Sonntag, 19. Dezember 2010

Gewerkschaften im Visier - eine kritische Analyse des Gewerkschaftswesens

von Tomasz M. Froelich
I. Einleitung
1848, am Vorabend der bürgerlichen Revolution in Deutschland, forderten KARL MARX und sein Glaubensgenosse FRIEDRICH ENGELS (siehe Bild) in ihrem ,,Manifest der Kommunistischen Partei'' großbuchstäblich:
,,PROLETARIER ALLER LÄNDER VEREINIGT EUCH!'' (Marx; Engels 1848/2009: 56)
Diese Forderung resultierte seinerzeit aus den miserablen Arbeits- und Lebensverhältnissen der Proletarier aus den Hochburgen der Industrie, wie etwa der englischen Stadt Manchester. Das ,,Manifest der Kommunistischen Partei'' fand im Proletariat große Beachtung, sodass auch der oben genannte Aufruf von Marx und Engels nicht unberücksichtigt blieb. Schon bald bildeten sich proletarische Interessensverbände, wie etwa Parteien oder auch Gewerkschaften, die bis in die Gegenwart fortbestehen. Das ,,Manifest der Kommunistischen Partei'' wurde zur ,,Bibel'' der Arbeiterbewegung. Klassische Forderungen der Gewerkschaften waren schon damals – scheinbar im Interesse der Arbeiter - höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Mitbestimmungsrechte am Arbeitsplatz und Arbeitszeitverkürzungen, also Forderungen, die den Interessen der Arbeitgeber diametral widersprachen. Auch zuvor erkannte ein weiterer prominenter Denker, der freilich aus einem anderen Milieu als Marx und Engels stammt, einen Interessenskonflikt auf dem Arbeitsmarkt. Im 18. Jahrhundert schrieb ADAM SMITH:
,,Die Arbeiter wollen soviel als möglich erhalten, die Meister sowenig als möglich geben‘‘ (Smith 1776/2006: 88).

Dies führte folgerichtig zu Konflikten, deren Ausgang stets offen war. Entweder einigten sich die betroffenen Parteien auf friedlichem Wege, oder es kam zu Streiks und Boykotts der sich benachteiligt fühlenden Partei, welche traditionellerweise zumeist die Arbeiter bildeten. Streiks und Boykott galten als letzte Mittel zur Interessensdurchsetzung. Prominente Denker, Ideologen und die sie nachahmenden, führenden Gewerkschafter riefen in solch kritischen Konstellationen offen und mit voller Pathos zum Klassenkampf auf.
Erwähnenswert ist hierbei die immer noch aktuelle, österreichische Spielart der Konfliktlösung auf dem Arbeitsmarkt, nämlich die Sozialpartnerschaft, die sich in den 1960er Jahren etablierte, bei der Interessensverbände der Arbeitnehmer und Arbeitgeber in einem kooperativen Verhältnis zueinander stehen, mit der Intention, Interessensgegensätze und Konflikte konsenspolitisch zu lösen bzw. einzudämmen und Klassenkämpfe weitestgehend zu verhindern. Dieser Mechanismus ,,ist durch Kooperation, Konzertierung […] und Interessenakkordierung zwischen den genannten Akteuren gekennzeichnet.’’ (Tálos 2006: 425) Trotz des scheinbar kooperativen Verhältnisses zwischen den jeweiligen Interessensgruppen in Österreich, wird auch hier der Klassenkampf teilweise real geführt. Die folgende Arbeit fokussiert sich auf die Gewerkschaften und vergleicht deren Argumente mit den Argumenten ihrer Kritiker, die zumeist aus den Federn freihandelsorientierter Denker stammen. Gewollt sind dabei die Gegensätze zwischen der traditionellen marxistischen Sichtweise, wie sie etwa im ,,Manifest der Kommunistischen Partei‘‘ vorzufinden ist, auf der einen, und der radikal freimarktwirtschaftlichen Perspektive, wie sie etwa bei der Österreichischen Schule der Ökonomie und in abgemildeter Version bei der Chicagoer Schule zu finden ist, auf der anderen Seite.
Es soll die Forschungsfrage erörtert werden, ob Gewerkschaften wirklich im Interesse der Arbeitnehmer agieren.

