Montag, 19. März 2012

Reichtum in der Bibel

Das "Talentegleichnis" im Lukasevangelium ruft zur
(Geschäfts-)tüchtigkeit auf.
von Moritz Ballauff
Einleitung in die Hausarbeit „Reichtum in der Bibel“
Diese Hausarbeit soll die Bedeutung marktwirtschaftlichen Agierens innerhalb des neuen Testaments und des Christentums veranschaulichen, was den Beweis erbringen soll, dass das Christentum zwar in besonderer Weise für die Armen, Schwachen und Kranken eintritt, aber sein Heilsversprechen auch (erfolg)reichen Menschen gilt. Zu diesem Zweck soll die Rolle von Arbeit, Geld und Wohlstand, vor allem innerhalb des Lukasevangeliums untersucht, soziale Komponenten der Bibel aufgegriffen und das Spannungsfeld von Kapitalismus und sozialer Verantwortung in Einklang gebracht werden. So ist diese Hausarbeit auch ein Versuch christliche Ethik mit einem libertären Weltbild zu vereinen. Dem Lukasevangelium gilt in diesem Kontext das Hauptaugenmerk, da dieses Evangelium im Vergleich mit den anderen neutestamentlichen Evangelien, die Signalwörter Armut und Reichtum und die mit ihnen verwandten Vokabeln am häufigsten beinhaltet [1].
Die spirituelle ist der ethischen Dimension der Texte hierbei nicht gleichzusetzen. Beide Ansätze sollen unabhängig voneinander ausgelegt werden, um sowohl dem philosophischen, als auch dem religiösen Verständnis der Bibel gerecht zu werden. Als Arbeitsgrundlage dafür werden zwei bekannte Gleichnisse aus dem neuen Testament herangezogen, das Talentegleichnis zur Veranschaulichung der ethischen und das Nadelöhrgleichnis zur Veranschaulichung der spirituellen Dimension. Der hier angesprochene kapitalistische Geist  lässt sich nur verstehen, wenn Wirtschaften sowohl als gottgefälliges Handeln, als auch als sozial unersetzlicher Antrieb begriffen wird. Die Besonderheit in dieser Betrachtungsweise liegt in der Abweichung von der gängigen Fokussierung auf die göttliche Hilfe, die den Leidenden zukommt, hin zu der Bedeutung  des selbstständigen freien Menschen, der nicht auf Zuwendungen von Mitmenschen angewiesen ist.
Diese Hausarbeit dient der Entwicklung des christlich kapitalistischen Gedankens und ist als Bibelstudie unter marktethischen Gesichtspunkten zu verstehen.
Die hier verwendeten Bibeltexte werden unter historisch-kritischen Gesichtspunkten betrachtet und sind der Luther-Übersetzung in der revidierten Fassung von 1984 entnommen. Diese Übersetzung wurde gewählt, da auch Ansätze von Max Weber betrachtet werden sollen, die sich speziell mit protestantischer Ethik befassen.
Es sei hierbei jedoch ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit der übernommenen Erkenntnisse erhoben, um zu verhindern, dass diese Hausarbeit nur als protestantischer Ansatz verstanden wird. Die aufgestellten Thesen werden sich überwiegend direkt an der Bibel orientieren, was sie über einen Verdacht einer ausschließlich reformatorischen Ausrichtung erhaben machen wird, da sie sich auf den gegebenen Text beziehen, der dem Christentum insgesamt zur Grundlage dient.

