Donnerstag, 24. Dezember 2009

Frederic Bastiat: Was man sieht und was man nicht sieht: II. Die Entlassung

Sicherheit ist für jede Nation ein wertvolles Gut. Jedes Volk sehnt sich nach Sicherheit. Nehmen wir mal an, dass unser Volk eine Hunderttausend-Mann-Armee brauchen würde, um national gesichert zu sein. Eine solche Equipe würde freilich nicht für umsonst arbeiten. Die Bürger müssten im Sinne ihrer nationalen Sicherheit ein Opfer bringen und die Equipe durch Steuern subventionieren. Nehmen wir diesbezüglich mal an, dass der Erhalt dieser hunderttausend Mann hundert Millionen kosten würde, also pro Kopf eintausend.
Das Volk ist bereit, dieses Opfer für die nationale Sicherheit zu bringen.
Nun fordert ein Parlamentarier: ,,Lasset’ uns die hunderttausend Mann entlassen, so sparen wir dem Steuerzahler hundert Millionen per anno!’’
Sofort protestiert ein anderer Abgeordneter:
,,Hunderttausend Mann entlassen! Wo denken Sie hin? Was wird aus ihnen werden? Wovon werden sie leben? Etwa von Arbeit? Aber wissen Sie nicht, dass an Arbeit überall Mangel ist? Dass alle Berufe überfüllt sind? Wollen Sie die Männer auf den Markt werfen, um die Konkurrenz zu vermehren und auf die Löhne drücken? […] [I]st es […] nicht ein glücklicher Umstand, wenn der Staat hunderttausend Personen Brot gibt? Ziehen Sie außerdem in Betracht, dass die Armee Wein, Kleider, Waffen konsumiert, dass sie so die Aktivität in den Fabriken, in den Garnisonsstädten verbreitet und dass sie zu guter Letzt die Vorsehung für ihre unzählbaren Lieferanten darstellt. Zittern Sie nicht bei der Idee, diese mächtige industrielle Bewegung aufzulösen?’’ (Bastiat 1850)
Die Hunderttausend-Mann-Armee, die durch die hundert Millionen der Steuerzahler subventioniert wird, lebt und lässt auch die Steuerzahler leben, soweit die hundert Millionen reichen. Dies ist, was man sieht.
Diese von den Steuerzahlern entrichteten hundert Millionen, ,,schränken diese Steuerzahler und ihre Versorger in ihrem Leben ein, soweit eben diese hundert Millionen reichen.’’ (ibid.) Wo ist da der Gewinn in der Bilanz? Nirgendwo!
Der Verlust hingegen wird recht schnell evident: Ein fleissiger, fast täglich arbeitender Arbeiter wird rekrutiert. Verrichtete er zuvor als Arbeiter an dreihundert Tagen produktive Arbeit, so hat er nun als Soldat dreihundert unproduktive Arbeitstage. Der Umlauf des Geldes ist in beiden Fällen identisch, die Produktivität beim Arbeiter jedoch höher als beim Soldaten.
Trotz arger Bedenken wird die Entlassung der hunderttausend Soldaten beschlossen.
Im Folgenden werden die Bedenken des protestierenden Abgeordneten, der etwas nicht sah, ad absurdum geführt. Er sieht nicht,
,,dass hunderttausend Soldaten nach Hause zu schicken nicht heißt, hundert Millionen verschwinden zu lassen, sondern vielmehr, sie den Steuerzahlern zurückzugeben. […] [Er sieht] nicht, dass hunderttausend Arbeiter auf den Markt zu werfen bedeutet, auch zugleich die hundert Millionen auf den Markt zu werfen, die dazu bestimmt waren, ihre Arbeit zu bezahlen; dass folglich dieselbe Maßnahme, die das Angebot an tätigen Händen vermehrt, auch die Nachfrage danach vermehrt; woraus folgt, dass Ihre Lohnminderung illusionär ist. Sie sehen nicht, dass es sowohl vor wie auch nach der Entlassung im Lande hundert Millionen gibt, denen hunderttausend Menschen gegenüberstehen; dass aller Unterschied in Folgendem besteht: Vorher übergibt das Land die hundert Millionen an hunderttausend Menschen für Nichtstun. Nachher übergibt es sie ihnen für Arbeit. […] [Er sieht] schließlich nicht: wenn ein Steuerzahler sein Geld gibt, sei es für einen Soldaten im Tausch für nichts, sei es für einen Arbeiter im Tausch für etwas, sind alle späteren Folgen des Umlaufes dieses Geldes dieselben. Nur im zweiten Fall erhält der Steuerzahler etwas, im ersten nichts. – Ergebnis: ein Nettoverlust für die Nation.’’ (ibid.)
Einer ökonomischen Analyse sollte stets der Blick für's Weite obliegen.
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L I T E R A T U R

Bastiat, Frederic (1850): Was man sieht und was man nicht sieht. URL: http://bastiat.de/index2.html [Zugriff: 24/XII/2009].

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