Freitag, 8. Januar 2010

Friedrich August von Hayek - Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren

I. Wettbewerb
Friedrich August von Hayek beschreibt und erklärt in seinem Werk ,,Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren'' die Vorzüge des Wettbewerbs.
von Hayek definiert den Wettbewerb als Methode zur Entdeckung von Tatsachen, ,,die ohne sein Bestehen entweder unbekannt bleiben oder doch zumindest nicht genutzt werden würden.'' (von Hayek 1968: 119) Der Wettbewerb ermöglicht es Umstände und die Handlungsweisen der ökonomisch agierenden Akteure zu bestimmen, die man nicht kennt, ähnlich wie z.B. bei einem Sportwettbewerb: erst die direkte Konfrontation der Akteure liefert Erkenntnisse über das letztliche Resultat. Dennoch obliegen dem wirtschaftlichen Wettbewerb die Erkenntnisse, die jener liefert, oft variierenden Umständen, wohingegen die Erkenntnisse z.B. von erfolgreichen naturwissenschaftlichen Verfahren konstante, allgemeine Tatsachen liefern. Daraus resultiert, dass die Leistungen des wirtschaftlichen Wettbewerbs de facto empirisch nicht messbar sind. Das Wissen, dass der Wettbewerb liefert, ,,besteht [...] in hohem Maße in der Fähigkeit, besondere Umstände aufzufinden, eine Fähigkeit, die die einzelnen nur wirksam nutzen können, wenn ihnen der Markt sagt, welche Art von Gegenständen und Leistungen verlangt werden und wie dringlich.'' (ibid.: 124)

II. Mikrotheorie versus Makrotheorie
Methodologisch kritisch ist gegenwärtig die Tendenz zu beobachten, wonach sich Ökonomen zunehmend von der Mikrotheorie ab- und zur Makrotheorie zuwenden, obwohl die Mikrotheorie wesentlich wissenschaftlicher ist, da ,,die Grobstruktur der Wirtschaft (makro, Anm.: T.M.F.) keine Regelmäßigkeiten zeigen kann, die nicht Ergebnisse der Feinstruktur (mikro, Anm.: T.M.F.) sind, und daß jene Aggregate oder Durchschnittswerte, die statistisch allein erfaßbar sind, uns über die Vorgänge in der Feinstruktur keine Informationen geben.'' (ibid.: 121f.) Die Makrostruktur der Wirtschaft lässt sich folglich durch die Prozesse auf der wirtschaftlichen Mikroebene erklären, umgekehrt geht dies jedoch nicht. Nichtsdestotrotz arbeiten die meisten Ökonomen makrotheoretisch - ein methodologischer Irrtum: Die Komplexität und Diversität der zur Verfügung stehenden Daten ist derart enorm, dass sich ,,nur sehr allgemeine Aussagen, [...] aber keine spezifischen Voraussagen von Einzelereignissen ableiten [lassen]'' (ibid.: 122). In der Statistik, jenem undeutlichen Abbild der Wirklichkeit, werden ,,in Aggregaten und Durchschnittswerten unvermeidlich sehr viele Dinge zusammen[...][gefasst], deren kausale Bedeutung sehr verschieden ist.'' (ibid.) Es ist also falsch, eine (Wirtschafts-)Theorie den zur Verfügung stehenden Informationen und Statistiken anzupassen. Der Sinn der Makrotheorie besteht lediglich darin, Annäherungswerte oder mögliche Voraussagen zu bieten, die mit keiner anderen Methode erfassbar sind. Mit seinem Plädoyer für ein wissenschaftlich mikrotheoretisches Vorgehen versteht sich von Hayek in der Tradition von Schumpeters ,,methodologischen Individualismus''. (vgl. Schumpeter 1908: 97)


III. ,,wahre'' Wirtschaft versus spontane Ordnung
,,Eine Wirtschaft im strengen Sinn des Wortes ist eine Organisation oder Anordnung, in der jemand planmäßig Mittel im Dienste einer einheitlichen Zielhierarchie verwendet.'' (von Hayek 1968: 124) Im öffentlichen Diskurs wird jedoch auch die komplexe, auf diversen und differenzierten Einzelwirtschaften basierende Struktur als Wirtschaft bezeichnet. Dies ist falsch, da sich auf dem Markt im Zuge des Wettbewerbs eine durch die Einzelwirtschaften getragene spontane Ordnung entwickelt, die keineswegs die Intention verfolgt, einem ,,höheren'' allgemeinen, gesamtgesellschaftlichen und einheitlichen Ziel zu dienen, sondern vielmehr die Summe der Einzelinteressen repräsentiert. Diese Tatsache macht sie gleichzeitig bei vielen nach dem ,,einheitlichen Ziel'' strebenden Menschen unbeliebt, vor allem bei den Sozialisten, die danach streben, eine einheitliche Werteskala zu etablieren, die darüber entscheiden soll, welche Bedürfnisse es mehr, und welche Bedürfnisse es weniger zu befriedigen gilt. (vgl. ibid.: 125)
Die einheitliche Werteskala, wie sie von den Sozialisten gefordert wird, erfordert einen rigiden Konsens und Konformismus, was nur schwer zu gewährleisten ist. Außerdem gehen in einem solchen System nur die Kenntnisse der Organisatoren und Leiter in die wirtschaftlichen Entscheidungen ein. Bei der spontanen Ordnung (Katallaxie) hingegen gehen alle Kenntnisse der Akteure mit ein. Zudem kann jeder Akteur seine individuellen Interessen verfolgen.
Daher die Konklusion: ,,[O]bwohl die spontane Ordnung nicht für irgendeinen bestimmten Einzelzweck geschaffen wurde [...], [kann sie] nichtsdestoweniger der Erzielung einer Vielheit von individuellen Zwecken zuträglich sein [...], die in ihrer Gesamtheit niemand kennt.'' (ibid.)

