Mittwoch, 15. Februar 2012

Kein Nullsummenspiel - Weshalb in einer Marktwirtschaft niemand verliert

Gastbeitrag von Georg Wiese
Wer in einer Marktwirtschaft profitiert, profitiert von seinen Fähigkeiten, die Bedürfnisse seiner Mitmenschen bedienen zu können - nicht auf Kosten anderer.

Forderungen, in irgendeiner Weise den Staat in die Wirtschaft oder die sozialen Strukturen regulierend eingreifen zu lassen - sei es durch Mindestlöhne, progressive Besteuerung oder andere Eingriffe - beruhen im Kern auf einem einzigen Missverständnis: Es sei in einer Marktwirtschaft möglich, andere auszubeuten bzw. auf Kosten anderer zu profitieren; oder anders formuliert: Des einen Profit ist des anderen Verlust.
Aber diese Annahme ist falsch. Wohlstand ist nicht limitiert. Vielmehr ist der Wohlstand einer Gesellschaft davon abhängig, wie viel Wohlstand insgesamt geschaffen wird. Der eigene Wohlstand sollte dabei dem entsprechen, den man selbst schafft, plus dem, den man von seinen Mitmenschen - ob als Gegenleistung oder als Geschenk - freiwillig überlassen bekommt. Genau das ist in einer Marktwirtschaft und nur in einer Marktwirtschaft gegeben.

Hierzu ein Beispiel: Peter und Paul sind selbstständige Tischler. Jeder kann von seiner Arbeit leben, trotzdem könnte der monatliche Ertrag nach Ansicht beider höher sein. Schließlich beschließt Peter, das ihm vererbte Vermögen in eine Hobelmaschine zu investieren, die ihm die Arbeit erheblich erleichtert. Da er diese allein nicht auslastet, bietet er Paul an, für ihn zu arbeiten und er nimmt an. Es stellt sich die Frage, wer von diesem Geschäft profitiert. Das hängt natürlich von dem Gehalt ab, das Paul gezahlt wird. Wir wissen nicht, wie hoch dieses Gehalt ist, können aber folgende Aussagen treffen:

1. Das Gehalt wird so niedrig sein, dass Peter einen Gewinn erwirtschaftet, also dass seine Mehreinnahmen die Anschaffungskosten der Maschine übersteigen. Andernfalls wäre die Maschine eine Fehlinvestition gewesen.

2. Das Gehalt wird  höher sein, als das, was Paul während seiner selbstständigen Tätigkeit verdient hat. Andernfalls hätte er den Job nicht angenommen.

Wie groß das Gehalt letztendlich ist, ist irrelevant. Denn solange diese beiden Bedingungen erfüllt sind - und davon können wir ausgehen - profitieren beide. Und es bleibt nicht einmal dabei: Dank der Effizienzsteigerung können nun mehr Tische günstiger produziert werden. Um diese loszuwerden, muss Peter den Preis niedriger ansetzen als bisher. Vom Arbeitsvertrag zwischen Peter und Paul profitieren also nicht nur die beiden direkt Beteiligten, sondern darüber hinaus noch deren Kunden.
Dabei ist der zusätzliche materielle Wohlstand aller Profiteure nicht daraus entstanden, dass jemand anderes entsprechend weniger bekommt, sondern einzig durch den Effizienzvorteil, den Peters Maschine und seine Kooperation mit Paul ermöglicht.

Genau das ist das Wesen der Marktwirtschaft. Marktwirtschaft bedeutet nichts weiter, als dass jeder mit jedem freiwillige Verträge abschließen kann, solange dabei nicht die Rechte eines Dritten verletzt werden. Die Freiwilligkeit dieser Verträge ist von enormer Bedeutung, denn damit ist jegliche “Ausbeutung” ausgeschlossen.
Der einzige, der sich dieser Regel widersetzen kann, weil seine Rechte juristisch über den individuellen Freiheits- und Eigentumsrechten stehen, ist der Staat. Ein Staat kann niemandem Freiheiten gewähren, er kann sie nur einschränken. Ein Staat kann keine Verträge erlauben, er kann sie nur verbieten. Da es aber gerade diese Freiheit ist, die uns Wohlstand bringt und da bereits durch die Freiwilligkeit der Verträge sichergestellt ist, dass stets beide Seiten profitieren, ist eine staatliche Einschränkung der Marktwirtschaft, also der Vertragsfreiheit, eine Einschränkung des Wohlstands und der Chancen jedes einzelnen.