Armut und Reichtum im neuen Testament
Zunächst gilt es die Vokabeln Armut und Reichtum in ihrer Bedeutung zu klären.
In den folgenden Ausführungen kann Armut als Synonym für jede Art sozialer Schwäche verstanden werden. Im Rahmen dieser Hausarbeit umfasst das sowohl materielle Armut, als auch wesentliche körperliche und psychische Defizite, da diese zur Zeit der Bibel mit materieller Armut einhergingen.
Sieht man von Ausnahmen wie der Heilung des syrischen Feldhauptmanns Naaman durch den Propheten Elisa (Vgl. 2. Könige 5,1-27) ab, dem jedoch das im folgenden genannte Schicksal gedroht hätte, wäre er nicht von seinem Leid erlöst worden, verursachte Krankheit meistens aktive soziale Isolation [2].
Jesus preist die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, in seiner „Predigt auf dem Felde“ (Luk 6,17-49) selig. „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.“ (Luk 6,20) heißt es da. Er geht so weit zu sagen, dass die Menschen, die ausgestoßen leben und gehasst werden selig sind  (Vgl. Luk 6,22). Er fordert sie auf, sich auf den Tag ihres Todes, als den Tag ihrer Aufnahme in den Himmel zu freuen  (Vgl. Luk 6,23).
Doch Jesus spricht nicht nur den Armen den Segen des Reiches Gottes zu, sondern prophezeit zusätzlich einen Austausch der irdisch gesellschaftlichen Rollen im Himmelreich, miteinander. So richtet er „Die Weherufe“(Luk 6,24-26) an diejenigen, die in der Gesellschaft geachtet sind und über weltlichen Wohlstand verfügen. Ihnen scheint er zu drohen: „Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen.“(Luk 6,25). Im wörtlichen Verständnis eröffnet sich, dass der irdische Status eines Menschen entscheidend für seine Position im Tod ist. An anderen Stellen wird jedoch deutlich, dass für Jesus der Glaube eines Menschen entscheidend ist.
Das Heil, das durch ihn zu erfahren ist, kann nicht mit weltlichem Reichtum gekauft werden, sehr wohl aber im Glauben und Vertrauen erhalten werden. So heilt Jesus, in Verwunderung über den Glauben des Hauptmanns von Kapernaum, dessen Knecht (Vgl. Luk 7,1-10). Die besondere Demut, die dieser mächtige Mann Jesus entgegenbringt, ist das ausschlaggebende Kriterium für seine Gottesbeziehung.
Im Umkehrschluss bedeutet das, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, so lange sie ihm in Demut entgegentreten. Der Glaube spielt die zentrale Rolle für das Erlangen des Heils, wie bspw. in der „Heilung einer blutflüssigen Frau“ durch Jesu Worte deutlich wird:“Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.[...]“(Luk 8,48). Wie die Worte aus der „Predigt auf dem Feld“ zu verstehen sind, wenn doch alle Menschen vor Gott, unabhängig vom sozialen Status, gleich sind, legt Nils Neumann als Resultat des Angleichungsprozesses aus. Als Voraussetzung sei gegeben, dass alle Menschen im Tod gleich sind und weder materielle Besitztümer, noch körperliche Unterschiede eine Rolle spielen. Dann erscheint es als logische Schlussfolgerung, dass diejenigen, die in ihrem irdischen Leben einen hohen sozialen Status genossen haben, in erster Linie eine Verschlechterung ihrer persönlichen Lage durch das Sterben erfahren. „Dagegen geht für die ehemals Armen mit dem Tod eine tröstliche Erfahrung einher, denn sie müssen nun nicht mehr hungern und frieren.“ [3]
