Montag, 24. September 2012

Penis Ausschreitungen

von Moritz Ballauff
Ich gehe gerne ins Theater. Ich tue das nicht häufig, denn ich bin ja noch jung, aber wenn es passiert, dann tue ich es gerne. Doch das Problem beim Golfspielen ist nicht das Spiel, es sind die Spieler. Im Theater ist selten das Theater selbst das Problem, nein es sind die Besucher. Ein minuziös von sich eingenommener Haufen Menschen, deren schönstes Pläsier es zu sein scheint über die eigene Gefühlswelt oder andere nicht vollständig durchdrungene Abstraktionsebenen zu philosophieren. Das besondere daran ist weniger das so genannte Individuum, als die völlig verquerte Weltanschauung, die das Beobachten eines solchen zu Tage fördert. Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen a la Polanski gilt in solchen Kreisen als Kavaliersdelikt (ein Zustand, von dem so mancher CDU-Hinterbänkler nur träumen kann), das Bafög wird für Tüten-Bordeaux und Fair-Trade-Soja-Tofu-Aloe-Vera-Chips verjuxt. Ich höre eine zierliche Soziologiestudentin hinter mir. Sie hat schmale Lippen, ein starres besorgtes Gesicht und trägt ein unglaubliches Gewirr aus Wolle und etwas, das aussieht wie bunte Schamhaare. Sie flüstert: “Hast du gehört, der Putin meinte zynisch, die Strafe für Pussy Riot solle nicht zu hart ausfallen!”.  ”Chauvinistenschwein!”, bricht es gepresst, denn im Theater darf man eigentlich gar nicht reden, aus ihrer Freundin hervor. 
Pussy Riot, also Muschi Krawall… Ich versuche mir das männliche Pendant zu diesem Bandnamen vorzustellen: Cock Trouble, Dick War oder auf Deutsch vielleicht Fleischpeitschen Unruhe. Nun gilt diese Band, die wie ein zweitklassiger Neunzigerjahre-Handlungs-Porno heißt, irritierender Weise als feministisch. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Wenn ein Mann mit Fliegersonnenbrille bei Alice Schwarzer sitzt und sich für Aussagen wie “Zieh dich aus du Schlampe!” als frauenverachtener Schlappschwanz denunzieren lassen muss, dann aber eine Gruppe von Frauen sich auszieht und das ganze dann Schlampenwanderung nennt, dann ist das mutiger, feministischer Protest. Das will man doch gar nicht verstehen, das will man doch ignorieren.

Den beiden Mädchen vor mir scheint dieses Dilemma nicht so ins Auge zu springen wie mir. Beim Feminismus der Emma waren wenigstens die Regeln klar nach denen Unterdrückung definiert wurde: Alles was lustig ist ist unlustig und alles was man machen möchte ist verboten. So weit so gut. So ist es halt in jedem Metier mit Potenzial. Aber nun wird man als Mann in der Öffentlichkeit mit den verschiedensten Frauenbildern konfrontiert, alle sind wahr und alle sind gelogen. Niemand kann mehr genau sagen was der nächste Schritt zur totalen Gleichstellung der Frau ist. Hat sich irgendjemand schon mal darüber Gedanken gemacht, dass Frauen und Männer vielleicht verschieden sein könnten und das ganz ok wäre?

Interessant am Rande ist noch die Feststellung, dass die Musik von Pussy Riots eigentlich total scheiße ist. Das scheint der Konsens zu sein, denn niemand hört sie. Wahrscheinlich nicht einmal Joko Ono, die die Band mit dem Ono-Lennon-Friedenspreis ausgezeichnet hat. Das ist etwa so stimmig, wie Präsident Obama mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen, bevor er einen Handschlag gemacht hat, aber hey, irgendjemand hat auch das fertig gebracht.
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Moritz Ballauff ist 20 Jahre alt, studiert BWL und Politik in Lüneburg und betreibt den Blog "erschieß mich doch einer''.

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