Mittwoch, 23. November 2011

II. Der freie Dichter


von Niklas Fröhlich

Dies ist Teil einer wöchentlichen - mittwöchlichen - Reihe über und mit Gedichten und Auszügen von John Henry Mackay.

Aller Anfang ist schwer – im Falle dieser Reihe über Mackay besonders: Der Mensch, der Dichter, sein Werk, seine Ideen und schließlich vor allem seine Zeitlosigkeit sollen aufgezeigt werden und all dies auch noch fortschreitend an seine kurzen Werken selbst. Natürlich muss das Eröffnende Gedicht einen guten Einstieg in alle diese Bereiche geben, was die Auswahl nicht leicht gemacht und für reichliches Kopfzerbrechen gesorgt hat. Das Ergebnis des Grübelns waren schließlich Mackays kurze Zeilen „Kampfweise“.

Kampfweise¹.
Der kleine Geist lässt sich in Händel ein.
Der große kennt den Kampf nur um die Sache.
Und weithin schallt sein Wort wie Wetter-Schein,
Dass es zur That die Schwächlichen entfache.

Laß sie doch unten laut vorbei dir treiben
Mit hohlen Phrasen und rohem Spott.
Du wirst, der stets du warst, auch immer bleiben :
Vornehm und frei – ihr Gott ist nicht dein Gott !

Das fernste Land der Wünsche – kühn betritt es,
Selbst wenn kein Andrer noch den Pfad betrat.
Wie werden mühlos einst und leichten Schrittes
Die Enkel ernten unsere herbe Saat !

Was also sehen wir in diesen Zeilen? Ich möchte hier – wenn auch oberflächlich und flüchtig – an diesem Gedicht verschiedene Ideen und Wesenszüge festhalten, die hier in den folgenden Wochen näher betrachtet werden können.

Herrlich blickt uns in „Kampfweise“ ein, durchaus etwas hochmütiger, Optimismus entgegen, der auch sofort stolz seine Aufgabe formuliert: Als großer Geist solle er die trüben, blinden Gemüter ergreifen und zum Handeln bewegen. Was diese „Sache“, die natürlich die „Sache der Freiheit“ ist, im Einzelnen bedeutet, werden wir noch sehen.
Eine Idee also will Mackay propagieren und doch ist was er hier beschreibt keinesfalls das plumpe Wesen eines politischen Propagandisten, wie die nächsten Zeilen klarstellen. Keinesfalls geht Mackay davon aus, verstanden zu werden, geschweige denn irgendwie zum Führer einer politischen Sache zu werden, vielmehr sieht er die Menschen an sich vorbeitreiben, ihn nicht verstehend und sogar verspottend! Hier tritt er uns in seinem zweiten, auf schwierige Weise mit seinem freigeistigen Optimismus verbunden Wesenszug entgegen: Als Einzelgänger, als stets nur kaum verstandenes Individuum. Und sofort (wie könnte es treffender für ein freies Wesen sein!) schlägt Mackay hier die Kurve und tröstet den Gleichgesinnten ebenso wie sich selbst über das Irre der Masse hinweg.
In tiefem Vertrauen auf sich und das freie Individuum ruft er: „Lass sie! Lass sie ihre Götzen anbeten!“ Nur er, der Freie, opfert diesen „Göttern“ nicht. In der Erkenntnis des unverständigen Wahns der Masse hält er sich an das „Ich“, stellt sich über den Verdruss und zeigt hier deutlich einen weiteren Zug, die gewaltige Beeinflussung durch den „großen Egoisten“ Max Stirner. Und noch etwas ungemein wichtiges lässt sich hier, herauslesen: Wen doch Mackay nur die wenigsten zu erreichen glaubt, wieso schreibt er dann? Es ist die Schönheit selbst, die ihn leitet, es ist der Wert des Wortes selbst, das „weithin schallt“, man beachte die starke Hervorhebung durch vierfache Alliteration. Schönheit und Wahrheit waren für den Genussmenschen und Ästheten Mackay untrennbar, „wie Wetter-Schein“, der auch dann den Wert seiner Schönheit entfaltet, wenn kaum einer sich aus den finsteren Höhlen der Unwahrheit heraustraut. Die finsteren Massen können ihn nicht trüben!

