Montag, 22. Oktober 2012

Kleines Buch zur großen Wut

von Tomasz M. Froelich
Matthias Altenburg wendet sich in seinem Buch ,,Courage'' an seine Tochter Paula. Er versucht ihr die politischen und ökonomischen Zusammenhänge dieser Welt zu erklären. Paula ist 16; ein Alter, in dem man durchaus in der Lage sein kann, diese Zusammenhänge zu begreifen. Matthias Altenburg ist 54 und begreift sie kaum.
Das Buch - eingebettet in ein Anfangs- und ein Schlusszitat von Bertolt Brecht - liefert im Grunde genommen keine neuen Erkenntnisse. Und es erklärt auch nichts.

Altlinkes Schwadronieren
Soziale Missstände in Deutschland und dem Rest der Welt werden in altlinker Manier, teilweise sogar zurecht, angeprangert. So ist Altenburgs Kritik an der Zoll- und Subventionspolitik des Westens, die die Menschen in der Dritten Welt verhungern lässt, berechtigt. Auch seine Kritik an der Politik, die dazu neigt, Allianzen mit der Großindustrie und dem Bankensektor einzugehen, um diese(n) gegen bestimmte Leistungen zu privilegieren, was dann auf Kosten der Ärmeren geht, ist grob richtig. Das Ganze dann als ,,Kapitalismus in Reinform'' zu bezeichnen ist hingegen äußerst vulgär, großer Humbug, entspricht aber dem gegenwärtigen Zeitgeist der Ahnungslosigkeit.
Wir leben in einer staatlich dominierten Welt, in der das Primat der Politik gilt. Der Kapitalismus kommt aber, in seiner reinsten Form, zumindest in der Wirtschaft ohne Staat und Politik zurecht. Reiner Kapitalismus ist freier Marktanarchismus. Sobald sich Staat und Politik in die Wirtschaft einmischen, kann von einem reinen Kapitalismus nicht mehr die Rede sein.
Auf dem freien Markt, als der sich der Kapitalismus auch definieren lässt, treffen Menschen zusammen, die ihre gegenseitigen Bedürfnisse erforschen, ihre Arbeit und alle damit verbundenen Prozesse danach richten und in letzter Konsequenz diese Bedürfnisse mit Hilfe des Handels zu befriedigen versuchen. Die Menschen dienen einander. Alles freiwillig. Alles ohne Zwang. Alles ohne Gewalt. Alles ohne Staat und Politik.

Wir leben nicht im Kapitalismus, sondern im Sozialismus
Der Kapitalismus ist nicht, wie von Altenburg angenommen, ein Nullsummenspiel, bei dem die ach so schonungslosen Unternehmer  - scheinbar Altenburgs Feindbild - auf Kosten ihrer ach so armen Klienten profitieren, sondern ein Spiel positiver Summen. Nur ein Idiot würde sich auf ein Geschäft einlassen, von dem er ausgeht, dass es nicht profitabel ist.
Altenburg ignoriert das Offensichtliche, nämlich dass wir gar nicht in einem kapitalistischen System leben. Staatsquoten von über 50%, Steuern en masse, die Verstaatlichung vieler Bereiche, die korrupt anmutende Verflechtung von Politik und Großkapital, der Staat als Mitspieler, Regulierer, Umverteiler und Geldmonopolist: Wir leben nicht im Kapitalismus, sondern in einem schleichenden, nepotistisch veranlagten Sozialismus, der die Wirtschaft in ein Korsett einengt, welches ihr natürliches, gesundes Rückgrat zunehmend krümmt und lähmt. Es sind die wenigen kapitalistischen Elemente, die uns noch am Leben halten. In Anbetracht von Altenburgs ökonomischem Analphabetismus wundert es aber nicht, dass er sich für noch mehr Steuern, noch mehr Staat und noch mehr Sozialismus einsetzt; auf Kosten des freien Marktes und somit auf Kosten der Freiheit.

Mainstream soll mit Mainstream bekämpft werden
Auf seiner oft moralisierenden Schiene weiterfahrend kritisiert Altenburg außerdem noch die Berichterstattung der Mainstream-Medien und deren gefährliche Wirkung auf die Masse. Phasenweise auch zurecht. Nur merkt er dabei leider nicht, dass er selbst eines ihrer Opfer ist, das den antikapitalistischen Zeitgeist, den sie vermitteln, kaum hinterfragend weitergibt. Und so wundert es nur wenig, dass die Quellen, die er zur Stützung seiner Thesen verwendet und auflistet, überwiegend dem Mainstream entstammen.
Das Buch bleibt rudimentär und analyse- und theoriefrei. Es ist eine moderat formulierte Hasstirade gegen den nicht bzw. immer weniger existenten Kapitalismus. Der schleichende Sozialismus als  eigentliche Ursache des Problems bleibt unerkannt. Mit dem Kapitalismus wird hingegen ein Unschuldiger angeklagt. Dies sollte man erkannt haben, bevor man ,,Courage'' einfordert. Das Buch erreicht höchstens gehobenes Stammtischniveau, wie man es von vielen Sozialisten sämtlicher Couleur kennt und erwartet. Mit 16 Jahren kann man jedenfalls weiter sein. Mit 54 sollte man es!
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Matthias Altenburg: Courage. Anstiftung zum Ungehorsam. 128 Seiten, DuMont 2012. 14,99 Euro.
Die Rezension erschien ursprünglich in der ,,Blauen Narzisse''.

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