Montag, 26. Dezember 2011

Occupy Wall Street vs. Wirtschaftswissenschaft


von Eric Phillips

übersetzt aus dem Englischen von Henning Lindhoff

Das Original wurde auf mises.org unter der Creative Commons-Lizenz veröffentlicht.

In ihrem 1995 erschienenen Buch „Myth and Measurement: The New Economics of the Minimum Wage“ argumentieren David Card und Alan Krueger, dass Erhöhungen der Mindestlöhne in Pennsylvania und New Jersey in den frühen 1990er Jahren nicht nur nicht zu Arbeitslosigkeit führten, wie die klassische ökonomische Theorie es vorhersagte, sondern dass sogar auch die Zahl der Beschäftigten anstieg.
Wie sich herausstellte, gab es viele Probleme mit der Studie von Card und Krueger. Doch noch bevor diese Probleme ans Licht kam, ließen Ökonomen, die die Gesetze von Angebot und Nachfrage als genau das verstehen, was sie sind, nämlich Gesetze, diese Studie außer Acht. Nobelpreisträger James Buchanan schrieb im „Wall Street Journal“:
„Die reziproke Beziehung zwischen nachgefragter Menge und Preis ist der Kernsatz der Wirtschaftswissenschaften. Diese beinhalten die Annahme, dass das menschliche Wahlverhalten ausreichend rational ist, um Vorhersagen zu ermöglichen. So wie kein Physiker behaupten würde, dass Wasser bergauf fließe, würde kein respektabler Ökonom behaupten, dass Erhöhungen des Mindestlohns die Beschäftigtenzahlen steigere. Solch ein Anspruch, falls ernsthaft vorgetragen, wäre gleichbedeutend mit der Leugnung selbst elementarer wissenschaftlicher Grundideen in den Wirtschaftswissenschaften, was zur Folge hätte, dass Ökonomen lediglich ideologisch gefärbt argumentieren könnten. Zum Glück sind nur eine Handvoll Ökonomen bereit dazu, die Lehren aus zwei Jahrhunderten zu verwerfen. Wir sind keine Fähnchen im Wind.“
Buchanans Zitat ist heute aktueller denn je, da einige Harvard-Studenten darüber verärgert sind, dass nicht alle ihrer Professoren der Wirtschaftswissenschaften zu solchen Fähnchen mutieren. Sie kritisieren u.a. Professor Greg Mankiws klassische Analyse des Mindestlohns und verließen seine Vorlesung, um sich den Protesten in Boston anzuschließen. Anscheinend sind verwöhnte Harvard-Kinder, die es nicht ertragen, auch anderen Meinungen Gehör zu schenken, die besagten 99 % der Bevölkerung.
Die Demonstranten hätten besser in der Klasse bleiben sollen, denn ihr offener Brief an Mankiw lässt ein bemerkenswertes Niveau wirtschaftswissenschaftlicher Ignoranz erkennen. Wenn sie z.B. schreiben, „es [gebe] keine Rechtfertigung, Adam Smiths ökonomische Theorien als grundlegender und bedeutender zu erachten als zum Beispiel die keynesianische Theorie“, entlarven sie sich selbst als völlig ahnungslos. Sie entlarven sich als völlig ahnungslos bezüglich der Tatsache, dass die moderne neoklassische Ökonomietheorie, die Mankiw lehrt, viel mehr Alfred Marshall zu verdanken hat als Adam Smith, sowie bezüglich des Umstandes, dass der Keynesianismus eine Schule des makroökonomischen Denkens darstellt, der wohl kaum in ihrem mikroökonomischen Kurs bei Professor Mankiw behandelt werden kann. Es ist daher höchst zweifelhaft, ob einer dieser Studenten sich je tatsächlich die Zeit genommen hat, die Logik hinter den Gesetzen von Angebot und Nachfrage sowie ihre Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zu verstehen.
Aber solche Argumente haben keine Bedeutung in den Augen radikaler Linker. Die Logik der Ökonomie ist in ihren Augen irrelevant. Wie schon Mises darstellte, „attackieren sie Logik und Verstand und ersetzen das Schlussfolgern durch eine mystische Ahnung von Intuition“, um ihre irrationalen Theorien zu verteidigen. Das ist der Grund, warum sie gegen Standpunkte protestieren, die sie nicht verstehen, und nicht die Auseinandersetzung mit diesen suchen. Und das ist wiederum der Grund, warum sie Abweichler niederschreien während ihrer grausigen Versammlungen. Unabhängiges Denken stellt in ihren Augen eine Bedrohung dar.
Dass diese Demonstration in Harvard stattfand, wo demokratische Professoren ihren republikanischen Kollegen mit 7 zu 1 in der Überzahl sind (die Marxisten, die nicht als Demokraten registriert sind, nicht eingerechnet), ist bezeichnend für den Linksradikalismus, der die Occupy-Proteste antreibt. Es ist offenbar nicht genug, dass diese Studenten wohl niemals konservativen oder libertären Standpunkten während ihres Studiums begegnen werden. Nein, sie müssen anscheinend vor jedem Professor geschützt werden, der eines ihrer Vorurteile gegen den freien Markt herausfordern könnte - selbst wenn ein solcher Professor geschrieben hätte, was Mankiw schrieb: „Wenn du Anhänger eines einzigen Ökonomen sein wolltest, um die Probleme der Wirtschaft zu verstehen, gibt es wenig Zweifel daran, dass dieser Ökonom John Maynard Keynes wäre.“
Wenn ein Professor pro Markt eingestellt ist, muss er anscheinend boykottiert werden.
Mankiw selbst thematisierte die Occupy-Bewegung, als er den Sportteams Harvards berichtete: „Obwohl ich die spezifischen Ansichten von Occupy Wall Street nicht teile, freue ich mich darüber, Studenten zu beobachten, die engagiert über die Sozial- und Wirtschaftspolitik nachdenken. Ich hoffe, dies wird etwas zur anhaltenden Diskussion beisteuern können.“
Aber die Studenten, die seine Vorlesungen verlassen, denken nicht „engagiert über die Sozial- und Wirtschaftspolitik“ nach. Sie denken engstirnig. Sie weigern sich, alternative Meinungen zu akzeptieren. Sie weigern sich sogar, zu versuchen zu verstehen, wie die Welt der Wirtschaft funktioniert, bevor sie rausgehen und jedem erzählen, wie man ihre Probleme beheben kann.
Murray Rothbard schrieb über die anarcho-kommunistische Fraktion in der Neuen Linken der 1970er Jahre: „Es ist kein Verbrechen, unwissend zu sein bezüglich der Wirtschaftswissenschaften. Sie ist immerhin eine spezialisierte Disziplin und eine, die die meisten Menschen als völlig trostlos ansehen. Aber es ist völlig verantwortungslos, eine laute und lärmende Meinung zu wirtschaftlichen Themen zu vertreten, während man sich noch in genau diesem Zustand der Unwissenheit befindet. Gerade diese Art der aggressiven Ignoranz ist Teil des Credos des Anarcho-Kommunismus.“
Er hätte genauso gut schreiben können: „Diese Art der aggressiven Ignoranz ist Teil des Credos der Occupy Wall Street-Bewegung.“ Es ist ihnen egal, dass kein ernsthafter Ökonom behaupten würde, dass Erhöhungen des Mindestlohns die Beschäftigtenzahlen steigere. So wie kein ernsthafter Physiker behaupten würde, dass Wasser bergauf fließe. Alles, was sie interessiert, ist die ideologische Gleichschaltung, auch wenn diese der Mutation der Ökonomen zu Fähnchen im Wind gleichkäme.

