Donnerstag, 3. Dezember 2009

Frederic Bastiat: Was man sieht und was man nicht sieht: I. Die zerbrochene Scheibe

Ein braver Bürger gerät in Rage, nachdem ihm sein missratener Sohn eine Scheibe zerbricht. Sofort versuchen die Mitmenschen des braven Bürgers ihm Trost zu spenden und wenden dabei interessante, zum Dogma der Ökonomie gewordene, aber grundsätzlich falsche ökonomietheoretischen Floskeln an:
,,Unglück ist zu etwas nutze. Solche Unfälle geben der Industrie ihr Auskommen. Alle Welt muss leben. Was würde aus dem Glaser, wenn man niemals Scheiben zerschlüge?’’ (Bastiat 1850)
Nun ja, berücksichtigt man nur die direkte Wirkung, also die, die man sieht, so ist diese Floskel sicherlich nicht zu negieren: Der brave Bürger entrichtet einen Betrag an den Glaser, jener freut sich über die Reparaturarbeit und noch viel mehr über das Geld.
,,Aber wenn man so ableitet […] , dass es gut ist, Scheiben zu zerschlagen, dass das Geld in Umlauf bringt, dass dadurch die Industrie im allgemeinen gefördert wird, sehe ich mich gezwungen aufzuschreien: Haltet ein! Ihre Theorie bleibt bei dem stehen, was man sieht, sie berücksichtigt nicht, was man nicht sieht.’’ (ibid.)
Was sieht man nicht? Man sieht nicht, dass der brave Bürger, der die Kosten für die Reparatur seiner Scheibe zu entrichten hat, dieses Geld nicht mehr für etwas anderes ausgeben kann. Er hätte sich Schuhe, Bücher oder sonst was holen können. ,,Kurz, er hätte mit […] [dem Geld, Anm.: T.M.F.] irgendetwas gemacht, was er nun nicht macht.’’ (ibid.) Die Industrie im Ganzen profitiert somit auch nicht vom Scheibenbruch. Zwar wird die Glasindustrie gestärkt, einer anderen Industrie hingegen werden diese Einnahmen verweigert.
Aus der Perspektive der Industrie als Ganzen ist es somit egal, ob Scheiben zerbrechen oder nicht.
Aus der Perspektive des braven Bürgers, der nun in die Scheibenreparatur investieren muss, ist der Scheibenbruch hingegen suboptimal. Wäre seine Scheibe nicht zerbrochen, hätte er nun neben einer heilen Scheibe auch neue Schuhe, oder neue Bücher.
Aus der Tatsache, dass der brave Bürger ein Teil der Gesellschaft ist, folgt, ,,dass die Gesellschaft im Ganzen, in der Bilanz ihrer Arbeiten und Nutznießungen, den Wert der zerbrochenen Scheibe verloren hat.’’ (ibid.) Logische Konsequenz: Zerstören bringt keinen Gewinn!
Dieses Beispiel lehrt uns, dass man als Ökonom das, was man nicht sieht, dem, was man sieht, gegenüberzustellen hat.
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L I T E R A T U R

Bastiat, Frederic (1850): Was man sieht und was man nicht sieht. URL: http://bastiat.de/index2.html [Zugriff: 05/X/2009].

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