Montag, 16. Januar 2012

Über den Widerspruch zwischen Alltagssprache und politischer Forderung

von Tommy Casagrande
Das größte Übel auf dieser Welt ist zweifelsohne die politische Verseuchung jedweder Lebensbereiche. Was ist eigentlich ein Lebensbereich? Es gibt zig Lebensbereiche, die für sich genommen Aspekte des Lebens eines einzelnen Menschen ausmachen. Summa summarum gesehen ergeben die Aspekte des Lebens letztlich das Leben eines Menschen. Im Umkehrschluss besteht das Leben eines Menschen aus einem Bündel manigfaltiger Aspekte. 
Jeder Mensch hat sein ihm eigenes Leben, dennoch ist es ihm nicht gestattet, es zu leben. Ist das kein wahnwitziger Widerspruch im Auftreten zwischen der Überzeugung im Alltag und den politischen Forderungen vieler Mitmenschen? Oft schon ist mir zu hören gekommen, dass Menschen vorrangig betonen, dass es sich "um ihr Leben handele", es sei etwas, wie sie sagen, "ihre Entscheidung". Hier beginnt der Widerspruch, den ich in der Kollision zwischen Alltagssprache und politischen Forderungen der Menschen, immer wieder entdecke: 
Die meisten meiner Mitmenschen werden sich zu wehren wissen, wenn man versucht ihnen zu sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Sie werden darauf verweisen, dass es ihrer Entscheidung obliegt, zu leben, wie sie das wollen. Doch viele dieser Menschen sind gleichermaßen davon überzeugt, dass man politische Führungsfiguren damit beauftragen sollte, dass diese Gesetze festlegen, die das Leben aller Menschen regeln. In Naivität dieser von sich selbst weggeschobenen Verantwortung, selber zu entscheiden, wie man das in alltäglichen Gesprächen ansonsten einfordert, übersehen die selben Menschen, dass sie sich fortan fremdbestimmen lassen werden und das nicht einsehbar ist, wieviele Regeln und Gesetze erlassen werden, die jegliche freie Entscheidung für das eigene Leben verschwinden lassen. Den Menschen bleibt ein diffuses Unbehagen zurück, dass sich schleichend, bar ihrer Wahrnehmung, Dinge zu ändern scheinen, die zu fassen sie nicht im Stande sind.
Wenn mit zunehmendem Verlauf eines politischen Systems, dieses System, mit Hilfe seiner Opfer, es schafft, den Opfern zu suggerieren, dass es ihre Entscheidung sei, was passieren wird, dann suggeriert dieses System, dass es den Menschen dient. In Wirklichkeit, hat dieses politische System lediglich das Talent inne, sich in der öffentlichen Wahrnehmung als wohlwollend zu zeigen, während unter dem Deckmantel des demokratischen Prinzips die Grundlagen für den Totalitarismus geschaffen sind.
Totalitarismus ist die Fremdbestimmung des eigenen Lebens. Fremdbestimmt von einem König oder von Mehrheiten spielt dabei keine Rolle. Wenn das Ich nicht selbstbestimmt leben kann, gibt es auch keine Selbstbestimmung. Die Selbstbestimmung, die sich heute im trotzigen Verhalten älter werdender und dennoch pubertär scheinender Erwachsener zeigt, ist lediglich ein Symptom von mehreren, und Spiegelbild für den wuchernden Krebs, der die Menschen, welche diese Gesellschaft bilden, zerfrisst. Diese Art der Selbstbestimmung ist an sich nur eine Farce. Sie ist vielleicht das, was übrig bleibt, wenn Verantwortung für das eigene Leben, die damit erst auftretende Möglichkeit der selbsterkennenden Moralität und grob gesagt, die individuelle Freiheit erloschen sind oder als Miniaturen im Stile einer Fata Morgana so nah, und doch so fern scheinen.

Kommentare:

  1. Die Entscheidung vieler Menschen, sich unter die Kuratel eines Gesetzgebers zu stellen, liegt auch in ihrem Unvermögen begründet, die Kosten dieser Entscheidung abzuschätzen. Es erscheint ihnen offenbar nicht selten billig, diese Kosten inkaufzunehmen, um evtl. größere, unbekannte Kosten zu vermeiden. Was sie nicht wissen: sie zahlen zweimal. Einmal die Opportunitätskosten der Abtretung von Befugnissen an den Staat und die Risiken, die der Staat nur abzudecken verspricht, in Wahrheit sich aber von allen bezahlen lassen muss, da er ja selbst keine Güter produziert. Bleibt noch die vage Hoffnung, im Umverteilungsspiel als erster etwas zu bekommen und der Konfiskation selbst irgendwie zu entgehen.

    Diese allzumenschliche Schwäche wurde und wird zu allen Zeiten arrogant (anmaßend, überheblich) ausgenutzt (werden?). Auch unter (Neo-)Liberalen ist in den Grenzbereichen ihres Wissens und Könnens der Geist der eigenen Unzuständigkeit und der Wunsch nach Abtretung von Aufgaben an einen hoffentlich wohlmeinenden in Wahrheit aber immer arroganten Staat sehr verbreitet. Sie wissen es (aus ihrem eigenen Beritt) eigentlich besser und doch trauen sie dem großen Anmaßer mehr, als den vielen namenlosen Fachleuten im Markt, zu denen sie ja selbst gehören.

    Der Staat ist, um mit Otto Waalkes zu sprechen, eine Arroganzversicherung. Jeder hofft, von der Anmaßung und Überheblichkeit der herrschenden Clique irgendwie auch abgesichert zu werden. Die Prämie dafür ist immer deutlich höher als das Risiko. Otto blödelte einst zur bekannten Melodie der Allianz AG: "Denn wer sich arroganzversichert, der hat völlig ausgekichert, denn bei der Arroganz beginnt vom ersten Augenblick das Bündnis mit dem Strick." Wie recht er hatte (ohne es zu wissen?), sehen wir heute.

    PS. Vielleicht stammt der Text aber auch von Robert Gernhardt, der in den Siebzigern etliches für Otto schrieb.

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  2. Wow, dieser Artikel spricht mir aus der Seele!
    Man kann oft nur den Kopf schütteln, wenn man hört wie sich manche Mitmenschen ihre Mündigkeit für sich selbst befürworten oder sogar noch strikter fordern!

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