Donnerstag, 13. Januar 2011

Misesianische Prophezeihungen über den Kolonialismus

von Tomasz M. Froelich
Der britische Historiker und Afrikanist BASIL DAVIDSON schrieb in seiner ,,Conclusion'' seines Buches ,,The Black Man’s Burden. Africa and the Curse of the Nation-State’’ folgendes:

,,[T]he vision of a different future embodied in their ideas and practice of participation in self-government and self-liberation was not therefore proved false. On the contrary, wherever it was able to evolve and spread its influence, this vision was shown neither to be wishful thinking nor impractival romanticism. For this there was the evidence of what had been attempted and achieved in colonial regions from which the colonial power had been sufficiently evicted – in ‘‘liberated zones‘‘, as they were usually called. Here it was sometimes possible, even while the wars continued, to watch the revival and practical operation of forms of local self-administration.'' (Davidson 1992/2000: 307)
Für Davidson, der dezidierter Gegner des Kolonialismus war, war die von den europäischen Kolonialisten ausgehende Fremdherrschaft in Afrika einer der Hauptgründe für die bis in die Gegenwart andauernde Misere auf dem afrikanischen Kontinent. Selbstbestimmung und Befreiung seien für afrikanische Staaten erstrebenswert und langfristig, bei einem schrittweisen Rückzug der Besatzungsländer, erfolgsversprechend.
Davidson schrieb dies 1992, also in einer Zeit, in der die Phase der Dekolonialisierung weitestgehend abgeschlossen war.
Umso interessanter erscheint deshalb ein Text, der von LUDWIG VON MISES (siehe Photo) – einem Austrian Economic – geschrieben wurde. Mises schrieb bereits 1927, also zu einer Zeit, in der Dekolonialisierung noch als Illusion erschien, im Stile eines großen Propheten das, was prominente Historiker und Afrikanisten, wie etwa Davidson, erst nach der Dekolonialisierung schreiben sollten. Mises, der Vorzeigeliberale im klassischen Sinne, wies zunächst einmal auf die Unvereinbarkeit zwischen Liberalismus und Kolonialismus hin:

,,Die Ideen und Absichten, die die Kolonialpolitik der europäischen Mächte seit dem Zeitalter der großen Entdeckungen geleitet haben, stehen im schroffsten Gegensatz zu allen Grundsätzen des Liberalismus. Der leitende Gesichtspunkt der Kolonialpolitik war die Ausnützung der Übermacht der weißen Rasse über die Angehörigen anderer Rassen. […] Wenn die europäische Zivilisation wirklich […] höher steht als die Zivilisation […] Afrikas […], so müßte sich doch wohl ihre Überlegenheit vor allem schon darin bewähren können, daß sie jene Völker freiwillig zu ihrer Annahme veranlaßt.'' (Mises 1927: 110)

Die Verbreitung der europäischen Zivilisation in Form aggressiver und expansiver ,,Feuer- und Schwert-Politik‘‘ bezeichnete Mises als ,,arges Armutszeugnis‘‘ (vgl. ibid.). Daher erschien der Kolonialismus als unhaltbar. Es galt ihn abzuschaffen.
Als simpelste Lösung dieses unhaltbaren Zustands erschien zu der Zeit der sofortige Abzug der Besatzungsmächte. Diesem wurde von Mises allerdings eine Absage erteilt, da eine solch radikale Lösung in den zurückgelassenen Gebieten zu beständigen Kämpfen der dortigen Ethnien und zu Chaos führen würde. Sinnvoller erschien da ein schrittweiser Abzug der vorherrschenden Besatzer, von dem auch Davidson schrieb. Daher müssten zunächst ,,[d]ie europäischen Beamten, Truppen und Polizisten […] in diesen Gebieten verbleiben, […] um dort jene rechtlichen und politischen Voraussetzungen aufrechtzuerhalten, die notwendig sind, um die Teilnahme am internationalen Warenaustausch zu sichern.‘‘ (ibid.: 113). Internationale Kooperation in einem freien Markt wurde als Basis für ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Funktionieren erachtet. Die damalige Kolonialpolitik sei davon weit entfernt gewesen. Die Kolonialstaaten hatten zu der Zeit handelspolitische Regime eingeführt, die ihren Mutterländern den Vorzug gegenüber den kolonialisierten Gebieten gaben. Von daher wurde für die Selbstverwaltung der kolonialisierten Gebiete plädiert:
,,Als Endziel muß die vollständige Befreiung der Kolonien von dem despotischen Regime, unter dem sie heute stehen, festgehalten werden.‘‘ (ibid.: 114). Mises, als Vertreter der Austrian Economics, also der kapitalistischen Denkschule schlechthin, führt somit die von Verschwörungstheoretikern häufig genannte Theorie, wonach der Kolonialismus dem Kapitalismus zu ,,verdanken‘‘ sei, vollkommen ad absurdum. Vielmehr besitze der Kapitalismus eine für die kolonialisierten Gesellschaften befreiende Kraft:

,,Die Eingeborenen sind durch das Eindringen des Kapitalismus selbständiger geworden, der kulturelle Abstand zwischen ihrer Oberschicht und den Offizieren und Beamten, die im Namen des Mutterlandes die Verwaltung besorgen, ist geschwunden, militärisch und politisch ist die Machtverteilung heute ganz anders als noch vor einem Menschenalter.'' (ibid.)

Mises sollte Recht behalten, denn schließlich kam es zur Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonialgebiete, auch wenn die Unabhängigkeitskämpfe viel Blut vergossen haben. Dies wäre wohl nie nötig gewesen, wenn die Staaten, die zu aggressiven und expansiven Kolonialmächten wurden, außenpolitische Enthaltsamkeit bewiesen und sich auf die grundlegenden Aufgaben eines Staates, nämlich auf den Schutz der Freiheit und des Selbsteigentums, konzentriert hätten.
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L I T E R A T U R

Davidson, Basil (1992/2000): The Black Man’s Burden. Africa and the Curse of the Nation-State. Ibadan; Abuja; Benin City; Kaduna; Lagos; Owerri: Spectrum Book Limited.

Mises, Ludwig von (1927): Liberalismus. Stuttgart; Jena: Gustav Fischer Verlag.

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