Samstag, 8. August 2009

Zwischen Geschichtsfälschung und kommunistisch motiviertem Klassengenozid: Das Massaker von Katyn und seine Folgen

Begrifflicher Hinweis:
Der in der Wissenschaft etablierte Begriff des ,,Massakers von Katyn'' ist etwas irreführend:
Spricht man vom ,,Massaker von Katyn'' meint man damit die Eliminierung von ca. 25700 polnischen Offizieren, von denen ca. 15000 zuvor in drei Lagern interniert worden sind. ,,Lediglich'' ca. ein Drittel dieser Exekutierten wurde tatsächlich in Katyn ermordet und begraben. Die restlichen Opfer wurden auf den Geländen des NKWD in Charkow und Kalinin (heute Twer) ermordet und in Piatichatki, bzw. Miednoje vergraben. Da die Leichen an den beiden letztgenannten Orten jedoch erst am 25/VII/, bzw. am 31/VIII/1991 exhumiert, die Massengräber von Katyn allerdings schon am 18/II/1943 entdeckt geöffnet wurden, hat sich über Dekaden hinweg der Begriff ,,Katyn'' als Synonym für all die genannten Exekutierungen etabliert. Über Jahrzehnte war über Exekutierungen an den anderen beiden Orten der Massengräber nichts bekannt.


I. Einleitung


Am 23/VIII/1939 trafen sich der deutsche Außenminister Ribbentrop und der sowjetische Außenminister Molotow, um einen Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und den sozialistischen Sowjetrepubliken zu schließen. Dieser Vertrag, auch bekannt als Ribbentrop-Molotow-Pakt, sah die Aufteilung Polens zwischen beiden, zu dem Zeitpunkt noch kooperierenden Staaten vor und war de facto der Initialfunke 
für den Beginn des 2. Weltkriegs, der am 01/IX/1939 mit der Invasion nazideutscher Truppen in Polen und dem Angriff auf die Westerplatte begann. Die Sowjetunion invadierte am 17/IX/1939, ohne Kriegserklärung und gegen den ,,bis zum 31. Dezember 1945 verlängerte[n] Nichtangriffspakt zwischen Sowjetrussland und Polen vom 25. Juli 1932'' (Kaiser 2003: 22) verstoßend, in Polen ein, das eliminiert werden sollte: Nach der Definition des Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Komintern, Georgi Dimitrow ist Polen anno 1939 ,,ein faschistischer Staat. [...] Die Vernichtung dieses Staates [...] würde einen bourgeoisen faschistischen Staat weniger bedeuten!'' (Dimitrow 2000: 273f.) Das sozialistische System sollte Stalins Vision zufolge in das nach vorheriger sowjetischer Invasion annektierte ostpolnische Territorium expandieren.


Indes waren die polnischen Truppen völlig überrascht von beiden Invasionen. Unorganisiert in zusammengewürfelten Einheiten waren sie sowohl an der westpolnischen, als auch an der ostpolnischen Front in der Defensive, leisteten resolut und rigoros Opposition, führten jedoch von Beginn an einen ungleichen Kampf. Logische Konsequenz war die Kapitulation Polens und seine Annexion durch Nazideutschland und die sozialistischen Sowjetrepubliken. Dabei gerieten ,,[g]roße Teile der polnischen Streitkräfte [...] im Verlauf und nach Einstellung der Kampfhandlungen in Gefangenschaft.'' (Peszkowski 1989: 9f.)

Die polnischen Gefangenen in den von der Sowjetunion okkupierten ostpolnischen Territorien waren größtenteils dezidierte Antikommunisten. Um dieses antikommunistische, antisowjetische Potential Polens zu bändigen, wurden durch das NKWD - das Innenministerium der UdSSR - Gefangenenlager in Ostaschkow, Koselsk und Starobelsk installiert. In diese Lager wurden ca. 25700 polnische Oppositionelle, größtenteils bestehend aus der polnischen Intelligenz und Elite, ergo z.B. aus Professoren, Offizieren, Generälen und Priestern, deportiert. Dort wurden ,,[d]ie Gefangenen [...] einer unablässigen, stumpfsinnigen und ohrenbetäubenden Propaganda unterzogen'' (Zaslavsky 2007: 34), die sie politisch umerziehen sollte. Dass diese Propagandamaßnahmen äußerst ineffizient waren, dokumentiert das Faktum, dass unter all den tausenden Gefangenen lediglich ,,24 polnische Offiziere [...] bereit waren, in einem künftigen Krieg an der Seite der Sowjetarmee zu kämpfen.'' (Lebedewa 1997: 177) Der Drang nach Kollaboration mit den Sowjets blieb bei den polnischen Gefangenen marginal; fast alle blieben resistent.

