Mittwoch, 30. November 2011

III. Mensch statt Masse! (oder: auf welcher Seite?)


von Niklas Fröhlich
Dies ist Teil einer wöchentlichen - mittwöchlichen - Reihe über und mit Gedichten und Auszügen von John Henry Mackay.

Wenn man sich einen kurzen Überblick über einen Menschen und sein Werk verschaffen will, der sucht oft händeringend nach handlichen Begriffen. Ist er Demokrat, Liberaler, Kommunist, Anarchist? Ein Vertreter des Sturm und Drang oder des Realismus? Ein Theoretiker oder Praktiker? Solche Einteilungen geben dem Menschen einen festen Halt, geben ihm die Möglichkeit der direkten Zuordnung. Dies hat natürlich einen gewissen Nutzen, führt aber auch gefährlich irre. Zwar kann man damit gewissermaßen einordnen, man beginnt aber auch, alles an dieser Einordnung zu messen und mit dieser zu verbinden, sei es stimmig oder nicht. Umso schwieriger wird dies, je komplexer der eingeordnete Mensch ist. Bei manchen Menschen ist diese Einteilung tatsächlich nie wirklich gelungen – und Mackay war zweifelsohne einer von ihnen. Wie will man ihn nennen? Freiheitsfreund? Individualisten? Anarchisten? Romantiker, Realisten? Gewiss war er all das. Und doch ist es gerade Individualismus, der letztendlich eine feste Einordnung zunichte Macht – denn das Individuum ist stets so viel mehr als ein Begriff, das jeder feste Begriff ihm eine Fessel sein muss.

Partei ¹
Partei ist heute Alles! - Jeder nimmt
Sich seinen Stand in einer; Jeder bestimmt
Der eignen Wünsche unberührte Saiten
Nach ihrem Klang; ob innerlich auch streiten

Gedanken und Gefühle scharf dagegen!
Er ist ein Glied der Kette, darf nur regen
Sich innerhalb der streng gezogenen Grenzen
Und alles Licht, er siehts wie Schatten glänzen

Durch die papiernen Wände der Partei!
- Wo aber ist der Mensch, der kühn und frei,
Einzig und allein die eigenen Wege geht?
Stark jedem fremden Einfluß widersteht?

Und wer sein Denken, wie sein Wünschen nicht
Den Wünschen And'rer schwächlich unterstellt
Der Licht nur will, und nichts als helles Licht,
Zu klären seines Daseins ganze Welt?!

Als Bruder kennt er nur den Freien an,
Und reicht ihm gern zu gleichem Kampf die Hand
Und drückt sie fest - doch niemals darf und dann
Zur Fessel werden dieses freie Band! -

Nichts, sagt Mackay zurecht, ist dem freien Mensch feindlicher als die zwänglich feste Bindung, das feste Lager, die Partei. Die Parteibildung – und dabei meint er gewiss nicht nur die heutige politische Partei – ist nichts anderes als der Untergang von Gedanken und Gefühlen. Gnadenlos presst sie die menschlichen Regungen in ein Korsett des Fremden Fühlens, lässt ihn zum Glied einer Kette werden, die den Menschen selbst bindet. Der freie Mensch – hier haben wir sie, die Freiheit – macht sich los davon. Er ist kein Mitglied, kein Teil einer Programmatik, kein Teil einer Bewegung, jedenfalls definiert er sich nicht darüber. Er ist nur eines und das ist er unumstößlich: Er selbst! Wenn der Mensch sich befreien will – und dies ist auch der einzige Weg zur Befreiung des ganzen Menschheitsgeschlechtes – so muss er sich frei machen von den Fesseln der Partei, die ihn bindet und benebelt. Er kann nur eines anerkennen, das aber umso mehr: Die freie Übereinkunft und Zusammenarbeit, die so unendlich fruchtbar und gemeinsam sein kann, sich aber auch wieder auflösen muss, sobald sie es nicht ist. In der Erkenntnis seiner Selbst liegt auch die Erkenntnis seines Gegenübers als Partner, doch er ist niemals an ihn gebunden oder ihm, oder einer Idee, oder einer Einrichtung verpflichtet.

Dies lehrt der Individualismus.
Wie können wir das heute lesen? Nahezu jeder wird zustimmen, dass das heutige Parteiensystem verkalkt und unflexibel ist, dass freie Denker nur zu selten in ihnen zu finden sind und stattdessen persönlichkeitslose Parteisoldaten die Spitzenpositionen erklimmen. Wer vertraut ihnen schon? Die Partei ist Fessel und der Freie, der Vernünftige flieht ihr zumeist. Es gibt nichts in sich Falscheres als den Menschen, der die Meinung seiner Partei, ihr Programm, zu seinem eigenen werden lässt, weil er – aus irgendeinem Grund ihr Teil zu sein glaubt. Dabei ist ausdrücklich nicht nur die politische, sondern schlichtweg jede Partei gemeint: Die Schulklasse, der Stammtisch, der Freundeskreis. Überall kann der Mensch sich leicht der herzlosen Partei beugen – und nichts tötet Urteilsvermögen, geistige Freiheit, mehr als dies. Der Individualismus hat dies längst verstanden und beugt sich den Kategorien nicht.