II. Klassenkampf früher

Sicherlich muss man bei der Analyse der Gewerkschaften differenziert vorgehen. So stellten Gewerkschaften und andere proletarische Interessensverbände im 19. Jahrhundert wesentlich radikalere Forderungen als deren Nachkommen im 21. Jahrhundert. Kaum eine Gewerkschaft wird heute die totale Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln propagieren. Im 19. Jahrhundert war das noch deren Hauptpostulat. Und auch die ,,Bildung des Proletariats zur Klasse, Sturz der Bourgeoisieherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat'' (Marx; Engels 1848/2009: 34) durch einen ,,gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie'' (ibid.: 32) wird mit einem solchen Vokabular heutzutage kaum eine Gewerkschaft fordern, da sie so wahrscheinlich jegliche, von einem Großteil der Menschen legitimierte Existenzberechtigung und damit einen nicht unerheblichen Wirkungsgrad verlieren würde.
Nichtsdestotrotz ähneln sich die Gewerkschaften von gestern mit denen von heute in ihrem Grundtenor. Von großer Bedeutung für das Verständnis der Klassenkampftheorie ist dabei das marxistische Gesellschafts- und Geschichtsbild. Marx und Engels schreiben:

,,Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. […] Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen […] Kampf, der jedes mal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen. (ibid.: 19f.)''

Die Gesellschaft ist Marx und Engels zufolge also durch alle Epochen der Geschichte hinweg von Klassenkämpfen geprägt, die hin und wieder zu gesamtgesellschaftlichen Umgestaltungen in Form von Revolutionen führen. Für ihre Zeit diagnostizierten Marx und Engels die zunehmende Spaltung von ,,zwei große[n] feindliche[n] Lager[n], […] zwei große[n], einander direkt gegenüberstehende[n] Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.‘‘ (ibid.: 20) Der zunehmende Zorn des Proletariats resultiert aus der von der Bourgeoisie ausgehenden Entmenschlichung menschlicher Arbeit und der fortschreitenden Ausbeutung der Arbeiter. So hat die Bourgeoisie

,,die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.'' (ibid.: 22)

Somit wird die Handelsfreiheit als Widerspruch und nicht als ergänzendes Element zu anderen Freiheiten gesehen, was bedeuten würde, dass Marx und Engels der absoluten Freiheit eine Absage erteilen. Der weitere Vorwurf an die Bourgeoisie lautet, dass sie das Selbsteigentum an den Produktionsmitteln zunehmend zentralisiere, was eine politische Zentralisation zur Folge hat. Verschiedene Interessen werden in einem Klasseninteresse lukriert, dem Klasseninteresse der Bourgeoisie, wohlgemerkt. Die Interessen des Proletariats würden hingegen ignoriert.
In dieser scheinbaren Vormachtstellung, die sich die Bourgeoisie geschaffen hat, sehen Marx und Engels ihren langfristigen Untergang: ,,[D]ie Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier.‘‘ (ibid.: 26) Dieser Prozess wird wie folgt erklärt:

,,[M]it der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie mehr. Die Interessen, die Lebenslagen innerhalb des Proletariats gleichen sich immer mehr aus, indem die Maschinerie mehr und mehr die Unterschiede der Arbeit verwischt und den Lohn fast überall auf ein gleich niedriges Niveau herabdrückt. […] Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen gegen die Bourgeois zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres Arbeitslohns.'' (ibid.: 29)

Der schleichende Prozess der Industrialisierung wird somit seinen scheinbaren Profiteuren zum Verhängnis: Das Proletariat wird immer größer und stärker – es formiert sich zu Gewerkschaften und anderen Interessensverbänden, die infolge des Klassenkampfes eines Tages durch einen gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie die Herrschaft erlangen. Kurzum – die Herrschaft des Proletariats erfolgt in drei Schritten: Zunächst bildet sich das Proletariat zu einer Klasse, anschließend stürzt es die Herrschaft der Bourgeoisie, um anschließend die Herrschaft an sich zu binden.
Hat das Proletariat den Thron der Macht bestiegen, gilt es in nächster Instanz das bürgerliche Eigentum abzuschaffen. An die Stelle des bürgerlichen (Privat-)Eigentums kommt das gemeinschaftliche Eigentum:

