Donnerstag, 20. Januar 2011

Kroatien – ein Beispiel gelungener Sezession

Ein Beispiel gelungener Sezession ist Kroatien. Dem heute verhältnismäßig stark prosperierenden Land wurden nach dem 2. Weltkrieg über einen Zeitraum von gut 50 Jahren sozialistische Fesseln durch den jugoslawischen Zentralstaat angelegt. 1995 erlangte Kroatien nach langem Kampf seine Unabhängigkeit.

I. Kroatischer Frühling
Erste stärkere Symptome des Strebens nach der Unabhängigkeit zeigten sich bei den Kroaten in den späten 1960er und den frühen 1970er Jahren. Die als ,,Kroatischer Frühling‘‘ (Hrvatsko proljeće) bekannte Bewegung forderte eine stärkere Autonomie der kroatischen Teilrepublik. Die politische Abhängigkeit vom jugoslawischen Zentralstaat wurde zunehmend als zu bedrückend wahrgenommen.

Initialzündung für die Bewegung des ,,Kroatischen Frühlings‘‘ war die, auch vom jugoslawischen Zentralstaat vorsichtig umgesetzte, kulturelle Liberalisierung, mit der auch die Absetzung des rigorosen Geheimdienstchefs ALEKSANDAR RANKOVIC, der ein starker Befürworter des Zentralstaats war, einherging. Außerdem gab es innerhalb der kommunistischen Partei Jugoslawiens Tendenzen, den einzelnen Teilrepubliken mehr Autonomie zuzugestehen. Aus diesem politischen Klima heraus entwickelte sich eine von kroatischen Intellektuellen angeführte Massenbewegung, die die Interessen Kroatiens hin zu stärkerer Autonomie konsequent durchzusetzen versuchte.
Man versuchte für die eigene kroatische Identität (kroatische Flagge, Anerkennung des kroatischen als eigene Sprache etc. pp.) zu kämpfen, da man diese in Gefahr sah: Die kommunistische Partei Jugoslawiens führte eine Politik der gemeinsamen jugoslawischen Identität, mit der man die vorherrschenden Identitäten der verschiedenen Teilrepubliken zu eliminieren versuchte. Dies missfiel vielen Kroaten, die sich mit dem serbisch dominierten, jugoslawischen Zentralstaat nicht identifizieren konnten, was verständlich ist, wenn man bedenkt, dass Kroatien größtes Opfer der jugoslawischen Umverteilungspolitik war. So setzte sich die Bewegung des ,,Kroatischen Frühlings‘‘ für eine Dezentralisierung der Wirtschaft ein. Man agitierte gegen die Monopole der jugoslawischen Investitionsbank und gegen die Bank für Außenhandel. Beides waren Instrumente der Wirtschaftsregulierung durch den jugoslawischen Zentralstaat.
Die Bewegung organisierte 1971 große Demonstrationen in Zagreb (siehe Photo), bei denen die Ziele des ,,Kroatischen Frühlings‘‘ öffentlich formuliert wurden. Regierungschef JOSIP BROZ TITO und seine Genossen sahen in diesen Demonstrationen eine Renaissance des kroatischen Ustasa-Faschismus. Dementsprechend versuchte man auf jugoslawischer Seite die Bewegung des ,,Kroatischen Frühlings‘‘ aufzuhalten. In der Folgezeit wurden viele kroatische Regimegegner zu Gefängnisstrafen verurteilt. Trotz dieser massiven staatlichen Gegenwehr gelang es den kroatischen Autonomisten wichtige Rechte zu erkämpfen. So wurde 1974 eine neue jugoslawische Verfassung verabschiedet, die den Teilrepubliken das Recht zur Sezession zugestand.
Das Streben nach stärkerer Autonomie hin zu absoluter Sezession war ein schleichender Prozess, der durch den ,,Kroatischen Frühling‘‘ initiiert und durch den Tod Titos beschleunigt wurde. Nach dem Tod Titos 1980 nahmen die Diskrepanzen zwischen Kroatien und dem serbisch dominierten Jugoslawien, begünstigt durch die Wirtschaftskrise, zu, was darin mündete, dass die Kroaten, unter Führung des später dann auch gewählten Präsidenten FRANJO TUDMAN und seiner Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (Hrvatska demokratska zajednica), von ihrem Recht auf Sezession Gebrauch zu machen versuchten.

