Mittwoch, 29. Juni 2011

Mises' Gedanken über die Ursachen der Großen Depression

Ludwig von Mises (siehe Photo) wies in seinem Vortrag ,,Die Ursachen der Wirtschaftskrise'' aus dem Jahre 1931 darauf hin, dass staatlicher Interventionismus die große Depression der 1930er Jahre verursacht hat. Zum Zeitpunkt seines Vortrags war die große Depression schon im vollen Gange, dennoch erkannte Mises auch schon in seinen Werken zuvor, etwa 1928 in ,,Geldwertstabilisierung und Konjunkturpolitik'' (Mises 1928) die potentiellen Krisenerscheinungen. Die große Depression wurde von vielen Ökonomen der Zügellosigkeit der freien Marktwirtschaft zugeschrieben. Mises hielt dieser These dagegen: Von einer freien Marktwirtschaft konnte Mises und den Austrian Economics zufolge keine Rede sein
Mises war zu Beginn seines Studiums noch Etatist, das heißt, dass er sich für staatliche Lösungen für wirtschaftliche Problemkonstellationen aussprach. Dies ist kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass zu Mises' Studienzeit ,,Gustav von Schmoller (1838-1917) [...] als der große Meister der ,wirtschaftlichen Staatswissenschaften' [galt]. Seine Schule, die Kathedersozialisten, dominierte die Universitäten, insbesondere im Deutschen Reich.'' (Hoppe 2006: 9). Erst später erkannte er, dass es genau diese staatlichen Lösungen sind, die die Probleme noch vergrößern. Dies begann 1903, als er Carl Mengers ,,Grundsätze der Volkswirtschaftlehre'' (vgl. Menger 1871) las; eines der prägendsten Bücher der Österreichischen Schule der Ökonomie. Menger, dessen Büste im Hof der Wiener Hauptuniversität zu bewundern ist, zog sich jedoch früh aus dem öffentlichen Leben zurück, da ihn ein immer stärkender Pessimismus erfüllte: Er sah den europäischen Liberalismus seit den 1870er Jahren auf einem absteigenden Ast und somit eine große Katastrophe kommen. Eugen von Böhm-Bawerk, zuvor österreichischer Finanzminister, wurde Mengers Nachfolger, erweiterte mit seinem monumentalen Hauptwerk ,,Kapital und Kapitalzins'' (vgl. Böhm-Bawerk 1903) Mengers Schaffen vor allem in punkto Zins- und Kapitaltheorie und übernahm somit Mengers führende Stellung als Ökonom der Österreichischen Schule. Es war auch Böhm-Bawerk, der Mises' wichtigster persönlicher Lehrer und Mentor werden sollte. Und schließlich war es Mises, der nach Böhm-Bawerk zur führenden Persönlichkeit der dritten Generation der Österreichischen Schule der Ökonomie werden sollte, auch wenn ihm von Seiten des Staates und der staatlichen Universitäten in einer Atmosphäre sich ausbreitender Ressentiments gegen Juden (Mises war Jude) und und deren Erkenntnisse er erweitern sollte:

,,Mises vervollständigte das System Mengers und Böhm-Bawerks um die Geldtheorie. Zum ersten Mail wurden Geldtheorie (im modernen Jargon: Makroökonomie) und allgemeine Nutzentheorie (Mikroökonomie) integriert. [...] Er zeigte, daß jede Geldmenge gleichermaßen ,optimal' ist, derart daß eine Vermehrung der Geldmenge (im Unterschied zu einer Vermehrung von Konsum- und/oder Kapitalgütern) keinerlei sozialen Nutzen begründet, sondern lediglich zu einem Kaufkraftverlust des Geldes führt.'' (Hoppe 2006: 11).

Mises erkannte also früh die potentiellen Gefahren einer inflationären Geldpolitik von Regierungen und Zentralbanken, wie Hans-Hermann Hoppe anmerkt:

,,Er [Mises, Anm.: T.M.F.] arbeitete heraus, warum Regierungen und Zentralbanken tendenziell inflationär handeln: Die vermehrte Geldmenge kommt nicht allen Personen gleichzeitig zugute. Es ist die Regierung bzw. ihre Zentralbank, die ursprünglich über das neue Geld verfügt. Von ihr ausgehend fließt das Geld an andere Personen und erhöht dabei Schritt für Schritt die Preise eines immer weiteren Kreises von Gütern. Im Verlauf dieses Prozesses kommt es zu einer systematischen Einkommensumverteilung zugunsten der ursprünglichen - und früheren - Geldbesitzer und zuungunsten derjenigen, die das neue Geld erst später, zuletzt oder nie empfangen. Inflation ist ein Instrument der versteckten Besteuerung sowie der Einkommensverteilung zugunsten des Staates und der von ihm begünstigten Personen- und Unternehmenskreise.'' (Hoppe 2006: 11f.)