IV. Spontane Marktordnung
Die Erwartungen der Akteure werden in dieser spontanen Ordnung in einem quasi sich selbst regulierenden System im hohen Maße erfüllt. Hayek bezeichnet dies als ,,negative Rückkoppelung'', welche analog zum Prinzip der ,,Unsichtbaren Hand'' von Adam Smith verläuft.
Der Markt führt auch dazu, dass immer nach den effizientesten und wohlfeilsten Methoden gearbeitet wird: Die Produkte werden dort erzeugt, wo es am günstigsten ist, wodurch sie quantitativ stärker erzeugt werden, wodurch sie wiederum zu niedrigstmöglichen Preisen verkauft werden. Dadurch sind die Leistungen des Marktes beträchtlich. Sie können zwar nicht den idealen Standard erreichen, da nicht alles Wissen vorhanden ist, sie streben aber dennoch tendenziell in diese Richtung. Gestört werden diese Leistungen und Entdeckungen des freien Marktes durch Interventionen von außen, was sich vor allem bei dem Entdecken zuvor ungenutzter Möglichkeiten offenbart: ,,Wo wir zunächst solche ungenützten Möglichkeiten zu entdecken glauben, finden wir meist, daß sie unausgenützt geblieben sind, weil dies entweder die Macht irgendeiner Behörde oder eine höchst unerwünschte private Machtausübung verhindert.'' (ibid.: 127)
Man darf die Ergebnisse der spontanen Marktordnung keineswegs so betrachten, als ob es sich hierbei um die Wirtschaft im eigentlichen Sinne handele. Dies wird jedoch irrtümlicherweise oft so getan.

V. Die Sinnlosigkeit zentraler Steuerung
Dies führt dazu, dass von Seiten der Politik Interventionen in Form von Umverteilungsmechanismen durchgeführt werden, um den Status quo ,,im Dienste einer sogenannten ,,sozialen Gerechtigkeit'' zu korrigieren.''(ibid.: 128) Diese massiven Interventionen zerstören jedoch die Grundlagen der Marktordnung und der Anpassungsprozesse der Akteure, auf denen mitunter die Marktordnung basiert und die für die Preismechanismen entscheidend sind. Eine zentrale Steuerung der Einkommens- und Preisstruktur, eine massive Umverteilung gilt es zu unterbinden, da ,,[e]in Wirthschaftssystem, in dem jeder erhielte, was er nach der Ansicht der anderen verdient, [...] unvermeidlich ein höchst ineffizientes System [wäre] - ganz abgesehen davon, daß es auch ein unerträglich tyrannisches System wäre. Aus dem gleichen Grund ist auch zu befürchten, daß jede ,,Einkommenspolitik'' mehr dahin tendieren wird, jene Änderungen in der Preisstruktur zu verhindern, die die Anpassung an unvorhergesehene Änderungen der Bedingungen erfordert, als sie zu erleichtern.'' (ibid.: 130) Einige Änderungen sind notwendig. Der Beweis, dass sie notwendig sind ist jedoch häufig nicht zu bringen. Werden diese notwendigen Änderungen in einer demokratischen Gesellschaft als ungerecht interpretiert, besteht nicht die Möglichkeit, sie umzusetzen. Daher ist jegliche zentrale Steuerung der Marktordnung auf Misserfolg vorprogrammiert.

VI. Der Sinn des freien Wettbewerbs
Erfolg verspricht daher der möglichst freie Wettbewerb ohne staatliche Interventionen als Entdeckungsverfahren, von dem vor allem unterentwickelte Gesellschaften, in denen es noch viel zu entdecken gibt und die stärkere Wachstumsmöglichkeiten haben, profitieren können.
Der freie Wettbewerb nimmt in der Entwicklung einer Gesellschaft eine effiziente Rolle ein. Der Wettbewerb zeigt nicht nur, wie die Dinge besser gemacht werden, sondern zwingt alle Marktteilnehmer zu Verbesserungen: ,,[D]ie Änderungen in Gewohnheiten und Gebräuchen, die notwendig sind, [werden] nur eintreten [...], wenn jene, die bereit und fähig sind, mit neuen Verfahren zu experimentieren, es für die andern notwendig machen können, sie nachzuahmen, und erstere ihnen dabei den Weg weisen können; während, wenn die Mehrzahl in der Lage ist, die wenigen zu verhindern, Experimente zu machen, das erforderliche Entdeckungsverfahren unterbunden werden wird.'' (ibid. 131) In unterentwickelnden Gesellschaften hemmen die herrschenden Eliten durch ihre Restriktionen und Beschränkungen oft den Unternehmergeist der Bürger. Der Staat sollte sich darauf beschränken, ,,den einzelnen gegen den Druck der Gesellschaft zu schützen - was nur die Institution des Privateigentums und all die mit ihm verbundenen freiheitlichen Einrichtungen des Rechtsstaats zustande bringen können.'' (ibid.: 132)
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L I T E R A T U R

Hayek, Friedrich August von (1968): Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren. In: Internationales Institut ,,Österreichische Schule der Nationalökonomie'' (Hrsg.): Die Österreichische Schule der Nationalökonomie. Texte - Band II von Hayek bis White. Wien: Manz'sche Verlags- und Universitätsbuchhandlung, 119-137.

Schumpeter, Joseph (1908): Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie. Leipzig: Duncker & Humblot.

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