Samstag, 21. Januar 2012

Über das sich "beleidigt fühlen" und die Forderung nach strafrechtlichen Konsequenzen

von Tommy Casagrande
Einige meiner Mitmenschen sind der Ansicht, dass es nicht nur moralisch falsch sei, jemanden anzupöbeln oder gar zu beleidigen, sondern dass man solche Verhaltensweisen unter Strafe stellen muss, wie dies heute auch der Fall ist. Ich bin gegen diese Ansicht, weil sie geradewegs in den Totalitarismus führt. 
Die Grundlage eines Strafrechtes, dass sich auf Beleidigungen bezieht, bezieht sich auf das subjektive Wahrnehmen des sich "Beleidigtfühlens". Dieses "Beleidigtfühlen" ist nicht gezwungenermaßen im Einklang mit der Absicht jemanden zu beleidigen. Es kommt häufig vor, dass man abzielt, jemanden zu beleidigen, dieser Mensch jedoch genug Selbstbewusstsein besitzt, um sich davon nicht stören zu lassen. Mit seiner gesamten Coolness beherrscht er die Kunst, verbal zurück zu schlagen. Im gleichen Maße kommt es vor, dass Menschen nicht die Absicht haben, jemand anderen zu beleidigen, jedoch der Adressat sich beleidigt fühlt. Es ist also nicht klar zu sagen, wann etwas eine Beleidigung darstellt. Manchmal will man beleidigen, aber es wird nicht als schmerzhaft empfunden und man steht vielleicht über den Dingen. Andernfalls ist man nicht beleidigend und jemand empfindet es dennoch so. 
Auf welcher Grundlage soll eine Objektivität eingeführt werden, nach der man pauschal und für alle gleichermaßen gültig, einen Straftatsbestand festmacht? Menschen sind Individuen. Individuell ist ihr Verhalten und ebenso individuell ist ihre Wahrnehmung, ihr Umgang mit dem Verhalten anderer etc. Will man ein Gesetz, dass sich vornimmt, das Gefühl "sich beleidigt zu fühlen" als Grund zu verwenden, den Verursacher unter Strafe zu stellen, so kann alles und jeder für alles und jeden bestraft werden. 
Drei Beispiele hierzu: 
1. Vielleicht empfindet jemand es als Beleidigung, wenn er von einem Menschen angesprochen wird, der ihm optisch als häßlich erscheint oder der aus einer sozialen Schicht kommt, die er als Beleidigung empfindet, wenn diese ihn nur anredet. 
 2. Vielleicht empfinden heterosexuelle Menschen die Existenz von homosexuellen Menschen als Beleidigung, vielleicht ist aber schon das Küssen in der Öffentlichkeit, generell eine Obszönität, welche die Würde des Menschsein beschmutzt. 
 3. Vielleicht ist es eine Beleidigung, wenn Frauen versuchen Recht zu haben, weil Männer in der Historie sich stets als die Denker gesehen haben. 
Man könnte tausende in die Absurdität führende Annahmen auflisten bei denen sich Menschen aufgrund von etwas "beleidigt fühlen". Würde man dieses Kriterium heranziehen um ein Strafrecht aufzubauen, würden wir in der Diktatur landen. 
Wenn man unterscheiden würde zwischen den Gefühlen des "Beleidigtfühlen" der einen Gruppe und den selben Gefühlen einer anderen Gruppe, dann würde man willkürlich entscheiden, dass die Gefühle einer Gruppe von Menschen, die sich beleidigt fühlen, einer anderen Gruppe von Menschen, die sich ebenfalls beleidigt fühlen, überstehen. Diese Unterscheidung jedoch wäre willkürlich und beruht dann nicht auf Logik, sondern auf Empfindung oder dem Machterhalt durch Stimmenfang. In diesem entweder-oder würde sich jedenfalls die politische Normalität zeigen, die stets in das Leben der Menschen eingreift und wo es immer wieder auf das gleiche Ergebnis hinausläuft. ZU GUNSTEN VON - aufgrund - ZU UNGUNSTEN VON. Lediglich im Falle, dass man jedem zugesteht, zu beleidigen, aber auch dem beleidigt gewordenen, sich verbal zu verteidigen, herrscht gleiches Recht für alle und dieses wäre im Einklang mit dem Prinzip der Freiheit, in jenem Falle, der Meinungsfreiheit. Zu guter Letzt möchte ich anführen, dass im selben Maße auch jeder moralische Appell an seine Mitmenschen, Toleranz, Güte und gute Manieren walten zu lassen, ebenfalls Teil der Meinungsfreiheit sind.

Kommentare:

  1. Der Staatsgläubige Politiker könnte anmerken, dass die Abwägung von Beleidigung und legitimer Meinungsäußerung der Gesetzgebung obliegt...

    Aber es geht hier darum, das Recht zu finden statt es nur willkürlich zu setzen!

    In diesem Sinne: Gegen Redeverbote!

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  2. Exakt! Dazu noch ein passendes Rothbard-Zitat:

    “Es wird allgemein für gerechtfertigt gehalten, die Redefreiheit einzuschränken, wenn eine Rede die Wirkung hat, die Reputation einer anderen Person fälschlicherweise oder böswillig zu zerstören. Das Recht von Beleidigung und Verleumdung behauptet kurz gesagt ein Eigentumsrecht von jedermann an seiner eigenen Reputation. Aber niemandem kann seine „Reputation“ gehören, weil diese einfach nur eine Funktion von Gefühlen und Einstellungen anderer Menschen ist. Da aber niemandem wirklich das Bewußtsein und die Einstellungen anderer gehören können, kann auch niemand im Wortsinn ein Eigentum an seiner Reputation haben. Die Reputation einer Person verändert sich ständig, in Abhängigkeit von den Einstellungen und Meinungen des Restes der Bevölkerung. Deshalb kann der verbale Angriff auf jemanden kein Eingriff in sein Eigentum sein und somit nicht verboten oder strafrechtlich verfolgt werden.

    Es ist natürlich unmoralisch, falsche Behauptungen über eine andere Person aufzustellen, aber es sei noch einmal gesagt, daß das Moralische und das Rechtliche für den konsequenten Liberalen zwei gänzlich verschiedene Kategorien sind.”

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  3. "Die Vorstellung, man könne eine freie Gesellschaft schaffen, in der niemand jemals beleidigt oder gekränkt würde, ist absurd. Dasselbe gilt für die Vorstellung, die Menschen sollten das Recht haben, sich mit rechtlichen Mitteln gegen Kränkungen und Beleidigungen zu wehren. Hier stehen wir vor einer grundlegenden Entscheidung: Wollen wir in einer freien Gesellschaft leben oder nicht?"

    Salman Rushdie

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