Montag, 12. Dezember 2011

Der Staat: Vater und Gott (?)

von Niklas Fröhlich
Dass der Staat bedeutender Teil unserer heutigen Welt ist, steht außer Frage. Wieso er jedoch entstand, wie er ausgestaltet sein soll, wie er gerecht und legitim ist und warum wir ihn überhaupt brauchen ist die vielleicht bedeutendste Frage des Menschengeschlechts und eine der am hitzigsten diskutierten Thematiken der Philosophie.
Und immer wieder hört man dabei dieselbe Antwort: Der Staat ist da um zu regeln, was der Mensch allein nicht schafft. Wirtschaftlich entspricht das einem: Der Staat muss eingreifen, wo der Markt versagt.

Dies scheint den meisten bis heute eine absolut einleuchtende Erklärung zu sein. „Der Staat“, sagt man, „bringt Ordnung unter die Menschen, die ansonsten in Chaos und Anarchie versinken.“ Eine der berühmtesten Ausführungen dieses Gedankens stammt vom englischen Staatsphilosophen Thomas Hobbes: „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“¹ stellte er reichlich zitiert fest, daher benötige es den Staat, der diese Bestie namens Mensch bändige. Schon in der Schule führt man diese Weltsicht an: Jeder Schüler hat irgendwann schon einmal den Kupferstich gesehen, der Hobbes „Leviathan“ schmückt. Es wirkt aber auch zu verlockend: Ein Herrscher als Vertreter aller Menschen, der in ihrem Namen für Frieden und Recht sorgt, wohingegen sie ohne ihn im Chaos versänken.
Nur über einen zentralen Widerspruch scheint man geflissentlich hinwegzusehen. Hochgreifend steht auf dem Kupferstich „Non est potestas Super Terram quae Comparetur ei“, also „Es gibt keine Macht auf der Erde, die diesem gleichkommt“, eine höchste Gewalt also. Und das lässt doch durchaus zweifeln. Denn auch wenn der Herrscher von den Untertanen gestützt wird, so ist es doch letztlich er selbst, der diese Macht besitzt. Und was ist er selbst anderes als ein Mensch? Wenn er aber ein Mensch ist, das ist ja die Grundvoraussetzung, dann ist er seinen Mitmenschen ein Wolf. Kann es denn ernsthaft vernünftig sein, diese so hohe, ja sogar höchste, Gewalt einer mordbrennenden Bestie anzuvertrauen?

Dass dieses Problem übergangen wird, ist historisch zu betrachten. Nicht umsonst wählt Hobbes mit dem hebräischen Mythenwesen des Leviathans einen biblischen Bezug. Und nicht umsonst lässt die lateinische Überschrift, ein Bibelzitat², doch viel eher an Gott als an einen Menschen denken. Tatsächlich sehen wir auf dem Kupferstich neben Symbolen der weltlichen Herrschaft (links) eben auch geistliche (rechts) und erstere sind hier ohne letztere nicht zu denken.
Alle Aufklärung und „Staatsobjektivierung“ hin und oder her: Die Übergehung dieses überaus großen Problems, dass doch der Herrscher (bzw. der Staat) aller Kritik unterliegen muss, die auch am Einzelmenschen geäußert wird, weil auch er nur Mensch ist, lässt sich nur mit religiöser Verklärung erklären. Die Annahme, dass die menschlichen Wölfe durch einen Herrscher reglementiert und besänftigt werden sollen, funktioniert nur dann, wenn man annimmt, dass der Herrscher selbst eben keine dieser Bestien ist, dass er höher steht, übermenschlich, eben: göttlich ist.
Sind wir darüber jemals wirklich hinausgekommen? Heute, über vier Jahrhunderte später scheint doch die Aufklärung vollendet und wir gehen von einer klaren Trennung von Staat und Religion aus. Dennoch hält sich letztlich noch immer ein höchst seltsames Bild davon, was denn der Staat ist – das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Hobbessche Argumentation und das beliebte „Homo homini lupus“-Zitat noch immer anerkannt in aller Munde ist.
Die praktische Anwendung dieses Gedankenmusters begegnet uns täglich. Es besteht etwa fast allgemein die Ansicht, der Staat solle eingreifen, wo die Menschen für sich selbst und in eigener Zusammenarbeit nicht gut oder gerecht verfahren. Dies ist nichts anderes als eine etwas andere Ausformung der Hobbesschen Behauptung, der Mensch versinke im Chaos, das der Staat ordnen müsse.