In seinem Vortrag ,,Die Ursachen der Wirtschaftskrise'' erlaubt sich Mises einige Bemerkungen zum Marxismus und seiner Kritik am Kapitalismus. Der marxistischen Kritik am Kapitalismus zufolge ist der Kapitalismus ein planloses, anarchistisches Wirtschaftssystem und Krisen in der kapitalistischen Profitwirtschaft systemimmanent. Um solchen Krisen zu entgehen bedarf es einer sozialistischen Planwirtschaft, Gemeinwirtschaft, die mit ihrem staatlichen Zwangsapparat wirtschaftskorrigierend und -regulierend intervenieren soll. Kapitalistische Elemente in der Wirtschaft gilt es zu bekämpfen. Hierfür wird aus strategischen Gründen mit einem marxistischen Jargon gearbeitet, der den Kapitalismus etwa als ,,Anarchie der Produktion'' bezeichnet. Anarchie ist hierbei ein Wort mit überwiegend negativer Konnotation - es wird mit Chaos assoziiert. Diese Strategie war effektiv, führte sie doch dazu, dass alle größeren Parteien marxistische Ansätze in ihren Parteiprogrammen manifestiert haben, auch wenn sie sich als antimarxistisch deklarierten. So wird der Kapitalismus als Profitwirtschaft und der Sozialismus als Bedarfdeckungswirtschaft rezipiert. Mises zufolge völlig irreführend, da sich die kapitalistische Wirtschaft

,,in letzter Instanz allein nach den Wünschen der Verbraucher richtet, und [...] die Unternehmer und Kapitalisten durch einen Zwang, dem sie nicht zu entrinnen vermögen, gebunden sind, mit den Produktivgütern und Arbeitskräften so zu verfahren, daß sie die Bedürfnisse der Verbraucher so reichlich, als dies im Hinblick auf den Stand des gesellschaftlichen Wohlstands und der Technik überhaupt möglich ist, zu befriedigen.'' (Mises 1931: 6)

Angebot und Nachfrage decken sich - das zeichnet den Marktmechanismus und die Preisbildung der Güter aus. Dies gilt für alle Wirtschaftszweige. Dabei dient der Kapitalismus dem Volke: ,,Die kapitalistische Marktwirtschaft ist eine Demokratie, in der jeder Groschen eine Wahlstimme, gibt. Der Reichtum erfolgreicher Geschäftsleute ist das Ergebnis eines Plebiszits der Konsumenten.'' (ibid.: 8). In der Wirtschaftsdemokratie, also im Kapitalismus, enthält jeder Groschen eine Funktion, in der Demokratie in der Ausprägung, wie wir sie kennen, enthält jedoch nur die Stimme der Mehrheit Gehör. Im Kapitalismus bestimmt der Verbraucher, nicht die Produzenten. Subsumierend sagt Mises:

,,Der Mechanismus des Marktes gibt der kapitalistischen Wirtschaft ihren Sinn, stellt Unternehmer und Kapitalisten in den Dienst der Bedürfnisbefriedigung. Stört man das Spiel dieses feinen Apparates, dann ruft man Störungen hervor, die die Anpassung des Angebots an den Bedarf verhindern und die Produktion auf Wege lenken, auf denen sie nicht zu dem Ziele des Wirtschaftens - Befriedigung der Bedürfnisse - zu gelangen vermag.'' (ibid.: 10)

Werden diese Störungen hervorgerufen, entstehen Wirtschaftskrisen.
Mises machte die Zinspolitik der Banken für Konjunkturzyklen verantwortlich. Die Zinsen werden von den Banken unter dem natürlichen Zins gehalten, was eine Bankkrediterweiterung zur Folge hat. Diese Kreditexpansion wirkt sich zunächst konjunkturstimulierend aus. Früher oder später bricht dieses ganze System jedoch wie ein Kartenhaus zusammen, da exzessive Kreditexpansion unrentable Investitionen generiert, die zum Scheitern verurteilt sind,

,,[d]enn früher oder später muß die Krediterweiterung durch Schaffung zusätzlicher Umlaufmittel zum Stillstand kommen. Die Banken könnten, auch wenn sie wollten oder durch den stärksten Druck von außen dazu gezwungen würden, diese Politik nicht endlos fortsetzen. Die fortschreitende Vergrößerung der Umlaufsmittelmenge führt zu fortschreitenden Preissteigerungen. Inflation kann jedoch nur solange fortgehen, als die Meinung besteht, daß sie doch in absehbarer Zeit aufhören wird. Hat aber einmal die Überzeugung sich festgesetzt, daß die Inflation nicht mehr zum Stillstand kommen wird, dann bricht Panik aus. Das Publikum nimmt in der Bewertung des Geldes und der Waren die erwarteten Preissteigerungen schon voraus in Rechnung, so daß die Preise sprunghaft über alles Maß hinaufschnellen, es wendet sich von dem Gebrauch des durch die Umlaufsmittelvermehrung kompromittierten Geldes ab, flüchtet zum ausländischen Geld, zum Barrenmetall, zu den ,Sachwerten', zum Tauschhandel, kurz die Währung bricht zusammen.'' (ibid.: 13)