,,Schafft aber die Lohnarbeit, die Arbeit des Proletariers ihm Eigentum? Keineswegs. Sie schafft das Kapital, d.h. das Eigentum, welches die Lohnarbeit ausbeutet, welches sich nur unter der Bedingung vermehren kann, daß es neue Lohnarbeit erzeugt, um sie von neuem auszubeuten. […] Das Kapital ist ein gemeinschaftliches Produkt und kann nur durch eine gemeinsame Tätigkeit vieler Mitglieder, ja in letzter Instanz nur durch die gemeinsame Tätigkeit aller Mitglieder der Gesellschaft in Bewegung gesetzt werden.
Das Kapital ist also keine persönliche, es ist eine gesellschaftliche Macht.
Wenn also das Kapital in gemeinschaftliches, allen Mitgliedern der Gesellschaft angehöriges Eigentum verwandelt wird, so verwandelt sich nicht persönliches Eigentum in gesellschaftliches. Nur der gesellschaftliche Charakter des Eigentums verwandelt sich. Er verliert seinen Klassencharakter.'' (ibid.: 35)

III. Klassenkampf heute
Mit nicht ganz so revolutionärem Pathos agieren und agitieren die Gewerkschaften der Gegenwart. In Österreich umfasst der Österreichische Gewerkschaftsbund – kurz: ÖGB – sieben große Teilgewerkschaften, die größtenteils von sozialdemokratischen Vertretern dominiert sind. In den Statuten des ÖGB werden Forderungen um
- günstige Arbeits-, Einkommens- und Sozialbedingungen für Arbeitnehmer,
- gesetzlich geregelte Mindestlöhne und Kollektivverträge für Arbeitnehmer,
- Mitsprache- und Mitbestimmungsrechte für Arbeitnehmer und
- Arbeitnehmerschutz, wie etwa Kündigungsschutz
laut. All dies soll der Verbesserung der Lage der Arbeitnehmer dienen. (vgl. ÖGB 2009: 12f.)
Wird diesen Forderungen auf Arbeitgeberseite nicht entsprochen, so rufen die Gewerkschaften zu Protesten, Streiks und Boykotts auf. Der ÖGB bezeichnet solche Aktionen kriegerisch als ,,gewerkschaftliche Kämpfe‘‘ (ibid.: 13). Und in der Tat finden diese ,,gewerkschaftlichen Kämpfe‘‘ ein weites Echo, man denke nur an die organisierten Proteste der Opel-Mitarbeiter infolge ihrer bevorstehenden Entlassungen aus dem Opel-Werk im deutschen Rüsselsheim oder die permanente Präsenz von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) oder des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in den Medien.

IV. Gewerkschaften in der freien Marktwirtschaft
Im Folgenden widmen wir uns der freimarktwirtschaftlichen Perspektive. Nachdem uns die marxistische Perspektive gelehrt hat, wie wichtig die Vereinigung der Proletarier, etwa in Gewerkschaften, ist, widmen wir uns nun einer Kritik der gewerkschaftlichen Postulate, welche wir aus einer freimarktwirtschaftlichen Perspektive betrachten. Dabei fokussieren wir uns auf die häufig verwendeten Postulate ,,Mindestlohn‘‘, ,,Kündigungsschutz‘‘, ,,Gemeineigentum‘‘ und vergleichen Gewerkschaften in einer freien Marktwirtschaft mit Gewerkschaften, die staatliche Privilegien in einer etatistischen, interventionistischen Wirtschaft geniessen.

IV.I Mindestlöhne
Bezüglich der von vielen Gewerkschaften geforderten, juristisch festzusetzenden Mindestlöhne oder Lohnerhöhungen ist zu sagen, dass solche Festsetzungen, die jeglicher ökonomischen Logik und Marktbestimmung widersprechen, völlig willkürlich und kontraproduktiv sind.
Dazu LUDWIG VON MISES:

,,Nur weil jeder Arbeiter seine Kräfte aufs höchste anspannen muß, weil sein Lohn durch das Ergebnis seiner Arbeit bestimmt wird, und jeder Unternehmer bestrebt sein muß, billiger, d.h. mit einem geringeren Aufwand von Kapital und Arbeit, zu erzeugen als die Konkurrenten, hat die kapitalistische Wirtschaft jene Reichtümer hervorbringen können, die ihr zu Gebote stehen. ''(Mises 1927: 58)