Andersherum bedeutet das: Reiche Menschen bringen sich durch ihre irdischen Besitztümer um die Erlösungserfahrung des Todes [4].                                                                                                        
„Marias Lobgesang“ (Luk 1,46-56) gibt bereits vor Christi Geburt einen Hinweis auf das Wirken des Messias. Auffällig erscheint die Äußerung: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die niedrigen.“ (Luk 1,52). Diese Formulierung legt die Annahme nahe, dass Gott durch Jesus die irdische Ordnung verändern wird und somit die Armen über die Reichen erheben wird. Doch Jesus wirkte nie als weltlicher Revoluzzer.
Er veränderte nicht die weltliche Ordnung. Jesus stürzte keine Könige oder strafte Reiche ab und er befreite Israel nicht von der Besatzungsmacht.
Jesu Lehren von einem Austausch des Status Quo von Armen und Reichen müssen sich also auf das spirituelle Leben und damit auf das Himmelreich bezogen haben. Wie in den vorausgegangenen Aussagen bereits enthalten ist, bezieht sich Jesus offensichtlich ausschließlich im Tod auf die sozialen Unterschiede, wobei hier zwischen materieller Armut und Krankheit zu unterscheiden ist, da Jesus, wie auch Propheten, Heilungen zu Lebzeiten der Betroffenen vorgenommen haben.
Jesus legte Wert darauf, dass seine zwölf Jünger materiellen Besitztümern entsagten, als er sie aussendete (Vgl. Luk 9,1-3). Diese Vorgabe entspricht der Philosophie der Autarkie, der Selbstgenügsamkeit als Weg zur Glückseligkeit [5]. Die umherziehenden Jünger predigten somit glaubhaft die Unabhängigkeit des Zustandes im Tod von der irdischen Existenz, indem sie die Autarkie vorlebten. Jesus verspricht „Entlohnung“ im Diesseits oder Jenseits für diejenigen, die alles zurücklassen, um des Reiches Gottes Willen (Vgl. Luk 18, 28-30).
Ob sich diese „Entlohnung“ jedoch von dem unterscheidet, was andere Menschen im Himmelreich erwartet, bleibt offen. Nach dem Verständnis der Gleichheit vor Gott, dürfte sich das Himmelreich nicht für verschieden fromme Menschen verschieden ausgestalten.
Hier sollen jedoch keine anmaßenden Annahmen über das Reich Gottes geführt werden.
Jesus spricht die „Warnung vor Habgier“ (Luk 12,13-15) aus, deren Kernaussage lautet:
„[...] Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Luk 12,15).
Der Kontext dieser Begebenheit war die Aufteilung eines Erbes. Im nächsten Abschnitt steht ein Gleichnis, in dem ein Bauer durch eine gute Ernte zu großem Wohlstand gelangt und beschließt diese einzufahren und vorläufig nicht mehr zu Arbeiten (Luk 12, 16-21).
In diesem Gleichnis lässt sich eine neue Definition für den Begriff Reichtum erschließen, auf dessen Ausführung jedoch erst im nächsten Unterpunkt eingegangen werden soll.
Entscheidend für die Bewertung dieser Aussage im Folgenden ist die Tatsache aus welchen Umständen heraus sich der Gewinn ergibt. Dieser ist jeweils als eine Art Geschenk zu verstehen, auf dessen Erhalt der Beschenkte keinen Einfluss hat, es quasi nicht explizit verdient hat. Jesus warnt davor, dass derartiger Besitz von Gott ablenken kann und die Seele träge werden lässt (Vgl. Luk 12,20). Überspitzt formuliert könnte das heißen, dass jemand dem es in seinem weltlichen Leben zu gut geht seine Beziehung zu Gott aus dem Fokus verliert und damit sein Seelenheil.