Es krankt auch am selben Fehler: Wenn der Mensch doch so schrecklich unfähig ist für sich selbst zu sorgen, sein Leben zu organisieren und gut zu handeln, wie kann dies denn dann der Staat vollbringen, der ja auf allen Ebenen auch nur aus Menschen besteht? Sollte es wirklich stimmen, dass die Menschen so unfähig und unmündig sind, wäre es doch katastrophal einem oder einer Gruppe dieser Menschen die „höchste Gewalt“ anzuvertrauen. Das Argument entkräftet sich vollständig selbst.
Mehr noch: Wenn es stimmt, dass der „Vater Staat“ als „Vater“ für seine unmündigen „Kinder“ sorgend entscheiden muss, wie lässt sich dann noch auch nur irgendwie eine Form von Demokratie rechtfertigen? Wenn man infantile Idioten wählen lässt, erhält man logischerweise eine genauso gestaltete Regierung.
Das gesamte Argument, der Staat müsse als „weiser Vater“ für seine Untertanen sorgen, hebt sich selbst auf, wenn man nur einsieht, dass er eben nichts höheres ist, nicht aus Übermenschen besteht, kein allmächtiger Vater und keine göttliche Einrichtung ist. Er ist nichts anderes als ein Mensch, oder eine Gruppe aus Menschen, die ganz genauso beschaffen, sehend oder blind, ist wie die Untertanen. Und es ist sicherlich noch gnädig davon auszugehen, dass die Vertreter des Staates nicht wesentlich unfähiger (oder herrschsüchtiger) sind, als die Menschen, die sie führen wollen.
Zum Abschluss noch ein kurzes Fallbeispiel: Man wirft dem Menschen oft vor, er sei nicht fähig für seine Rente, Krankenversicherung oder ähnliches zu sorgen, weil er ja als kleiner Mensch nicht langfristig planen könne und nicht an morgen denke. Man solle am besten, damit diese so wichtigen Bereiche des menschlichen Daseins nicht im Chaos versinken, den Staat diese Dinge planen lassen. Wie soll nun aber der Staat dies richten, der doch aus denselben kurzfristig planenden Menschen ohne Voraussicht besteht? Wenn doch schon der Mensch alleine Schwierigkeiten hat, nur seine eigenen Belange zu regeln – und dass dies nicht einfach ist leugnet niemand – wie können dann die Wenigen im Staat dies nicht nur für sich, sondern für ALLE Menschen mit so verschiedenen Lebenswegen und Präferenzen planen, entscheiden, regulieren? Müsste nicht ein solches zentrales System durch und durch chaotisch und brüchig sein? Den Hinweis auf die tatsächlichen Zustände kann ich mir gewiss ersparen.
Und grotesker noch: Wie oft hört man angesichts von Finanz- und Wirtschaftskrise diesen unsäglichen Vorwurf der „Gier“. Die nächste Forderung ist dann, der Staat solle hier endlich „regulieren“ und „der Gier Grenzen setzen“. Oder mehr noch: Die Banken sollten verstaatlicht oder zumindest „an die Leine genommen werden“. Nun, der Mensch ist gierig. Wieso geht man davon aus, die staatlichen Instanzen seien nicht „gierig“? Werden sie etwa nicht von Menschen geleitet, die außerdem noch weniger für ihr gieriges Raffen haften, als private Angestellte? Nehmen wir einmal an, was wohl sehr unwahrscheinlich ist, dass der staatliche oder staatlich privilegierte Finanzverwalter sich nun völlig dem Gemeinwohl statt seinem Eigennutz verschreibt. Wieso sollte er nun nicht aus dem gleichen Motiv – der Gewinnmehrung, nun für das „Gemeinwohl“ – ganz genauso „gierig zocken“ (und verlieren können)? Den vielleicht wahrscheinlicheren Fall, dass sich Privatmänner – ja, jeder „Beamte“ ist immer auch untrennbar Privatmann - nun unter staatlichem Schutz bereichern, brauche ich nicht näher auszuführen.

Dass der Mensch seinem Mitmenschen wie ein Wolf begegnet stimmt nicht, wäre dem so, gäbe es kein Zusammenleben, keine Freundschaft, Gegenseitigkeit und erst recht keine „Gesell _schaft“. Dass der Mensch vor vielen schwierigen Aufgaben steht, stimmt, dass er dabei aber ohne die Ordnung des „Vaters Staat“ untergeht ist, wie wir gesehen haben, widersprüchlich. Eher müssen wir uns wohl fragen, ob nicht das Gegenteil der Fall ist: Das Chaos liegt nicht in den vielen Einzelnen, die für sich entscheiden, sondern in Wahrheit liegt die größte Gewalt, die größte Anomie und das größte und heillose Chaos in den Wenigen, die für die Vielen entscheiden – und seien sie auch durch diese tatsächlich oder vermeintlich legitimiert. Sie, die wenigen Machthaber (und Machthaber sind immer wenige), werden Willens oder Widerwillens ihren Mitmenschen zu Wölfen und sei es nur aus diesem einen Grund: Weil die Staatsgewalt sie dazu befähigt, ihre kleinen privaten Fehler und Schändlichkeiten zu großen Allgemeinen zu machen.
_______________________________
¹ Dies stellt er, wohl in Anlehnung an Plautus, in der Widmung seines Werkes „De cive“ dar, nicht wie meist angenommen im „Leviathan“.

² Hijob 41,24

Kommentare:

  1. Sehr gut geschrieben!
    Informativ, und entspricht der Wahrheit.
    Wie viel besser wäre die Welt hätte sich das jeder Mensch schonmaldurchgelesen..

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  2. Sehr profunde Kritik, danke!

    Wenn der Mensch nicht des Menschen Wolf ist (wovon ich ausgehe), dann wird jedoch auch eine staatliche Leitung von Menschen für Menschen denkbar. Es müsste halt dies eine Politie sein und keine Demokratie!

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