Montag, 23. August 2010

Torjubelverbote beim Fußball - der Gipfel des Absurden

von Tomasz M. Froelich
Der Gipfel des Absurden hat mittlerweile auch den Fußball erreicht. Zu sehen war das wieder am 1. Spieltag der deutschen Bundesliga beim Topspiel zwischen dem Hamburger SV und dem FC Schalke 04: Nach seinem herrlichen Führungstreffer rannte der Hamburger Ruud van Nistelrooy in Richtung Fanblock, um mit den Fans über seinen Treffer zu jubeln. Als ,,Belohnung'' gab es die gelbe Karte. Wieso? Weil die Schiedsrichterrichtlinien das so vorsehen! Und wieso sehen sie das so vor? Keine Ahnung!

Im Regelwerk des Deutschen Fußball Bundes (DFB) steht:

,,Von den Schiedsrichtern wird erwartet, dass sie in solchen Situationen präventiv auf die Spieler einwirken und bei der Beurteilung des Torjubels gesunden Menschenverstand walten lassen.''

Was unter dem ,,gesunden Menschenverstand'' zu verstehen ist, bleibt der Willkür des Referees überlassen. In Wirklichkeit sind sich jedoch alle Liebhaber des Fußballsports einig, dass diese seit dem Jahre 2004 geltenden Regeln unnötiger Humbuk und Aktionismus sind, die nicht vernünftig begründet werden können. Was ist schon dabei, wenn ein Spieler beim Torjubel kurzzeitig das Spielfeld verlässt und mit den Fans feiert? Die FIFA sagt hierzu nur, dass ein solcher Torjubel unnötig sei.

Auch das Ausziehen des Trikots ist dem Spieler während des Torjubels nicht gestattet. Wo andere für das Ausziehen von Klamotten bezahlt werden (z.B. auf der Reeperbahn, unweit eines Stadions), wird man auf dem Fußballplatz dafür bestraft. Auch dies will so recht niemand verstehen. Der Gipfel der Absurdität ist die Begründung dieser Regeln:

So stellt das Ausziehen des Trikots einen Verstoß gegen religiöse und kulturelle Anschauungen dar: "In islamischen Ländern ist das Ausziehen des Trikots eine Beleidigung dessen, der es ansehen muss", erläutert DFB-Schiedsrichter-Chef Volker Roth, beteuert aber zugleich: "Niemand hat etwas gegen Freude." Anscheinend doch - die ,,Beleidigten''!

Und so werden dem Fußballsport seine schönsten Dinge - Emotionen und Ekstase - von irgendwelchen Regelbureaukraten genommen, die ihre bloße Existenz nur durch hirnrissige Regeln und Reformen ,,legitimieren'' können.

Freitag, 6. August 2010

Über den Streit um das Kreuz vor dem polnischen Präsidentenpalast - Wie die Vernunft den Emotionen geopfert wird

Kurz nach der Flugzeugkatastrophe bei Smolensk, bei der 96 Menschen ums Leben kamen - darunter Präsident Lech Kaczynski mit seiner Frau Maria, zahlreiche Regierungsmitglieder, Parlamentsabgeordnete, hochrangige Offiziere, Kirchenvertreter, führende Vertreter der Zentralbehörden und der Verbände der Opferangehörigen des Massakers von Katyn - stellte eine Gruppe von Pfadfindern ein hölzernes Kreuz vor den Präsidentenpalast, um auf diese Weise den Opfern der Flugzeugkatastrophe zu gedenken. Seit Wochen dominiert dieser Vorfall die polnische Medien- und Politiklandschaft. Obwohl sich die Pfadfinder, die Regierung und das Präsidentenkabinett bereits auf eine Umsiedlung des Kreuzes einigten, steht es immer noch vor dem Präsidentenpalast.

Der designierte Neu-Präsident Bronislaw Komorowski, der sich bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen gegen Jaroslaw Kaczynski - dem Bruder des verstorbenen Lech Kaczynski - äußerst knapp erst im zweiten Wahlgang per Stichwahl durchsetzen konnte, verlangte zunächst die sofortige Umsiedlung des Kreuzes in die wenige hundert Meter vom Präsidentenpalast entfernte Sankt Annen-Kathedrale. Er berief sich dabei auf die Trennung von Kirche und Staat. Dies war zu dem damaligen Zeitpunkt jedoch in keiner Weise sein Recht, da er erst heute offiziell zum Präsidenten ernannt wurde. Zuvor hatte einzig der kommissarische Staatspräsident Grzegorz Schetyna das Recht, eine solche Forderung zu stellen.