Als Konsequenz auf diese Ineffizienz der propagandistischen Umerziehungsmaßnahmen erteilte das Politbüro der KPdSU um Stalin, Molotow, Berija, Kaganowitsch, Woroschilow, Kalinin und Mikojan am 05/III/1940 aus strategischen Gründen den Exekutionsbeschluss gegen die Gefangenen. Ferner sollte das Massaker eine Art Racheakt für die für die Sowjets desaströse Niederlage gegen die Polen im Polnisch-Sowjetischen-Krieg anno 1920 sein. Die Exekutionen wurden anschließend realisiert. Ein Teil davon in den Wäldern von Katyn (bei Smolensk, Russland). Die späteren Exhumierungen und Dokumente dokumentierten signifikant den kommunistischen Klassengenozid.


II. Kommunistischer Klassengenozid - Begriffsdefinition

Vermag der Begriff ,,kommunistischer Klassengenozid`` auf den ersten Blick paradox klingen, so resultiert aus einer akribischen Analyse des Massakers von Katyn seine inhaltliche Logik.
Der Begriff Genozid ist synonym zum Begriff Völkermord. Der UN-Konvention gegen Genozid zufolge wird Genozid als ,,act[] committed with intent to destroy, in whole or in part, a national, ethnical, racial or religious group'' (UN 1948) definiert.
Nur war das Massaker von Katyn nicht explizit gegen die Polen als Volk gerichtet, sondern gegen bestimmte oppositionelle, politische und soziale Klassen der polnischen Gesellschaft. Hierin differenzieren sich die beiden totalitären Regime des Nationalsozialismus und des Stalinismus: Verfolgte der Nationalsozialismus als Intention primär die Eliminierung bestimmter Völker und Rassen, war die Hauptintention des Stalinismus die Eliminierung spezifischer Klassen. Da die ,,Operation Katyn'' sich jedoch systematisch gegen das Führungspersonal, gegen die Lenker und Denker des polnischen Volks wandte, war der Niedergang Polens indirekte Intention und logische Konsequenz der Eliminierungspolitik des totalitären, auf der Ideologie des Marxismus-Leninismus basierenden Stalinregimes. Die stalinistische Strategie der Eliminierung dieser spezifischen Klasse hatte direkte Negativfolgen auf den Status quo des gesamten polnischen Volkes, so wurde ,,[d]urch die systematische Verfolgungspolitik und gezielte Schläge [der Sowjets, Anm.: T.F.] gegen die nationalen und kulturellen Eliten aller Nationalitäten [...] die Einwohnerschaft der neu eingegliederten Gebiete politisch und gesellschaftlich nachhaltig geschwächt.'' (Kaiser 2003: 45)
,,Um diese politische Strategie des Stalinismus genauer zu untersuchen, haben sich Begriffe wie [...] ''Klassengenozid'' (Courtois 2002: 89-122) [...] als brauchbar erwiesen.''(Zaslavsky 2007: 53)


III. Prozess und Durchführung

Nach der Annexion Polens durch Nazideutschland und die Sowjetunion Ende September anno 1939 kamen ca. 250.000 polnische Soldaten, darunter 10.000 Offiziere und viele oppositionelle, antikommunistische Intellektuelle und Reserveoffiziere in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Anfang Oktober 1939 wurde das Gros der einfachen polnischen Soldaten entlassen, ca. 37.000 wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt, eine bislang noch unbekannte Zahl wurde in die Lager des Gulag deportiert. Zudem wurde das gesamte Eigentum des polnischen Staates beschlagnahmt und eingezogen.

