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Dienstag, 26. Januar 2010

Libertäre Konjunkturtheorie in Anlehnung an Mises und Hayek - die Rolle der Banken

Der französische liberale Ökonom FREDERIC BASTIAT beschrieb in seinem pointierten Werk ,,Was man sieht und was man nicht sieht’’, was einen guten von einem schlechten Ökonomen unterscheidet. Dabei stellte er fest:
,,Im Bereich der Ökonomie ruft eine Handlung, eine Gewohnheit, eine Einrichtung, ein Gesetz nicht nur eine einzige Wirkung hervor sondern eine Reihe von Wirkungen. Von diesen Wirkungen ist nur die erste direkt, sie zeigt sich gleichzeitig mit ihrer Ursache, man sieht sie. Die anderen entwickeln sich erst nach und nach, man sieht sie nicht; glücklich wenn man sie vorhersieht.'' (Bastiat 1850)
Ein guter Ökonom ist folglich einer, der sich nicht nur auf die direkte, sondern auch auf die indirekte Wirkung, also die, die man nicht sieht, konzentriert. Somit agiert er freilich nach dem Prinzip der Langfristigkeit. Das Beachten der indirekten Wirkung ist indes enorm wichtig, ,,denn es ist fast immer so, dass die unmittelbare Folge günstig ist und die letztendlichen Folgen unheilvoll und umgekehrt.’’ (ibid.) Daraus resultiert, dass der schlechte Ökonom kurzlebige Optimierung anstrebt, aus der sich langfristig ein großes Übel entwickelt. Der gute Ökonom hingegen agiert umgekehrt – er riskiert ein kleines gegenwärtiges Übel, um daraufhin eine langfristige Optimierung zu erstreben.
Um das Prädikat ,,guter Ökonom’’ kämpften und kämpfen diverse Ökonomen von differenzierten Überzeugungen und Denkschulen. Der Kampf um dieses Prädikat lässt sich auch in der Debatte bezüglich der auftauchenden Konjunkturzyklen beobachten. Dabei sind u.a. JOHN MAYNARD KEYNES und FRIEDRICH AUGUST VON HAYEK bzw. dessen jahrelanger Mentor LUDWIG VON MISES als Hauptkontrahenten und Protagonisten ihrer Denkschulen auszumachen.
Da der nach seinem Protagonisten benannte Keynesianismus derzeit in Zeiten der Wirtschaftskrise eine Renaissance durchlebt und vielen geläufig ist, richtet sich der Focus des folgenden Textes auf die libertäre Konjunkturtheorie der Austrian Economics , die andere Kausalitäten für die derzeitig rezessive Konjunkturphase diagnostiziert, als dies bei der keynesianischen Theorie der Fall ist und zudem andere Methoden zur Krisenlösung offeriert. Dabei soll ein Blick auf das Bankensystem geworfen werden.
Im Sinne der Vollständigkeit soll hier im Folgenden nichtsdestotrotz in kurzer, aber präziser Manier dem Leser ein lapidarer Einblick in die keynesianische Perspektive gegönnt sein:
Keynesianern zufolge resultieren temporäre Ungleichgewichte auf den Märkten aus Unterkonsumtion (unzureichende Nachfrage nach Konsumgütern) oder Fehlinvestitionen. Logische Konsequenz dieser Marktungleichgewichte und Strukturkrisen sind Rezessionen. Solche Konjunkturschwankungen kann der Staat mit antizyklischer Wirtschaftspolitik abmildern. Dabei wird fehlende private Nachfrage staatlich generiert. Diese staatlichen Interventionen sollen durch Rücklagen oder gar deficit spending finanziert werden.
Somit wird dem Staat eine zentrale Rolle und Kontrolle zugesprochen, welche durch die Privatwirtschaft nicht erfüllt werden kann:
,,Die wichtigsten Agenda des Staates betreffen nicht die Tätigkeiten, die bereits von Privatpersonen geleistet werden, sondern jene Funktionen, die über den Wirkungskreis des Individuums hinausgehen, jene Entscheidungen, die niemand trifft, wenn der Staat sie nicht trifft. […] Viele der größten wirtschaftlichen Übel unserer Zeit entstehen aus Risiko, Unsicherheit und Unwissenheit. Teils dadurch, daß manche durch Glück oder Naturanlagen besonders begünstigte Individuen in der Lage sind, aus der Unsicherheit und Unwissenheit der anderen Kapital zu schlagen, teils weil das Geschäft schon aus diesem Grunde häufig ein Lotteriespiel ist, entstehen die großen Ungleichheiten im Besitz; die gleichen Faktoren verschulden auch die Arbeitslosigkeit, die Enttäuschung gerechtfertigter gesellschaftlicher Erwartungen und den Niedergang von Arbeitskraft und Produktion. Das Heilmittel gegen diese Übel liegt aber außerhalb des individuellen Tätigkeitsbereichs […]. Ich glaube, daß das Heilmittel zum Teil in der wohlüberlegten Kontrolle der Währungs- und Kreditfragen durch eine zentrale Einrichtung […] liegt.'' (Keynes 1985: 113f.)
Diese Kontrolle geht vom Staat und ihm nahestehenden Institutionen, wie etwa der Zentralbank, aus.
Keynes spricht von einem ,,Ende des Laissez-Faire’’, wodurch er heute, in Zeiten, in denen die Kritik an der ,,Deregulierung’’ lauter wird, vielerorts vergöttert wird.