Der Arbeitslohn wird also durch die erbrachte Leistung des Arbeiters bestimmt. Somit steigt bei einem jeden Arbeiter die Motivation, sowohl quantitativ, als auch qualitativ optimal zu arbeiten. Diese Motivation würde schnell wegfallen, wenn der Staat Mindestlöhne festsetzen würde, da sich der Lohn für die Arbeit nicht mehr nach den Gesetzen der selbstregulierenden freien Marktwirtschaft, sondern nach den Gesetzen staatlicher und gewerkschaftlicher Willkür orientieren würde. Dies wäre ein herber Einschnitt für den weiteren ökonomischen Fortschritt. Der Antrieb zur Arbeit, der für die freie Marktwirtschaft so charakteristisch ist und höchste Arbeitsleistungen generiert, würde völlig wegfallen, was drakonische Konsequenzen für die weitere Produktion und Produktivität hätte, die nämlich in der Folge rapide sinken würde und mit ihr auch der Lebensstandard, da gilt: Je höher die Produktivität, desto höher der Lebensstandard. Mises fasst zusammen, wie in einer freien Marktwirtschaft der Arbeitslohn ermittelt wird und weist dabei auf einen logischen Mechanismus hin:

,,Wird das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter nicht durch Maßregeln der Gesetzgebung oder durch Gewaltmaßnahmen der Gewerkschaften beeinflußt, dann ist der Lohn, der für jede Art von Arbeit vom Unternehmer entrichtet wird, gerade so hoch wie der Wertzuwachs, den die toten Materialien durch diese Arbeit erfahren. Der Lohn kann nicht höher stehen, weil sonst der Unternehmer seine Rechnung nicht mehr findet und daher genötigt wäre, die Produktion, die nicht lohnt, einzustellen. Er kann aber ebensowenig tiefer stehen, weil die Arbeiter sich dann anderen Geschäftszweigen zuwenden würden, in denen sie besser entlohnt werden, so daß der Unternehmer die Produktion aus Arbeitermangel einzustellen gezwungen wäre.
Es gibt also in der Volkswirtschaft stets einen Lohnsatz, bei dem alle Arbeiter Beschäftigung und jeder Unternehmer, der eine bei diesem Lohnsatz noch rentable Unternehmung ins Werk setzen wollte, die gesuchten Arbeiter findet. Diesen Lohnsatz pflegt die Nationalökonomie den statischen oder natürlichen Lohn zu nennen. Er steigt, wenn bei sonst gleichbleibenden Umständen die Zahl der Arbeiter abnimmt, er sinkt, wenn bei sonst gleichbleibenden Umständen die verfügbare Menge des Kapitals, für das in der Produktion Verwendung gesucht wird, abnimmt.'' (ibid.: 70)

Wird der Arbeitslohn durch obrigkeitsstaatliche Regulierungen, wie etwa den Mindestlohn, über dem Niveau des natürlichen Lohns gehalten, so werden die Unternehmungen, die für den Unternehmer auch aufgrund des zuvor niedrigeren Arbeitslohns rentabel waren, an Rentabilität verlieren oder gar komplett unrentabel sein, was logischerweise zur Einschränkung oder gar zur Abschaffung der Produktion führen wird. Im Folgenden ein Rechenbeispiel:
Unternehmer Smith führt einen Betrieb mit vier Arbeitnehmern – Mises, Hayek, Marx und Engels. Die Gewerkschaft, in der sich vor allem die Arbeitnehmer Marx und Engels engagieren, fordert einen Mindestlohn von 10€ pro Stunde. Mises, Hayek, Marx und Engels verdienten zuvor 5€ pro Stunde. Nun ist also der Unternehmer Smith dazu gezwungen, den Arbeitslohn um 5€ pro Stunde pro Kopf zu erhöhen, was er sich aber nicht leisten kann. Konsequenz: Marx und Engels werden entlassen, die Produktivität der Firma nimmt daher ab und somit sinkt gesamtgesellschaftlich betrachtet der Lebensstandard. Die Lohnerhöhung der einen (Arbeitnehmer Mises und Hayek) geht somit auf Kosten der anderen (Unternehmer Smith, arbeitslose Ex-Arbeitnehmer Marx und Engels und die Gesellschaft) (ähnliche Rechenspielchen finden sich bei: Friedman 1951: 204-234).
Weiters schrieb Wirtschaftsnobelpreisträger MILTON FRIEDMAN:

,,Eine Einkommenserhöhung aufgrund gewerkschaftlicher Intervention innerhalb eines bestimmten Beschäftigungssektors oder Industriezweiges hat zwangsläufig eine Verringerung der möglichen Arbeitsplätze auf diesem Beschäftigungssektor oder Industriezweig zur Folge – ebenso wie jede Preiserhöhung den Absatz verringert. Dies bedeutet, dass mehr Arbeitskräfte frei werden und Arbeit suchen, was wiederum das Lohnniveau in anderen Branchen senkt. Da im Allgemeinen die Gewerkschaften ihre stärkste Position in sowieso gut bezahlten Gruppen von Arbeitnehmern haben, war die Auswirkung ihrer Aktivität, dass gut bezahlte Arbeiter noch höher bezahlt wurden, was zu Lasten der Arbeitnehmer mit geringeren Einkommen ging. ''(Friedman 1962/2007: 154)

Mindestlöhne führen also nicht nur zu Arbeitslosigkeit und geringerer Produktivität, sondern auch noch zu einer ungünstigeren Einkommensverteilung.

IV.II Kündigungsschutz
Häufiges Postulat von Gewerkschaften ist der Kündigungsschutz für Arbeitnehmer. Wird dieser vom Staat gesetzlich verankert, so wird die Situation für den Unternehmer Smith noch dramatischer. Er wird womöglich ganz davon absehen, irgendeine Unternehmung zu machen, da die Risiken und Konsequenzen bei einem Scheitern des Projekts um einiges dramatischer wären, als wenn ein solcher Kündigungsschutz nicht existieren würde. Macht er nun doch eine Unternehmung, so wird er sich immer doppelt und dreifach überlegen müssen, ob er die Arbeitnehmer Marx und Engels überhaupt einstellen wird. Tut er dies, so geht er das Risiko ein, dass sich deren Produktivität nach der Festanstellung rapide verschlechtern wird, da auch hier die Motivation zu quantitativ und qualitativ optimaler Arbeit schnell sinken würde. Unternehmer Smith könnte es sich in einem solchen Fall wohl kaum leisten, die beiden Arbeitnehmer zu entlassen, auch wenn andere motivierte Bewerber Schlange stehen würden. Mögliche Konsequenzen eines starken Kündigungsschutzes sind also mangelnde Eigeninitiative in puncto Unternehmungen, ein wegfallender Mut zur Innovation, Wegfall potentieller Arbeitsplätze und damit steigende Arbeitslosigkeit, ein wahrscheinlicher Rückgang der Motivation zu quantitativ und qualitativ optimaler Arbeit und somit ein Absinken der Produktivität und des Lebensstandards, sofern der Unternehmer trotz all dieser Hürden nun doch eine Unternehmung wagen und Arbeitnehmer einstellen würde, sowie eine höhere Bankrottwahrscheinlichkeit aufseiten des Unternehmers.

IV.III Sondereigentum versus Gemeineigentum
Bereits weiter oben wurde beschrieben, wie Marx und Engels einst gegen das Sondereigentum (auch Privateigentum genannt) witterten. Kurzum, Marx und Engels schrieben: ,,In diesem Sinne können die Kommunisten ihre Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums, zusammenfassen.‘‘ (Marx; Engels 1848/2009: 35)
Die Aufhebung des Privateigentums hätte indes fatale Folgen. Das Privateigentum liefert eine enorme Motivation für jeden einzelnen Arbeiter, quantitativ und qualitativ optimal zu arbeiten. Es verhält sich also ähnlich wie mit dem durch die Gesetze des freien Marktes ermittelten Arbeitslohn: ,,In der kapitalistischen Gesellschaftsordnung weiß jeder einzelne, daß die Frucht seiner Arbeit ihm selbst zufällt, daß sein Einkommen wächst oder sinkt, je nachdem der Ertrag seiner Arbeit größer oder kleiner ist.‘‘ (Mises 1927: 62). In einer willkürlich durchreglementierten sozialistischen Wirtschaftsordnung ,,werde jeder einzelne denken, daß es auf seine Arbeitsleistung weniger ankomme, da ihm doch ein aliquoter Teil des Gesamtertrags der Arbeit aller zukommt‘‘ (ibid.). Die freimarktwirtschaftliche Arbeitslohntheorie lässt sich exakt auch auf die Privateigentumstheorie anwenden: Arbeitet man ohne die Aussicht auf Privateigentum, sondern lediglich mit der Aussicht auf Gemeineigentum, so wird auch hier die Motivation zu quantitativ und qualitativ optimaler Arbeit sinken, damit auch die Produktivität und damit letztlich auch der Lebensstandard.

