Donnerstag, 12. April 2012

Wir, die freiwilligen Sklaven, oder: Wie funktioniert Herrschaft?

von Jonathan Danubio
Warum lassen wir uns eigentlich von einem oder mehreren Tyrannen (Demokratie) beherrschen? Warum lassen wir, die wir in der Überzahl sind, uns von einer kleinen Gruppe berauben (Steuern)? Warum wehren wir uns nicht gegen unsere Knechtschaft bzw. warum sehen wir unsere Unfreiheit nicht? Diese Fragen wurden vermutlich zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit von dem französischen Juristen Étienne de La Boétie in seiner Schrift Discours de la servitude volontaire (Von der freiwilligen Knechtschaft) beantwortet. Der heute eher unbekannte La Boétie gilt (neben Machiavelli, der ideengeschichtlich als sein Gegenstück bezeichnet werden kann) als Begründer der politischen Philosophie der Neuzeit und als erster libertärer Denker des Westens. Er wurde 1530 im Frankreich der Religionskriege geboren und soll der Legende nach im Alter von 16 Jahren sein bahnbrechendes Pamphlet Von der freiwilligen Knechtschaft verfasst haben, welches zu seinen Lebzeiten nur in Manuskriptform existierte. 1554 (23 Jahre alt) wurde er zum Parlamentsmitglied in Bordeaux ernannt. Dort lernte er seinen späteren besten Freund Michel de Montaigne kennen, der sich nach La Boéties Tod um dessen Nachlass kümmern sollte. La Boétie starb 1563, im Alter von 33 Jahren, vermutlich an der Pest. Montaigne veröffentlichte posthum einzelne Schriften seines Freundes, doch weigerte sich anfänglich strikt Von der freiwilligen Knechtschaft zu publizieren (aufgrund der revolutionären Sprengkraft im Zuge der Religionskonflikte). Später wurde La Boéties Traktat aber dennoch als Anhang in Montaignes Essais abgedruckt und wurde so einem größeren Publikum zugänglich. Was aber hat La Boétie geschrieben, dass einerseits von den Protestanten seinerzeit (Hugenotten) im Kampf für religiöse Freiheit instrumentalisiert und andererseits von den kronloyalen Katholiken (bspw. Montaigne) so gefürchtet wurde? Was hat er geschrieben, dass einerseits dem russischen Literaten Leo Tolstoi tiefe Bewunderung abrang und ihn andererseits aus heutiger Sicht zum Vorläufer des gewaltfreien Anarchismus macht? 

La Boétie geht davon aus, dass alle Menschen gleiche natürliche Rechte haben und folglich niemand zum Herrscher bzw. zum Sklaven geboren wird. Jeder Mensch hat ein natürliches Recht auf Freiheit und ein Recht zur Verteidigung derselben. Freiheit bezeichnet hierbei die Abwesenheit von (unfreiwilliger) Fremdbestimmung. Doch seltsamerweise verkennen die meisten Menschen ihr natürliches Recht, sie halten es vielmehr für unnatürlich und machen davon keinen Gebrauch. Lieber beugen sie sich hingebungsvoll der Fremdbestimmung. Dies ist jedoch keine Frage der Feigheit, denn feige wäre es, wenn drei oder vier Männer sich nicht trauen für ihre Freiheit einzustehen. Was aber wenn eine gesamte Gesellschaft sich nicht traut? Man müsste nicht einmal mit Gewalt gegen die Herrscher vorgehen, der bloße Wille zur Freiheit würde vollkommen ausreichen. Würden von heute auf morgen alle Menschen auf ihre Freiheit bestehen und folglich jedwedem Zwangsherrscher den Gehorsam verweigern, so könnte es keine Herrschaft geben (bspw. wäre es für die Herrschenden dann nicht mehr möglich, Steuern zu erheben). Herrschaft baut auf also auf Akzeptanz auf, genauer: auf der Akzeptanz der gesellschaftlichen Mehrheit (wobei passive Resignation auch ausreicht). Theoretisch ist es daher nicht notwendig, dass Regierungen gewählt werden, um derart die gesellschaftliche Akzeptanz zu erlangen, denn die bloße Existenz einer Regierung setzt bereits die Akzeptanz der Mehrheit voraus. Mit anderen Worten: jeder Herrscher hat nur die Macht hat, die wir ihm übertragen, um uns zu unterdrücken. 