Völlig konträr zur keynesianischen Perspektive verhalten sich die Geld- und Konjunkturtheorien der österreichischen Schule der Nationalökonomie, verkörpert durch Ökonomen wie etwa Ludwig von Mises oder Friedrich August von Hayek. Hierzu in vier Schritten eine systematische Erklärung der Konjunkturzyklen aus hayek’scher Perspektive:

I. Das Verhältnis zwischen dem Gleichgewichtszins und dem Geldzins:
Für die permanenten Konjunkturzyklen sind Hayek zufolge Abweichungen des Geldzinses vom
Gleichgewichtszins (auch: natürlicher Zins, Realzins) verantwortlich (vgl. Schlesinger 1914: 128). Der Gleichgewichtszins bildet sich auf natürliche Art: Angebot und Nachfrage stimmen überein. Im Bankwesen sind als Angebot die Ersparnisse der Bank und als Nachfrage die Kreditnachfrage der Bankklienten auszumachen. Beim Geldzins indes herrscht kein Gleichgewicht: Angebot und Nachfrage stimmen nicht überein, folglich weicht der Geldzinssatz vom Gleichgewichtzinssatz ab.

II. Das, was einer Bank unmöglich ist, ist möglich, wenn es mehrere Banken gibt:
Bestimmte Prozesse können durch eine Bank nicht realisiert werden, wohl aber bei Existenz mehrerer Banken (dazu mehr unter 3.).

III. Multiplikatoreffekt:
Anhand des Multiplikatoreffekts lassen sich Inflations- und Konjunkturschwankungsprozesse erklären. Dies soll im Folgenden geschehen:
Bank A erhält Neueinzahlungen in Höhe von z.B. 1€. Die Barreserve wird z.B. bei 10% angesetzt. Das heisst, dass 90% der Einlagen als Kredite weiter vergeben werden können. Diese Kredite gehen i.d.R. an Privatpersonen oder Unternehmen, die Konten bei anderen Banken haben, auf denen sie Gelder einzahlen, z.B. bei Bank B. Auf Bank B findet nun ein Transfer der von Bank A erteilten Kreditsummen statt. Um es plakativ darzustellen, nehmen wir an, dass von dem einen Euro, der als Einlage bei Bank A eingezahlt wurde, 90%, also: 90 Cent als Kreditsumme auf Konten der Bank B eingezahlt werden. Auch die Mindestbarreserve von Bank B wird bei 10% angesetzt. Auch hier werden nun wieder Kredite vergeben, die dann zum Beispiel auf Konten von Bank C landen.