V. Rolle der Gewerkschaften in einer freien Marktwirtschaft
Welche Rolle spielen nun Gewerkschaften in einer freien Marktwirtschaft und Gesellschaft? JÖRG GUIDO HÜLSMANN antwortet:

,,In einer freien Gesellschaft sind sie rein freiwillige Zusammenschlüsse von Arbeitern. Niemand kann zur Mitgliedschaft gezwungen werden. Und kein Unternehmer ist verpflichtet, mit ihnen Verhandlungen zu führen. „Arbeitskämpfe“ sind daher statthaft, aber nur in den engen Grenzen, die durch den Respekt des Privateigentums gezogen sind. Streiks sind möglich im Sinne der Vorenthaltung der jeweils eigenen Arbeit, aber ohne irgendwelchen Zwang gegenüber anderen: Kein Arbeiter darf zum Mitmachen genötigt werden, Streikbrecher dürfen nicht behindert werden und eine Besetzung der Produktionsanlagen kommt nicht in Frage. ''(Hülsmann 2003: 28)

Vergleicht man die Rolle der Gewerkschaften in einem auf freier Wirtschaft und Gesellschaft basierenden System mit der Rolle der Gewerkschaften im aktuellen System, so wird man schnell feststellen, dass es eklatante Unterschiede gibt. Im Gegensatz zu früher real existierenden, auf Freiwilligkeit basierenden und durch Freiwilligkeit entstandenen Gewerkschaften, die beispielsweise auf Freiwilligkeit basierende, soziale Sicherungssysteme für die Arbeitnehmer organisiert haben, wie etwa im Deutschland vor der Bismarck-Ära, sind die heutigen Gewerkschaften staatlich privilegierte Institutionen, was sich z.B. in ihrem Streik- und Tarifrecht oder den für ihre Existenz essentiellen, durch Steuergelder finanzierten Subventionen äußert. Infolge dieser staatlichen Privilegierung einiger weniger Gewerkschaften sind im Laufe der Zeit die von Hülsmann angesprochenen, auf Freiwilligkeit basierenden Gewerkschaften zugrunde gegangen. Ruft heutzutage eine Gewerkschaft zum Streik auf, so haben sich alle betroffenen Arbeitnehmer dem zu fügen. Und auch eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft ist für viele Arbeitnehmer in vielen Arbeitsbranchen strukturell erzwungen, sofern man als Arbeitnehmer nicht der Diskriminierung zum Opfer fallen möchte. Es greifen die Prinzipien der Gewalt und des Zwangs um sich. Auch hierzu wieder Hülsmann, der sich in seinen Ausführungen, in denen er die staatlich privilegierten Gewerkschaften mit brutalen Prüglern vergleicht, auf Deutschland beschränkt, auch wenn es woanders, etwa in Österreich, identisch zugeht:

,,Wo Lohnerhöhungen dadurch erzwungen werden, dass Prügel oder die Androhung von Prügeln die Streikbrecher vertreiben, entsteht unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Es stimmt, dass der gewerkschaftliche Zwang die Arbeitsbedingungen der verbleibenden Arbeiter verbessert. Aber dieser Vorteil der einen wird eben nur durch das Elend anderer möglich. Heute ist dieser Zwang unsichtbar, weil er sich in den Hirnen schon normalisiert hat. Man stelle sich einen wilden Prügler vor, der mit erhobenen Augenbrauen und Fäusten sein „Schutzgeld“ erpresst. Wenn man diesem Mann ungehindert seinen Willen lässt und sich an die Notwendigkeit der Zahlung gewöhnt, so kann es nach einigen Jahren zu einer scheinbaren Normalisierung der Verhältnisse kommen. Der vormalige Bandit ist nun ein freundlicher älterer Herr, dem man ohne zu murren gelegentlich Geld zusteckt. Doch wehe man pflegt nicht den Brauch! Ganz ähnlich verhält es sich auch im Fall der Gewerkschaften. Die Zeiten blutiger Konfrontation vor den Werkstoren sind bei uns in Deutschland vorbei. Aber man versuche einmal, sich bei einem etablierten deutschen Unternehmen „unter Tarif“ zu verdingen; oder bei halbstaatlichen Firmen wie der Preussag auch nur angestellt zu werden, ohne gleichzeitig der Gewerkschaft beizutreten. So eröffnen sich dem „archäologischen“ Blick die Verhältnisse struktureller Gewalt unter der Oberfläche scheinbarer Normalität.'' (ibid.)