II. Krieg für die Unabhängigkeit
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nahm der internationale Druck auf Jugoslawien zu, das endlich freie Wahlen gewähren sollte. Daraufhin fanden in der Teilrepublik Kroatien 1990 zwei freie Wahlen statt, aus denen Franjo Tudman mit seiner Partei als Sieger hervorging.
Kroatien wurde qua neuer Verfassung, die die Verfassung von 1974 ablöste, nicht mehr als ,,Nationalstaat des kroatischen Volkes, Staat des serbischen Volkes in Kroatien und anderer Völker, die in ihm leben‘‘, sondern als ,,Nationalstaat des kroatischen Volkes und Staat aller anderen Völker, die in ihm leben‘‘ definiert. Kroatien war damit allerdings noch kein unabhängiger Staat, sondern lediglich eine Teilrepublik mit ausgeprägter Autonomie. Die Serben in Kroatien verloren ihren Status als konstituierendes Volk und waren fortan lediglich eine Minderheit mit kultureller Autonomie. Radikalen serbischen Kräften in Kroatien war dies zu wenig. Eben jene forderten neben der kulturellen auch eine territoriale Autonomie serbisch geprägter Gebiete in Kroatien, sodass man später versuchte, diese Gebiete endgültig von Kroatien abzuspalten und an das ,,neue‘‘ Serbien anzugliedern, für welches man im Falle einer kroatischen Unabhängigkeit ebenfalls eine Unabhängigkeit deklarierte. Führende, politische Kräfte der Serben in Kroatien wurden immer radikaler. So wurde der moderate JOVAN RASKOVIC vom radikalen MILAN BABIC abgelöst. Das politische Klima wurde in der Folgezeit immer vergifteter. Babic schürte mit starker Propaganda die Ängste der Serben in Kroatien. Man sprach, ähnlich wie zu Zeiten des ,,Kroatischen Frühlings‘‘, von einer Renaissance des kroatischen Ustasa-Faschismus. Die Kroaten würden Massaker gegen die Serben durchführen, so das weit verbreitete Credo der serbischen Propagandaprotagonisten. Doch auch auf kroatischer Seite wurde die Serbophobie geschürt. So fiel Tudman im Wahlkampf durch antiserbische Aussagen auf. Anstatt also die Situation zu beruhigen, wurden auf beiden Seiten nationale Emotionen geweckt, wobei die Vernunft aussetzte.
Der Konflikt eskalierte am 13.V.1990 bei einem Fußballspiel zwischen Dinamo Zagreb und Crvena Zvezda Belgrad im Zagreber Maksimir-Stadion, wo sich Anhänger beider Mannschaften wüste Schlägereien lieferten. In einer dergestalt angeheizten Atmosphäre schien ein Krieg unausweichlich.
In einem Referendum über die Unabhängigkeit Kroatiens 1991 stimmten weit über 90% der Kroaten für die Unabhängigkeit. So erklärte Kroatien im Juni 1991 seine Unabhängigkeit, welche als erstes von den sich ebenfalls als unabhängig deklarierten Slowenen anerkannt wurde. Die Armee der Republik Serbische Krajina (Republika Srpska Krajina) versuchte mithilfe der serbisch dominierten jugoslawische Volksarmee, serbischen Paramilitärs und der serbischen Freiwilligengarde gegen Kroatiens Unabhängigkeit militärisch vorzugehen, indem sie (wie weiter oben bereits beschrieben) versuchte, kroatische Gebiete mit beträchtlicher serbischer Bevölkerung von Kroatien abzuspalten und an Serbien anzugliedern. Dies mündete im kroatischen Unabhängigkeitskrieg, der bis 1995 andauern sollte.
Zunächst versuchte man auf Seite der Serben das gesamte kroatische Territorium unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem man feststellte, dass die kroatische Gegenwehr zu stark dafür war, beschränkte man sich auf das Gebiet der Republik Serbische Krajina. Der anfangs angestrebte Erhalt des kommunistischen Jugoslawiens wurde nach der Zerbröckelung der realsozialistischen Staaten und den Geschehnissen im ebenfalls nach Unabhängigkeit strebenden Slowenien, als utopisch erachtet. Fortan war die Schaffung eines größtmöglichen serbischen Reiches das Ziel. Dazu MILOVAN DILAS, der nach anfänglicher Sympathie später einer der größten Gegner des kommunistischen Jugoslawiens sein sollte: "Als der Versuch Milosevics, ganz Jugoslawien zu erobern, fehlgeschlagen war, zog er die Theorie "Großserbien" aus dem Hut - wobei er offiziell immer von der Erhaltung Jugoslawiens sprach."
Nach brutalen, jahrelangen Auseinandersetzungen entschied die erfolgreiche kroatische Großoffensive ,,Operation Sturm‘‘ (Operacija Oluja) den Kroatienkrieg, welcher mit dem Abkommen von Erdut vom 12.XI.1995 offiziell für beendet erklärt wurde.
Dieses massive Blutvergießen wäre nicht nötig gewesen, wenn Staaten den ihnen inhärenten Hang zu sinnloser Aggression und ihr irrationales Prestigedenken ad acta legen, und kleineren Gruppen oder einzelnen Individuen das natürliche Bedürfnis zur Sezession zugestehen würden.