Laut La Boétie entsteht Herrschaft entweder durch Betrug oder Gewalt. Entscheidend ist die Frage, wie aus solchen Grundlagen eine breite Akzeptanz folgen kann. La Boétie: „Im Anfang steht man freilich unter dem Zwang und ist von Gewalt besiegt; aber die, welche später kommen und die Freiheit nie gesehen haben und sie nicht kennen, dienen ohne Bedauern und tun gern, was ihre Vorgänger gezwungen getan hatten. Das ist es, dass die Menschen unter dem Joche geboren werden; sie wachsen in der Knechtschaft auf, sie sehen nichts anderes vor sich, begnügen sich, so weiter zu leben, wie sie zur Welt gekommen sind und lassen es sich nicht in den Sinn kommen, sie könnten ein anderes Recht oder ein anderes Gut haben, als das sie vorgefunden haben; so halten sie den Zustand ihrer Geburt für den der Natur.“ 
Mit anderen Worten: hat sich Herrschaft erst einmal in der Gesellschaft etabliert, so greift spätestens nach der ersten Untertanen-Generation bereits die Macht der Gewohnheit, die, wie La Boétie ausführt, sich als stärker als die menschliche Natur erweist. Diese Gewohnheit umfasst selbstredend niemals alle Mitglieder einer Gesellschaft, es gibt immer einige störende Freiheitsliebende. Störend sind sie für die Herrscher, denn ist der Wert der Freiheit einmal erkannt, so kann es keine Rückkehr zum knechtischen Status Quo geben. Die Herrscher versuchen nach Möglichkeit diesen Zustand der gesellschaftlichen Resignation zu festigen. Ein wichtiges Mittel dafür früher wie heute ist die Bildung. Während in früheren Zeiten oftmals jedwede Bildung der Bevölkerung per Gesetz verboten wurde (bzw. es nur wenige auserkorene Hofintellektuelle gab), ist die heutige Methode perfider: jeder Mensch wird durch den Staat zur Bildung gezwungen. In Kindergärten, Grund- und weiterführenden Schulen sowie an Universitäten wird insbesondere die junge Bevölkerung der staatlichen Propaganda ausgesetzt („Demokratie ist das höchste Gut der Menschheit“ oder „ohne den Staat würde überall Chaos herrschen“ oder „der Staat handelt im Namen des öffentlichen Wohles“), die fast bedingungslos als wahr geschluckt wird. 

Dies allein reicht jedoch nicht aus, denn Menschen könnten sich der Indoktrination theoretisch widersetzen. Aus diesem Grunde muss die Masse von ihrer eigenen Knechtschaft abgelenkt werden. La Boétie: „Die Theater, die Spiele, die Volksbelustigungen und Aufführungen aller Art, die Gladiatoren, die exotischen Tiere, die Medaillen, Bilder und anderer Kram der Art, das waren für die antiken Völker der Köder der Knechtschaft, der Preis für ihre Freiheit, das Handwerkszeug der Tyrannei. […] So gewöhnten sich die Völker in ihrer Torheit, an die sie selbst erst gewöhnt waren, an diesen Zeitvertreib, und vergnügten sich mit eitlem Spielzeug, das man ihnen vor die Augen hielt, damit sie ihre Knechtschaft nicht merkten.“ Parallelen zu der heutigen Zeit sind mehr als offenkundig. Die wichtigste Methode zur Betäubung der Massen ist jedoch ein ausgeklügeltes System der Günstlingswirtschaft. So hat bspw. der Monarch zehn enge Berater, die er an der Beute teilhaben lässt (entweder am Steuerraub oder durch Ausstattung mit Privilegien), diese wiederum lassen ihre Untergebenen auch am Kuchen teilhaben etc. pp. Es bildet sich somit ein parasitäres System, indem viele auf Kosten der Mehrheit leben. Dieses System existiert auch heute noch: Großunternehmen oder Gewerkschaften werden mit staatlichen Monopolen ausgestattet, Privatbanken dürfen (neben den Zentralbanken) Kredite aus dem Nichts erschaffen und werden beim notwendigen Zusammenbruch gerettet etc. Da viele Menschen (insbesondere einflussreiche Intellektuelle etc.) derart auf Kosten anderer leben können, ist es nicht verwunderlich, dass sie um jeden Preis versuchen, dieses System aufrechtzuerhalten. Wäre das System beseitigt, wären auch zahlreiche partikulare Privilegien beseitigt. Herrscher lassen also einen Teil der Beraubten an der Beute teilhaben und binden die Knechte somit an den Status Quo. 

