Freitag, 6. August 2010

Über den Streit um das Kreuz vor dem polnischen Präsidentenpalast - Wie die Vernunft den Emotionen geopfert wird

Kurz nach der Flugzeugkatastrophe bei Smolensk, bei der 96 Menschen ums Leben kamen - darunter Präsident Lech Kaczynski mit seiner Frau Maria, zahlreiche Regierungsmitglieder, Parlamentsabgeordnete, hochrangige Offiziere, Kirchenvertreter, führende Vertreter der Zentralbehörden und der Verbände der Opferangehörigen des Massakers von Katyn - stellte eine Gruppe von Pfadfindern ein hölzernes Kreuz vor den Präsidentenpalast, um auf diese Weise den Opfern der Flugzeugkatastrophe zu gedenken. Seit Wochen dominiert dieser Vorfall die polnische Medien- und Politiklandschaft. Obwohl sich die Pfadfinder, die Regierung und das Präsidentenkabinett bereits auf eine Umsiedlung des Kreuzes einigten, steht es immer noch vor dem Präsidentenpalast.

Der designierte Neu-Präsident Bronislaw Komorowski, der sich bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen gegen Jaroslaw Kaczynski - dem Bruder des verstorbenen Lech Kaczynski - äußerst knapp erst im zweiten Wahlgang per Stichwahl durchsetzen konnte, verlangte zunächst die sofortige Umsiedlung des Kreuzes in die wenige hundert Meter vom Präsidentenpalast entfernte Sankt Annen-Kathedrale. Er berief sich dabei auf die Trennung von Kirche und Staat. Dies war zu dem damaligen Zeitpunkt jedoch in keiner Weise sein Recht, da er erst heute offiziell zum Präsidenten ernannt wurde. Zuvor hatte einzig der kommissarische Staatspräsident Grzegorz Schetyna das Recht, eine solche Forderung zu stellen.