Mittwoch, 25. Juli 2012

Was passiert, wenn die Egoisten abhauen?

Ayn Rand
von Peter Mokwa
Ayn Rand war eine gnadenlose Rationalistin. Gnadenlos ist auch ihr Hauptwerk, der „Social-Fiction“ Roman „Atlas Shrugged“, der unlängst in deutscher Neuübersetzung unter dem Titel „Der Streik“ erschienen ist. In ihrem Roman erzählt die Autorin, wie in einem fiktiven Amerika die Gesellschaft sich selbst untergräbt und schließlich vernichtet. Gesellschaft? Nein, es sind die Menschen, aus denen sich diese Gesellschaft zusammensetzt. Rand porträtiert die verschiedenen Varianten des irrational gewordenen „Homo sapiens“, die in ihrem gemeinsamen Kampf gegen die immer kleiner werdende Gruppe von selbstbewussten Vernunftmenschen zunächst für sich parasitäre Vorteile durchsetzten, um dann in einem Kampf gegeneinander – in dem durch ihren Irrationalismus angerichteten Chaos – unterzugehen. Der Zusammenbruch der irrational gewordenen Gesellschaft wird durch das Verschwinden ihrer letzten rationalen Elemente ausgelöst: dem Streik. 

Eigentlich handelt der Roman nicht von Menschen. Das haben die Kritiker Rands überhaupt nicht verstanden, und insofern ist ihre Kritik an den vermeintlich „holzschnittartigen“ Gestalten des Romans irrelevant.
Das Buch handelt von Logik, von Identität und Kausalität, es handelt von Regeln der Moral und den Gesetzen der Ökonomie, d.h. den Zwängen, denen das menschliche Handeln unterliegt. Die Autorin schildert mit erbarmungsloser Konsequenz, wie die Verletzung dieser Gesetze im allgemeinen Chaos, im Kampf eines jeden gegen jeden und letztendlich im Untergang aller münden muss. Für die Anhänger des „Primats der Politik“ und der Eingriffe in das Marktgeschehen aus Gründen der „Marktstabilität“ bzw. des „Wirtschaftswachstums“ muss es deprimierend sein demonstriert zu bekommen, wie sich diese Interventionen als nichts anderes entpuppen als Versuche, sich auf Kosten von Konkurrenten und Konsumenten Vorteile und Privilegien zu verschaffen. Und die obendrein stets zum Gegenteil dessen führen, was zu erzielen die Irrationalisten ursprünglich versuchten. Geradezu verstörend wirkt auf die Befürworter der sogenannten sozialen Gerechtigkeit, wie die Autorin den Altruismus als extremen irrationalen Egoismus entlarvt, der schließlich im selbstzerstörerischen Hass endet. Der Irrationalismus besteht ja gerade aus der Leugnung der Gesetze des menschlichen Zusammenlebens, insbesondere der Gesetze der Ökonomie. Der Irrationalist, wenn er auch manchmal nicht umhin kann, die Existenz dieser Gesetze zuzugeben, ist dennoch überzeugt, ihrer Wirkung entgehen, diese Gesetze manipulieren oder außer Kraft setzen zu können. Mit einem Satz: Der Irrationale versucht, die Realität zu betrügen. Aber „Realität ist real“, „Existenz existiert“ – das sind die Schlüsselsätze des Romans. Und diese reale Realität schlägt gnadenlos zurück, wenn auch nicht immer sofort. Früher oder später aber reagieren die realen Gesetze des menschlichen Zusammenlebens und strafen die Irrationalisten mit der Vereitelung ihres Vorhabens, oft mit deren Vernichtung. 