Mackay endet so, wie er begann, in optimistischem Idealismus und greift doch wieder, immer wieder, nicht auf die Masse, sondern das Individuum zurück. Niemals würde er sagen: „Bring den Menschen das ferne Land der Wünsche“, er drängt die träge Masse zu nichts, denn er weiß, dass man zum Guten nicht drängen kann. Alles was der Individualist tun kann ist, vorauszuschreiten – und so bleibt Mackay ganz individualistisch: Nicht warten solle der Mensch auf die Zustimmung der Masse, den großen Wandel, die Revolution oder die Erlösung: „Betritt es!“.

Tatsächlich muss zu diesen Zeilen kaum mehr gesagt werden. Jeder der freie Gedanken in sich trägt versteht den aus ihnen quellenden Drang und schließlich doch die Abweisung die ihnen mehrheitlich entgegengebracht wird. Dass diese Erkenntnis zeitlos ist, sollte das von mir an Mackay angelehnte Bild von Sonnenschein und Höhlenleben zeigen, das natürlich nichts anderes als die Grundbedingung des platonischen Höhlengleichnisses ist. In diesem ewigen Kampf um Freiheit und Wahrheit den Idealismus und den Sinn für das Schöne nicht zu verlieren, weiter voranzugehen – das lehrt uns Mackay hier.

Wenn wir voranschreitend später noch die Verwerfungen des Dichters eigenen Lebens sehen werden, steht es umso mehr außer Frage, dass der „vornehme“ und „freie“ Mackay sich fraglos auch selbst zuredetet.

Anregungen und Vorschläge für die kommenden Beiträge, in denen endlich der detaillierte Blick gewagt werden soll, sind überaus erwünscht.
______________________________
¹ Aus John Henry Mackay, "Sturm", Zürich 1890

Kommentare:

  1. Kurze spontane Assoziationen dazu: Der Text hat etwas Stirnerisches, aber das hatte der Autor auch so gesehen. Hat auch (spekulativ etwas Post-Stirnerisches, in diesem Fall:) etwas von Nietzsche.
    Das "Vornehme" interpretiere ich spontan als Zurückhaltung gegenüber Massenbewegungen und Massendynamiken. (Mehr oder minder weit gehende) Zurücknahme von (und Verzicht auf) "Dabei sein" als ein Ausdruck (oder eine Möglichkeit) von "frei" sein/fühlen etc. Darin könnte man u.a. auch stoische Elemente verorten.
    Das Entfachen zur That für die Schwächlichen könnte ein Aufruf sein. Das Wort soll wohl inspririeren, die Schwächlichkeit (vielleicht Unmündigkeit) durch Praxis zu entwöhnen. Die Folge der Schwächlichkeit könnte in den folgenden Zeilen beschrieben werden: Das Mitlaufen/sich Mitreißen lassen in der Masse, die den jeweils aktuellen Phrasen hinterherläuft bzw. diese vor sich herträgt, wie eine Ersatz-Monstranz. Dieser "Gott" sei der Gott des Freien nicht, so der Text (in meiner hierigen Interpretation).
    Der dritte Vierzeiler spricht vom fernsten Land. Dieses kann u.a. eine politische Utopie oder eine Wunschvorstellung darstellen. Ich assoziiere hierzu gerade zwei Möglichkeiten: Entweder die Stirnerische Darstellung eines eigenständig zu vollziehenden Erkundens seines subjektiv eigentümlichen Universums durch den jeweils "Einzigen". Oder ein optimistischer, auf die soziale Gesamtheit bezogener Ausblick: Das am Anfang sozial herausfordernde - und daher oft anstrengende bis gefährliche ("herbe Saat") - Schreiten von Einzelnen auf unbekannten Pfaden (als "Vorreiter" in verschiedenen Gebieten, z.B. Schumpeters Unternehmer in der praktischen Wirtschaft) führt zur Erschließung neuer Bereiche (Erkenntnisse, Möglichkeiten, etc.). Diese werden, zumindest wenn sie später sozial rezipiert und adaptiert werden, in späteren Generationen zum Selbstverständlichen gehören: "Wie werden mühlos einst und leichten Schrittes
    Die Enkel ernten unsere herbe Saat !"

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  2. »Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden – auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein.«
    - Friedrich Nietzsche, »Also sprach Zarathustra« -

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