Freitag, 30. Oktober 2009

Peter T. Bauer: Wirtschaftswachstum und die neue Orthodoxie


Peter T. Bauer war einer der Pioniere der neoliberalen Entwicklungsökonomie. Er war stets der Überzeugung, dass Eigeninitiative die führende menschliche Kraft der Entwicklung sei. Daher lehnte er interventionistische Entwicklungshilfe kategorisch ab, da sie den unternehmerischen Elan der Menschen hemme.


Besorgt stellt Bauer in seiner Schrift ,,Wirtschaftswachstum und die neue Orthodoxie’’ aus dem Jahre 1958 fest, dass sich ein entwicklungspolitisches Dogma etabliert hat, welches er als neue Orthodoxie bezeichnet. Diese neue Orthodoxie gehe von falschen Grundannahmen aus. So kritisiert Bauer die kategorische Einteilung der Welt in fortgeschrittene Nationen, wie etwa die U.S.A. und die Staaten Westeuropas auf der einen, und ,,unterentwickelte’’ Staaten auf der anderen Seite. Letztere seien angeblich ,,in einem Teufelskreis der Armut gefangen, der durch die normalen nationalen und internationalen Prozesse privaten Handels und privater Investitionen nicht durchbrochen werden könne.’’ (Bauer 2008: 195) Diese Doktrin des Teufelskreises der Armut ist ein Mythos. Dennoch ist ein Gros populärer Entwicklungstheoretiker der Ansicht, man müsse den ,,unterentwickelten’’ Staaten mit groß geplanten, staatlichen Maßnahmen wirtschaftlich auf die Sprünge helfen. Bauer sieht hierin das Risiko, dass die ,,unterentwickelten’’ Staaten
,,sich in Richtung Sozialismus, wenn nicht gar Kommunismus, entwickeln könnten. Schließlich [besteht] […] sinnvolle wirtschaftliche Entwicklung nicht bloß darin […], dass ein Staat wachsende Mengen an Waren und Dienstleistungen produziert, sondern darin, dass er Waren und Dienstleistungen produziert, die die Menschen wollen und frei gewählt haben. Es geht darum, den Menschen mehr Wahlmöglichkeiten zu bieten. Diese Art von Freiheit wird von staatlichen Zwangssystemen, die heute immer größere Unterstützung finden, eindeutig in Gefahr gebracht.’’ (ibid.: 196f.)


Ferner ist die Unterteilung der Welt in reiche und arme Länder völlig willkürlich. Welche Differenzierungskriterien werden denn bei einer solchen Kategorisierung angegeben? Rein ökonomische Daten liefern zwar die Kunde über bestehende, teils gravierende Diskrepanzen in den verschiedenen Regionen der Welt, doch werden dabei andere, womöglich viel wichtigere Faktoren ausgeblendet, wie beispielsweise die Zufriedenheit der Menschen in den jeweiligen Regionen, oder der politökonomische Trend. Das eine Kriterium bedingt nicht zwangsläufig das andere. Wer das Gegenteil behauptet, argumentiert willkürlich.

Der Mythos vom Teufelskreis der Armut ist historisch und geographisch schnell widerlegt. ,,[E]s gab über die Jahrzehnte und Jahrhunderte wirtschaftlichen Fortschritt. Wenn das Teufelskreis-Argument stimmen würde, könnte man kaum die Entstehung der ,,fortgeschrittenen’’ Staaten erklären, die selbst einmal von extremer Armut betroffen waren.’’ (ibid.: 200) Dieser Fortschritt basierte fürwahr nicht auf staatlichen, interventionistischen Entwicklungsplänen. So entwickelten sich die Länder Lateinamerikas zwischen 1935 und 1953 prächtig: Das Bruttosozialprodukt wuchs zu der Zeit jährlich um ca. 4,2%, die externe Wirtschaftsentwicklungshilfe blieb dabei marginal. Die Wurzel dieses lateinamerikanischen Erfolgs war vielmehr eine Erhöhung der exportorientierten Produktion, die den Binnenmarkt erweiterte, transformierte und somit auch die Importe und damit den Wohlstand anwachsen ließ. Steigende ausländische Kapitalzuflüsse, wachsende inländische Sparvolumina und eine differenzierte Arbeitsteilung waren nur wenige der vielen Positivfolgen für die wirtschaftliche Entwicklung vieler lateinamerikanischer Staaten.