,,Für die […] nächste] Bank ist daher der durch eine Darlehensgewährung entstandene und bei ihr eingezahlte Betrag (der, wie wir uns erinnern, 90% der […] [vorherigen] Einlage entspricht) genau so ein ursprüngliches, auf einem Barzugang beruhendes Guthaben des Kommittenten und sie wird ihn daher mit gleichem Recht wie jede andere Neueinlage als Grundlage neuer Kreditgewährung ansehen. […] [D]er gleiche Prozeß [wird] sich, solange nur Überweisungen von Bank zu Bank und keine Barabhebungen erfolgen, immer weiter fortsetzen.'' (Hayek 1976a: 89f.)
Es existiert quasi eine konvergierende Reihe, die wie folgt aussieht: 0,9 + 0,9² + 0,9³ +…= Grenzwert der konvergierenden Reihe, also Gesamtsumme der verteilten Kredite = 9:
,,Da die Summe dieser konvergenten unendlichen Reihe 9 beträgt, werden die Banken also äußersten Falles für einen ihnen von außen zufließenden Barbetrag das Neunfache an Depositen schaffen können’’ (ibid.: 90). Realistisch betrachtet wird dieser Anteil kleiner sein, hierbei geht es zunächst nur um die Theorie, doch
,,[s]olange aber überhaupt nur ein wesentlicher Teil (genau: mehr als die Hälfte) der von jeder Bank gewährten Kredite den Banken nicht in bar entzogen, sondern auf Kontokorrent belassen wird, solange werden auch als Folge jedes Bargeldzuwachses in kleinerem oder größerem Ausmaß zusätzliche Kredite geschaffen.'' (ibid.: 90f.)
Durch diesen Prozess wird Punkt II plausibel, nämlich ,,daß der Zuwachs der Depositen einer Bank nicht ihr selbst, sondern nur der Gesamtheit der Banken die Möglichkeit bietet, in einem größeren Umfang Kredite zu gewähren.'' (ibid.: 92) Diese Prozedur macht plausibel, wie es zu einer Erhöhung der Geldumlaufmenge kommt, in diesem Beispiel um den Faktor 9 (aus einem Euro werden folglich neun Euro).