Dieser omnipräsente Zwang der Gewerkschaften von heute widerspricht dem auf Freiwilligkeit basierenden Modell der Gewerkschaften im freien Markt diametral.

V.I Arbeitslosenunterstützung
Weshalb sich dennoch keine Empörung über diese gewerkschaftlichen Machenschaften und Strukturen breit macht, ist indes schnell erklärt: Die Gewerkschaften haben es geschafft, den Staatsapparat zu instrumentalisieren, was sich etwa in Form von Arbeitslosenunterstützung zeigt. Wie bereits geschildert, geht der durch die Gewerkschaften erzwungene Vorteil der einen Arbeitnehmer, auf Kosten der anderen. Dies müsste unter den benachteiligten, ehemaligen Arbeitnehmern zu Rebellion und Zorn führen, was sich primär gegen die Gewerkschaften richten würde. Dies bleibt jedoch aus. Grund dafür ist die staatliche Arbeitslosenunterstützung:

,,Der Arbeitslose, den man unterstützt, hält es nicht für notwendig, sich nach einem neuen Beruf umzusehen […]; zumindest läßt er mehr Zeit verstreichen. […] Man kann, wenn die Arbeitslosenunterstützung nicht allzu niedrig bemessen ist, sagen: solange Arbeitslosenunterstützung gewährt wird, kann die Arbeitslosigkeit nicht schwinden. […] Dem Unternehmer kann die Last der Arbeitslosenunterstützung etwa in der Weise aufgebürdet werden, daß er eine Abgabe für die Zwecke der Arbeitslosenunterstützung zu zahlen hat, die nach der von ihm ausgezahlten Lohnsumme bemessen wird. In diesem Fall wirkt die Arbeitslosenunterstützung, da sie die Kosten der Arbeitskraft erhöht, genau so wie eine weitere Erhöhung des Lohnes über das statische Niveau: die Rentabilität der Verwendung von Arbeitskraft wird eingeschränkt und damit die Zahl jener Arbeiter, die noch rentabel verwendet werden können, vermindert. Die Arbeitslosigkeit wächst also weiter, eine Schraube ohne Ende. ''(Mises 1927: 74f.)

Das staatliche Arbeitslosengeld verhindert also gegen aufkommende Aggressionen und kann provokant als ,,Schweigegeld‘‘ bezeichnet werden. Die Ironie an der ganzen Geschichte erläutert im Folgenden abermals Hülsmann:

,,Die eigentliche Ironie der ganzen Sache ist, dass das Schweigegeld letztlich von den vermeintlich Bevorteilten gezahlt wird, indem sie ihre Beiträge zur obligatorischen „Arbeitslosenversicherung“ zahlen. Was sie auf der einen Seite durch den gewerkschaftlichen Zwang gewinnen (höhere Löhne), verlieren sie auch gleich wieder durch den Obolus an die BfA (Bundesanstalt für Arbeit; Anm.: T.M.F.). Die realen Einkommenseinbußen der vermeintlich Bevorteilten sind aber noch höher als sie im Licht dieser Tatsache erscheinen, wenn man nämlich in Betracht zieht, dass das Schweigegeld dafür bezahlt wird, dass die Empfänger gerade nicht arbeiten. Wem nützt die Arbeitslosenversicherung dann überhaupt? Die Antwort liegt auf der Hand: den Funktionären bzw. Bürokraten in den Gewerkschaften und der BfA. ''(Hülsmann 2003: 29)

Dem folgend kann man resümieren, dass Gewerkschaften zwar Interessensverbände sind, aber keine, die die Interessen der Arbeitnehmer, sondern solche, die die Interessen der Gewerkschaftsbürokraten vertreten. Die Geschichte lehrt uns, dass Gewerkschaften oft als Plattform instrumentalisiert wurden, um eigene Interessen im Namen einer großen Gruppe zu verfolgen. Prominentes Beispiel ist der einstige amerikanische Gewerkschaftsführer ,,Jimmy‘‘ Hoffa.