Mitte Oktober 1939 verständigten sich Nazideutschland und die Sowjetunion darauf, polnische Kriegsgefangene auszutauschen. Befand sich ein polnischer Soldat, der zuvor seinen Wohnsitz in den von der Sowjetunion okkupierten Territorien hatte, in deutscher Kriegsgefangenschaft, so wurde er von den Deutschen an die Sowjets transferiert und umgekehrt. Der Austausch erfolgte binnen kurzer Zeit..

,,Zu gleicher Zeit wurde beschlossen, zwei ''Offizierslager'' in Starobielsk und in Kosielsk zu bauen, außerdem in Ostaschkow ein Speziallager für Polizisten, Gefängnispersonal und Grenztruppen.'' (Paczkowski 2004: 403) In diese Lager wurde die polnische Intelligenz und antisowjetische Opposition deportiert, von der man besonders antikommunistisch-agitatorisches Agieren befürchtete. Da diese Klasse hohes Prestige in der polnischen Bevölkerung genoss und dementsprechend großen Einfluss auf sie ausübte, galt als stalinistische Maxime die Isolation dieser Klasse von der restlichen Bevölkerung, da zudem befürchtet wurde, dass diese Klasse der Motor einer Reetablierung des polnischen Staates sein könnte. Die logische Konsequenz dieser Situation war die Deportation dieser Menschen in die errichteten Lager, deren Hauptintention darin bestand, ,,die Kriegsgefangenen vollständig zu isolieren, jede Fluchtmöglichkeit zu unterbinden, alle Gefangenen sicherheitspolitisch zu überprüfen und agitatorisch-propagandistische Arbeit unter den Gefangenen zu leisten.'' (Kaiser 2003: 53) ,,Mitte November 1939 [...] erreich[t]en [die drei Sonderlager, Anm.: T.M.F.] ihr vorgegebenes Profil der Belegung'' (ibid.: 434):

Ins Lager von Kosielsk wurden ca. 5000 polnische Kriegsgefangene deportiert. Die meisten davon waren jüngere Reserveoffiziere. Außerdem waren ,,Geistliche verschiedener Konfessionen, Professoren, Lehrer, Ärzte, Juristen, Schriftsteller, Journalisten, Ingenieure und Unternehmer'' (ibid.: 58) in Kosielsk interniert.
Ins Lager von Starobielsk wurden ca. 4000 Männer deportiert. Sie bestanden fast ausnahmslos aus Berufs- und Reserveoffizieren.
Ins Lager von Ostaschkow wurden 6000 Kriegsgefangene deportiert, die vom NKWD - dem Innenministerium der UdSSR - als besonders gefährlich und antikommunistisch definiert wurden. Sie gehörten zumeist dem polnischen Polizeiapparat an.
Summa summarum zählten die drei Sonderlager Kosielsk, Starobielsk und Ostaschkow ca. 15000 Kriegsgefangene. Weitere 11000 polnische Kriegsgefangene waren in westukrainischen und westbelorussischen Gefängnissen inhaftiert.

In diesen Lagern waren die Gefangenen primitiven und miserablen Lebensbedingungen und einer massiven sowjetischen Propagandamaschinerie ausgesetzt. So versuchten Mitarbeiter des NKWD den Gefangenen permanent und penetrant ,,die Überlegenheit des gesellschaftlichen Systems der UdSSR gegenüber dem Rest der Welt nachzuweisen'' (ibid.: 72), was jedoch gänzlich misslang. Kollaboration mit den Sowjets war für die polnischen Gefangenen aus moralischen Gründen ein Akt der Unmöglichkeit. Dies dokumentieren die vom nachrichtendienstlichen Agentennetz der sowjetischen Geheimpolizei erstellten Akten und politischen Profile der Häftlinge, aus denen Lawrenti Berija, Mitglied des Politbüros, interpretierte: ,,Sie alle [die Gefangenen, Anm.: T.M.F.] sind eingeschworene Feinde der Sowjetmacht, hasserfüllt gegen das sowjetische System. [...] Sie alle warten nur darauf freizukommen, um sich aktiv am Kampf gegen die Sowjetmacht zu beteiligen.'' (Berija 1993: 17f.) Daraus schlossen die politischen Parteispitzen der kommunistischen Partei der Sowjetunion, dass ihre Propagandamaschinerie ineffizient und jegliche Hoffnungen auf eine effektive ,,Resozialisierung'' der Gefangenen obsolet waren. Da zudem im Laufe des sowjetisch-finnischen Winterkriegs, der am 30/XI/1939 begann, neue Kontingente für finnische Kriegsgefangene für die Sowjetunion strategisch essentiell wurden, beschloss das Politbüro der KPdSU um Stalin, Molotow, Berija, Kaganowitsch, Woroschilow, Kalinin und Mikojan am 05/III/1940 das Massaker von Katyn:

,,In den Lagern für Kriegsgefangene befinden sich (ausgenommen Soldaten und Unteroffiziere) 14736 ehemalige Offiziere, Beamte, Gutsbesitzer, Polizisten, Gendarmen, Gefängniswärter, Ansiedler und Aufklärer - ihrer Nationalität nach über 97 Prozent Polen. [...]

In den Gefängnissen der Westgebiete der Ukraine und Belorußlands befinden sich insgesamt 18632 Häftlinge (10685 von ihnen Polen). [...]
Davon ausgehend, daß sie alle eingefleischte, unverbesserliche Feinde der Sowjetmacht sind, hält das NKWD für notwendig:

I. Dem NKWD der UdSSR ist vorzuschlagen:
1. Die Verfahren über die in den Lagern befindlichen 14700 ehemaligen polnischen Offiziere, Beamten, Gutsbesitzer, Polizisten, Aufklärer, Gendarmen, Ansiedler und Aufseher,
2. sowie über die inhaftierten und in den Haftanstalten der Westgebiete von Ukraine und Belorußland befindlichen 11000 Mann, Mitglieder verschiedener k-r [konter-revolutionärer, Anm.: T.M.F.] Spionage- und Diversionsorganisationen, ehemalige Gutsbesitzer, Fabrikanten, ehemalige polnische Offiziere, Beamte und Grenzverletzer - in Sonderberatungen zu entscheiden und dabei die Höchststrafe - Tod durch Erschießen - anzuwenden.

II. Die Sonderberatungen sind abzuwickeln, ohne die Inhaftierten vorzuladen und ohne ihnen gegenüber Anklage zu erheben. [...]'' (Berija 1993: 17f.)

Damit war das Schicksal eines essentiellen und eminent wichtigen Elements der ,,polnischen Résistance'' besiegelt.

Während das NKWD nach Erhalt des Exekutionsbeschlusses Deportationspläne und Hinrichtungsstrategien konstruierte, verbreitete es unter den Gefangenen lancierte Gerüchte und sorgte für weitere Maßnahmen, die dafür sorgten, dass ein großer Teil der Gefangenen davon überzeugt war, demnächst befreit zu werden. Dementsprechend positiv war die Stimmung in den Lagern; ,,[d]ie künftige Tragödie konnte sich niemand vorstellen.'' (Kaiser 2003: 77)
Die direkte Eliminierungsprozedur nahm am 03/IV/1940 mit dem Beginn der Leerung des Lagers Kosielsk ihren Lauf. Einen Tag später folgte die Leerung des Lagers Ostaschkow, einen weiteren Tag später die Leerung des Lagers Starobielsk.
Dabei wurden die Gefangenen zwischen dem 03/IV/1940 und dem 12/V/1940 in kleinen Gruppen deportiert und anschließend exekutiert. Die Gefangenen aus
,,dem Lager Kosielsk [wurden] nach Katyn transportiert, wo man sie durch Genickschuß tötete und in Massengräber warf. Die Gefangenen von Starobielsk [...] wurden auf dem Gelände des NKWD in Charkow ermordet, ihre Leichen am Stadtrand bei Piatichatki verscharrt. Die Insassen des Lagers Ostaschkow [...] wurden auf dem Gelände des NKWD in Kalinin (heute Twer) hingerichtet und nahe dem Ort Miednoje vergraben.'' (Paczkowski 2004: 403f.)

