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Sonntag, 17. Juni 2012

Klassen = Kasten? Über die Unzulänglichkeiten des Marxschen Klassenbegriffs

Die ''großen'' Männer des Sozialismus: Marx, Engels, Lenin,
Stalin, Mao Tsetung
von Tomasz M. Froelich
Wer schon mal das ''Manifest der Kommunistischen Partei'' gelesen oder im ''Kapital'' geschnuppert hat, wird schnell feststellen, dass Karl Marx vom sogenannten ''Klassenkampf'' besessen war. Dieser äußere sich, so Marx, in einem unversöhnlichen Konflikt zwischen den ökonomischen Klassen, in die die kapitalistische Gesellschaft geteilt sei. Konträre Interessen der jeweiligen Klassen und deren Verschärfung durch das kapitalistische System seien für den Klassenkampf verantwortlich, welcher eines Tages nur durch den Sieg des Sozialismus verschwinden könnte.
Was aber ist eine Klasse? Marx liefert, trotz seines übermäßig häufigen Gebrauchs dieses Wortes, keine Definition. Bezeichnenderweise bricht das Manuskript des 3. Bandes seines Hauptwerks - ''Das Kapital'' - an der Stelle ab, an der er über den sein Gesamtwerk prägenden Begriff Aufklärung geben wollte. Ludwig von Mises merkte in seiner Schrift ''Die Bürokratie'' richtig an:
''Weder Marx noch irgend jemand aus dem Heer der marxistischen Schriftsteller konnte uns verraten, was eine soziale Klasse ist, und noch weniger, ob solche Gesellschaftsklassen wirklich die ihnen von der Doktrin zugeschriebene Rolle für die Gesellschaftsstruktur spielen.'' (Mises 1944/2004: 104). Eine wirkliche Definition des Klassenbegriffs ist Marx nie gelungen und wäre wohl auch nicht in seinem Interesse gewesen, da sie den Nutzen seines Gesamtwerks für die Entlarvung sozialer und wirtschaftlicher Probleme wohl nur noch weiter diskreditiert hätte.
Marx machte den Fehler, gesellschaftliche Klassen mit Kasten gleichzusetzen. Im Kastensystem, welches zum Beispiel im heutigen Indien noch geläufig ist, wird man in eine Kaste geboren und bleibt dieser bis zum Lebensende stets erhalten. ''Auf- und Abstiege'' in höhere und niedrigere Kasten sind nicht möglich. Im kapitalistischen System, welches Marx zufolge grob verkürzt durch die zwei kämpfenden Klassen der Kapitalisten und Arbeiter geprägt ist, kann man als Arbeiter anfangen und als Großkapitalist aufhören - und umgekehrt. Man muss nicht zwangsläufig ein Leben lang der vom Kapitalisten ausgebeutete Arbeiter sein, den Marx permanent vor Augen hatte. Kasten sind unveränderlich, Klassen, wie sie von Marx erläutert wurden, hingegen schon. Die Kräfte des Marktes, die Entscheidungen der Verbraucher generieren ständige Veränderungen in der Zusammensetzung der Klassen. Jeder kann auf- und absteigen und ist seines Glückes Schmied. Marx verkannte offensichtlich die Dynamik des kapitalistischen Systems.
Im Sozialismus, von dem Marx träumte, gibt es nun keine Kapitalisten mehr, sondern lediglich Bürokraten. Insofern verschwinden die gesellschaftlichen Klassen, von denen Marx in sehr undeutlicher Weise schrieb. Das Ziel - die klassenlose Gesellschaft - wäre erreicht, ''[d]och dies ist ohne Belang. Es wird andere Unterschiede hinsichtlich der gesellschaftlichen Funktionen geben, die wir - sicherlich mit nicht weniger Berechtigung als Marx - als Klassen bezeichnen können. Es wird solche geben, die Befehle erteilen, und solche, die diesen Befehlen unbedingten Gehorsam leisten müssen; es wird solche geben, die Pläne erstellen, und solche, deren Aufgabe es ist, diese Pläne auszuführen.'' (ibid.: 104f.).
Der Sozialismus löst die wesentlichen Merkmale des Kapitalismus - einen freien und fairen Markt, einen gesunden Wettbewerb, Handlungsfreiheit und Mut und Motivation zu Innovation und Produktion - durch eine diktatorische, bürokratische Maschinerie ab, in der ein Aufstieg nicht durch eigene Errungenschaften, sondern durch das Wohlwollen der Vorgesetzten bestimmt ist. Und auch wenn ein Klassenkampf in einer klassenlosen Gesellschaft nach Marxscher Prägung nicht stattfinden kann, so finden dort andere und vor allem weitaus brutalere Konflikte statt: ''Es gibt keine Marxschen Klassen in einer sozialistischen Gesellschaft. Aber es gibt einen unversöhnlichen Konflikt zwischen jenen, die für Stalin und Hitler sind, und jenen, die dies nicht sind.'' (ibid.: 105). Die schlimmen Ausmaße dieser Konflikte sind uns allen bekannt. Und es ist kaum vorstellbar, dass Marx dies wirklich wollte, auch wenn die praktische Umsetzung seiner Philosophie dazu führte.
In der sozialistischen Diktatur der Bürokratie hat man den Bossen dieses Apparats bedingungslosen Gehorsam zu leisten, wenn man ein etwas komfortableres Leben führen möchte. Wer dies nicht tut, wird vom System von vornherein diskriminiert. ''Liberalismus und Kapitalismus schafften diese ganze Diskriminierung ab und machten alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Im wesentlichen war nun jeder frei, in den Wettbewerb um jeden Platz in der Gemeinschaft zu treten.'' (ibid.: 103).
Von daher hat die klassenlose Gesellschaft, der lahme, statische Sozialismus, schon eher etwas kastenartiges, als der ach so böse, dynamische Kapitalismus.
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Quellen

Marx, Karl; Engels, Friedrich (1848/2009): Manifest der Kommunistischen Partei. Stuttgart: Reclam.

