern. Die Wohnzimmer wurden im Biedermeier-Stil mit schlichten, in warmen Farbtönen gehaltenen Möbeln ausgestattet und symbolisierten eine überschaubare Welt, die Ordnung und Halt nach unruhigen Zeiten bot. Bildung wurde zum neuen Ideal der Zeit erkoren, und das Bürgertum vertiefte sich in Philosophie, Geschichte und Literatur. Zwar gab es auch zu dieser Zeit Etatisten, doch der allgemeine Zeitgeist beinhaltete eine große Skepsis gegenüber dem Staat. Exemplarisch für diese Weltanschauung ist der im Jahr 1852 von Wilhelm von Humboldt veröffentlichte minimalstaatliche Klassiker „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“.
Der liberale institutionelle Rahmen, der in dem Machtvakuum zwischen dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 und dem Beginn des Deutschen Reiches von 1871 eher zufällig entstanden war, erhöhte die Planungssicherheit der Individuen und Unternehmen und brachte so bürgerliche Tugenden wie Tüchtigkeit, Sparsamkeit und unternehmerische Leidenschaft zum Aufblühen. Dies führte zu einer stetig sinkenden gesellschaftlichen Zeitpräferenzrate, die sich wiederum in einem stetig fallenden natürlichen Zins widerspiegelte. Der fallende natürliche Zins – es gab noch keine Zentralbank, die den Zins flächendeckend manipulieren konnte – ermöglichte eine immer differenziertere volkswirtschaftliche Produktionsstruktur mit zunehmender Arbeitsteilung und Spezialisierung. Das Wirtschaftswachstum war so nachhaltig, dass zum ersten Mal in der deutschen Geschichte neben einem historisch einmaligen Bevölkerungswachstum auch das Pro-Kopf-Einkommen stetig zunahm.

Das nicht ganz ideale Geldsystem
Nachdem das Römische Reich Deutscher Nation mit seinen über 300 unabhängigen Territorien durch die Abdankung Kaiser Franz II. aufgelöst wurde, kursierten ab 1815 gewissermaßen staatenlos gewordene Geldstücke im Bereich des Deutschen Bundes. Da es sich hierbei jedoch um Gold- und Silbermünzen handelte, blieben diese noch lange Zeit in Umlauf – ein gutes Beispiel dafür, dass Gold- und Silbermünzen auch ohne staatliche Legitimation als allgemeine Tauschmittel akzeptiert werden. Mit Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 gab es noch ein Dutzend verschiedener Münz- und Rechnungssysteme, sieben Währungsgebiete und vier verschiedene Währungssysteme. Da es sich jedoch bei den unterschiedlichen Währungen immer um Gold- und Silbermünzen handelte, hatte man letztendlich doch ein einheitliches Währungssystem; allerdings mit dem Problem, das jeder Souverän seinen Münzen ein eigenes Gewicht gab, das man immer erst umrechnen musste. Aufgrund der stark gestiegenen Investitionskosten für die damals neu aufkommenden Prägemaschinen verringerte sich in der Zeit von 1803 bis 1871 die Zahl der staatlichen Prägeanstalten von 43 auf neun. Vielen Kleinstaaten ging somit die Möglichkeit verloren, mit der Münzproduktion und dem folgenden Münzverruf zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Die auch damals schon chronisch klammen Staaten griffen daher insbesondere seit der Revolution 1848 auf den Trick der Ausgabe von ungedecktem Papiergeld zurück, um Finanzierungsmittel für den Staatshaushalt zu beschaffen; diese Praxis wurde dann im Münzvertrag von 1857 verboten. Neben Gold- und Silbermünzen sowie durch Edelmetall gedeckte Banknoten nahm darüber hinaus in der Zeit des Deutschen Bundes ein neues Geld – nämlich Kreditgeld in Form von Buchgeld – beträchtlich zu. Anders als die meisten Zettelbanken schöpften die Geschäftsbanken ihr Buchgeld zu einem sehr viel höheren Anteil aus dem Nichts, das heißt dem Kreditgeld standen keine Ersparnisse in Form von Gold und Silber gegenüber. Im Jahr 1870 machte Buchgeld bereits die Hälfte der Gesamtgeldmenge von etwa 1.500 Millionen Talern aus. Diese ungedeckte Kreditgeldschöpfung der Geschäftsbanken und der damals existierenden Notenbanken – wie die Bank of England oder die Zentralnotenbank Preußens – führte schon im 18. und 19. Jahrhundert zu diversen Finanzkrisen. Allerdings gab es zur Zeit des Deutschen Bundes noch eine natürliche Beschränkung bezüglich der ungedeckten Ausweitung des Kreditgeldes. Die Geschäftsbanken mussten bei der Kreditvergabe immer auch die Möglichkeit eines Bankrotts durch einen Bankrun oder durch systemische Kreditrisiken – die spätestens in der kommenden Finanzkrise offensichtlich würden – einkalkulieren.

