Sonntag, 20. November 2011

Vergessene Freiheitsdenker: Adam Heydel


von Tomasz M. Froelich
Die Suche nach vergessenen Freiheitsdenkern erweist sich als schwierig. So ist der Etatismus seit Jahrhunderten omnipräsent, Freiheitsdenker in der Regel aber antietatistisch, sodass sie den mächtigsten Menschen, also jenen, die den Staat führen und von seinen erbeuteten Steuergeldern leben, seit jeher ein Dorn im Auge sind. Da diese mächtigen Menschen auch noch im Besitz des Bildungsmonopols waren und sind, ist ihr Bemühen, die Gedanken und Werke antietatistischer Freiheitsdenker mittels Verboten oder sonstigen Repressionen zu marginalisieren, immer groß gewesen, was in letzter Konsequenz dazu führte, dass viele freiheitliche Denker und ihre Werke in Vergessenheit gerieten.
Großen Problemen waren auch die Freiheitsdenker im Polen der Zwischen- und Nachkriegszeit ausgesetzt. Zwar erwies Marschall Józef Pilsudski den Westeuropäern mit seinem Sieg gegen Lenins' sich auf dem Vormarsch nach Westeuropa befindenden Bolschewiki im Polnisch-Sowjetischen Krieg 1919-1921, der als ,,Wunder an der Weichsel'' in die Geschichtsbücher eingehen sollte, einen großen Dienst, seine ab dem Maiputsch 1926 in Polen regierende Sanacja war hingegen mit den innerpolnischen Problemen überfordert: Hyperinflation, Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Armut nahmen, nach anfänglicher Stabilisierung, stark zu (vgl. Landau; Tomaszewski 1971: 98; vgl. Garlicki 1979: 148f.), politische Gegner wurden zunehmend verfolgt, so auch freiheitliche Intellektuelle und ihr Werk, welches einer rigiden Zensur unterworfen wurde. Dies verschlimmerte sich zusätzlich durch den Einmarsch der Deutschen im Jahre 1939. Während des 2. Weltkriegs blieben den polnischen Freiheitsfreunden nur wenige Optionen übrig: Emigration, Schweigen, Verstecken oder (konspirative) Mitarbeit in der Resistance.
Die Hoffnung der polnischen Freiheitsdenker, dass ihre Ideen nach dem 2. Weltkrieg aufblühen könnten, blieb von kurzer Dauer, nachdem klar wurde, dass Polen realsozialistisch werden würde. Was im Realsozialismus folgte war eine Bildungspropaganda, die das Werk freiheitlicher Denker aus den Bibliotheken verbannte. Sogar Oskar Lange, der gemeinsam mit Abba P. Lerner das Modell des Konkurrenzsozialismus (bekannt als ,,Dritter Weg'') entwickelte, sprach sich dafür aus, die Werke alter, wirtschaftsliberal gesinnter Schulen wie der Krakauer oder der Posener Schule der Ökonomie aus den Universitätsbibliotheken zu entfernen, weshalb sie vielen verwehrt blieben. Umso wichtiger ist es, diesen in Vergessenheit geratenen Freiheitsdenkern und ihren Werken zu gedenken. Einer von ihnen war Adam Heydel, den ich im folgenden vorstellen möchte.

Adam Zdzisław Heydel (* 6. Dezember 1893 bei Radom, † 14. März 1941 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau) war ein polnischer Ökonom. Er war ein Vertreter der Krakauer Schule der Ökonomie, als der er sich für den Wirtschaftsliberalismus und gegen den Etatismus und staatlichen Interventionismus einsetzte.