IV. Banktechnische Routine:
Es sind nicht nur die Zentralbanken, die die Geldumlaufmenge – scheinbar durch steigendes Handelsvolumen bedingt – durch Gelddruckerei erhöhen, es sind auch die Bankiers. Pointiert resumiert Hayek:
,,Jede Weiterverleihung eines bei einer Bank im Kontokorrent deponierten Betrages, der trotzdem weiterhin zu Zahlungen auch seitens des Depositars verwendet werden kann, stellt im Grunde schon eine Erzeugung zusätzlicher Kaufkraft dar und nichts anderes als dieser einfache und unleugbare Sachverhalt liegt der manchen so mystisch scheinenden Fähigkeit der Banken, Kaufkraft zu schaffen, zugrunde.'' (ibid.: 94)
Der Bankier macht sich über Phänomene wie z.B. den vorhin beschriebenen Multiplikatoreffekt kaum Gedanken. Von primärer Priorität sind für ihn seine eigenen Bankgeschäfte. Dies soll am folgenden Beispiel illustriert werden:
Ein Bankier der Bank A diagnostiziert für seine Bank keine neuen Ersparnisse. Eines Tages kommt es plötzlich zu einer steigenden Kreditnachfrage bei Bank A: ein kreativer Geist wirbt mit mehr oder weniger genialen Investitionsideen um einen hohen Kredit. Weshalb sich ausgerechnet bei Bank A diese steigende Kreditnachfrage ergibt ist schnell erklärt: Bei Bank A macht ,,sich die vermehrte Kreditnachfrage zuerst geltend […], weil sie jene Industrien zu Kunden hat, bei denen sich die günstigere Wirtschaftslage am frühesten erkennbar macht[…].’’ (ibid.: 97) Es erfolgt quasi eine Initialzündung – Bank A ist zu einer Reaktion gezwungen. Der Bankier hat zwar keine neuen Ersparnisse, sieht in dem Geschäft jedoch eine Chance und möchte den Kredit erteilen. Nach marktwirtschaftlichen Prinzipien müsste Bank A aufgrund steigender Nachfrage den Geldzinssatz erhöhen, tut dies jedoch nicht, da sonst die Gefahr besteht, dass der potentielle Kreditnehmer zu einer anderen Bank, z.B. Bank B, wechselt. Somit erhöht Bank A aufgrund des Konkurrenzdrucks der anderen Banken den Geldzinssatz nicht, um den Klienten Klient sein zu lassen. Folglich bleibt der Geldzinssatz der Bank A konstant, was einen Verstoß gegen wirtschaftliche Grundprinzipien darstellt. Dazu Hayek:
,,Vor allem aber kann die Bank, bei der sich die stärkeren Kreditansprüche zuerst geltend machen, schon aus Konkurrenzgründen nicht mit einer Hinaufsetzung des Zinsfußes antworten, weil sie damit vielleicht gerade ihre besten Kunden an die anderen, noch nicht vermehrten Ansprüchen gegenüberstehenden Banken verlieren würde. Es ist also wohl nicht daran zu zweifeln, daß die erste Bank oder die ersten Banken, an die sich die neuen Kreditansprüche richten, sich genötigt sehen werden, diese auch auf Kosten einer Verminderung ihrer Liquidität zu befriedigen.'' (ibid.: 99)
Dieses scheinbar lukrative Geschäft ist für den Bankier also mit einem enormen Risiko verbunden, da er darauf hoffen muss, dass sich die Investitionen des Kreditnehmers rentieren, sodass dieser irgendwann seinen Kredit zurückzahlen kann. Bank A senkt für dieses riskante Geschäft ihr Liquiditätssaldo (Verhältnis von Kundeneinlagen zu Kundenkrediten).
Ein solches Geschäft weitet sich kettenreaktionsartig auf alle Banken aus (wie bereits oben erwähnt):
,,Hat […] eine Bank oder eine Gruppe von Banken einmal mit der Expansion begonnen, so erfahren alle anderen Banken in der schon geschilderten Weise einen Bargeldzufluß, der ihnen zuerst einmal die Möglichkeit gibt, ihrerseits die Kreditgewährung zu steigern, ohne dadurch ihre Liquidität herabzusetzen. […] Ist aber einmal der Ausdehnungsprozess ein allgemeiner geworden, so werden die Banken bald eine Beobachtung machen, die sie instand setzt, für eine Zeitlang ihre Liquiditätsprinzipien noch einmal nach unten zu revidieren. […] Eine Bank, die nicht Schritt hält, sondern hinter dem allgemeinen Expansionstempo zurückbleibt, wird so lange durch Bargeldzuflüsse zur Nachahmung des Beispieles der anderen angespornt werden, bis auch sie den neuen Liquiditätsstandard annimmt. Solange dieser Expansionsprozess vor sich geht, ist es für eine einzelne Bank so gut wie ausgeschlossen, für sich allein das einzige Mittel anzuwenden, durch das sie auf die Dauer mit Erfolg die Kreditansprüche einschränken könnte, nämlich eine Erhöhung ihrer Zinsforderungen.'' (ibid.: 99f.)
Varianzen bezüglich der Liquidität von Banken und weitere Aspekte, die zu Konjunkturzyklen führen sind in der derzeitigen Kreditorganisation systemimmanent.
Wird die Liquidität durch Prozesse wie das beispielhaft genannte immer geringer, droht für die Bank ein Liquiditätsrisiko. Kredite könnten platzen, Banken könnten nicht mehr reagieren, das Geschäft wird zum Fiasko.