Und zum Teil scheint dies auch verstanden, denke ich etwa an diejenigen Menschen, die sich unter dem Banner, das keines ist, von „Occupy“ oder „direkte Demokratie“ versammeln. Sie haben, so sagen sie, kein Programm, keine gemeinsame Parteinahme und lehnen Schubladen kategorisch ab. Sie behaupten, für sich selbst zu stehen und wollen nur eines: Den gemeinsamen Wandel.
Und hier hört alle Erkenntnis auf. Denn was der Individualist korrekt für sich, das Individuum, erkennt, will man hier für das „Wir“, für die Masse erkannt zu haben glauben. „We are the 99%“ skandieren sie – und verstecken sich dahinter. Warum, frage ich jeden Einzelnen, nicht die Masse, legt ihr diesen Wert auf diese größte aller Phrasen, das „Wir“? Ihr wollt euch nicht abhängig machen, lehnt Programm und Partei - zu Recht - ab und doch macht ihr euch von der schlimmsten Partei aller Parteien abhängig: Der Masse. Nichts ist menschenfeindlicher, weil im wahrsten Sinne unpersönlich, als sie. Ich habe als Individualist zutiefst Vertrauen in den Menschen. In den Einzelnen, wohlgemerkt. Jeden von euch achte ich, schätze ich, halte ich für zutiefst vernünftig. Und wenn ihr euch verbindet, verbindet euch, vereint euch, doch gebt niemals euch selbst so einfach fort! Nichts anderes nämlich tut ihr, wenn jeder einzelne im „Wir“, in den „99%“ aufgeht. Aus dem „Wir“ erwächst nur etwas, wenn es auf dem „Ich“ als höchstem Wert beruht, auf dessen Basis man sich freiwillig zusammenfindet und trennt. Wieso also das „Wir“? Wäret ihr Revolutionäre (im positiven Sinne des Bahnbrechers), ihr würdet euch nicht dem Ruf der Masse hingeben. Der Ruf der Freiheit ist „I am the 0.0000000014%“. Mehr noch: „I am me!“. Er fordert auch nicht „echte Demokratie“, sondern „echte Selbstbestimmung“. Ob ihr Recht habt oder Unrecht hängt nicht mit eurer Masse zusammen, oder mit der Masse die ihr zu vertreten glaubt. Seid doch ehrlich zu euch und fordert mit diesen stolzen drei Buchstaben: „ICH“. Denn Masse, ist Partei – und über diese hat Mackay alles Nötige gesagt. Freiheit liegt nicht im Kollektiv, sondern in der freien Gemeinschaft der unabhängigen, in Gegenseitigkeit verbundenen Individuen, wie es Mackay in letzter obiger Strophe so schön beschreibt. Glaubt an euch als Mensch, nicht als Masse! Seht daraus heraus auch jeden Menschen als Individuum und nicht als Massenteil an, die 100% übrigens, nicht die 99% und 1%. Und dann braucht ihr umso weniger ein Programm, denn dann ist jeder einzelne sich selbst Programm und tut seinen Teil zu dem Ganzen, das aus freien Individuen in freier Gegenseitigkeit erwächst. Nie wird es Freiheit geben, solange das ICH sich in den 99% der Masse verliert.
________________________
¹ Aus John Henry Mackay, "Sturm", Zürich 1890

Kommentare:

  1. Sehr guter Beitrag. Bitte mehr von Mackay!

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  2. Nun ja...also ich finde den ersten Teil des Artikels sehr gut. Was Parteien angeht unterschreib ich jedes Wort..vor allem auch den Teil...: "Die freie Übereinkunft und Zusammenarbeit, die so unendlich fruchtbar und gemeinsam sein kann, sich aber auch wieder auflösen muss, sobald sie es nicht ist. In der Erkenntnis seiner Selbst liegt auch die Erkenntnis seines Gegenübers als Partner, doch er ist niemals an ihn gebunden oder ihm, oder einer Idee, oder einer Einrichtung verpflichtet." ...denn genau das ist nun mal das "Occupy"-Arbeitsprinzip.