Die Hamburger Mark Banco – die ideale Österreichische Währung
So verbreitet die Praxis der ungedeckten Kreditgeldschöpfung bei den Geschäftsbanken und vor allem den staatlichen Notenbanken auch war, so gab es doch eine rühmliche Ausnahme. Die von der Hamburger Bank herausgegebene Mark Banco galt insbesondere zur Zeit des Deutschen Bundes als das sicherste und unveränderlichste Geld der Welt. Seit der Gründung im Jahr 1619 bis zur Einführung der Reichsmark im Jahr 1871 stand die Mark Banco als ein Symbol für die Zuverlässigkeit und Ehrbarkeit des Hamburger Kaufmanns. Da in der Warenhandelsmetropole Hamburg traditionell zahlreiche Münzsorten mit unterschiedlichem Metallgehalt zirkulierten, wurde die Hamburger Bank gegründet, um den Geld- und Zahlungsverkehr in der Hansestadt zu erleichtern. Um Zahlungen bargeldlos durch Umbuchung von Konto zu Konto zu ermöglichen, wurde einem vollwertigen Reichstaler drei Mark Banco gutgeschrieben. Eine Mark Banco entsprach also 8,66g Silber, womit man eine stabile Recheneinheit hatte. Diese neu geschaffene Währung existierte allerdings nur in den Büchern der Bank und wurde nicht geprägt. Die Hamburger Bank verpflichtete sich, den Kontoinhabern jederzeit ihre Guthaben in Silber auszuzahlen und hielt explizit in ihrer Satzung fest, kein Kreditgeld in Form von Buchgeld zu schöpfen, das nicht zu 100% mit Silber gedeckt war. Tragischer weise konnte das vorbildhafte Beispiel der Hamburger Bank keine Schule machen. Mit der Ernennung Otto von Bismarcks zum Regierungschef Preußens im Jahr 1862 wurde das Ende der klassisch-liberalen Ära und des Deutschen Bundes eingeleitet. Der „eiserne Kanzler“ gab mit Krieg und Staatsherrschaft fortan die Agenda vor, die im 20. Jahrhundert noch weiter eingeschlagen werden würde. Mit der Gründung des Deutschen Reiches und der staatlich verordneten Währungsmonopolisierung wurde die Hamburger Bank 1875 geschlossen und später in eine Filiale der Reichsbank umgewandelt.

Fazit
Der klassische Liberalismus zur Zeit des Deutschen Bundes von 1815 bis 1866 führte innerhalb weniger Generationen von einem durch die Napoleonischen Kriege ruinierten Agrarstaat zu einer der produktivsten Industrienationen der Welt. Der Auslöser dieses einzigartigen Wirtschaftsaufschwungs war ein liberaler institutioneller Rahmen mit Gewerbe- und Vertragsfreiheit, stabilen Eigentumsrechten, Freihandel und einem Systemwettbewerb, der deshalb so lange existierte, weil es auf Ebene des Deutschen Bundes keine Zentralregierung gab. Das Geldsystem basierte auf einem Gold- und Silberstandard, und mit der Hamburger Bank gab es gar eine Finanzinstitution, die sich an eine 100% Deckung bei der Ausgabe von Buchgeld und Krediten hielt. Insbesondere in der Zeit von 1848 bis 1862 war Deutschland auf dem besten Weg zu einer idealen „Österreichischen Welt“. Diese Entwicklung wurde mit dem Aufstieg Otto von Bismarcks abrupt beendet.
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Steffen Krug studierte Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, Reims in Frankreich und an der Viadrina in Frankfurt an der Oder, wo er von 1995 bis 97 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Jan Winiecki war, einem Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Seine Diplomarbeit von 1997 schrieb Steffen Krug über „Systemwettbewerb und europäische Integration“. Nach einem Traineeprogramm bei der Vereins- und Westbank in Hamburg war er dort als Wertpapierspezialist tätig. 2002 machte er sich als Vermögensberater und Finanzmakler selbstständig (lacruche). Steffen Krug entwickelte den Investmentstil des „Austrian Asset Management“ und gründete 2009 das Institut für Austrian Asset Management, IfAAM. Zusammen mit Kristof Berking veranstaltet er jählich das Hamburger Mark Banco Anlegerseminar.

1 Kommentar:

  1. nicht nur die Währung "Mark" entstand im freien Wettbewerb zur Zeit des dt. Bundes und wurde später unter Bismarck monopolisiert: mit den Eisenbahnen war es genau das gleiche! Nehmen wir als Beispiel das Tal der Wupper: unten im Tal betreibt die Deutsche Bahn heute die S-Bahn-Linien und die Eurobahn einen Regionalexpress, aber die Nordbahntrasse, die auf den Nordhöhen von einer anderen Betriebsgesellschaft gebaut worden war, ist zu Bundesbahn-Zeiten stillgelegt worden, weil Konkurrenz innerhalb des Bundesbahn-Netzes weder möglich noch erwünscht war und Redundanz als verzichtbar galt.

    Ich bin ja echt froh, daß es im Bereich der Kommunikationsnetze inzwischen wieder Wettbewerb gibt - dadurch, daß die Staatsmonopole auf Telefonnetz und Fernsehkabelnetz, die seinerzeit beide bei der Bundespost lagen, heute verschiedenen Gesellschaften gehören.

    Es ist wirklich schwierig, Monopole wieder aufzubrechen, wenn sie einmal etabliert sind.

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