Donnerstag, 12. Mai 2011

Geht das Gespenst noch um?

von Martin Ledermann
"Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus."

So schrieben es Karl Marx und Friedrich Engels zur Jahreswende 1847/48 in ihrem berühmten "Manifest der kommunistischen Partei". Seither hat das Gespenst in vielen verschiedenen Formen gewütet, Scharen von Anhängern begeistert und seinen Idealen unzählige Seelen geopfert. Auch der Zusammenbruch der realsozialistischen Experimente gegen Ende des 20. Jahrhunderts konnte das Gespenst nicht vollständig vertreiben. Doch, so scheint es, hält es sich heute vor allem in den Theoriebüchern linker Intellektueller auf, in den Soziologie-Seminaren und den Debattenzirkeln junger und jung gebliebener Studenten. Als ernsthafte Alternative zum Status Quo wird es kaum noch gehandelt - Das "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) scheint erreicht.

Folgt man den Reden der meisten Politiker, den Artikeln der einflußreichen Journalisten und den Einsichten vieler Intellektueler, so wird der Mensch heute von einem ganz anderen Gespenst bedroht: Der entfesselte Raubtier-Kapitialismus greift unbarmherzig um sich.
Überall, so die Kunde, bringt er mühsam erkämpfte Sozialstaaten zum Zerfall, bringt Armut in die Dritte Welt und bringt die Menschen um die Früchte ihrer harten Arbeit. Er zwingt ihnen eine grausame Marktlogik auf, nach der nur das Eigenwohl zählt und der Ellenbogen garnicht oft genug eingesetzt werden kann.

Was ist dran, an diesem gefühlten Sieg der kalten Marktlogik über das rote Gespenst von 1848? War der Sieg nachhaltig? Und was hat er wem gebracht? In einer Artikelreihe möchte ich nach und nach diesen Fragen nachgehen. Ich hoffe, dem Leser dabei alles bieten zu können, was in einen guten politischen Beitrag gehört: Nüchterne Bestandsaufnahme, interessante Fakten, Hinweise auf Lesenswertes und eine gehörige Portion Polemik. Zur Klärung der Frage, ob das rote Gespenst wirklich vertrieben wurde, ob es sich nur vorrübergehend in Deckung begeben hat, oder ob es gar, freilich anders gefärbt, weiterhin sein Unwesen treibt, bemühen wir die kommunistischen Klassiker selbst!

In ihrem Manifest empfehlen Marx und Engels zehn zentrale Maßnahmen zur Erreichung ihres Ziels: Der kommunistischen Gesellschaft. Der "erste Schritt in der Arbeiterrevolution [war] die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie" (Marx/Engels: 66). Nach und nach sollten nun durch die demokratische Mehrheit des Proletariats zehn Maßnahmen getroffen werden, mittels "despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse" (Marx/Engels: 67). Diese lauten wie folgt (Marx/Engels: 67):

"1. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben.

2. Starke Progressivsteuer.

3. Abschaffung des Erbrechts.

4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen.

5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.

6. Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats.

7. Vermehrung der Nationalfabriken, Produktionsinstrumente, Urbarmachung und Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan.

8. Gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau.

9. Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land.

10. Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder. Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form. Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion."


Gewiss kann uns die Beantwortung der Frage, in wie weit diese Forderungen bereits umgesetzt wurden, nicht erklären, ob wir im Kommunismus, oder auch nur in seiner Vorstufe, im Sozialismus, leben. Doch falls wir im Laufe der Artikelserie herausfänden, dass viele diese Forderung bereits teilweise oder ganz umgesetzt wurden, können wir zumindest ableiten, dass das Gespenst so tot nicht sein kann. Ich wünsche den Lesern und mir selbst viel Spaß und viel Erkenntnis!
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Quelle: Karl Marx/Friedrich Engels (1967): Manifest der kommunistischen Partei. 29. Auflage. Berlin: Dietz Verlag.

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