Ein weiteres Problem der großen Depression war die massive Arbeitslosigkeit. Jene wird es, so Mises, immer geben, jedoch lässt sie sich stark eingrenzen. Die Arbeitsmarktverhältnisse sind einem steten Wandel unterzogen. In gewissen Branchen werden, je nach Bedarf, Arbeitsplätze abgebaut oder geschaffen. Menschen können also selbst auf dem unbehinderten, freien Markt kurzfristig Arbeitsplätze verlieren, jedoch auch mit der Zeit, etwa dank Umschulungen, Neuspezialisierungen etc. schnell in anderen Branchen Arbeit finden. Es ist hier wie mit dem Wohnungsmarkt: Es gibt immer Wohnungen, die kurze Zeit freistehen.
Viele Probleme auf dem Arbeitsmarkt resultieren aus Lohnforderungen. Nicht selten haben hierbei die Gewerkschaften eine prägende Rolle, fordern sie doch für ihre Mitglieder meist möglichst hohe Löhne und werfen den Kapitalisten vor, die würden die Arbeitnehmer ausnutzen. Generell wird dem Kapitalismus vonseiten der Gewerkschaften eine ausbeuterische Natur bescheinigt. Es stimmt zwar, dass es im Interesse des Kapitalisten ist, die Löhne seiner Arbeitnehmer möglichst gering zu halten: ,,[S]inkt der Lohn, so steigt die Rentabilität seines Unternehmens, er kann mehr Arbeiter einstellen. Die Arbeiter haben es mithin in der Hand, die Nachfrage nach Arbeitskräften zu erhöhen.''(ibid.: 16). Das heißt jedoch nicht, dass der freie Markt dazu tendiert, die Löhne der Arbeiter exorbitant herabzudrücken, im Gegenteil: ,,Wenn die Konkurrenz der Arbeiter die Tendenz hat, den Lohn zu drücken, so hat der Wettbewerb der Unternehmer wieder die Tendenz, ihn in die Höhe zu treiben.'' (ibid.). Die beidseitige Konkurrenz, sowohl auf Arbeitnehmer-, als auch auf Arbeitgeberseite egalisiert sich in letzter Konsequenz. Auch hier wirkt wieder das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage.
Die Gewerkschaften hingegen verhalten sich oftmals fatal. Arbeiter, die keine Gewerkschaftsmitglieder sind, werden diskriminiert, manchmal wird ihnen sogar gedroht. Arbeitswillige Arbeiter, seien sie nun Gewerkschaftsmitglieder oder nicht, werden misshandelt, sofern sie an Generalstreiks nicht teilnehmen wollen und der Staat kapituliert hierbei. Die häufig gestellten Forderungen nach einem Mindestlohn haben eine kontraproduktive Wirkung, sofern sie über dem Marktlohn liegen, denn sie führen dazu, dass die Zahl der Arbeiter abnimmt, was zur Konsequenz eine stärkere Arbeitslosigkeit und aufgrund schwächerer Produktion eine geringere Bedarfsdeckung hat.
Die Zahl der Arbeitslosen nimmt in einem solchen System also zu. Mögliche Konsequenz: Revolution der Arbeiter. Denn es ist nun mal so, dass der Arbeiter lieber einen geringeren, als gar keinen Lohn hat. Diesen revolutionären Tendenzen wirkt jedoch der Staat entgegen, indem er den Arbeitslosen Sozialhilfe zahlt, die im Grunde genommen die Funktion eines Schweigegeldes annimmt. Wie dem auch sei - die Produktion leidet trotzdem darunter. Schließlich wird dieses Schweigegeld, aber auch andere staatliche Investitionen, durch Gelder finanziert, die der Privatwirtschaft, welche diese Gelder wieder direkt investieren könnte, entzogen. Produktiven Bereichen, in die womöglich investiert worden wäre, werden Investitionen in die Bürokratie und Sozialhilfe vorgezogen.
Mises plädiert daher für freie Lohnbildung und gegen Mindestlohn und sonstige staatliche Wirtschaftsregulierung.
Abschließend sagt Mises:
,,Alle Versuche, aus der Krise durch neue interventionistische Maßnahmen herauszukommen, sind ganz und gar verfehlt. Es gibt nur einen Ausweg aus der Krise: man muß alle Versuche, die Auswirkung der Marktpreise auf die Produktion zu unterbinden, unterlassen. Man muß es aufgeben, eine Politik fortzusetzen, die Zinssätze, Löhne und Warenpreise anders gestalten will als der Markt sie gestaltet.'' (ibid.: 34)

Literatur

Böhm-Bawerk, Eugen von (1903): Kapital und Kapitalzins. Berlin: E. Ebering.

Hoppe, Hans-Hermann (2006): Einführung: Ludwig von Mises und der Liberalismus. In: Mises, Ludwig von (1927/2006): Liberalismus. Sank Augustin: Academia.

Menger, Carl (1871): Grundsätze der Volkswirtschaftlehre. Wien: Wilhelm Braumüller.

Mises, Ludwig von (1928): Geldwertstabilisierung und Konjunkturpolitik. Jena: Gustav Fischer.

Mises, Ludwig von (1931): Die Ursachen der Wirtschaftskrise. Tübingen: J.C.B.

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