Mises, Ludwig von (1944/2004): Die Bürokratie. Sankt Augustin: Academia.

Kommentare:

Camilo hat gesagt…

Im Kontext stecken die Klassen der damaligen Zeit. Bedenke doch einfach mal zu welcher Zeit Karl Marx lebte und über welche Gesellschaft er schrieb. Man kann solch ein Werk nicht einfach nehmen und es gegenüber des heutigen Kapitalismus stellen. Zu seiner Zeit war dieses System keinesfalls dynamisch. Das Proletariat hatte fast keine Möglichkeit als Kleinbürger geschweige denn als Kapitalist zu Enden.
Sie wurden ausgebeutet, litten unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen und starben dadurch meist deutlich früher.
Marx spricht also definitiv nicht von Klassen = Kasten!
Auch waren damals keinesfalls alle Menschen gleich vom Recht her. Solche Fakten auszublenden bei einem derartigen Artikel strotzt nur so vor Ignoranz.
Hätte es Marx mit diesen Gedanken nicht gegeben wäre unser so "toller" Kapitalismus heute noch derartig.
Aber selbst gibt es noch deutliche Defizite in der Gleichheit (Aktuelles Beispiel: Apple klaut von anderen Herstellern Hard- und Software und wird nicht bestraft. Samsung klaut von Apple und schon sind sie die größten Diebe der IT. Wo ist hier diese Gleichheit?)

Zu bedenken sollte auch sein, dass Marx nie direkt von einer Diktatur sprach. Er gilt zwar als einer der Begründer des Kommunismus des 19/20. Jahrhunderts und viele "Kommunistische" Diktaturen rechtfertigen ihre Herrschaft dadurch. Aber ob dies wirklich alles so von Marx gewollt war wage ich zu bezweifeln.
Auch aus diesem Grund spricht man vom Leninismus Stalinismus und Maoismus, wenn man über diese "Kommunistischen" Diktaturen redet.
Komischerweise wird aber immer nur von diesen dunklen Seiten des "Kommunismus" geredet, nie aber von denen die funktioniert haben.
Ein schönes Beispiel hierfür sind die Kibbuz in Israel.

Ich beschreibe den Kommunismus dieser Diktaturen mit Absicht in Anführungszeichen, denn meiner Meinung haben diese nie den Kommunismus praktiziert. Rein nach dieser Logik müsste nämlich auch die Nationalsozialistische Regierung in Deutschland nach der Weimarer Republik als Kommunismus bezeichnet werden. Was natürlich vollkommener Quatsch ist, es sind und bleiben Diktaturen!

Con saludos cordiales Camilo

FREITUM hat gesagt…

Nein, da irren Sie sich leider gewaltig. Auch damals schon war die Gesellschaft recht dynamisch, jedenfalls auf keinen Fall kastenartig strukturiert. Das beweisen die vielen Aufstiege einstiger Proletarier zu Großunternehmern.
Zur Ausbeutung: Auch das stimmt nicht so, wie es gerne von den marxistischen Geschichtsschreibern gerne geschrieben wird. Soziale Missstände und rabiate Arbeitsplatzverhältnisse sind zu Zeiten des Manchesterliberalismus durch das Zusammenpferchen der Arbeiter erstmals optisch wahrgenommen worden, faktisch hingegen ging es diesen Menschen weitaus besser als zuvor. Bevor die Arbeiter in die Industriestädte zogen, ging es ihnen wesentlich schlechter. Sie verrichteten harte Arbeit im Agrarsektor auf dem Land. Nur war ihr Elend nicht so offensichtlich. Wäre es ihnen in den Städten und den dortigen Manufakturen schlechter gegangen, wären sie wohl kaum da hingezogen.

Zur Rechtsgleichheit: die gab es weder damals, noch heute. Das wird auch nirgendwo behauptet. Ihr Beispiel mit Apple stimmt genauso, wie etwa das Steuer(un)recht, dass bestimmte Menschen durch größere Besteuerung diskriminiert und andere dafür privilegiert. Zu den Betrieben des Big Business sei gesagt, dass sie in erster Linie eben auch sehr oft Kooperationen mit dem Staat eingehen, oft staatlich subventioniert werden oder eben rechtlich besser behandelt werden. Nur hat das mit Kapitalismus und dem freien Markt ca. so viel zu tun, wie die Grünen mit Ästhetik. Wie man heute noch von Kapitalismus und einem freien Markt sprechen kann, ist sowieso schleierhaft, wenn man bedenkt, dass die Staatsquoten bei meist um die 50% liegen, viele Bereiche des Lebens komplett verstaatlicht sind, wie etwa das Bildungswesen, Staaten gegeneinander Protektionismus betreiben, die Zentralbanken staatlich sind und der Staat als Geldmonopolist auftritt. Das ist mindestens Semisozialismus. Vom Kapitalismus kann jedenfalls nicht die Rede sein.
Dem bisschen Kapitalismus, dass man immer noch geniessen kann, verdanken wir hingegen die größten ökonomischen Errungenschaften und die Mehrung des Wohlstandes dort, wo er praktiziert wurde. Die Mehrung des Wohlstandes aller, wohlgemerkt. Nicht umsonst galt Richard Cobden - seinerzeit eine der Führungsfiguren des Manchesterkapitalismus - als ,,Champion of the Poor''.