Das Hauptproblem besteht darin, dass die Notenbanken in der Regel dazu tendieren, den Geldzins unter den natürlichen Zins herabzusenken. (vgl. Mises 1996: 570) Somit werden potentiellen Kreditnehmern günstige Kredite zur Disposition gestellt, um dadurch die Konjunktur zu stimulieren. Sind Kredite immer leichter zu haben und folglich die Kreditmenge hoch, führt dies zunächst zu einer ökonomischen Boomphase - Kredite animieren prinzipiell die Investitionstätigkeit. Es wird in der Folge mehr konsumiert, die Barreserven nehmen ab, die Kreditmenge wird folglich ausgeweitet, dabei sinkt die Liquidität rapide, da der Geldzins weiterhin aus bereits genannten Gründen unterhalb des Gleichgewichtszinses liegt – es entsteht ein Ungleichgewicht, das andauert, solange die Umlaufmittel weiterhin erhöht werden.
,,Durch [ihr] […] Vorgehen heben sie [die Bankiers, Anm.: T.M.F.] […] den automatischen Anpassungsmechanismus auf, der das Gleichgewicht der einzelnen Teile der Wirtschaft erhält, und machen disproportionale Entwicklungen möglich, die sich früher oder später rächen müssen.'' (Hayek 1976a: 102)
Auch Ludwig von Mises, einst Mentor von Hayek, sieht darin den Versuch einer künstlichen Konjunkturbelebung und die Gefahr, dass die neu geschaffenen Kredite in Branchen fließen, die eigentlich unrentabel sind. Früher oder später wird durch diesen Prozess das Wirtschaftssystem zusammenbrechen:
,,Das Ergebnis solcher Kreditexpansion entspricht nun wohl zunächst den Erwartungen; das Geschäft wird belebt, es kommt zum Aufschwung. Doch die von der Krediterweiterung ausgehende anregende Wirkung kann nicht ewig währen; die Konjunktur, die so geschaffen wurde, muß früher oder später zusammenbrechen.''(Mises 1931: 12)
Durch die 1929 einsetzende ,,Great Depression’’ sah sich Mises in seinen Ansichten bestätigt – seine Prognose trat in der Tat ein.
Die permanenten Veränderungen der Geldmenge, die ,,immer eine ,,Fälschung’’ der Preisbildung und damit eine Fehlleitung der Produktion bedingen müssen’’ (Hayek 1976: 76), sind letztlich für die Konjunkturzyklen verantwortlich.
Logische Konsequenz ist eine Inflation als zeitverzögerte Reaktion der Realwirtschaft auf das Nicht-Herabsenken des Geldzinses durch die Bankiers. Diese Prozedur bricht jedoch irgendwann ab, da die Liquidität der Banken permanent abnimmt, bis sie einen Tiefpunkt erreicht, der die Bankiers dazu motiviert, die Ausweitung der Kredite einzustellen – der variable Geldzinssatz wird erhöht. Es erfolgt ein Dilemma: Unternehmen, die erst durch die Kreditausweitung entstanden, de facto aber unrentabel sind, werden zahlungsunfähig: sie können weder ihre alten Kredite zurückzahlen, noch aufgrund geringer Bonität neue Kredite aufnehmen. Sie gehen Pleite und verschwinden vom Markt. Es erfolgt eine Kettenreaktion, von der sowohl weitere Unternehmen, als auch weitere Banken betroffen sind. Bei strenger Befolgung wirtschaftlicher Prinzipien wäre es jedoch nie zu einem solchen Szenario, erfolgt durch expansive Kreditausgabe, gekommen. Doch der Multiplikatoreffekt, initiiert durch das Agieren der Bankiers - das Senken der Liquidität und das Ignorieren wirtschaftlicher Prinzipien (nur so viel Kredit zur Disposition zu stellen, wie in der Reserve vorhanden ist) – bewirkt das Gegenteil: ,,Der Schlüssel zu diesem Problem kann allein darin liegen, daß das von den Banken eingehaltene Verhältnis ihrer Bardeckung zu den Depositen keine konstante Größe darstellt, sondern […] veränderlich ist.’’
(ibid.: 97) Subsumierend bleibt also festzuhalten:
,,Die entscheidende Ursache der Konjunkturschwankungen ist […], daß infolge der Veränderlichkeit der Umlaufmittelmenge der Zins, den die Banken fordern, nicht notwendig immer gleich dem Gleichgewichtszins ist, sondern in der Bewegung über kurze Fristen tatsächlich von den Liquiditätserwägungen der Banken bestimmt wird'' (ibid.: 103).
Dies motiviert Mises zu einem Plädoyer gegen die Kreditschöpfungspolitik der Banken. Der Geldzins sollte durch den Marktmechanismus reguliert werden. Nur so lassen sich Krisen verhindern:
,,Das Auftreten der periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen ist die notwendige Folge der immer wieder erneuten Versuche, durch Mittel der Bankpolitik den natürlichen Zinsfuß des Marktes herabzudrücken. Sie werden nicht eher verschwinden, bis man nicht gelernt haben wird, auf alle derartige Ankurbelung zu verzichten, weil doch die künstlich angeregte Hausse unabwendbar zur Krise und zur Depression führen muß.'' (Mises 1931: 14)
Nun bleibt in Zeiten der Rezession das Geldvolumen im Vergleich zu der Zeit vor dem Boom erhöht, lediglich gezielte Eingriffe der Zentralbank könnten das Geldvolumen reduzieren, doch summa summarum bleibt das Geldvolumen höher als zuvor: Das Geldvolumen steigt prinzipiell durch expansive Kreditvergabe, geht dann in Zeiten der Rezession eventuell leicht zurück, um dann durch weitere expansive Kreditvergaben noch stärker zu steigen. Es handelt sich hierbei um ein Wechselspiel der banktechnischen Routine und des Multiplikatoreffekts. Dieses Wechselspiel ist systemimmanent und damit auch jegliche Konjunkturzyklen.