Revolutionär an La Boéties Pamphlet waren bzw. sind nicht nur diese Gedanken zur freiwilligen Knechtschaft der Menschen, sondern auch die vorgeschlagenen Mittel zu deren Beseitigung. Es ist nicht notwendig die Herrscher zu enteignen, es reicht ihnen keine neuen Ressourcen zukommen zu lassen. Es ist nicht notwendig Gewalt gegen sie anzuwenden, es reicht ihnen den Gehorsam zu entziehen. Diese Methode des gewaltfreien kollektiven zivilen Ungehorsams stand im krassen Gegensatz zur damals üblichen Praxis des Tyrannenmordes. La Boétie ging es darum, die Freiheitsliebe in den Menschen zu wecken, um derart die Tyrannei zu beseitigen. Zwei Dinge müssen an dieser Stelle noch erwähnt werden. La Boétie wird oftmals als früher Anarchist dargestellt. Dies ist jedoch falsch, denn mit seinem Diskurs richtete er sich nur gegen die Tyrannei, nicht aber gegen Herrschaft an sich. Das seine herausgearbeiteten Grundlagen nicht nur auf die tyrannische Monarchie beschränkt, sondern auf jedes politische System anwendbar sind, steht auf einem anderen Blatt. Des Weiteren muss man leider sagen, dass La Boétie sich, als er im Alter von 23 Jahren ins Parlament in Bordeaux einzog, sukzessiv von den Idealen seines jugendlichen Pamphlets distanzierte, sodass er letzten Endes loyal hinter der Krone stand. Die staatlichen Privilegien haben auch ihn korrumpiert. 

Die Aufgabe heutiger Libertärer kann es nur sein, an La Boéties ursprüngliche Ideale anzuknüpfen und die Liebe zur Freiheit bzw. einen Anreiz zur Freiheit zu verbreiten. Die Wege zu diesem Ziel mögen sehr unterschiedlich sein, aber am Ende steht die Hoffnung, dass auch in einer freien Gesellschaft möglichst schnell die Macht der Gewohnheit greift.
________________________
Literaturtipp:Étienne de La Boéties' Werk Von der freiwilligen Knechtschaft kann man über die Buchausgabe bestellen.

Kommentare:

  1. "Es ist nicht notwendig Gewalt gegen sie anzuwenden, es reicht ihnen den Gehorsam zu entziehen. Diese Methode des gewaltfreien kollektiven zivilen Ungehorsams stand im krassen Gegensatz zur damals üblichen Praxis des Tyrannenmordes. "

    Und wie soll das gehen? Habe ich z.B. Lust den Knast zu gehen wenn ich dem Staat die Steuern verweigere?

    Wer hat denn die Waffen und das Recht so verbogen das Freiheit nur noch eine leere Worthülse in deren Mündern ist?

    AntwortenLöschen
  2. Jonathan Danubio12. April 2012 um 19:39

    @ Friedrich

    Es ist die klassische Frage: Was kann ich als kleines Zahnrad im Getriebe des Systems denn ausrichten? Oftmals wird diese Floskel als Ausrede benutzt, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

    In diesem Falle ist es offenkundig keine Ausrede, denn man kann wohl von niemanden ernstlich erwarten, im Namen der Steuerverweigerung ins Gefängnis zu gehen (wobei Henry David Thoreau, Benjamin Tucker etc. genau das getan haben).

    Als Individuum ist es immer schwer etwas gegen einen übermächtigen Staat auszurichten, deshalb betonte La Boétie auch die Notwendigkeit kollektiven Ungehorsams. Erst wenn bspw. Steuerverweigerung die Mehrheit einer Gesellschaft erreicht hat, kann sie etwas bewirken. Als Individuum kann man sich im Grunde (neben vereinzelten Aktionen) nur immer wieder für die eigenen Ideale einsetzen und versuchen andere Menschen zu überzeugen (wobei das Internet ein gutes Medium abgibt). Ich denke, dass es des Weiteren insbesondere auf Unternehmer (die von Steuern ja mitunter am heftigsten gebeutelt werden) und staatsunabhängige Intellektuelle ankommt (evtl. ein Anreiz, eins von beidem zu werden!?).

    AntwortenLöschen
  3. Nun er schreibt ja auch von den "Zuarbeitern" und so wie ich das sehe ist die Zuarbeitung in Form von Steuern so was von allgemein installiert, daß man da als kleines Rad bis zum St. Nimmerleinstag warten wird dürfen.

    Somit sehe ich da keine Hanhabe, die sehe ich im Zusammenbruch der aktuellen Währungen. Danach wird es zwar wieder los gehen aber ein paar Jahre hat man dann wohl seine Ruhe.

    Befriedigend finde ich das nicht.

    Ich fragte schon ganz offen:
    https://mises.org/Community/forums/t/25641.aspx

    Also was und wie kann man machen?

    Wählen gehen kann ja kaum die Antwort sein....

    AntwortenLöschen
  4. Wie kommen Sie eigentlich auf die komische Idee, von einer "kleinen Gruppe" beherrscht zu werden? Dem ist nicht so. Sie werden von einer sehr großen "Gruppe" beherrscht. Von einer erdrückenden Mehrheit werden Sie beherrscht.
    Der Staat, das ist nämlich die Fiktion (fast)ALLER, auf Kosten aller anderen zu leben.