Das Nadelöhrgleichnis
Im berühmten Nadelöhrgleichnis, mit dem Jesus „Die Gefahr des Reichtums“  (Luk 18,18-27) darlegt, soll der neudefinierte Reichtumsbegriff eingeführt werden.
Ein wohlhabender Jüngling fragt Jesus, wie er das ewige Leben erben kann (Luk 18,18). Jesus verweist ihn auf die zehn Gebote. Als der Jüngling beteuert diese zu halten verlangt Jesus er solle all seinen irdischen Besitz aufgeben und ihm folgen (Luk 18,20-22).
Als der Jüngling daran scheitert wird deutlich warum Jesus dieses Opfer verlangt hat.
Dem Jüngling sind die materiellen Besitztümer wichtiger als Gott und damit als sein Seelenheil. Nur eine Lossagung von allem weltlichen Besitz kann es ihm ermöglichen zurück zu Gott zu finden. Doch der Reichtum selbst ist nicht das, was die Gottesbeziehung blockiert, sondern die Tatsache, dass der Reichtum im Stellenwertsystem des Jünglings einen mindestens genau so hohen Platz einnimmt wie Gott. Die Tatsache, dass er seine Habe nicht um Gottes Willen aufgeben möchte ist lediglich ein Indikator dafür, keinesfalls aber die Ursache seiner Ferne von Gott. Die Aufgabe des Besitzes wäre daher auch nicht die Lösung der spirituellen Krise, sondern nur eine logische Schlussfolgerung, wenn Gott den richtigen Stellenwert einnähme.
Jesus sagt: „Denn es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme.“ (Luk 18,25).
Diese Stelle wird häufig dahingehend interpretiert, ein wohlhabender Mensch könne aus Prinzip nicht in das Reich Gottes gelangen. Die bis hier hin geführte Argumentation lässt diesen Schluss jedoch nicht zu. Da wie bereits beschrieben irdischer Besitz keinen Einfluss auf das Heilsversprechen hat, ist es unzulässig davon auszugehen, dass ein Reicher aufgrund seines Besitzes nicht in das Reich Gottes aufgenommen wird. Das Gleichnis vom Nadelöhr erklärt lediglich, dass niemand als Resultat von Wohlstand Seelenheil erfährt. Es klärt allerdings auch dahingehend auf, inwieweit materieller Wohlstand Reichtum ist. „Der zu erstrebende Reichtum ist offensichtlich nicht mit dem Anhäufen von materiellem Besitz identisch.“[6].  Die „inhaltliche Determinante“[7] ist Gott. Das heißt die Beziehung zu Gott entscheidet über das Seelenheil.
Das Nadelöhrgleichnis und der Kontext in dem es steht, lassen dennoch keinen Zweifel über die gottgefällige Prioritätsordnung aufkommen. Der, dem weltliche Güter wichtiger sind, als Gott zu dienen, der wird weder im Diesseits noch im Jenseits das Reich Gottes erfahren können[8].
Jesus selbst war zu Lebzeiten der Willkür reicher, mächtiger Menschen ausgesetzt. Letztendlich wurde er von ihnen hingerichtet. Doch seine Heilsversprechungen, die als Voraussetzung führen, dass Gott im eigenen Leben über allem anderen steht, erfüllten sich auch für ihn im Tod, denn durch sein Sterben wurde er der Mächtige (Reiche), der den irdisch Reichen überlegen ist.
Jesus sagt: „[...] Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ (Luk 18,27)
Diese Aussage präzisiert abschließend die Bedeutung des Gleichnisses. Sie verdeutlicht, dass auch ein Reicher am Reich Gottes teilhaben kann. Doch das wird nur möglich, wenn Gott im Leben den entsprechenden Stellenwert einnimmt[9].