Ein identisches Schicksal ereilte die in den westukrainischen und westbelorußischen Gefängnissen inhaftierten Polen.
Summa summarum wurden ca. 25700 polnische Kriegsgefangene in einem Akt stalinistischer Brutalität exekutiert.
Die Zukunft der Familien der Exekutierten wurde per Befehl des NKWD am 07/III/1940, ergo nur zwei Tage nach dem Exekutionsbefehl für das Massaker von Katyn, entschieden:
,,Das NKWD [...] befahl am 7. März 1940, für 10 Jahre in die Gebiete der kasachischen SSR alle Familienmitglieder[...]zu deportieren, deren Angehörige sich in Lagern für die Kriegsgefangenen und in Haftanstalten der Westgebiete der Ukraine und Belorußlands befinden.'' (vgl. Naczelna Dyrekcja Archiwów Panstwowych 1998: 43ff.)

Dies war strategisch raffiniert, da die Familienangehörigen so keine Unruhe in den von der Sowjetunion annektierten Gebieten auslösen konnten. So führten z.B. zuvor die polnischen Kriegsgefangenen in den Lagern per Post Kommunikation mit ihren Familien in der Heimat. Da feststand, dass diese Kommunikation nach der Exekution abbrechen würde, wäre eine Lawine des Verdachts gegen die Sowjets ausgelöst worden. Kettenreaktionsartig könnten für die Sowjets unkomfortable Spekulationen, Proteste und Demonstrationen initiiert werden. So dachten sich die stalinistischen Parteispitzen: Prävention ist besser als ,,Heilung'', daher: Deportation.


IV. Untersuchung und Instrumentalisierung des Massakers in und post bellum

Die ,,Operation Katyn'' wurde unter streng geheimen Standards durchgeführt. Nur sehr wenige Personen waren in die Prozeduren involviert. Es herrschte rigorose Schweigepflicht und wer sich dem widersetzte, hatte mit einem ähnlichen Schicksal wie dem der Exekutierten zu rechnen. Folglich wusste de facto niemand, mit Ausnahme der direkt Involvierten, von dem Massaker bescheid.

Am 22/VI/1941 brach Nazideutschland mit dem Überfall auf die Sowjetunion den Ribbentrop-Molotow-Pakt und wurde so für die Sowjetunion vom Kooperationspartner zum Kriegsgegner. Nur wenige Wochen später besetzte es die Territorien, auf denen die polnischen Kriegsgefangenen inhaftiert, deportiert und exekutiert wurden.
Um der deutschen Offensive zu trotzen nahm Stalin diplomatischen Kontakt zur polnischen Exilregierung Polens in London auf. Seine Intention: Die Mobilisierung, Motivierung und Bildung einer polnischen Armee unter dem Kommando von General Wladyslaw Anders an der Seite der Sowjetunion, um gemeinsam gegen die deutschen Aggressoren zu kämpfen.
Als Grundvoraussetzung für ein solches militärisches Abkommen ,,verlangte die polnische Exilregierung die sofortige Freilassung aller polnischen Gefangenen, Häftlinge und Deportierten, die sich auf dem Hoheitsgebiet der UdSSR befanden.'' (Kaiser 2003: 130) Die Sowjets waren d'accord.

Nach der Zusammenstellung der Truppen merkte Anders recht schnell, dass nur ein geringer Teil der polnischen Soldaten den Teil des Militärs ausmachte, der 1939 durch die Rote Armee in Kriegsgefangenschaft geführt worden war. Als Anders Stalin mit seiner Feststellung, dass viele Soldaten fehlen, konfrontierte, reagierte Stalin mit unüberbietbarem Zynismus mit den Worten: Die Soldaten seien womöglich ,,in die Mandschurei geflohen oder halten sich irgendwo in der Sowjetunion versteckt.'' (Anders 1973: 66ff.) Diverse weitere Male versuchte die polnische Exilregierung das Stalinregime mit der Problematik zu konfrontieren, doch diese zeigte sich jedes Mal unkooperativ. Die polnische Exilregierung hatte eine böse Vorahnung.