    AntwortenLöschen
  5. Jonathan Danubio13. April 2012 um 22:19

    @ Molot

    Ja, Bastiat schreibt: "Der Staat ist die große Fiktion, nach der sich jedermann bemüht, auf Kosten jedermanns zu leben." - Der Versuch auf Kosten anderer Menschen zu leben sagt doch aber nichts über die Anzahl der Herrscher aus.

    Bastiat schreibt in seinem Pamphlet, dass sich die Menschen als Bittsteller an den Staat (also die Herrscher) wenden (um derart Privilegien zu ergattern). Dies wäre doch aber gar nicht nötig, wenn die Menschen selbst Herrscher wären.

    Wie ich auf die Idee der Herrschaft einer kleinen Gruppe komme: wessen Gehälter werden ausnahmslos über Raub (Steuern) finanziert. Die Anzahl derjenigen muss notwendigerweise geringer sein als die Zahl derjenigen, die nicht vom Steuerraub leben. Es muss immer mehr Wirte als Parasiten geben, sonst würde das System zusammenbrechen.

    AntwortenLöschen
  6. Jonathan Danubio13. April 2012 um 22:30

    @ Friedrich

    Was kann man machen...ich habe keine Patentlösung, an sich nicht mal einen guten Lösungsweg. Ich für meinen Teile versuche Aufklärungsarbeit zu leisten (dieses Blog, an der Universität etc.). Dem sind natürlich auch immer Grenzen gesetzt. Das Problem ist, dass Steuerverweigerung, Sezession etc. im Alleingang kaum effektiv sind. Ich muss Sie also unbefriedigt zurücklassen.

    Ich habe mir sagen lassen, dass Stefan Molyneux demnächst ein Buch zu diesem Thema veröffentlichen möchte (Titel: "How to Achieve Freedom"). Bisher gibt es den ersten Teil, der darlegt, wie man Freiheit nicht erreicht.

    AntwortenLöschen
  7. Jonathan Danubio14. April 2012 um 01:31

    Nachtrag @ Friedrich

    Ein von manchen libertären verfolgter Ansatz zur Steigerung der individuellen Freiheit ist "perpetual traveling".

    Hier der Link zu Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Perpetual_traveler

    In eigentümlich frei hat Yuri Romanow auch einen Artikel darüber geschrieben.

    Link zu der Gesamtausgabe von eigentümlich frei (der Artikel beginnt auf Seite 22): http://ef-magazin.de/media/assets/pdf/ef066-screen.pdf#page22

    Gruß

    AntwortenLöschen
  8. @Jonathan Danubio
    Die Krux an der ganzen Sache ist, daß es gar nicht notwendig ist, wirklich Nettoprofiteuer (des Staates)zu sein. Es genügt völlig der Glaube daran(Fiktion).
    Fragen Sie doch mal herum in Ihrem Bekanntenkreis. Fast jeder wird die unbedingte Notwendigkeit eines Staates bejahen. Fast jeder ist nämlich überzeugt davon, daß gerade in seinem Fall die Rechnung aufgeht. Daß gerade er, mehr vom Staat bekommt, als er hineinsteckt. Daß gerade er somit, zumindest teilweise, auf Kosten anderer lebt und nur der Staat ihm dies ermöglicht.
    Es spielt also gar keine Rolle, ob der einzelne Wirt ist oder Parasit.
    Entscheidend ist, daß die übergroße Mehrheit sich selbst in der Rolle das Parasiten wähnt.
    Im übrigen ist es natürlich nicht notwendig, daß es mehr Wirte als Parasiten gibt. Ein Hund beispielsweise kann hunderte von Flöhen ernähren.
    Daß das System aber zusammenbrechen wird ist sicher und nur eine Frage der Zeit.

    AntwortenLöschen
  9. Hallo!

    Ich Antworte auf das Verständnis von Demokratie.

    "de mos", althochdeutsch für: "die Masse"

    Die bessere Entgegenstellung ist: Theotratie

    "theot" althochdeutsch für: "die Gebildeten" und "rati" für: "einen Rat halten"

    Vor der Demokratie, der Herrschaft der Massen, gab es wahrscheinlich eine Teotratie, eine Herrschaft der gebildeten/klugen Köpfe.

    Quelle: Erhard Landmann, "Weltbilderschütterung", 1986.

    Aktuelle, kostenlos einsehbare PDF im Original von Erhard Landmann selbst geschrieben finden sich hier: http://www.fastwalkers.de/00000198670085403/03c1989aeb0df1c01/index.html

    Alles Liebe
    Ingo

    AntwortenLöschen

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie uns!

Name

E-Mail *

Nachricht *