Das Talentegleichnis
Das Talentegleichnis (Mt 25,14-30, Lk 19,12-27) ist die elementare ethische Anweisung Jesu, in Bezug auf ökonomisches Handeln. Das Gleichnis befasst sich sowohl mit der Legitimierung des Gewinnstrebens, als auch abhängig von der Fassung mit der Frage, ob das nehmen von Zinsen erlaubt sei oder nicht[10].
Der Name Talentegleichnis wird so in der verwendeten Bibelausgabe nicht benutzt. Die Rede ist hier von Geld (Vgl. Luk 19,15). Dennoch wird im Folgenden der Begriff „Talentegleichnis“ benutzt, da dies die in der Literatur gängige Bezeichnung ist.
In jeweils abgewandelter Form überlässt ein wohlhabender Mann seinen Untergebenen, je nach Version des Gleichnisses, gleich große oder nach Tüchtigkeit unterschieden große Geldbeträge und lässt sie damit alleine.
Während zwei der drei später von ihrem Herren Befragten sich entschließen mit dem ihnen anvertrauten Geld zu arbeiten, versteckt der dritte seinen Teil lediglich. Die beiden die das Geld durch ihre Arbeit vermehren werden am Ende von ihrem Herrn belohnt. Der dritte wird bestraft, weil er nicht geschäftstüchtig war. Am Ende wird ihm das weggenommen was er versteckt hat.
Der Knecht bezeichnet seinen Herren als „harten Mann“ (Luk 19,21), worin sich seine Reaktion begründen lässt. Aus Angst davor das ihm anvertraute Geld zu verlieren hat er es lieber liegen gelassen und nichts damit unternommen.
Er meinte, dass er damit nichts gewinnen, aber auch nichts verlieren könnte und in jedem Fall das Zurückgelegte erhalten wäre.
Doch sein Herr belehrt ihn, dass der, der sein Geld nicht zu vermehren sucht am Ende alles verliert, indem er ihm das wieder wegnimmt, was er ihm ursprünglich gegeben hat. Dazu sagt er: „[...] Wer da hat, dem wird gegeben werden, von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.“ (Luk 19,26).
An dieser Stelle darf nicht verwechselt werden, dass hier „haben“ nicht den bloßen Besitz von etwas meinen kann, sondern eine erwirtschaftete Differenz sein muss. Derjenige der etwas erwirtschaftet hat, wird in Folge dessen umso mehr davon profitieren, da ihm ja nun logischerweise noch mehr Mittel zur Verfügung stehen, als die mit denen er ursprünglich gewirtschaftet hat.
Derjenige, der jedoch nicht wirtschaftet wird seine monetäre Grundlage nach und nach zur Stillung seiner Bedürfnisse aufzehren bis er nichts mehr hat.
Der Herr belehrt seinen Knecht jedoch nicht nur. Er ist wütend über dessen Verhaltensweise. Er erzürnt sich über die Art und Weise in der mit der von ihm gebotenen Chance umgegangen wurde. Sein Knecht hat nicht einmal versucht das Geld zu verwenden. Er hat sich von vornherein entschlossen es nicht anzurühren, so dass keiner davon profitieren konnte. Der Herr weist im Lukasevangelium bei der Ausgabe des Geldes sogar ganz direkt darauf hin, dass er eine Mehrung des Geldes erwartet (Vgl. Luk 19,13).
Da hier nur die wirtschaftsethischen Aspekte des Gleichnisses behandelt werden sollen, soll darauf verzichtet werden, die Mehrung spirituellen Reichtums auf Grundlage der gegebenen Spiritualität zu erläutern.
Man kann das Talentegleichnis als eine Parabel verstehen, die zur (Geschäfts-)tüchtigkeit auffordert[11]. Betrachtet man es jedoch ganz wörtlich eröffnet sich zusätzlich eine Legitimation für Zinsnahme.  Der Herr scheltet den unproduktiven Knecht nicht nur dafür, dass er nicht selber das Geld vermehrt hat, sondern auch dafür, dass er das Geld nicht wenigstens zur Bank gebracht hat, um Zinsen zu erhalten (Vgl. Luk 19,23). Diese Aussage lässt in ihrer Deutlichkeit und im gegebenem Kontext des Gleichnisses kein anderes Verständnis zu, als zumindest eine Toleranz durch Jesus gegenüber Zinseinkünften. Häufig wird vor allem die jüdische Religion mit Geldwirtschaft assoziiert. Das kommt daher, dass den Christen des Mittelalters das gewerbliche Geldverleihen als unrein galt und verboten war.
Dieses Verbot entsprang möglicherweise aus der Lehre Jesu, die besagt, dass etwas nicht in der Absicht davon zu profitieren verliehen werden soll (Luk 6,34).
Meinrad Böhl meint in seiner Dissertation zu erkennen „[...], dass das Nehmen eines gemäßigten Zinses auf Gelddarlehen im Unterschied zum Wuchern erlaubt sei, solange man nicht Zinsen von Armen nehme oder die Not des nächsten ausbeute.“[12].
Das Nehmen von Zinsen scheint also auch in der christlichen Ethik erlaubt zu sein, unter der Voraussetzung, der Achtung der christlichen Grundsätze des Umgangs miteinander (Luk 6,27-42).
Aus dem Talentegleichnis ergibt sich die Schlussfolgerung, dass sowohl realwirtschaftliche, wie auch finanzwirtschaftliche Transaktionen zulässig sind. Die Aufforderung umfasst die Rationalität des homo oeconomicus zu leben. Das heißt sich Mühe zu geben, aus den einem zur Verfügung stehenden Ressourcen unter Einsatz der eigenen Arbeit möglichst viel Profit zu erzielen, ohne freilich christliche Grundwerte zu verletzen.