Diese wurde am 13/IV/1943 bestätigt, als deutsche Medien weltweit über den Fund der Leichen mehrerer tausend polnischer Offiziere in den Wäldern von Katyn informierten. Sofort wurde eine internationale Ärztekommission (teils neutrale, teils deutsche Satellitenstaaten) berufen. Die Leichen wurden anschließend exhumiert und obduziert. Die internationale Ärztekommission gelangte nach einmonatiger intensiver Arbeit am 30/V/1943 ,,zu dem einhelligen Ergebnis, dass die polnischen Offiziere im Frühjahr 1940 erschossen worden waren. Der Zeitpunkt implizierte eine klare Schuldzuweisung an die Sowjets'' (Zaslavsky 2007: 65), da zu dem Zeitpunkt die Territorien der Massengräber in sowjetischer Hand waren. Außerdem wurde ,,auf der gesamten Schädelinnenwand eine Substanz [entdeckt], die sich erst drei Jahre nach dem Tod bildet. Die auf den Gräbern angepflanzten Bäume waren ebenfalls drei Jahre alt.'' (Herling-Grudzinski 1980: 246f.) Zudem wurden diverse Tagebücher sichergestellt, deren letzte Einträge allesamt aus dem Frühjahr 1940 stammten.
Die Exilregierung Polens brach nach diesen Befunden der unabhängigen internationalen Ärztekommission sämtliche diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion ab.


Dieses eindeutige und zugleich kompromittierende Resultat war für die Sowjetunion inakzeptabel. Folglich setzte die sowjetische Regierung eine eigene Kommission ein, die vom renommierten Chirurgen Nikolai Burdenko geleitet wurde. Diese Kommission war die reinste Inszenierung: ,,Daten verschiedener Dokumente wurden gefälscht, nach hinten ,,korrigiert'' und anschließend in die Kleidung der exhumierten Leichen deponiert. Zudem wurden Zeugenfalschaussagen mit repressiven Methoden erzwungen.'' (Materski 2008: 98) Die 
Burdenko-Kommission behauptete, dass die polnischen Kriegsgefangenen ,,zu Zeiten der deutschen Okkupation des zuvor sowjetisch besetzten Gebietes Arbeit verrichteten, aber schließlich gegen Ende August und September 1941 von den Deutschen exekutiert worden sind.'' (ibid.: 105) Dem Exekutionszeitraum XIII-IX/1941 widersprach jedoch die Tatsache, dass die exhumierten Leichen Winterkleidung trugen.

Einziges plausibel erscheinendes Indiz der Burdenko-Kommission waren die Projektile, mit denen die polnischen Gefangenen erschossen wurden. Diese Projektile wurden in Deutschland produziert, jedoch von einer Firma, die nach dem 1. Weltkrieg vermehrt nach Russland expandierte und exportierte.

Die deutschen Nationalsozialisten instrumentalisierten das Massaker von Katyn zu einer gigantischen Propagandawelle, um das sowjetische Prestige international zu schwächen und die polnische Bevölkerung zu antibolschewistischem Agieren zu mobilisieren. Ferner stellte das Massaker von Katyn die verbündeten Alliierten der Sowjetunion in ein schlechtes Licht.

Die Sowjetunion projizierte die Schuld an dem Massaker auf die Deutschen: Ein Verbrechen dieser Art sei für die Nationalsozialisten typisch und nur sie zu einem solchen fähig.

Die verbündeten Alliierten der Sowjetunion, Großbritannien und die USA waren während des Krieges ,,über Katyn gut unterrichtet [...]. Doch nichts von alledem bewog die amerikanische oder britische Seite, sich für die Opfer einzusetzen. Sie stellten ihre Staatsräson über die Moral.'' (Kaiser 2003: 212f.)
Um Hitler zu besiegen, war die Koalition mit den Sowjets unabdingbar; diese wollte man nicht gefährden.
Später erst, zu Beginn der 1950er-Jahre, beschäftigten sich die USA aus egoistischem Interesse mit dem Massaker von Katyn, um es als polit-historische Waffe im Kalten Krieg zu instrumentalisieren.