Bald nach Erscheinen des Romans in den USA schrieb der geniale Ökonom Ludwig von Mises an die Autorin und bekannte sich als ihr „Fan“: 
„Atlas ist nicht lediglich ein Roman. Er ist auch – oder darf ich sagen, in erster Linie – eine überzeugende Analyse der Sünden, die unsere Gesellschaft plagen, eine begründete Zurückweisung der Ideologie unserer selbsternannten ‚Intellektuellen‘ und eine erbarmungslose Demaskierung der Unehrlichkeit der von den Regierungen und den politischen Parteien angewandten Vorgehensweisen. Es ist eine vernichtende Entlarvung der ‚moralischen Kannibalen‘, der ‚Gigolos der Wissenschaft‘ und des ‚akademischen Gelabers‘ der Schöpfer der ‚anti-industriellen Revolution‘. Sie haben den Mut, den Massen zu sagen, was ihnen kein Politiker gesagt hat: Ihr seid von geringem Wert und alle Zustandsverbesserungen, die ihr einfach für selbstverständlich haltet, verdankt ihr den Anstrengungen von Menschen, die besser sind als ihr.“

Einige Kritiker attestieren Ayn Rand einen massiven Einfluss von Friedrich Nietzsche; ihre rational-egoistischen Genies würden frappierend Nietzsches Übermenschen ähneln. Damit versuchen sie, Rand in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken. Die Kritiker sind jedoch Opfer einer Täuschung geworden, die aus den sozialen Verhältnissen resultiert, in denen sie leben. In einer Gesellschaft von Gartenzwergen sind Pygmäen Riesen. Die Helden des Romans sind völlig normale Menschen: Unternehmer und Arbeiter, Juristen und Philosophen, Ingenieure und Techniker. Normale Menschen, die nur eines versuchen: ihr Bestes zu geben und ihren Job gut zu machen, gleichgültig welchen. Würden sie in einer normalen Welt leben, wären sie keine Anomalien und somit keine Übermenschen. Oder anders ausgedrückt: In einer normalen Gesellschaft wären auch Genies nichts Ungewöhnliches. 

Die Helden Rands leben jedoch in einer perversen, in einer von gleichermaßen parasitär-altruistischen wie hinterhältigen Zwergen dominierten Welt. Viele normale Menschen kapitulieren, passen sich an und verkommen. Einige trotzen dem Trend und versuchen die zusammenbrechende Welt zu stützen, sind es doch sie, die die Welt auf ihren Schultern tragen. Immer wieder verschwinden einige von ihnen, ganz plötzlich und ohne Ankündigung. Und schließlich sind sie alle weg – „Atlas wirft die Last ab“. Mehr als am Anfang soll auch am Ende dieser Zeilen nicht verraten werden. Die Lektüre würde sonst an Spannung verlieren. Denn eines ist der lange Roman allemal: gnadenlos spannend.
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''Atlas Shrugged'' bzw. ''Der Streik'' ist in der Buchausgabe erhältlich!

Kommentare:

  1. "Eigentlich handelt der Roman nicht von Menschen. Das haben die Kritiker Rands überhaupt nicht verstanden, und insofern ist ihre Kritik an den vermeintlich „holzschnittartigen“ Gestalten des Romans irrelevant.
    Das Buch handelt von Logik, von Identität und Kausalität, es handelt von Regeln der Moral und den Gesetzen der Ökonomie, d.h. den Zwängen, denen das menschliche Handeln unterliegt."

    Wenn man nicht über Menschen schreiben will, sondern über Logik, Identität und Kausalität, sollte man es nicht mit einem Roman versuchen. Insofern ist die Kritik sehr berechtigt.

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  2. Die Kritik ist unberechtigt, weil sie nur dann geübt wird, wenn Ayn Rand und ihre Philosophie nicht verstanden werden. Und das, obwohl sie "Atlas Shrugged" bewusst einfach geschrieben hat.

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  3. "Ayn Rand war eine ... Rationalistin" Nein. Rationalisten waren Leute wie Descartes. Gerade NICHT dem Rationalismus zu verfallen (und auch nicht dem Empirismus) war doch eine ihrer großen Leistungen.

    Aus dieser falschen Darstellung stammen auch Kommentare wie von Rayson. Mit ihrem Roman wollte sie eben die Brücke schlagen zwischen reinem Rationalismus und reinem Empirismus. Unsere Wahrnehmungen machen wir über Sinnesinformationen UND logische Integration.