Max Webers Ethik
Zum Beleg der positiven Korrelation zwischen wirtschaftlichem Streben und gelebtem Christentum soll hier nun Max Webers Auffassung von Kapitalismus und Religion erläutert werden.
„Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“[13] ist das entscheidende Werk Max Webers. Es umschreibt die Zusammenhänge christlicher (speziell protestantischer) Moralvorstellungen mit marktwirtschaftlichem Denken.
Während ein, für Webers Arbeit entscheidender Zeitgenosse, der Soziologe und Volkswirt Werner Sombart, die Wurzeln des kapitalistischen Geistes im Judentum suchte[14], begründete sich dieser für Weber im Calvinismus und damit im protestantischen Christentum.
Weber sucht den Ursprung der Rationalität, des Kosten-Nutzen-Denkens, die Adam Smith in seinem Werk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“[15] ausführlich beschrieben hat, bei den Mönchsorden, die dem Ideal der Askese folgten.
Der asketische Puritanismus dieser Mönche galt für Weber als christliche Wiege des Rationalismus und kapitalistischen Geistes[16].
Weber ging es nicht darum den Ursprung des Kapitalismus in einer Konfession zu suchen, sondern viel mehr darum, die entscheidenden spirituellen Einflüsse auf den Kapitalismus zu erforschen[17].
Die scheinbare Beschränkung seines Werkes auf den  Protestantismus ist lediglich seiner Zeit geschuldet, in der liberale Politiker antikatholische Strömungen für ihre Sache instrumentalisierten. Des Weiteren konnte er in seinem Umfeld wahrnehmen, dass streng protestantische Lebensweise mit wirtschaftlichem Erfolg einhergingen[18].
Webers Auffassung der Askese scheint sich vor allem im Calvinismus zu begründen, auch wenn das nicht die einzige Strömung ist, die Puritanismus und Rationalismus zur Ausrichtung hat. Diese Einstellung dient dem Menschen dazu, sich von seiner triebgesteuerten, ungezähmten Natur loszusagen und Entscheidungen rational zu treffen. So wird der Mensch Herr über sich selbst und trifft seine Entscheidung frei und unabhängig. Er trage selbst die Verantwortung für sein Handeln, insbesondere für die „ethische Tragweite“[19] und damit auch für sein persönliches Seelenheil[20]. In der Askese ist ein entscheidender Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus zu machen. Die katholische Interpretation beläuft sich dahingehend, dass sie als Abschottung vom Rest der Welt verstanden wird und darin die Nähe zu Gott sucht. Darüber hinaus spielt auch die Selbstquälerei eine Rolle, die sich in der Selbstwahrnehmung als zu bestrafender Sünder begründet. Die protestantische Askese emanzipierte sich in der Reformation von diesen Gedanken. Sie stellt den selbstständig entscheidenden Menschen in den Mittelpunkt, der aufgefordert ist am Geschehen der Welt (am ökonomischem Geschehen) teilzunehmen.
Reichtum wird hierbei nur dann als unzuträglich für die Gottesbeziehung verstanden, wenn  man sich auf ihm ausruht und nicht weiter strebt.
Die Gottesgefälligkeit liege darin, seine auf Erden gegebene Zeit aktiv zu nutzen. Die Arbeit wird zu einer Art Gottesdienst, die zu entrichten sowohl religiösen, als auch ethischen Normen entspricht. Bereits bei Richard Baxter[21], auf den sich Max Weber unter anderem beruft, spielt die Ansicht, dass Maximierungsbestrebungen ökonomischer Natur sowohl dem Gemeinwohl, als auch dem Seelenheil zu Gute käme, wenn sie in gottgefälliger Weise umgesetzt würden[22]. Der darin implizierte ökonomische Gedanke ist aus heutiger Perspektive eindeutig liberal. Das ist geradezu revolutionär für Baxters Zeit.
Es ist zu beobachten, wie der religiöse Geist der Erwerbsarbeit schwindet. Es wird nicht mehr nach Reichtum gestrebt um Gott zu rühmen, sondern das Bestreben nach Reichtum ist zum Selbstzweck der Konsumgesellschaft geworden. Die Entwicklung von der ursprünglichen katholischen Askese, die jegliches weltliches Streben ablehnte über die protestantische Ethik, die kaufmännischen Ambitionen im religiösen Gesetzesrahmen befürwortet und sogar fordert, bis hin zu der völligen Entsagung des kapitalistischen Geistes von seinen spirituellen Einflüssen prägt die Sicht auf Webers Werk heute[23].