Das einzige Mittel gegen Konjunkturzyklen ist die Unveränderbarkeit der Bankkreditmenge. (vgl. Hawtrey 1926: 121) Dieses Mittel erscheint Hayek jedoch utopisch:
,,Diese Forderung scheint uns jedoch eine reine Utopie, die nicht viel weniger als eine völlige Beseitigung der Banken zur Voraussetzung hätte, da zu ihrer Durchführung zumindest die bankmäßigen Zahlungsmittel, Banknote und Scheck, völlig verschwinden müßten und die Banken dadurch sozusagen auf die Tätigkeit eines Maklers beschränkt würden, der den börsenmäßigen Verkehr in Ersparnissen vermittelt.'' (Hayek 1976a: 112)
Hayek hält diese Forderungen nicht nur für utopisch, sondern auch für wenig wünschenswert. Kredite seien notwendig, da sie oft ein Garant für technologischen, wissenschaftlichen oder sonstigen Fortschritt sind. Innovative Investitionsideen sind essentiell! Um aber Horrorszenarien zu vermeiden erscheint frühzeitige Abbremsung von Kreditexpansionen als adäquat. Damit würde man zwar keine Konjunkturschwankungen, die in der derzeitigen Kreditorganisation systemimmanent sind, abschaffen, aber zumindest deradikalisieren.
In seinen späteren Werken konstruierte Hayek ein revolutionäres Modell für ein freies Bankensystem. Demzufolge gilt es ein staatliches Sicherheitsnetz für Banken abzuschaffen, ebenso wie das staatliche Währungsmonopol. Banken sollten folglich in einem freien Wettbewerb agieren und konkurrieren und die Möglichkeit haben, eigene Währungen anzubieten. Konsequenz einer solchen Konstellation wäre ein vorsichtigeres Agieren der Banken, da ,,Vater Staat’’ im Notfall ,,seine Söhne’’ nicht mehr subventionieren würde, da Subventionen unsinnig sind. Dazu Mises in Anlehung an Bastiat: ,,Das vernünftige handeln unterscheidet sich vom unvernünftigen handeln dadurch, daß es vorläufige Opfer bringt; diese vorläufigen Opfer sind nur Scheinopfer, da sie durch den Erfolg, der später eintritt, aufgewogen werden.’’ (Mises 2006: 8) Damit wird aus Sicht der Austrian Economics Konjunkturpaketen grundsätzlich eine Absage erteilt, da sie Mises’ Definition zufolge einen Akt der Unvernunft darstellen. Langfristig würden sich die besten Banken in einem freien Bankensystem etablieren. Ein solcher Wettbewerb der Banken würde nicht nur zeigen, ,,wie die Dinge besser gemacht werden können, sondern alle […] zwing[en], […] die Verbesserungen nachzuahmen.’’ (Hayek 1968: 131) Damit hätte der freie Markt und die Privatisierung der Banken produktive Konsequenzen. Die Zentralbanken gilt es abzuschaffen, da es ihnen (aus politischen Gründen) nicht gelingen kann den Geldwert auf stabilem Niveau zu halten, um Krisen zu vermeiden. (vgl. Hayek 1976b; 1976c)
Rezipiert wurden und werden diese Ansätze im anarchokapitalistischen und libertären Milieu. (vgl.Rothbard 2000; Paul 2009)
Bedenkt man, dass die Austrian Economics mit ihren Konjunkturtheorien bereits die Große Depression voraussagen konnten, erscheint ihr konjunkturtheoretischer Ansatz auch in der heutigen Zeit plausibel. Die oft propagierten und noch öfter durchgeführten Konjunkturprogramme könnten langfristig eine ungeahnt negative Entwicklung auf die Wirtschaft mit sich ziehen.
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L I T E R A T U R