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  6. Rand als Rationalistin: Mir ist die Problematik des von mir verwendeten Rationalismus-Begriffes bewusst. Absichtlich verzichtete ich auf den Begriff des Objektivismus, da er Nichteingeweihten nichts sagt. Eigentlich soll „Rationalismus“ nur verdeutlichen, dass Rand eine radikale Gegnerin aller Formen des Irrationalismus war, sowohl des philosophischen, des religiösen, als auch des Alltagswahns. Ich verwende diesen Begriff also in seiner allgemeinsten Bedeutung. Allerdings ist die Reduktion des Rationalismus auf Descartes und Co. und auf den Gegensatz zum Empirismus eine unausrottbare Marotte. Dass Rands Objektivismus die Überwindung des Rationalismus im engeren Sinne und des Empirismus anstrebt, ist jedoch richtig. Zur Klärung des Sachverhalts dürfte das Buch von Tibor R. Machan „Ayn Rand – Ihr Werk“ beitragen.

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  7. "Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits.
    Der Kampf geht seit eh und je um das arbeitsfreie Einkommen, das die Zinsbezieher einstreichen, indem sie den Arbeitsertrag der Werktätigen kürzen. Dass die erste Gruppe bisher immer siegreich war, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Zahlenmäßig ist die Gruppe der Sieger verschwindend klein.
    Die unterlegenen Werktätigen hat ihre riesenhafte Überzahl bisher nichts geholfen, sie blieben in allen Ländern erfolglos, und sie waren es auch, die in Wirklichkeit alle Kriege und Revolutionen "verloren" haben. Sie erkannten nie die zwei Fronten (hier Monopol, hier Arbeit), die sich in Politik und Wirtschaft seit jeher unversöhnlich gegenüber standen, einfach deshalb nicht, weil sie dem optischen Eindruck erlagen und im Privatbesitz der Produktionsmittel die Ursache der Ausbeutung und im Unternehmer den Ausbeuter sahen; sie ließen sich verleiten, die Politik zum Tummelplatz der so genannten "Weltanschauungen" und "Gesinnungen" (konservativ-liberal, … bürgerlich-proletarisch, links-rechts, usw.) zu machen, anstatt sich auf die wirtschaftlichen Realitäten zu beschränken und den Kern des Problems, die Monopole, anzugehen. Die Folge: Ihre heillose wirtschaftspolitische Verwirrung und ihr Misserfolg."

    Otto Valentin ("Warum alle bisherige Politik versagen musste", 1949)

    Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wer "politisch" denkt, hat noch gar nicht angefangen zu denken:

    (Lutherbibel 1984 / Genesis_3,6) Und die Frau (Finanzkapital) sah, dass von dem Baum (Geldverleih) gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht (Urzins) und aß und gab ihrem Mann (Sachkapital), der bei ihr war, auch davon und er aß.

    Silvio Gesell: Die Übertragung des Urzinses auf das Sachkapital
    http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/gesell/nwo/5_4.htm

    Alle elementaren volkswirtschaftlichen Zusammenhänge, die mit genialen, archetypischen Bildern und Metaphern in Genesis_1,1-11,9 exakt umschrieben sind, wurden durch die Überdeckung mit gegenständlich-naiven Fehlinterpretationen (so genannte Exegese der Priesterschaft) über Jahrtausende aus dem Begriffsvermögen der halbwegs zivilisierten Menschheit vollständig ausgeblendet. Da es egal ist, welchen Unsinn die jeweilige Priesterschaft redet, solange die eigentliche, makroökonomische Bedeutung im Verborgenen bleibt, erfüllen die Priester noch heute ihre Aufgabe, auch wenn sie schon lange nicht mehr wissen, was sie tun (etwa seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert).

    Heute muss man darum nicht nur sprichwörtlich sondern tatsächlich bei Adam und Eva anfangen, um an Hochschulen indoktrinierten "Wirtschaftsexperten" oder von der Masse gewählten "Spitzenpolitikern" die Marktwirtschaft zu erklären:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

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  8. "Aus dieser falschen Darstellung stammen auch Kommentare wie von Rayson. "

    Mein Kommentar kommt nicht aus irgendeiner Darstellung, sondern aus meiner Lektüre.

    "Die Kritik ist unberechtigt, weil sie nur dann geübt wird, wenn Ayn Rand und ihre Philosophie nicht verstanden werden."

    Na klar. Andernfalls würde man in gläubiger Verzückung verharren.

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