Kapitalismus und Gott
In ersichtlicher Weise gilt das göttliche Heilsversprechen für alle Christen. Auch wenn Strömungen des Christentums die christliche Ethik dahingehend auslegen, dass irdischer Besitz den Menschen von Gott trennt, findet sich keine Stelle in der Bibel, die eindeutig irdischen Besitz als Hindernis auf dem Weg in das Reich Gottes bezeichnet. Diese Gefahr geht nicht vom Reichtum selber aus, sondern vom schwachen Menschen, der nicht Herr über sein Leben ist, sondern es von irdischen Besitztümern fremdbestimmen lässt. Die Abwendung von Gott erfolgt nicht in der Anhäufung von Wohlstand. Erst durch die Erhebung des irdischen Wohlstandes über Gott wird die Gottesbeziehung geschädigt. Die Gefahr des Reichtums liegt in der Bequemlichkeit des Menschen. Sie entsteht erst, wenn der Mensch so sehr in seinem Wohlstand aufgeht, dass er Gott aus dem Fokus verliert.
Ein Sprichwort besagt: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Unter religiöser Betrachtung bedeutet das, dass alles was im irdischen Leben erreicht und erwirtschaftet wird für das Leben im Reich Gottes keine Rolle spielt, da es nicht mitgenommen werden kann. Jemand der sich zu sehr von seinem Besitz abhängig macht wird diesen Verlust logischerweise als negative Veränderung seines Status empfinden. Er hat sich damit selbst um das Himmelreich betrogen, weil er nicht in freudiger Erwartung auf Gott gelebt hat, sondern in der ständigen Angst vor dem Verlust seines Besitzes. Trotzdem wird er als gläubiger Christ das Reich Gottes erfahren. Das Eintreten in das Reich Gottes ist vom Glauben der Menschen abhängig. Irdische Habe kann nicht entscheidend dafür sein. Im protestantischen Ethikverständnis nach Weber kommen Fleiß und Genügsamkeit nicht als Tugenden zu diesem Verständnis hinzu, sondern als Pflichten eines gläubigen Christen. Die verschiedenen Strömungen die Weber unter dem Begriff der protestantischen Ethik vereinte, umfassen sowohl die Aufforderung zum Gewinnstreben und Rationalismus, als auch zum Puritanismus. Dieser scheinbare Widerspruch zeigt auf in welchem Handlungsrahmen sich das ökonomische Handeln bewegen sollte. So schadet wirtschaftlicher Erfolg keineswegs dem Seelenheil, sondern nur daraus möglicherweise resultierende Bequemlichkeit, die von Besitztümern abhängig macht.
In der heutigen westlichen Gesellschaft wird nach einer Maximierung des Genusses und einer Minimierung des Aufwandes gestrebt. Längst ist der Punkt überschritten, an dem für die meisten Menschen der Konsum der eigentliche Zweck wurde und der spirituelle Bezug zur eigenen Leistung völlig verloren gegangen ist. Stattdessen zählen Selbstverwirklichung und monetäre Anreize zu den Hauptgründen zu arbeiten.
Vielen gilt dieses Streben nach Geld und Ansehen als unethisch, da befürchtet wird, dass derartig zügelloses Konkurrenzdenken die Mehrheit aller Individuen im System benachteiligt. Eigentlich unethisch ist jedoch, wie das Talentegleichnis sehr deutlich nahelegt, Chancen die einem gegeben sind ungenutzt zu lassen. Wenn Gott über unser Leben schaltet und waltet und sich eine Chance ergibt, die er dann ja zumindest nicht unterbunden hat, wäre es dann nicht falsch diese nicht zu ergreifen? Man kann weltliches Wohlbehagen als Versuchung verstehen. Doch wie kann eine genutzte Chance zur Verbesserung der Lebensumstände eines Individuums das Individuum von Gott entfernen, wenn sie lediglich die Situation für Gottes Schöpfung, das Individuum selbst, verbessert?
Gott hat den Menschen ihr irdisches Leben gegeben. Damit einher gehen die Fähigkeiten, denen die Menschheit die stetige Verbesserung ihrer Lebensumstände verdankt. Diese von Gott gegebene Chance ungenutzt zu lassen wäre im höchsten Maße unethisch. Sein Potential nicht zu nutzen, um Vorteile für sich selbst und andere zu nutzen kann nicht im christlichen Verständnis von Nächstenliebe und Gottes Liebe zum Menschen liegen.
Gott hat den Menschen einen freien Willen gegeben und die Möglichkeit darüber zu entscheiden was richtig und was falsch ist. Der Mensch ist auf Erden, um zu leben. Er bräuchte keinen freien Willen und Verstand, wenn er da wäre, um dem irdischen Leben zu entsagen. Glaube muss in der Gemeinschaft gelebt werden. Freiheit bedeutet sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und das beste aus dem zu machen, was einem gegeben ist.
Kein Staat oder sonstiges soziales Gewaltengebilde kann dem Menschen seine Freiheit geben. Die Freiheit über den eigenen Geist zu herrschen kommt aus dem Menschen selbst. Wenn diese von Gott gegeben ist, dann, so unergründlich die Wege des Herren auch sein mögen, nicht um sie zu unterdrücken. Freie Menschen müssen sich frei bewegen und betätigen können. Freie Märkte sind dafür beispielsweise elementar, da so gewährleistet wird, dass jedes Individuum sein Potential optimal ausschöpfen kann. Es ist unethisch die eigenen Chancen oder die Chancen anderer zu sabotieren.
In der Genesis heißt es: „[...]Und er sah, dass es gut war.“ (1.Mose 1,13). Der Mensch steht in der Welt mit seinem, dem Rest der Schöpfung überlegenen, freien Geist, über seinen Trieben und kann Entscheidungen rational abwägen. Diese Macht über seinen Geist bringt die Verantwortung mit sich, die Tragweite der eigenen Entscheidungen abzusehen und zu kalkulieren. Der Mensch kann im gesunden Zustand zwischen Gut und Böse unterscheiden. Er besitzt Moralvorstellungen. Der Mensch hat von Gott den freien Willen und muss selbst Verantwortung für seine Taten übernehmen und kann diese nicht auf seinen Herren abwälzen.
Egal wie man sich entscheidet sein Leben zu gestalten hat man die Möglichkeit auf Gottes Reich im Glauben. Für die Gottesbeziehung eines Menschen ist es von elementarer Bedeutung sich an die Gesetze Gottes zu halten, an die zehn Gebote beispielsweise. Das christliche Heilsversprechen gilt denen, die der christlichen Moral folgen und Gott als ihren Herren anerkennen. Das Christentum ist damit keine Philosophie der Schwachen und Kranken, sondern eine Religion für alle Menschen. Die Gleichheit der Menschen, die im irdischen Leben nicht gegeben ist, ist im spirituellen Leben möglich, unter der Voraussetzung ein gottgefälliges Leben zu führen, auf welche Weise auch immer.
„[...] Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ (Luk 18,27)
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[1] Vgl. Neumann, Nils, Armut und Reichtum im Lukasevangelium und in der kynischen Philosophie, Stuttgarter Bibelstudien 220, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 2010, S. 18