Bastiat, Frederic (1850): Was man sieht und was man nicht sieht. URL: http://bastiat.de/index2.html [Zugriff: 22/I/2010].

Hawtrey, Ralph George (1926): Monetary Reconstruction. London, New York: Longmans, Green.

Hayek, Friedrich August von (1968): Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren. In: Internationales Institut ,,Österreichische Schule der Nationalökonomie'' (Hrsg.): Die Österreichische Schule der Nationalökonomie. Texte - Band II von Hayek bis White. Wien: Manz'sche Verlags- und Universitätsbuchhandlung, 119-137.

Hayek, Friedrich August von (1976a): Geldtheorie und Konjunkturtheorie. Salzburg: Wolfgang Neugebauer.

Hayek, Friedrich August von (1976b): Choice in Currency. A Way to stop Inflation. London: The Institute of Economic Affairs.

Hayek, Friedrich August von (1976c): Denationalisation of Money. London: The Institute of Economic Affairs.

Keynes, John Maynard (1985): Das Ende des Laissez-Faire. Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft. In: Mattfeldt, Harald: Keynes. Kommentierte Werkauswahl. Hamburg: VSA-Verlag, S. 96-116.

Mises, Ludwig von (1931): Die Ursachen der Wirtschaftskrise. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).

Mises, Ludwig von (1996): Human Action. A Treatise On Economics. San Francisco: Fox & Wilkes.

Mises, Ludwig von (2006): Liberalismus. Sankt Augustin: Academia Verlag.

Paul, Ron (2009): End the Fed. New York: Grand Central Publishing.

Rothbard, Murray (2000): Das Schein-Geld-System. Gräfelfing: Resch-Verlag.

Schlesinger, Karl (1914): Theorie der Geld- und Kreditwirtschaft. München, Leipzig: Duncker & Humblot.

Sonntag, 10. Januar 2010

Die Dichotomie der kommunistischen Theorie und Praxis kurz und präzise aufgezeigt

So in etwa lässt sich der praktische Kommunismus beschreiben:
Ein Mann hat einen Papagei. Der ruft immerzu: "Ich bin Kommunist." Eines Tages beschließt der Mann, in den Urlaub zu fahren, kann aber den Papagei nicht mitnehmen. Er steckt ihn kurzerhand in den Eisschrank. Nach drei Wochen kommt er von seinem Urlaub zurück und taut den Papagei wieder auf. Dieser sagt aber kein Wort. So sagt der Mann ihm vor: "Ich bin ein Kommunist." Der Papagei: "Ich nicht mehr. Drei Wochen Sibirien waren genug."
Die Historie lehrt uns, dass beim Kommunismus Theorie und Praxis weit auseinanderklaffen. Diese Dichotomie gipfelte in den Verbrechen Stalins, aber auch in jenen von Mao Tsetung, Pol Pot und vielen anderen Kommunisten. Daher sollte man vor allem bei degenerierten Studenten auftauchende Sympathien für den Kommunismus kritisch sehen.

Freitag, 8. Januar 2010

Friedrich August von Hayek - Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren

I. Wettbewerb
Friedrich August von Hayek beschreibt und erklärt in seinem Werk ,,Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren'' die Vorzüge des Wettbewerbs.
von Hayek definiert den Wettbewerb als Methode zur Entdeckung von Tatsachen, ,,die ohne sein Bestehen entweder unbekannt bleiben oder doch zumindest nicht genutzt werden würden.'' (von Hayek 1968: 119) Der Wettbewerb ermöglicht es Umstände und die Handlungsweisen der ökonomisch agierenden Akteure zu bestimmen, die man nicht kennt, ähnlich wie z.B. bei einem Sportwettbewerb: erst die direkte Konfrontation der Akteure liefert Erkenntnisse über das letztliche Resultat. Dennoch obliegen dem wirtschaftlichen Wettbewerb die Erkenntnisse, die jener liefert, oft variierenden Umständen, wohingegen die Erkenntnisse z.B. von erfolgreichen naturwissenschaftlichen Verfahren konstante, allgemeine Tatsachen liefern. Daraus resultiert, dass die Leistungen des wirtschaftlichen Wettbewerbs de facto empirisch nicht messbar sind. Das Wissen, dass der Wettbewerb liefert, ,,besteht [...] in hohem Maße in der Fähigkeit, besondere Umstände aufzufinden, eine Fähigkeit, die die einzelnen nur wirksam nutzen können, wenn ihnen der Markt sagt, welche Art von Gegenständen und Leistungen verlangt werden und wie dringlich.'' (ibid.: 124)

II. Mikrotheorie versus Makrotheorie
Methodologisch kritisch ist gegenwärtig die Tendenz zu beobachten, wonach sich Ökonomen zunehmend von der Mikrotheorie ab- und zur Makrotheorie zuwenden, obwohl die Mikrotheorie wesentlich wissenschaftlicher ist, da