    Im zweiten Teil versteifst du dich dann meiner Meinung nach zu sehr auf den 99%-Claim und interpretierst in meiner Meinung nach falsch. Es ist nämlich so: Die Spielregeln im derzeitigen Gesellschaftssystem schaden Dauerhaft 99% der Mitspieler während 1% profitiert..das ist damit gemeint wenn es heisst "We are THE 99%" ..nicht "WE are the 99%" ...ohnehin sind diese ganzen Claims und Labels, nenne es Occupy, Anonymous, EDJ oder sonst wie eh nur Symbole der WIdererkennung...irgendie muss man sich als freie Individuen im dezentralen Netz nun mal "finden".
    Außerdem hast du sicher mitbekommen, dass "Entscheidungen" im Konsens "getroffen" werden....wie soll das gehen bei einem offenen Netzwerk mit potentiell sehr sehr vielen Beteiligten? Am besten: Man sagt "wir" wenn man was für konsensfähig hält und wenn das "wir" dann von anderen weiter getragen/reproduziert wird wird es in der Kommunikation dann Stück für Stück Konsens - als Prozess.

    Dennoch bleibe ich aber immer ein Individuum - so wie jede/r andere auch...

    So bleibt die letzte Krux: Verstehen dass es sich um eine Art Paradoxon handelt. Dezentrale Vernetzung heisst Individuum zu sein und gleichzeitig Teil eines Kollektives, und zwar immer (nur) dann wenn man es individuell gerade will. und wenn ich gerade keine Lust habe, dann lehn ich mich zurück und weiss:

    We are many.... ;-)

    --
    the babyshambler

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  3. Danke für die ausführliche Antwort!

    "Es ist nämlich so: Die Spielregeln im derzeitigen Gesellschaftssystem schaden Dauerhaft 99% der Mitspieler während 1% profitiert..das ist damit gemeint wenn es heisst "We are THE 99%" ..nicht "WE are the 99%" "

    Leider habe ich bei den von dir angesprochenen Gruppen immer das Gefühl, dass hier antiindividualistisches Mehrheitsdenken praktiziert wird. Immer wieder scheint es nicht um Recht oder Gegenseitigkeit zu gehen, sondern um die Masse. Anonymous ruft "we are many!". Als wäre das eine Legitimation! Aus Occupy-Reihen höhere ich oft kolltiv-demokratische Phrasen, die Recht und Wahrheit in schierer momentaner Mehrheit oder deren vorgegebener Vertretung sehen. Das fühle ich zumindest abgemildert in deinem:

    "Die Spielregeln im derzeitigen Gesellschaftssystem schaden Dauerhaft 99% der Mitspieler während 1% profitiert.."
    Denn eben darum geht es nicht. Das, was die 1% tun, ist fehlerhaft oder nicht, es wäre es auch, wenn sie die 99% wären. Dass das nicht erkannt wird führt zu seltsamen Schlüssen. Es ist nämlich kein Problem, dass "die Finanzelite" "Zockt". Es ist ja auch kein Problem für das Individuum, wenn sein Nachbar dies tut. Es ist sehr wohl ein Problem, wenn ein anderes Individuum dafür in Haftung gezwungen wird. Und hier liegt dann auch auf der "kollektiven" Ebene das Problem, nicht beim "Zocken" an sich, dass die Mehrheit der Minderheit verbieten sollte. Dasselbe beim Besitz: Die "99%" empören sich, dass die "1%"ler viel besitzen, sie aber wenig. Das klappt nur in der Verwirrung des Kollektivdenkens: Ich empöre mich ja auch nicht darüber, dass mein Nachbar mehr hat als ich und fordere seine Regulierung und Enteignung. Wenn mein Nachbar sein Eigentum aber erworben hat, indem er mich und meine Mitmenschen betrogen hat, indem er durch Lobbyarbeit staatliche Subventionen oder Rechtsprivilegien wie Haftungsschutz (siehe Gmbhs) ergattert, so lässt sich dagegen sehr wohl auf individueller Basis die Stimme und Klage erheben.
    Ich hoffe damit verstehst du meine Punkte besser.

    "Dezentrale Vernetzung heisst Individuum zu sein und gleichzeitig Teil eines Kollektives, und zwar immer (nur) dann wenn man es individuell gerade will."

    Dem mag ich nichts hinzufügen. Das "nur" sollte dabei nicht in Klammern stehen, sondern ist von höchster Bedeutung. Leider scheint die Toleranz vieler "99%"ler relativ gering, wenn ich als 0,000000x14%ler auf meine individuelle Autonomie poche und mich der Macht ihrer "Mehrheit" verweigere.

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  4. darf ich einige eurer artikel auf meinem blog veröffentlichen? mit quellenangabe versteht sich.

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  5. Sofern die genannte Bedingung der Quellenangabe gewährleistet ist sehr gerne. Nur zu! Gruß

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