[2] Vgl. Aschoff, Friedrich, Heilung des aussätzigen Feldhauptmanns Naaman, Predigt über
2. Könige 5,1-19, Klosterfeldlerchen 18.01.2012 S. 1

[3] Siehe [1], S.59

[4] ebd.

[5] ebd., S.71

[6] ebd., S.81

[7] ebd.

[8] ebd., S.112

[9] ebd., S.111

[10] Vgl. Böhl, Meinrad, Das Christentum und der Geist des Kapitalismus, Die Auslegungsgeschichte des biblischen Talentegleichnisses, Beiheft zum Saeculum Jahresbuch für Universalgeschichte Band V, Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien, 2007, S. 13

[11] ebd., S. 264

[12] ebd.

[13] Weber, Max, zweiteiliger Aufsatz, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Erstveröffentlichung: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Bd. XX und XXI, 1904-1905

[14] Lehmann, Hartmut, „Max Webers „Protestantische Ethik“: Beiträge aus der Sicht eines Historikers, Kleine Vandelhoeck-Reihe, Vandelhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen, 1996, S. 14.

[15] Smith, Adam, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Glasgow, 1776

[16] Siehe[14] S.14

[17] Rachfahl, Felix, Die Protestantische Ethik II - Kritiken und Antikritiken, 5. Auflage, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh, 1987, S.68

[18] Siehe[16]

[19] Siehe[17]

[20] ebd.

[21] Richard Baxter (1615-1691) war ein englischer Schriftsteller und Geistlicher, der in England das begründete, was man auf dem europäischen Kontinent als Calvinismus verstand.

[22] Siehe[17], S.71

[23] Siehe[14], S.14
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Literaturverzeichnis
Die protestantische Ethik. Kritiken und Antikritiken (1987). 5. Aufl. (Siebenstern-Taschenbuch, 119/120 (3120)).

Böhl, Meinrad (2007): Das Christentum und der Geist des Kapitalismus. Die Auslegungsgeschichte des biblischen Talentegleichnisses. Köln: Böhlau.

Evangelische Kirche in Deutschland (1999): Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers; [Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984]. Unter Mitarbeit von Martin Luther. Standardausg., durchges. Ausg. in neuer Rechtschreibung. Stuttgart: Dt. Bibelges.

Lehmann, Hartmut (1996): Max Webers "Protestantische Ethik". Beiträge aus der Sicht eines Historikers. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (Kleine Vandenhoeck-Reihe, 1579).

Neumann, Nils (2010): Armut und Reichtum im Lukasevangelium und in der kynischen Philosophie. Stuttgart: Verl. Kath. Bibelwerk (Stuttgarter Bibelstudien, 220).

Kommentare:

  1. Christentum wie auch der freie Markt wollen das die Menschen einander "dienen" und "verdienen".

    Das Christentum ist Zeit- und Trendlos, eine Praktische Philosophie deren Grundlage das freie Individuum ist.

    Ein sehr guter Artikel, weiter so !

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  2. Ich bin anderer Meinung als mein Vorgänger oder Vorgängerin.

    Dadurch, dass zahlreiche wesentliche Aspekte im Zusammenhang mit "Reichtum/Armut in der Bibel" außer Acht gelassen wurden, ist es zu diesem Artikel gekommen. Wer seriöse Fachliteratur zur Thematik kennt, weiß das.

    Daher ist dieser Artikel allenfalls eine Teilwahrheit. Wie sagte schon Hegel: "Das Wahre ist immer das Ganze."

    Mich überzeugt der Artikel aufgrund seines rudimentären Charakters nicht.

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  3. Buchempfehlung: "Jesus, der Kapitalist: Das christliche Herz der Marktwirtschaft" von Robert Grözinger

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