VI. Fazit
All die hier präsentierten Beobachtungen führen zu der für viele sicherlich überraschenden Erkenntnis, dass die staatlich privilegierten Gewerkschaften eine für Arbeitnehmer, aber auch für die Gesellschaft, schädliche Rolle einnehmen. Sie hemmen den auf dem freien Markt vorherrschenden Arbeitseifer und die Motivation, senken damit die Produktivität und somit automatisch auch den Lebensstandard einer Gesellschaft. Sie generieren Arbeitslosigkeit und eine ungünstige Einkommensverteilung. In ihrer jetzigen, durch staatliche Privilegien geprägten Form, unterscheiden sie sich diametral zu früheren, auf Freiwilligkeit basierenden Gewerkschaften: Strukturelle Gewalt und Diskriminierung sind nun vorherrschend. In der Umsetzung ihrer Ziele vertrauen sie auf obrigkeitsstaatliche Willkür, die den Gesetzen der ökonomischen Logik widerspricht. Ihr gravierender Machtzuwachs führte dazu, dass auf Freiwilligkeit basierende Gewerkschaften, die wirklich die Interessen der Arbeitnehmer vertraten, zunehmend verdrängt wurden. Die Misere von heute resultiert nicht, wie fälschlicherweise oft und gerne angenommen, aus einem freien, kapitalistischen Wirtschaftssystem. Vielmehr ist sie Produkt eines sozialistischen, staatskapitalistischen Systems, welches den Namen der freien Marktwirtschaft und des Kapitalismus schändet. Das Gros der Menschen ist jedoch durch die Macht des Staatsapparats und durch die von ihm privilegierten Gewerkschaften ideologisch verblendet und nicht in der Lage, die wahren Ursachen für die Misere zu erkennen. Und so wird – weil es gerade modern ist und zudem excellent in das etatistische Programm passt – die Schuld an der Misere dem alten Feindbild – dem Kapitalismus – in die Schuhe geschoben. Einem Feindbild, das so real kaum existiert.


L I T E R A T U R

Friedman, Milton (1962/2007): Kapitalismus und Freiheit. München: Piper.

Friedman, Milton (1951): Some Comments on the Significance of Labor Unions for Economic Policy. In: McCord Wright, David (Hrsg.): The Impact of the Union. New York: Harcourt, Brace, S. 204-234.

Hülsmann, Jörg Guido (2003): Strukturelle Gewalt. Wie die Gewerkschaften Massenarbeitslosigkeit produzieren. In: eigentümlich frei, Nr. 38, S. 27-29.

Marx, Karl; Engels, Friedrich (1848/2009): Manifest der Kommunistischen Partei. Stuttgart: Reclam.

Mises, Ludwig von (1927): Liberalismus. Stuttgart; Jena: Gustav Fischer Verlag.

ÖGB (2009): Statuten des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. URL: http://www.oegb.at/servlet/BlobServer?blobcol=urldokument&blobheadername1=content-type&blobheadername2=content-disposition&blobheadervalue1=application%2Fpdf&blobheadervalue2=inline%3B+filename%3D%22Statuten%252C_Leitbild%252C_Leits%25C3%25A4tze_des_%25C3%2596GB_2009.pdf%22&blobkey=id&root=OEGBZ&blobnocache=false&blobtable=Dokument&blobwhere=1260194183478 [Zugriff: 22.XI.2010].

Smith, Adam (1776/2006): Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. München: FinanzBuch.

Tálos, Emmerich (2006): Sozialpartnerschaft. Austrokorporatismus am Ende? In: Dachs, Helmut; Gerlich, Peter; Gottweis, Herbert; Kramer, Helmut; Lauber, Volkmar; Müller, Wolfgang C.; Talos, Emmerich: Politik in Österreich. Das Handbuch. Wien: Manz, S. 425-442.

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