Wenn also jemand in der Lage ist, die Menschen “auszubeuten”, dann der Staat. Hierzu einige Beispiele:

- Installiert der Staat eine Währung, von der einige wenige auf Kosten der breiten Masse profitieren, und erklärt diese dann zum gesetzlichen Zahlungsmittel - schränkt also die Freiheit, mit anderen Währungen zu bezahlen erheblich ein - dann ist das Ausbeutung, im konkreten Fall zugunsten der Finanzlobby.

- Legt der Staat einen Mindestlohn fest und verbietet damit Arbeitsverträge, die unterhalb dieses Mindestsatzes liegen, dann verbietet er damit entweder Verträge, die ohnehin niemand eingehen würde (dies wäre etwa bei einem Mindestlohn von 1,50€ der Fall), oder verbietet Verträge, von denen sich offensichtlich sowohl die Arbeitgeber- als auch die Arbeitnehmerseite einen Vorteil versprochen hat. Ähnliches gilt für die meisten Eingriffe in den Arbeitsmarkt, etwa verpflichtender Kündigungsschutz. Das ist Ausbeutung, da etablierte Firmen in der Regel kein Problem mit derartigen Regulierungen haben, aber davon profitieren, dass der Markteintritt einer potentiellen Konkurrenz erschwert wird. Im Endeffekt sind solche Regelungen aber vor Allem eins: destruktiv.

- Erhebt ein Staat Steuern, um damit bestimmte Branchen zu subventionieren, unterbindet er damit all jene Kaufverträge, die abgeschlossen würden, wenn der ursprüngliche Besitzer des Geldes es nicht hätte abgeben müssen. In diesem Fall gibt es mit der subventionierten Branche nur einen kleinen Profiteur auf Kosten erfolgreicher Branchen bzw. Unternehmen. Der Großteil des Geldes kommt niemandem zu Gute, da durch die Förderung von nicht wettbewerbsfähigen Branchen in erster Linie Wohlstand vernichtet wird.

Die Liste könnte sicher noch um einiges verlängert werden. Doch es soll hier nicht primär um konkrete Beispiele, sondern um den Grundgedanken gehen:
Größtmöglicher Wohlstand entsteht nur, wenn jeder einzelne danach strebt und Wohlstand schafft. Und größtmögliche Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn daran niemand gehindert wird.
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Ursprünglich erschienen auf "Unbeschränkt." 

Kommentare:

  1. Die letzten fett geschriebenen Worte sind irgendwie niedlich! Sie symbolisieren eben diese Ferne von der Wirklichkeit durch ihr Menschenbild, welches nur einen speziellen Teil der Gesellschaft betrachtet und bei weitem nicht die Ganze. Nennt mich Ketzer, aber ich mag behaupten das es in einer Marktwirtschaft Verlierer gibt, vor allem in einer von Smith geprägten.

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  2. @ JamesT

    Die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft (darunter fallen auch die Bedingungen, unter welchen es ausschließlich zum Tausche kommen kann) gelten für jeden Menschen unabhängig von Raum bzw. Zeit und nicht nur für einen Teil. Basiert ein Tausch auf Freiwilligkeit (sic!) kann es keine Verlierer geben, denn andernfalls hätte eine Seite nicht zugestimmt. Auch in einer freien Marktwirtschaft kann es Verlierer geben, aber nur dahingehend, dass sich a) ein im Tausch erhaltenes Gut (bzw. eine konkrete Einheit davon) im Nachhinein als nutzlos für unsere Bedürfnisbefriedigung herausstellt (Unwissenheit und mangelnde Information sind aber Prämissen menschlichen Handelns) oder b) ein Tausch betrieben wird, obwohl er unökonomisch ist (Grenznutzen = 0; wird nur keiner machen).
    Was Adam Smith angeht...der hat mit einer freien Marktwirtschaft nicht wirklich etwas zu tun, da er von einem Ideal ausgeht, dass es in der Wirklichkeit nicht geben kann (bspw. homo oeconomicus, Marktgleichgewicht, Arbeitswertlehre).

    Gruß, Jonathan Danubio

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  3. PS: Es wird ja gerne der Vorwurf erhoben, dass stärkere Marktteilnehmer auf Kosten schwächerer profitieren. Daher sei an dieser Stelle noch auf Ricardos Gesetz der komparativen Kostenvorteile verwiesen.

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