Heydel ging in Krakau zur Schule, wo er das Gymnasium erfolgreich abschloss. Anschließend begann er sein Studium der Rechtswissenschaften in Moskau, Kiew und Krakau, welches er 1919 abschloss. Daraufhin arbeitete er einige Monate als Wirtschaftsreferent in der Presseabteilung des polnischen Außenministeriums in Warschau. Im Jahre 1921 arbeitete er als Assistent an der Jagiellonen-Universität in Krakau, auf der er ein Jahr später promovierte und lehrte. Gleichzeitig war er an der Krakauer Handelsakademie tätig. 1925 habilitierte er in politischer Ökonomie mit dem Aufsatz ,,Grundlegende methodologische Fragestellungen der Ökonomie'', der sich mit Fragen der Kausalität ökonomischer Untersuchungen und einer Analyse der Argumente von den Theoretikern beschäftigte, die den Begriff der Kausalität zugunsten des Funktionalismus in der Wirtschaft ablehnten. Aufgrund seiner liberalen Anschauungen und seinem Bezug zu Krakau wird er als Vertreter der Krakauer Schule der Ökonomie gesehen, deren Mentor seinerzeit Adam Krzyżanowski war. Kurz nach dem Maiputsch, der in einem Klima wirtschaftlicher Misere Pilsudskis Sanacja (lat. sanatio = Heilung) an die Macht führen sollte, war er 1927 für kurze Zeit im Ministerium für Religion und öffentlichen Unterricht tätig, um dann wenig später als Direktor eine private Handelsschule für Frauen zu leiten.
An der Jagiellonen-Universität lehrte er wieder ab 1929, obwohl die politische Situation für liberal denkende Menschen zu dieser Zeit zunehmend problematischer wurde. Polen durchlief zu dieser Zeit eine ,,gradual evolution from a very moderate dictatorship [...] to a more and more pronounced dictatorship'' (Wereszycki 1971: 85). Als Heydel 1933 einen offenen Brief schrieb, in dem er den Prozess von Brest, in dessen Zuge Oppositionelle aufgrund fragwürdiger Anschuldigungen zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, kritisierte, wurde ihm von Janusz Jędrzejewicz, dem damaligen Minister für Religion und öffentlichen Unterricht, die Approbation zum Lehren entzogen. Daraufhin ging er als Rockefeller-Stipendiat in die Vereinigten Staaten von Amerika. Nach seiner Rückkehr in die Heimat leitete er ein Wirtschaftsinstitut. Zu dieser Zeit betätigte er sich primär als Publizist, als der er vehement gegen den Etatismus und staatlichen Interventionismus schrieb. Im Jahre 1935 schrieb er seine Theorie des öffentlichen Einkommens, welche nur deshalb publiziert wurde, weil sich die Zensur zu dieser Zeit nicht mit wissenschaftlichen Werken beschäftigte. Zudem liess der Druck der Sanacja nach, sodass Heydel ab 1937 wieder in Krakau lehren durfte. Zum Studienjahr 1939/1940 wurde er zum Dekan der Fakultät für Rechtswissenschaften und Administration gewählt, konnte diese Funktion jedoch aufgrund des Krieges nicht einnehmen (vgl. Wydzial Prawa i Administracji Uniwersytetu Jagiellonskiego 2011), da er kurz nach dem Beginn der deutschen Besetzung Polens am 6. November 1939 im Rahmen der ,,Sonderaktion Krakau'', die sich gezielt gegen die polnische Intelligenzija richtete, inhaftiert wurde (vgl. Seltmann 2009). Anschließend wurde er mit vielen weiteren Professoren ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Am 8. Februar 1940 wurde er wieder freigelassen. Er kehrte zur alten Familienresidenz in Brzóza zurück. Dort engagierte er sich konspirativ gegen das Naziregime. Einer seiner Mitstreiter liess sich jedoch von den Nationalsozialisten provozieren, was schlimme Folgen für das konspirative Netzwerk hatte: Heydel und sein Bruder Wojciech wurden inhaftiert, diesmal in Skarzysku-Kamienna. Der dortige Kommandant stammte aus der selben Familie wie Heydel ab, was ihn dazu animierte, den deutschstämmigen Heydel dazu zu überreden, die Volksliste zu unterschreiben, was Heydel die Freiheit gebracht hätte. Heydel sagte dazu nur: ,,Ich kann so etwas nicht machen, da mich nichts mit dem deutschen Volke verbindet.'' (Heydel zit. n. Anonymous 1981/2006). Schlussendlich unterschrieb er die Volksliste nicht, sodass er mit anderen Häftlingen und seinem Bruder ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und im Rahmen einer Massenexekution am 14. März 1941 erschossen wurde.

