Samstag, 11. August 2012

Gut Ding braucht Weile, oder weshalb ich nicht an grundlegende und dauerhafte Änderung durch Parteien glaube

von Tommy Casagrande
Aus Sicht eines Anhängers der Privatrechtsgesellschaftsidee, in der jede menschliche Interaktion nur dann den ethischen Ansprüchen gerecht wird, wenn sie auf rigorosem Eigentumsschutz, also der freiwilligen Übereinkunft, Kooperation und somit dem Grundsatz der individuellen Freiheit basiert, ist jede Partei ein Teil des Problems. Parteien sind Teile der Idee, die man Staat nennt. Wenn der Staat eine Pizza ist, dann sind seine einzelnen Pizzastücke nichts anderes als Parteien. Diese Pizzastücke beinhalten für jeden Geschmack und Anspruch eine andere Zutat. Mal sind es Thunfisch und Tomaten, dann Salami oder Oregano. Es fügt sich alles zur geschlossenen Pizza zusammen, doch verdirbt sie am Ende viele Mägen. 
Parteien haben das Gemeinwohl nicht im Blick. Das Gemeinwohl besteht aus dem Wohl millionenfacher individueller Bedürfnisse, für deren Befriedigung es genauso viele Zugänge des Verständnisses wie der Umsätze an Ideen gibt, wie es Menschen gibt.
Parteien aggregieren das individuelle Wohl von Menschen und subsumieren es als partiell kollektiviertes Wohl der Gesamtgesellschaft, gegen welche daraufhin der Anspruch dieser Klientel versucht wird durchzusetzen. Es findet alles im Rahmen der Fläche dieser Pizza statt und geht keinen Millimeter über dessen knusprigen Rand hinaus. So knusprig, dass man sich schon mal den einen oder anderen Zahn ausbeißen kann. 
Selbst die liberalste Partei ist immer noch Bestandteil des Systems, das sie versucht, zu okkupieren. Auch sie kann nicht darauf vertrauen, dass ihr Mehrheiten und Massen nachlaufen, die plötzlich auf den Geschmack gekommen sind, dass die Pizzastücke mit Freiheit besser munden als andere. Und viel wichtiger als der epische Umstand, wenn plötzlich der Geschmack der Leute sich ändert, ist das Sättigungsgefühl, wo kein Stück Pizza mehr in den Magen passt, wo die Leute dann an einen Punkt ankommen wo sie sich fragen, was jetzt passiert. Denn im selben Augenblick existieren andere Pizzastücke, die den Menschen anbieten, zusätzlich so viele Gratis-Pizzen zu bekommen wie sie wollen, wenn sie sich nur dafür entscheiden, nicht die Freiheitspizzastücke zu essen. Was sollte dazu führen, dass innerhalb des Pizzaprinzips die Menschen dauerhaft den anderen Sorten entsagen? Was sollte innerhalb dieses Pizzaprinzips dafür sorgen, dass sich die Zusammensetzung der Freiheitssubstanzen nicht verändert und sich den anderen Pizzastücken annähert? Ist der Versuch, die Pizza von innen heraus dauerhaft zu verändern nicht zum Scheitern verurteilt, eben weil man nur in der Pizza bleibt? Es ist wie mit dem Teller: über den Rand hinaussehen ist das eine, aber darüber hinaus zu gehen etwas anderes. 
Etymologisch betrachtet bedeutet Pars nichts anderes als Teil. Kann eine Organisationsform wie die Partei, die per definitionem sich um Teilgebiete müht und nicht das Gesamte im Blick hat, das Ganze ändern, sodass das Ganze ein Teil der Partei wird? Ist es nicht voraussagbar, dass, so lange es ein Parteiensystem gibt, die Anreize, Parteien entstehen zu lassen, die aufgrund von illusorischen Wahlversprechen um Macht buhlen, zu groß sind, als dass man verhindern könnte, dass fortlaufend Täuscher und Blender sich um die Gesellschaftskrone ranken? Angenommen, in dieses System tritt eine Partei ein, die tatsächlich aus Idealisten besteht: wer verhindert die Unterwanderung, die im Fortlauf der Zeit schon anderen Parteien widerfahren ist? Wer verhindert die Annäherung an die politisch konstruierten Klientelinteressen? Wer verhindert die Abstumpfung des scharfen Messers? Ist es nicht vielleicht viel mehr so, dass ein gemeinnütziger Verein, der aus Idealisten besteht, authentischer seinen Idealen treu bleiben kann und wird, weil er nicht um die Gesellschaftskrone kämpft, sondern sich abseits der medialen Aufregung um politisches Gezerre in Ruhe und Akribie, inhaltlich und argumentativ der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft widmen kann? Besteht nicht auch viel mehr die Gefahr, dass eine Partei mit libertären Inhalten, von der Überzahl ihrer etatistischen Gegner, in einem Maße mit Vorurteilen und Schlagworten belegt wird, sodass diese Partei der Aufklärung der Bürger gar nicht hinterher kommt, weil pro aufgeklärten Bürger im gleichen Maße schon wieder vier andere so emotionalisiert wurden, dass sie die freiheitlichen Ideale der Aufklärer als Täuschung im Sinne der Ausbeutung verstehen? 
Ich glaube Parteien sind Teil des Problems und wer Menschen aufklären möchte, der sollte die Politiker walten und schalten lassen, damit diese in bester Manier vorführen können, dass die Hasen, die sie aus ihren Hüten zaubern, Plüschkarnickel sind, die sie in dem Moment hineingetan haben, wo die Menge, schallend jubelnd über den Trick, blind war vor Begeisterung. Das Institut für Wertewirtschaft ist ein Ort, wo das Nachdenken und Reden kultiviert wird. Ohne im Angesicht des gesellschaftlichen Druckes und Scheinwerferlicht zu stehen, ist die Zeitpräferenz dieser Schule sehr niedrig. Das bedeutet, sie schenken der Zeit weniger Bedeutung als den Inhalten und den Entwicklungen, weil gut Ding braucht Weile. Darum ist mir lieber, wenn der Libertarismus mit halber Geschwindigkeit vorangeht, aber all jene, die sich ihm mit Seele und Leib verschreiben, ihn auch voll und ganz verstanden und verinnerlicht haben.

Kommentare:

  1. Ich sehe das wie Sie. Es gibt ein massives Problem für Parteilose. Ohne Partei keine Politik in D. Und damit hat man ein Problem wenn man keine Parteien haben möchte.

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  2. Tommy Casagrande13. August 2012 um 10:16

    Hallo Friedrich,

    Ohne Partei keine Politik. Das wäre der beste Zustand, den ich mir vorstellen kann. Denn Politik ist immer Zwang und bietet Monopollösungen an. Es gibt nichts schädlicheres als ein staatliches Monopol.

    Ich als Parteiloser habe kein Problem damit, dass es keine Partei für mich gibt. Ich will ja auch nicht, dass mich irgendwer vertritt. Ich will aber eben auch nicht, dass es Parteien für andere Menschen gibt, die dann darin vertreten werden, meine Selbstbestimmung mit Füßen zu treten.

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