Kommentare:

  1. Die Neoliberale Wirtschaftsleere ist doch das unsinnigste was es gibt. Unterstellt sie doch dem Mensch rational zu handeln (homo Oeconomicus" und lässt dabei alle psychologischen und biologisch bedingten Verhaltensmuster des Menschen welche diesen im gegensatz zu einem Roboter zu einem irrational handelnden wesen machen außer acht.

    Von daher sind die ganzen anderen Schwachsinnsthesen von wegen "Unsichtbare Hand" des Marktes usw sowieso schonmal hinfällig.

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  2. Wenn gerade eine Scientific Revolution (im Sinne Thomas S. Kuhns) im Gange wäre in der Ökonomik, dann würde es "Sinn" machen bzw. zumindest rational verständlich sein, wenn Ökonomen die Grundlagen ihres Faches ändern würden. Das scheint mir derzeit aber nicht im Gange. Ein Umbruch (grundstrukturelle Umbruchphase) ist derzeit jedoch in der gesamten Gesellschaft im Gange. Ein Ausdruck dessen ist die "Beweglichkeit" der Begriffe und Deutungen. Ein Akteur dieser diesmaligen Ausgabe dieser Phase ist u.v.a. die "Occupy"-Bewegung. Bewegung der Menschen wegen der Orientierungsneuausrichtung, die der Umbruch der Strukturen mit sich bringt.

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