V. Folgen

Das Massaker von Katyn schwächte Polens politische Position während und nach dem 2. Weltkrieg gravierend. Durch das Massaker herrschte in Polen ein Mangel an Führungspersonal, sodass Polen zunehmend heteronom wurde.
Die Eliminierung großer Teile der polnischen Intelligenz hatte zudem drakonische Folgen für die polnischen Nachfolgegenerationen: Es fehlten Idole und Identifikationsfiguren. Zudem existierte ein Mangel an qualifiziertem Bildungspersonal.
Anstatt einer Autonomie und gesellschaftlichen Freiheit herrschte im Nachkriegspolen, das zu einem Satellitenstaat der Sowjetunion degradiert worden war, das repressive Diktat aus Moskau, dass bezüglich des Massakers von Katyn an Propaganda nichts sparte. Post bellum wurde dekadenlang die Geschichte vom Massaker von Katyn in bester ,,Burdenko''-Manier weiter gefälscht. In Polen galt nur die sowjetische Sicht der Dinge bezüglich Katyn als legitim. Schließlich wollte sich die herrschende KPdSU, die den entscheidenden Beschluss zum Massaker fasste, nicht diskreditieren, weder daheim, noch international. Folglich wurde jegliche objektive, sowjetkritische Forschung zum Massaker von Katyn drakonisch bestraft.

Schien später dieser jahrzehntelange sowjetische Geschichtsrevisionismus zu Beginn der 1990er-Jahre durch Worte der Entschuldigung für Polen von der Sowjetunion/Russlands in Person von Gorbatschow und Jelzin sein Ende zu nehmen, so sind aktuell wieder revisionistische 
Tendenzen evident: Das Putin-Medwedew-Regime kehrt ab

,,vom Weg der Demokratisierung und des offenen Umgangs mit den historischen Fakten, den die Regierungen Gorbatschow und Jelzin eingeschlagen hatten. Die propagandistische Überhöhung des Russischen Reichs, die Glorifizierung der Geschichte der Sowjetunion und der stalinistischen Expansionspolitik beherrschen heute erneut die Geschichtsbücher an Schulen und Universitäten. Der Massenterror und die Verbrechen des Stalinismus hingegen werden verschwiegen.'' (Zaslavsky 2007: 11f.)

Zudem hört man heutzutage aus russischen Regierungskreisen, dass ,,wir [die russische Regierung, Anm.: T.M.F.] gar nicht gewillt sind, uns für das Massaker von Katyn öffentlich zu entschuldigen, weil ihr [die Polen, Anm.: T.M.F.] sofort Reparationsgelder fordern würdet. Damit können wir nichts anfangen.'' (Karaganow 2008)
Unter diesen Umständen ist eine Optimierung der ohnehin angespannten polnisch-russischen Beziehungen illusorisch.
Der ,,Fall Katyn'' dokumentiert anhand der gegenwärtigen politischen Beziehungen zwischen Polen und Russland, wie wichtig historische Erkenntnis für das Verstehen der Gegenwart ist: ,,[A]llein die historische Entwicklung bietet die Möglichkeit, die Elemente der Gegenwart abzuwägen und in ihren entsprechenden Beziehungen wertmäßig einzustufen.''(Lévi-Strauss 1997: 25) Erst wenn sich Russland dieser historisch-analytischen Prozedur der objektiven Suche nach der historischen Wahrheit in der causa Katyn unterzieht, besteht die Möglichkeit eines passablen außenpolitischen Neuanfangs bezüglich des Verhältnisses zu Polen.
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L I T E R A T U R

Anders, Wladyslaw (1973): Bez ostatniego rozdzialu. Wspomnienia z lat 1939 - 1946. (Ohne das letzte Kapitel. Erinnerungen aus den Jahren 1939 - 1946.) London: Gryf.

Berija, Lawrenti (1993): Brief des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten der UdSSR L. P. Berija an J. W. Stalin vom 5. März 1940. In: Voprosy istorii, Nr.1/1993, 17-18.

Courtois, Stéphane (2002): Lé genocide de classe: définition, description, comparaison. (Klassengenozid: Definition, Beschreibung, Vergleich.) In: Les Cahiers de la Shoah, Nr. 6/2002, 89-122.

Dimitrow, Georgi (2000): Tagebücher 1933-1943. Berlin: Aufbau.

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Karaganow, Siergiej (2008): Katyń? Polacy powinni wyleczyć się z tego kompleksu. (Katyn? Die Polen sollten sich von diesen Komplexen befreien.) 13/V/2008. URL: http://wyborcza.pl/1,76842,5205552,Katyn__Polacy_powinni_wyleczyc_sie_z_tego_kompleksu.html [Zugriff: 22/III/2009].

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