In seinen Werken fällt seine starke Antipathie gegenüber etatistischen und staatsinterventionistischen Politiken auf. Vielfach kritisierte er den Etatismus und Interventionismus anhand der polnischen Wirtschaftspolitik der Zwischenkriegszeit. So schrieb er in einem seiner Werke:

,,Unser wirtschaftlicher Antiliberalismus äußert sich, neben dem Etatismus, im Interventionismus, also in einer Verdrehung des Wirtschaftslebens in künstliche, mit der natürlichen Entwicklung nicht in Einklang bringende Ziele. Das Wirtschaftsleben in Polen ist quasi in ein Interventionskorsett eingeengt, welches das Rückgrat des wirtschaftlichen Organismus krümmt.'' (Heydel 1931/2008)

Auch mit der Österreichischen Schule der Ökonomie schien er sich zu Lebzeiten auseinandergesetzt und angefreundet zu haben. So begann der deutschstämmige Heydel, der scheinbar Ludwig von Mises auf deutsch las, seinen Aufsatz über den ,,Etatismus in Polen'' mit folgendem Zitat:
,,Die antiliberale Politik ist Kapitalaufzehrungspolitik.'' (Mises 1927: 8, zit. n. Heydel 1929/2006: 4)
Heydels' Sympathien für die Austrian Economics sind, wenn man sein Werk liest, offensichtlich. Er selbst ist, trotz seiner permanenten Kritik am Etatismus und Interventionismus jedoch mehr als Minarchist, denn als Anarchist zu werten, da er dem Staat einen minimalen Handlungsspielraum in sicherheitstechnischen Fragen gewährte (vgl. Heydel 1929/2006: 38).

Trotz der Bekämpfung der Verbreitung seines Werks durch die Präsidialdiktatur des Sanacja-Regimes, die Nationalsozialisten und die Realsozialisten ist Heydel nicht gänzlich in Vergessenheit geraten. Das Ludwig von Mises Institut in Warschau publizierte einen seiner Aufsätze als pdf-Datei und schrieb eine Kurzbiographie über ihn. Auch anonym gebliebene, im Untergrund tätige Liberale im Polen der 1980er Jahre veröffentlichten eines seiner Werke. Und so bleibt die Erinnerung an sein Werk bis heute bestehen. So ehrte ihn die Jagiellonen-Universität mit der Merentibus-Medaille.
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Literatur:

Anonymous (1981/2006): Etatyzm po Polsku. Gospodarcze granice liberalizmu i etatyzmu. Daznosci etatystyczne w Polsce. Warschau: Officyna Liberalów.

Garlicki, Andrzej (1979): Przewrót majowy. Warszawa: Czytelnik.

Heydel, Adam (1929/2006): Gospodarcze granice liberalizmu i etatyzmu. URL: http://mises.pl/pliki/upload/heydel-etatyzm.pdf [Zugriff: 13.XI.2011].

Heydel, Adam (1931/2008): Czy i jak wprowadzic liberalizm ekonomiczny? 20.II.2008. URL: http://mises.pl/blog/2008/02/20/adam-heydel-czy-i-jak-wprowadzic-liberalizm-ekonomiczny/ [Zugriff: 13.XI.2011]

Landau, Zbigniew; Tomaszewski, Jerzy (1971): Zarys historii gospodarczej Polski 1918-1939. Warszawa: Książka i Wiedza.

Mises, Ludwig von (1927): Liberalismus. Stuttgart; Jena: Gustav Fischer Verlag.


Wereszycki, Henryk (1971: Fascism in Poland. In: Sugar, Peter F. (Hrsg.): Native Fascism in the Successor States. Santa Barbara : ABC-CLIO, Inc., 85-91.

Wydzial Prawa i Administracji Uniwersytetu Jagiellonskiego (2011): Dziekani. URL: http://www.law.uj.edu.pl/pozostale/galerie/dziekani [Zugriff: 15.XI.2011].

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