Ein weiterer Irrglaube des Dogma des nicht zu durchbrechenden ,,Teufelskreises der Armut’’ ist die Annahme, dass dadurch, dass die meisten fortgeschrittenen Staaten industrialisiert sind, der Schlüssel zum Bekämpfen der Unterentwicklung eine zwanghafte, plastisch aufoktroyierte Industrialisierung der ,,unterentwickelten’’ Staaten ist. ,,Die Industrialisierung [wird] zu einem Fetisch’’ (ibid.) erhoben. ,,Es gibt schlichtweg keine Regel dafür, wie viel Industrie ein Staat haben sollte, und Versuche erzwungener Industrialisierung […] sind oft sinnlos und führen sogar dazu, dass Ressourcen falsch eingesetzt werden und die Realkapitalbildung zurückgeht.’’ (ibid.) Die Staaten dieser Erde sind nun mal nicht identisch strukturiert und schließlich waren alle, wirklich alle derzeit fortgeschrittenen Staaten einst agrarisch geprägt. Erst im Laufe einer freien, natürlichen, evolutionären Wirtschaftsentwicklung entwickelten sie sich zu dem, was sie nun sind. Die heute entwickelten Staaten kannten während ihrer Entwicklungsphasen so etwas wie staatliche Entwicklungspläne überhaupt nicht.

Ein Verstoß gegen eine harmonische Entwicklung ist staatlich subventionierte und initiierte Industrialisierung. Ein Paradebeispiel, dass Industrialisierung am profitabelsten ist, wenn sie privat initiiert wird, ist Hongkong. Strukturelle Einschränkungen wie mangelnde Rohstoffe, kein Öl und keine Wasserkraftwerke hinderten Hongkong in keiner Weise daran, sich zu einer der fortschrittlichsten Regionen Asiens zu entwickeln. Andere Staaten, die ihre Industriezweige wahllos subventionierten hinken Hongkong hinterher. Seltsamerweise misstrauen die Vertreter der neuen Orthodoxie den Kräften des freien Marktes: ,,Anstatt den Wert unternehmerischer Initiative zu betonen, konzentrieren sie sich ausschließlich darauf, was Regierungen tun können und tun sollten.’’ (ibid.: 205)

Gefährlich ist die Entwicklung in den Ländern, in denen der Staat als heiliger Problemlöser glorifiziert wird. Sämtliche Aktivitäten werden auf den Staat und seinen Verwaltungsapparat übertragen. Es droht ein uneingeschränktes Anwachsen des öffentlichen Sektors, sodass die Privatwirtschaft eines Tages unter der vollständigen Kontrolle des Staates stehen könnte. Der Staat würde entscheiden, wie Menschen leben, was sie tun und auf welche Weise sie ihr Geld verdienen sollen. Der Staat als Gott würde Gesellschaften schaffen, in denen wenige Personen und Gruppen erhebliche Macht über andere ausüben würden. Summa summarum würde dies nur zu mehr politischen Kämpfen führen. Ein ungeheuerliches Szenario!

,,Angesichts dieser reichen westlichen Tradition an Freiheiten scheint es unglaublich, dass wir jetzt mit aller Kraft versuchen, den unterentwickelten Nationen Organisationssysteme aufzudrängen, deren sich die fortgeschrittenen Länder glücklicherweise nie bedienten’’. (ibid.) Die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten versuchten solche Systeme zu etablieren, die Folgen – nämlich der Zusammenbruch des Gesamtsystems – bezeugen ihre Ineffizienz.
,,[J]eder größere Geldfluss zwischen Regierungen, der wirtschaftlichen Zwecken dient, [stärkt] die Zentralmacht im Empfängerland’’ (ibid.: 209) – einer solch’ bedrohlichen Entwicklung sollte man entgehen – der Ostblock sollte uns als Warnbeispiel gelten!
Der Regierungseinfluss sollte immer beschränkt bleiben und nicht auf falschen Grundannahmen beruhen! Den unterentwickelten Ländern sollte eine entsprechende Autonomität auferlegt werden, denn die wichtigste Kraft für internationalen Fortschritt ist die Aktivität der betroffenen Völker selbst. Diese Aktivität sollte auf den Prinzipien des persönlichen Einsatzes, der Arbeitsteilung und der privaten Kapitalbildung basieren.
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L I T E R A T U R

Bauer, Peter T. (2008): Wirtschaftswachstum und die neue Orthodoxie. In.: Fischer, Karin; Hödl, Gerald; Sievers, Wiebke (Hrsg.): Klassiker der Entwicklungstheorie. Von Modernisierung bis Post-Development. Wien: Mandelbaum Verlag, 194-210.

Kommentare:

  1. Stefanie (Caribean_Sunrise)25. November 2009 um 00:18

    hallo tomasz,
    cooler Blog! Ist eine gelungene Zusammenfassung des Textes und wirklich gut geschrieben!
    VlG,
    Stefanie

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