III. Kroatien post bellum
Nach dem Kroatienkrieg erfolgte in Kroatien eine Phase der Konsolidierung. Das jahrzehntelang vorherrschende sozialistische Unwirtschaftssystem wurde durch soziale Marktwirtschaft ersetzt, was dazu führte, dass Kroatien – ähnlich wie Slowenien – zu einem prosperierenden Land wurde, welches in Zukunft noch stärker prosperieren würde, wenn es die soziale Marktwirtschaft durch die freie Marktwirtschaft ersetzen würde. Erfreulich zu vernehmen ist, dass Kroatien immer noch kein EU-Mitgliedstaat ist, was aufgrund der historischen Erkenntnis aber logisch erscheint. Schließlich kämpften die Kroaten über Jahrzehnte hinweg für Autonomie und Sezession und gegen einen Zentralstaat. Wieso sollten sie nun diese hart erkämpften Errungenschaften mit einem EU-Beitritt über Bord werfen? Jugoslawien war den Kroaten zu zentralistisch. Die EU ist noch zentralistischer. Und: Zentralismus ist verkehrt:
Souveräne, zentralistische Nationalstaaten sind aufgrund ihrer Größe meist sehr intransparent. Diese Intransparenz animiert Korruption im negativen Sinne: Je intransparenter der Staatsapparat konstruiert ist, desto größer ist auf Seiten seiner Bediensteten der Hang zur Korruption im negativen Sinne. Die Gleichung ist simpel und logisch zugleich: Hat ein Staat zehn Einwohner, so wird sein Revisor mit äußerster Sorgfalt seine Aufgabe erfüllen müssen. Jeder Fehler wäre wohl, dank der großen Transparenz, sofort bemerkt. Ähnlich wäre es bei Staaten, die 1000 oder gar 10000 Einwohner zählen würden. Ganz anders schaut es da bei Staaten aus, die 10 oder gar 100 Millionen Einwohner zählen. Bei solchen Staatsapparaten geht fast jegliche Transparenz verloren, womit Korruption unauffällig wird.
Daher sollte sich Kroatien weniger an zentralistischen Konstrukten, wie der EU, orientieren, sondern vielmehr danach streben, noch mehr Sezession – und konsequenterweise: das Recht auf individuelle Sezession - im eigenen Land zuzulassen.

Kommentare:

  1. Die Sezedierenden (Kroaten) hätten allerdings auch den Serben ein Sezessionrecht anerkennen müssen.

    Dies ist jedoch nicht geschehen.
    Kroatien ist keineswegs ein Beispiel für einen gelungene Sezession. (genauso wenig wie das Kosovo)

    Außerdem sind die Mehrheit der Kroaten Etatisten wie auch der Rest der Balkan Bevölkerung.

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  2. Natürlich muss man jedem ein Sezessionsrecht anerkennen, wenn man konsequent ist.
    Aber wieso ist Kroatien kein Beispiel für eine gelungene Sezession? Rein formal gesehen ist die Sezession ja gelungen. Und den Kroaten geht es heute besser, als damals und wahrscheinlich auch besser, als wenn sie nicht sezessioniert hätten.
    Dass die Mehrheit der Bevölkerung aus Etatisten besteht, ist wohl unvermeidbar, sofern der Staat das Bildungsmonopol hat. Durch dieses werden die Menschen ja auch ordentlich manipuliert.

    Gruß

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  3. Der Punkt mit dem Bildungsmonopol ist wohl unbestritten. Leider kann ich als Serbe den kompletten Sezessionsprozess Kroatiens nicht vollends unterstützen.

    Weiterhin viel erfolg mit dem Blog, sehr gute Arbeit.

    Gruß !

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